Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit Leite 11. und Nosch Iraschouäh etc. einzuführen. Wenn der Schüler oder die Schülerin in der Schule selbst mit diesen Disziplinen vertraut gemacht wurde, so werden sie dann beim Betreten des -Gotteshauses, beim Anhören der ihnen geläufigen Chasanoth- Metodien diese letzteren als Vertraute begrüßen und dieselben werden sicherlich Herz nnd Sinn mit Andacht und Inbrunst erfüllen. Zum Schlüsse sei noch einer bemerkenswerten Erscheinung Erwähnung geschehen, nämlich der Tatsache, daß bei diesen Tennenbaumschen Kompositionen das allererst? Mal das anerkennenswerte Bestreben in die Erscheinung tritt, dem hebräischen Texte mit seinen kurzen und langen Silben, Schwa, chataf etc., möglichst Rechnung zu tragen, welches Vorkommnis, anderen ähnlichen Synagogen-Kompositionen gegenüber, nicht lobend genüg hervorgehoben werden kann. Kharm'L Kzierrdoöry. Ein Kulturbild aus dem Osten von Oberkautor M. A. Landau, Wr.-Neustadt. ^Fortsetzung.) „In den ersten Dezennien des 19. Jahrhilnderts hat von B r o d y und T a r n o p o l ans die Sonne der Allsklärnng ihre lichten Strahlen über ganz Galizien zu werfen begonnen. Josef (Tvdres) Perl, früher ein fanatischer Chassid, trat ins gegnerische Lager über und veröffentlichte sein epochales Werk .Megaie Temirin', das bedeutendes und berechtigtes Aussehen machte. Er war auch der Begründer der noch heute mnstergiltigen jüdischen Volksschule. Junge Leute ans Brody, wie K r o ch m a l, Oser R o t h e ll b e r g, Erter, der ans der Chassidim-Klans in die Chirnrgenschule eintrat, der Privatlehrer und Kiudersreund Samuel Jakob Byk setzten die Welt durch ihre Schriften und die daselbst geäußerten Meinungen in Erstaunen. Ein Schrei des Triumphes und der Freude erhob sich bei allen aufgeklärten jüdischen Kreisen, als Schlome Löb R a p p a p o r t, der frühere Schreiber bei der Brodyer Fleischpacht, seine kritischen Aufsätze herauszugeben begann und vom Rektor der Rabbinerschule in Padua Samuel David Luzatto mit besonderer Verehrung genannt wurde. Auch in Deutschland studierten damals hoffnungsvolle Jünglinge, die man als Epigonen der Mendelssohnschen Schule auseheu muß. Die Nachrichten von den bahnbrechenden ,Polnischen' drangen auch zu ihnen und sie setzten' sich mit diesen in literarische Verbindung. Markus I o st veröffentlichte Proben ans seinem später erschienenen Werke ,G e s ch i ch t e der Juden und ihrer Sekte it', Z u n z. der gottbegnadete Verfasser der ,Synagogalen Poesie' und der gottesdienstlichen Borträge' lieferte kritische Korrekturen des Machsor Vitre' und mannigfache Verbesserung im Ritus. Von großer Bedeutung aber war es, daß der reiche Prager Vorsteher Moses I. L a n d a n feine weltberühmte Druckerei den Werken der modernen jüdischen Richtung zur Verfügung stellte, wodurch sie eine bedeutende Verbreitung fanden und dem Judentum eine ungeahnte Wendung gaben. „Die jungen Leute Galiziens und auch wir im entlegenen Jardow bekamen diese Bücher in die Hände und verschlangen sie mit dem Heißhunger wißbegieriger Menschen, die außer ihres Talmuds nichts lesen dursten. Allmählich kam es auch uns zum Bewußtsein, daß dieses Hernmgehen im Kaftan, das Sitzen im Bet Hamidrasch und die Verköstigung bei reichen Schwiegereltern nicht allein der Lebenszweck junger Leute sein kann, nnd auch wir wagten es, freimütig davon zu sprechen. Vor allen anderen sprach i ch ohne Scheu abfällig vom scheinheiligen Chassidismus und freute inich über jede neue Nachricht vom Erfolge der ,aufgeklärten' Richtung. Dieses mein Gehaben sollte aber mein Verhängnis werden. ..Die verbissensten Finsterlinge ganz Galiziens nahmen gegen die neue Richtung einen erbitterten Kamps auf; aber dem eisernen Willen des neuen Reformators Josef Perl und seines Genossen Schmul Löb G o l d b e r g, Herausgebers des ,K e r e m Chemed', ist es gelungen, den angefeindeten Rappaport zum Tarnopoler S t a d t r a b b i n e r zu machen! Und vier Jahre später konnte Rappaport mit Hilfe des einflußreichen L a n d a u, der überdies von Luzatto, Jost und Zunz angeeifert wurde, den Sieg über seinen Rivalen C h a j e s aus Tolkiew, der zwar vietbewundert, aber wegen