Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 38. großen Zahl der Hochzeitsgäste, die der beschränkte Raum des Gotteshauses kaum fassen konnte. Unter den Anwesenden bemerkte man die Reichsratsabgeordneten Baron Hock und Dr. Ofner, Gemeinderat Dr. Mittler, den gesammten Kultusvorstand mit dem Präsidenten Dr. Alfred Ster n, sämtliche Mitglieder des Bethausvorstandes, die Vorsteher der Chewra Kadischa, der meisten Tempelvereine und humanitäreu Vereine, Vertreter der Bezirkskommistionen, zahlreiche Rabbinen, Kantoren, Religionslehrer und Beamte der Gemeinde rc. Den weihevollen Trauungsakt vollzogen Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n und Oberkantor Singer und den verstärkten Chor dirigierte Profesior Sulz er. Nach der Trauung fand die Gratulation im Hotel Zentral statt, woselbst eine unendliche Schaar von Gratulanten dem Brautpaare und den Brauteltern ihre Sympathie zu herzlichem Ausdrucke brachte. Wien. Der Minister für Kultus und Unterricht hat den am k. k. Sophien-Gymnasium wirkenden Religionsprofessor Dr. Jakob Reiß in die VIII. Rangsklasie versetzt. Wien. Beim interparlamentarischen Friedenskongreß, der in den letzten Tagen in Berlin stattfand, haben die österreichischen Delegierten Dr. Mahler, Stand. Dr. Gabel und Genossen dem interparlamentarischen Rar folgenden Antrag unterbreitet: „Wenn ein Staat durch die Nichteinhaltung eines internationalen Vertrages Privatinteressen hindert, so ist der durch die Nichteinhaltung geschädigte Private berechtigt, dagegen beim Haager Schiedsgericht Beschwerde vorzubringen." Der Antrag bezweckt direkt, den rumäuischeu Juden die Möglichkeit zu geben, auf die Durchsübrnng des Artikels 44 des Berliner Vertrages zu dringen. Wie«. Dienstag, den 22. d. M.. fand vom Zentralfriedhofe aus das Leichenbegängnis des Herrn Josef Kraus statt. Der Verblichene, Barer des Direktors der Länderbauk, Herrn Maximilian Kraus, erfreute sich seiner Biederkeit und Herzeusgüte allgemeiner Wertschätzung, die sich auch beim Leichenbegängnisse in der großen Anzahl von Leidtragenden dokumentierte. Wien. Am 21. d. M. ist die Mutter der k. k. Hofopernsängerin Elise E l i z z a, Frau Rosa Letztergroschen, nach kurzer Krankheit im 71. Lebensjaüre gestorben. Wie«. (Heimkehr der F e r i e n k o l o n i st e n.) Knapp vor Schulbeginn ist nun die letzte Serie der in den Kolonien des „Kaiser Franz Josef-Ferienheim untergebrachten Schützlinge heimgekehrt. Insgesamt haben in diesem Jahre fast 600 Kinder Aufnahme gefunden, die durchwegs vorzügliche Erholungserfolge erzielten. Besonders günstige Resultate weist die Kolonie für herzkranke Kinder und die Rekonvaleszentenkolonie auf. In den 17 Jahren seines Bestandes hat der Verein. 7226 Kiuder in Ferienkolonien und Heilbäder entsendet und für diese Zwecke, sowie für den Ankauf und dre Einrichtung seines eigenen Heims in Tischnowitz K 525.000.— verausgabt. Der Sitz des Vereines befindet sich, Wien, IX., Türkenstraße 17. Wien. (Kais erFranzIos e f-J u b i l ä u m s-S e e h o s p i z.) Am 14. September ist hier die zweite Serie der Kinder angekommen, welche der „Kaiser Franz Josef-Jubiläums-Seehospizverein" nach Grado entsendet hatte. Die Kinder wurden am Südbahnhof von ihren Eltern uud von den Mitgliedern des Vorstandes empfangen. Ihr gutes Aussehen verriet, daß die Kur erfolgreich war. Bei allen wurden ansehnliche Gewichtszunahme und eine wesentliche Besserung ihrer Leiden konstatiert. In Grado hatten sich die Kurkommission, der Bürgermeister, das Ospizio marino, sowie auch die Kurgäste der Kiuder mit größtem Wohlwollen angenommen. Die Aerzte Dr. Marinuz und Dr. Helfer haben ihnen die sorgfältigste Pflege angedeihen lasten. Ermutigt durch die erzielten Erfolge wird der Kaiser Franz Josef-Seehospizverein im nächsten Jahre seine Tätigkeit auf eine längere Kurdauer und eine größere Zahl von Kindern auszudehneu bemüht fein und sein Bestreben daraus richten, eine permanente Heilstätte an der See zu etablieren. Er rechnet dabei auf die Mitwirkung aller Kinderfreunde. Der Seehospizverein ist