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Die Wahrheit · 1908-09-25 · Heft 38 (25.9.1908) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Nr. 38. Liturgische Gesänge Me Synagoge, Schule und Hans. Herausgegeben von Oberkantor I. T e n n e n b a u m, Stuttgart. Besprochen von Josef Singer, Wien. Ein winziges, nur zweiunddreißig Oklavseiten umfassendes Broschürchen, dessen Inhalt sich ebenso rühmenswert bescheiden repräsentiert wie der Herausgeber'desselben; zumeist synagogale Chorresponserien und kleine ein-, zwei- und dreistimmige Chorgesänge, sowie einfache deutschtextliche Psalmengesänge zum Gebrauche für den Gemeindegesang sind es, denen wir hier begegnen, und soll auch gleich von vornherein konstatiert werden, daß von den 48 Nummern nur 14 ans der Feder des Kollegen Tenne nb a n m stammen. Wir glauben nur diesen letzterwähnten Arbeiten in dem diesmaligen Referate unsere Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen; denn im Lause der vielen Jahrzehnte hatten wir ja zu wiederholten Malen Gelegenheit, bei unseren Besprechungen der Werke der in der vorliegenden Broschüre belehnten Komponisten unsere diesbezüglichen Anschauungen kundzugeben. Wer von uns nicht süddeutschen Kantoren mit der Wesenheit des dortigen Syuagogeugesauges, namentlich mit dem protestantischen Charakter der von dem israelitischen Kirchenvorsteheramte in Stuttgart herausgegebenen und seit vielen Dezennien in Süddeutschland allgemein eingeführten Synagogengesängen nicht des Näheren vertraut ist, der steht vor diesem Tennenbanmschen Mali towu Nr. 1 geradezu vor einem Rätsel. Wie war es dem einstigen Meschorer und ausgezeichneten Chasen T e n n e n b a n m nur möglich, seine chasanische Eigenart so ganz und gar zu verleugnen und diesen wirklich temperamentlosen Tönen seine Feder zu leihen? — so müßte und würde jeder Nicheingeweihte fragen. Wir jedoch, die wir Gelegenheit hatten, in Stuttgart selbst die Gesänge zu hören und mit dem nunmehr verewigten Kollegen E i ch b e r g bezüglich dieser bis ans Herz hinan uns unjüdisch dünkendeu Töne Rücksprache zu pstegen, schließen uns dieser Frage keineswegs an. Wir leben der sicheren Ueberzeugnng, daß diese ungewohnten, gar nicht jüdisch klingenden Töne auch anfangs seiner württembergischen Synagogenwirksamke'it dem Ohre des tüchtigen Kollegen Ten neu bäum ebenso unbequem dünkten, wie dieselben manchem Uneingeweihten noch heute erscheinen; allein die Künstlernatur T e n n e n b a u m s sah sich durch die Ueberuahme der Stuttgarter Oberkantorstelle der heiligen Mission überantwortet, der dortigen Gepflogenheit Rechnung tragen zu müssen, ja nicht als gewalttätiger. Reformator im titanischen Ringen die seit Jahrzehnten eingebürgerte synagogalgesangliche Konsistorialverfügung aus den Angeln heben zu wollen, sondern hübsch brav an das Gegebene anzuknüpfen, um vielleicht später zum Notwendigen fortschreiten zu können. Erachten wir diese uns vorliegenden gesanglichen Schenkungen des Kollegen Tennen bäum als ausschließlich für württembergische oder höchstens süddeutsche Synagogeuverhältnisse bestimmt, so kann und wird kein Fachgenosse ihm die verdiente Zustimmung vorenthalten; soll jedoch der Inhalt des Büchleins universeller Natur sein, dann tauchen allerdings schwerwiegende Bedenken aus. die rückhaltslos kundzugeben, unsere heiligste Pflicht ist. In allererster Reihe sind es die Chorresponsorien Nr. 2 und 3, die für würrtembergische Verhältnisse geradezu wie geschaffen erscheinen mögen, einem nichtwürttembergischen Synagogenpublikum jedoch, weil ungewohnt, vollständig unverständlich dünken. Wir rügen hier keineswegs das Vorgehen des Kollegen Tenne nb a um, sondern wir müssen ernstlichst unsere Mißbilligung allen jenen synagogalen Komponisten gegenüber aussprechen, die es fürrichtig ermessen, nebst ihren neuen Kompositionen, immer wieder auch neue Chorresponsorien in die Welt zu setzen liub durch ihr sonderbares, ja unbegreifliches Vorgehen die Anschauungen zu verwirren. Ebensowenig als es irgend jemandem einfiele, eine neue Kol liidre-. oder Bas ami lo seelische-, oder G-eschem- und Tal - Melodie schaffen zu wollen, ebensowenig kann es gestattet sein, den Synagogengesang mit stets neuen Responsorien zu beglücken. Wohin sollte das führen? Die allbekannten und ' liebgewordenen Töne des Wochenabendgottesdienstes in Nr. 4 erscheinen uns geradezu als eine Auflösung der in den