seiner Inkonsequenz schlecht gelitten war/ davontragen und den von aller Welt g e a ch t e t en Stuhl des P r a g e r O b e r r a b b i n e r s e i u n e h m e n. Das konnte man ihm schwer verzeihen und der Kampf wurde gegen alle seine offenen uub geheimen Anhänger aufs heftigste ausgenommen. Besonders erbittert und besorgniserregend aber wurde dieser Bruderzwist, als Erter seine berühmten Satiren unter dem Sammelnamen ,H a z o f e' veröffentlichte nnd Mieses in Lemberg das Wunderrabbiwesen in einem gelungenen Werke, ,K i n a t ha E m e t h‘, nach Verdienst persiflierte. Auch in Rußland fiel die neue Bewegung auf fruchtbaren Boden. In Krzemiuiez begann der halbsieche Philosoph Jsak Bär L ö w e n s o h n mir einem erquickenden Lichte zu scheinen. Sein Werk gegen die B l u t b e s ch u l d i g u n g ,E f e t damim1 w urde a u s Befehl des Ministers für B o l k s a u f k l ü r u n g ins Polnische und Russische übersetzt, während Joses Perl von N i k o l a u s I., der als oberster Herr von Podolien galt, mit Auszeichnungen bedacht wurde. Zar Nikolaus I., der einmal in Poczajew wallfahrten war. äußerte sogar den Wunsch, den jüdischen Philosophen aus Krzemiuiez zu sehen l Der von den Chassidim wahrhaft vergötterte Wunderrabbi Israel aus R i s i n aber wurde eingekerkert und nur durch eine unaufgeklärte Protektion gelang es ihm, nach Sadagora zu entkommen. Das Lemberger Rabbinat schleuderte den Bauustrahl gegen die ganze Reformbeweguug und die Wut der orthodoxen Kreise wuchs von Tag zu Tag derart, daß jeder Anhänger der neuen Richtung von ihnen als Renegat betrachtet wurde. — „Au der Spitze der größteu Eiferer sraud uatürlich mein Schwiegervater. Da hatte er ja das richtige Feld zur Entfaltung seiner Charaktereigenschaften gefunden. Er konnte verfolgen. verleumden. Militärflüchrlinge angeben, Rache nehmen an verhaßten Konkurrenten — kurz, der ganze Streit war für ihn wie gewünscht, er fühlte sich plötzlich in seinem so liebgewordenen Element. „Meine Frau war eine ungezogene, verzärtelte jüdische Tochter. Ein merkwürdiges Wesen, in dem Schlechtigkeit und Dummheit jede noch so geringe gute Eigenschaft verdunkeln ließen. Ich habe sie nie recht verstehen und lieben gelernt und ihr ganzes Betragen mußte sie mir bald gründlich verleiden, lieber die geringste Ursache konnte sie in Zorn geraten, sie schluchzte oder schmollte ganze Tage und ließ ihre eingebildete Wut an den unschuldigen Dienstboten aus. Sie sperrte sich oft in ihrem Zimmer ein, erschien nicht bei Tische, und wenn ich. allen Ekel überwindend, mich ihr mit gütigem Zuspruch näherte, schnitt sie mir eine Grimasse und kehrte mir den Rücken! Ich mußte für meine Person selbst Sorge tragen nnd gewöhnte mich schließlich daran, sie laufen zu lassen. Als die große Reformbeivegung auch mir eine neue, ungewohnte geistige Nahrung brachte, war ich sogar froh, meine Lektüre unbeachtet und ungestört genießen zu können. Da hatte ich aber meines Schwiegervaters vergesseii. Ihm war schon lange mein Benehmen gegenüber seiner Tochter ausgefallen und ohne lange Ueberlegnng hatte er alle Schuld auf mich geschoben, denn seine Tochter sei ein Muster von Sanftmut und Güte! Als ich mich aber offen als Anhänger der neuen Richtung bekannte, da war mein Maß voll und er wartete nur eine passende Gelegenheit ab, um sein Mütchen an mir kühlen zu könlieu. „Es war an einem Freitag Nachmittag, als wir uns bei Pinchas, genannt der .Apikoires', einfanden und das neu erschienene Werk. Erters ,T a s c h 1 i c Ir, mit großer Freude lasen und darüber diskutierten. Wir hatten im Eifer ganz vergessen, daß es-Freitag war und am Abend der feierliche Gottesdienst stattfinde; da wurden wir durch das nahe, hell erleuchtete Gotteshaus plötzlich aufgeschreckt und stoben wie aufgescheuchte Rehe auseinander. Ich ging, wie ich stand, in die .Klaus', da ich keine Zeit hatte, mich umznkleiden und noch die,Radziwulka' aus Atlas anzulegen, was ein Zeichen von Vornehmheit war; als Schwiegersohn des stadlgewaltigen Vorstehers ohne dieses Oberkleid am Sabbath zu erscheinen, war in den Augen meines Schwiegervaters und seiner Gesinnungsgenoffen natürlich ein crimen capitale. (Fortsetzung folgt.)