bekanntlich eine der ersten Gründungen, die aus Anlaß des 60 jährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers und in Erfüllung des kaiserlichen Wunsches, daß sich die Wohltätigkeit vornehmlich auf die armen Kinder erstrecken soll, ins Leben gerufen wurden. Zu besonderem Danke ist der Seehospizverein dem „Kaiser Franz Josef-Ferienheim" verpflichtet, das die Kinder, die es in früheren Jahren nach Hall und Darkau entsendet hatte, nunmehr seiner Pflege anvertraute. Die erzielten hygienischen Resultate rechtfertigem in vollem Umfange das Vorgehen des Ferienheim. Triesch. (Leichenbegängnis des Rabbiner Dr. M. L. Ster n). Es war im Jahre „des Brandes" — N'L'I'V — 5585 — 1825 — da wurde die alte Triescher Synagoge in der „Jvolniäre'"-Nacht von einem Brande, der von einem nichtjüdischen Hause ausgehend, einen großen Teil der Judenstadt mit dem Gotteshause eiuäscherte, fast bis auf den Grund vernichtet. Ein großer Teil der frommen Beter flüchtete am Morgen des Versöhnungstages nach der nahen Gemeinde Battelau, um dort den „großen Tag" fastend und würdig zu Ende zu begehen. Eine Gedenktafel berichtet darüber im altehrwürdigen Gotteshause der Gemeinde, die vor wenigen Tagen ihren Seelenhirten, Rabbiner Dr. M. L. Ster n, nach 23 jährigem, segensreichen Wirken, durch den Tod verloren hat. Der in Wien nach dreitägigem Krankenlager im 63. Lebensjahre Entschlafene erfreute sich in den dreiGemeinden seinesRabbinats, Triesch-Battelau-Teltsch, in den Berufs- und Gelehrtenkreisen, wie auch bei allen, die ihn kannten, besonderer Popularität. Das zeigte sich bei dem Leichenbegäugniste, das unter ungewöhnlicher Beteiligung am 10. d. M. in Triesch stattfand. Im schwarz ausgeschlagenen Tempel, wohin der Sarg gebracht worden war, sprachen Prof. Rabbiner Dr. I. H i r s ch, Karolmenthal, uud der Bruder des Dahingeschiedenen, Pros. Rabbiner Dr. Simon Stern, Saaz, ersterer den Schmerz der Gesamtheit und der Gelehrtenwelt, letzterer den der Familie in sehr ergreifenden Worten wiedergebend. Die große Trauergemeinde — hoch und niedrig, Jude und Nichtjude — lauschte tiefbewegt den Worten, die dem allbeliebten Seelsorger galten. Vom Tempel aus wurde der Sarg bis außerhalb der Stadt getragen und dann erst auf dem Leichenwagen nach dem ans einem Hügel malerisch gelegenen „Bet ha-chajim" gebracht. Am Grabe sprachen noch Rabbiner Kurzweil, Piruitz, und der Freund des Verewigten. Prof. Antscherl, Wien. Letzterer gedachte u. a. der großen Rabbiner, die einst in Triesch gewirkt hatten, des „Schemen- Bokeach" und Rabbiner Josef Iran k f u rter s. A., deren würdiger Nachfolger, Dr. M. L. Stern, ein Schüler des großen Waagnenstadtler Oberrabbiners Josef W e i s s e, war, der es verstanden hat, die Herzen der Mitglieder seiner Gemeindeii und die seiner zahlreichen Verehrer zu fesseln. Die vielen Hunderte von Trauergästen, die das frische Grab umstanden, boten ein ergreifendes Bild, das jedem, der es gesehen, unvergeßlich bleiben wird. Die Trauergesänge vom Kantor der Triescher Gemeinde, unter Begleitung eines stattlichen Chores exekutiert, klangen feierlich,- der Trauerstimmung angepaßt. Der Vorstand in Triesch machte sich um bie)'e so würdige Feier sehr verdient. Möge der tiefbetrübten Witwe, die ihren Gatten immer so liebend umgab, und den sieben trauernden Waisen himmlischer Trost zuteil werden. Wir wollen noch erwähnen, daß außer vielen anderen Gemeinden auch die Heimatsgemeinde Waagnenstadtl in Ungarn beim Leichenbegängnis durch den Vorsteher Herrn D. Sonne nf e l d vertreten war. Rabbiner Dr. M. L. Sie r n, der zu den eifrigsten Mitarbeitern dieses Blattes zählte, hat sich auch in der weltlichen Wissenschaft eine hervorragende Stellung und einen geachteten Namen erworben. Seine beiden großen philosophischen Werke, die „Anthropologie" und der „Naturwissenschaftliche Monismus", wurde» von Männern, wie H a e ck e l und M a ch, mit denen der Verstorbene in freundschaftlichem Verkehre stand, geschätzt und gewürdigt, und auch das noch nicht im Druck erschienene, letzte große Werk