Nummern 2—3 gewaltsam herbeigeführten Dissonanz. Das i st T r a d i t i o n s g e s a n g, das ist die Geschichte des Synagogengesanges — diese, wenn auch noch so naiv klingenden Töne sollte man wirklich von der Ausgestaltung mit modernen Leitmotiven frenndlichst verschonen. Wenden wir unser Augenmerk sympathischen Erscheinungen, z. B. der gesanglichen Wiedergabe des eigentlichen Freitag- Abendgottesdienstes zu, so freuen wir uns, konstatieren zu können, daß der Herausgeber bemüht ist, unsere gesanglichen Heiligtümer unangetastet zu lassen; die kleine Septime (in dem Kantorrezitative Boruch ato) S. 12, zweite Zeile, Wajechullu Nr. 22, am Neumond Sochrenu etc. überzeugen uns zur Genüge, daß der Komponist T e n n e n b a n m nicht so ganz und gar einer Notwendigkeitsrichtung anheimgegeben sei, vielmehr des frischen, lebendigen Stromes unseres Traditionsgesanges nicht so leichthin entraten will und kann. Dieser Drang des Herausgebers, kundgeben zu müssen, was er als Chasen unter anderen Verhältnissen in sich ausgenommen, fällt bedeutsamer in die Wagschale für den synagogal-gesanglichen Wert des vorliegenden Büchleins, als der zu stattliche Troß beigegebener protestantischer Choralmelodien Nr. 33—47, die wahrscheinlich das Büchlein zieren sollen, in Wirklichkeit jedoch nichts anderes bedeuten, als von fremdem (protestantischem) Boden aus jüdisches Erdreich verpflanzte Blüten, die aus dieser neuen Pflanzstätte elend zugrunde gehen müssen, weil dieselben unseren geistigreligiösen Bedürfnissen ebensowenig genügen können, wie beispielsweise die herrliche (?) Poesie in Nr. 86 In Deinem Bilde hast Du uns geschaffen, Daß wir uns kühn dem Erdenstaub entraffen rc. Und nun noch ein Wort bezüglich der im Werkchen vorhandenen ein-, zwei- und dreistimmigen Gesänge. Der verehrte Herausgeber ist sicherlich , mit der allbekannten Tatsache vertraut, daß ein zweistimmiger Chorsatz viel schwieriger zu komponieren sei, wie ein drei-oder gar vierstimmiger; am schwierigsten jedoch ist es, aus einem vierstimmigen Satze einen korrekten zweistimmigen zu konstruieren, wenn dieser letztere nicht allein die melodische, sondern hauptsächlich auch die harmonische Bedeutsamkeit des originalen vierstimmigen Satzes aufweisen soll. Diese Bedeutsamkeit tritt in den kleinen Tennenbanmschen Kompositionen (zweistimmig) Nr. 11 Tow Fhodos, Nr. 29 "Wajehi binsoa und dem Schlußsätze Waanachnu in Nr. 31 u. a. ganz farbenprächtig und harmonisch gesättigt in die Erscheinung. Der Leser oder Sänger ist keinen Moment bezüglich der vorkommenden harmonischen und modulytorischen Wendungen im Zweifel und bekunden dieselben die sichere Hand und das geläuterte Ziel« bewußtseiu ihres Schöpfers,*) welch Zugeständnis den meisten anderen im Büchlein vorhandenen mehrstimmigen Gesäitgen wirklich nicht gemacht werden kann. Und nun zur Tendenz des Büchleins. In dem dem Werkchen beigegebenen Geleitworte meint der geehrte Herausgeber, d a s s e l b e s e i f ü r G e m e i n d e, Schule u n d H a u s bestimmt. Gemeinde, Schule und Haus bilden jedoch die Grundpfeiler zum Aufbau und zur Erhaltung jeder Nation, daher auch die des Judentums; nur gestatten wir uns die Reihenfolge dieser für uns fraglichen Gesangspflegestätten dahin abzuändern, indem wir behaupten, daß durch eine sachgemäße gesangliche Vorbereitung in der Schule, durch Pflege des Synagogengesanges in unseren jüdischen F a m i l i e n h ä n s e r n das Endziel dieser Arbeiten, nämlich der rationelle S y n a g o g e n g e s a n g, eine ganz außerordentlich sachgemäße Unterlage erhielte. Soll jedoch ein solches Büchlein gewissermaßen ein Handbuch für Lehrer und Ellern werden, so muß dessen Inhalt entschieden didaktisch-erziehlicher Natur sein. Anstatt nämlich den so wie so kärglich zugemessenen Raum mit fremden, daher unnützen protestantischen Choralmelodien ausznfüllen, erachteten wir es für viel praktischer, schon §ie Schulzöglinge — nicht etwa in theoretisch-schwerfälliger, sondern in spielend-leichtfaßlicher Weise — d. h. nur durch die Betätigung des Singens selbst, z. V. in den Kreis der tonlichen Verschiedenheit des Naaroveis am Sabbath, an den Feiertagen *) In Nr. 29 bei den Worten „udewar adonaj mijerusehelajini“ sind gelegentlich der Modulation von F-Dur nach A-Dur bezüglich der zufälligen Versetzungszeichen einige Druckfehler zu korrigieren.

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