Dr. Sterns, seine „Ethik", fand die Anerkennung des großen Philosophen Mach, der Gelegenheit hatte, dasselbe kennen zu lernen. Jungbnnzlau. Freitag, den 38. d. M. wurde hier Herr Salomon S t r e n i tz zu Grabe getragen. Derselbe erreichte ein Alter von 93 Jahren und war das älteste Mitglied unserer Gemeinde. Er feierte vor zirka drei Jahren mit seiner noch lebenden Gattin, welche heute noch eine stattliche Frauenerscheinung ist, das Fest der diamantenen Hochzeit. Das Jubelpaar war damals Gegenstand allgemeiner Bewunderung und wurde dieser seltene Akt im Tempel und im Hause festlich begangen. Groffwardein. In der Gemeinde Jllge wurde von böswilliger Seite ausgestreut, daß sich dort Juden .herumtreiben, die eine günstige Gelegenheit suchten, um ein Mädchen zu rauben, welches sie zu Ritualzwecken brauchten. Dieser blöden Furcht fiel nun ein ahnungsloser christlicher Bauer zum Opfer. Es erschien nämlich in der Gemeinde der rumänische Bauer Simonka, um seine dort ansässige Verwandten zu besuchen. Er fragte, da er den Weg nicht wußte, ein kleines Mädchen. Das Mädchen lief davon und alsbald kamen mehrere Bauern, die den Fremden für einen jüdischen Mädchenräuber hielten, mit Stöcken und Heugabeln bewaffnet, die über Simonka herfielen und auf ihn solange losschlugeu» bis er blutüberströmt zusammenstürzte. Hierauf schleppten sie ihn in den Gemeindearrest, wo sie den Bewußtlosen ohne ärztliche Hilfe so lange liegen ließen, bis der Gemeinderichter nach Hause kam. Der Bauer wurde freigelassen und kann nun in seiner Heimat erzählen, wie es einem zu Mute ist, wenn Ulan unschuldig mißhandelt wird. Berlin. Im Tempel Oranienburgstraße hat die Trauung des Herrn Siegfried Bauer, Sohn des Oberkantor Jakob Bauer in Wien, mit Fräulein Hedwig F ö r st e r stattgefunden. Den erhebenden Trauungsakt vollzogen Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher und der Hauptkantor der Berliner Gemeinde, Herr Musikdirektor A. Fried in a n n. Petersburg. In Rostoiv am Don wäre in den letzten Tagen fast ein Pogrom ausgebrochen. Die Veranlassung dazu charakterisiert besser als alles andere das Bildungsniveau der Maste und die Skrupellosigkeit der gegenwärtig einflußreichsten politischen Gruppe in Rußland. Man hatte nämlich wegen der drohenden Cholera-Epidemie eine feierliche Prozession veranstaltet die. sich unter Vorantragung von Fahnen und Heiligenbildern durch die ganze Stadt bewegte. Diese Gelegenheit hielten die „echt-russischen" Hooligans für günstig, um unter der Menge das Gerücht zu verbreiten, daß eigentlich nur d i e I u d e n a n d e m Entstehen und an der Verbreit n.it g der Cholera die Schuld trügen. Schon war die Menge fanatisch erhitzt, und es ertönten bereits Rufe „Tötet die Juden", da geschah das in Rußland Unerwartete, daß die Polizei sich ins Mittel legte und alle Ausschreitungen verhinderte. Nur diesem ebenso überraschenden wie anerkennenswerten Vorgehen der Polizei ist es zu verdanken, daß Kischinew, Hömel, Shitomir usw. nicht eine blutige Fortsetzung in Rostow fanden. Man sieht aber daran, daß wir gar keinen Grund haben, mit irgend welcher Ueberhebung auf das Mittelalter hinabzusehen. Odessa. Letzten Samstag, Parschat „Xi thowau“, wurde in der Brodier Gemeinde zu Odessa das 50-jährige Amtsjubiläum des Schamas, Herrn B a t t i st, in einer für die Gemeinde und den Jubilar besonders ehrenden Weise gefeiert. Der Jubilar war. aller Funktionen an diesem Tage enthoben und wurde von dem Ehrenplätze ans, der ihm während des Goktesdienstes angewiesen war, als „Löbelisebl" zur Thora gerufen. Zu Mußaf nach „Uwuecko jomar“ hielt zunächst Oberkantor Minkowski, eine Ansprache, in welcher er die Bedeutung des „Schamas" besonders in der alten Zeit, und seine Beziehungen zum „Scheliach Zibbur“ in geistvoller Weise erörterte und dann sprach Rabbiner Dr. Awinowitskh, der die ausgezeichnete Führung und langjährige Amtstätigkeit des Jubilars würdigte. Ein Mitglied des Vorstandes überreichte die Adresse des letzteren mit einem Ehrengeschenke von 300 Rubel und mit Vortrag eines von Ober-