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Die Wahrheit · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ganz besonderes Gewicht gelegt, es hat einen Teil, von ihnen sogar selbst geschaffen, und-sich - nicht rein an die Vorschriften des. Pentateuch gehalten, sondern ihm eine Anzahl rabbinischer Vorschriften als koordiniert angegliedert. Der orthodoxe Jude will nicht nur Schwein und anderes nicht essen, sondern er will auch kein Fleisch genießen, das von Tieren, die nicht in ganz bestimmter Weise getötet sind, herrührt und vorschriftsmäßig zilbereitet ist, und er will nicht Fleisch und Milch oder Fleisch und Butter zusammen genießen. Diese Speisegesetze haben in der Geschichte des Judentums eine große Rolle gespielt und haben sehr bemerkenswerte Wirkungen nach der guten wie nach der schlechten Seite geäußert.. Das liberale Judentum kann nun in diesen Gesetzen keinen göttlichen Befehl entdecken. Es hält ihren Ursprung nicht schon deshalb für einen göttlichen, weil sie im Pentateuch stehen; es kennt die Geschichte dieser Gesetze und ihre säst universale Vorherrschaft in allen alten Religionen. Wenn nun aber jemand diese Vorschriften anerkennen will oder einigen von ihnen gehorchen will — vorausgesetzt, daß es biblische Gesetze sind, die -nicht nur einen sozialen Unterschied zwischen Jude und Nichtjude Hervorrufen — sie anerkennen will als eine gute Uebung für Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung, so hat das liberale Judentum dagegen nichts eiuzuwenden. Jeder mag in dieser Beziehung tun, was ihm recht dünkt. Es ist sehr gut so, daß auf religiösem Gebiete ein Feld freier Betätigung ist, von dem niemand sagen kann, daß das Nichthalten von Vorschriften im Prinzip schlecht, das Festhalten an ihnen im ■ Prinzip gut ist. j Ein zweites Postulat ist, daß jedes Gesetz nicht nur allein! religiös, sondern mehr universell religiös sein soll. So ist das Passahfest beispielsweise ein Nationnlfest. aber es kann ausj gestattet werden nicht nur mit religiösem Gehalt, sondern darüber j hinaus' mit einem universell religiösen Inhalt. Das Interesse, j das es erweckt, ist nicht nur national, nicht nur für den Volks-! stamm geschaffen, es ist nicht vergänglich, noch an einen Srt! geknüpft. Als Fest der Freiheit, als Geburtsfest einer großen monotheistischen Religion hat es universelle Bedeutung. Und eine dritte Bedingung! Jede Lehre, jede Zeremonie muß mit ethischmotlotheistischem Gehalt erfüllt fein, durchtrünkt von unserer höchsten'Auffassung des Gottesbegriffes, seiner Beziehungen zu den Menschen. Das Dogma des auserwählten Volkes entspricht dieser Forderung, wenn es dahin ausgelegt wird, daß es eine Auswahl für seine Verehrung bedeuten solle und nicht in dem Sinne, daß diesem Stamm allein die Segnungen gebühren; wenn es dahin ausgelegt wird, daß alle Menschen auf der Erde in den Augen Gottes gleich sind. Und endlich und schließlich^ darf kein Dogma und keine Zeremonie ein anerkanntes Forschungs ergebnis der Wissenschaft oder der Geschichte mißachten. Man kann sich fragen, ob diese Bedingungen sich leicht auf eine Religion anwenden lassen, die so innig mit der Geschichte einer Rasse zusammeuhängt, so fest mit einem partikulären Kodex verknüpft ist, wie das Judentum, ja nicht nur nicht leicht, ob es überhaupt möglich ist. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß mehr als zweitausend Jahre ein Hauptdogma des Judentums, die Autorschaft des Pentateuch von Moses, die Vollendung durch Gott geschaffen und mithin seine Geltungskraft unabänderlich ist, und wenn man weiter sieht, wie dieses Dogma sich macht- und kraftvoll im Gottesdienst und der Liturgie der Synagoge ausgedrückt hat, so kann mit Recht die Frage gestellt werden: Wie kann das Judentum weiter bestehen, wenn dieses Dogma aufgegeben wird? Ich gebe zu, es ist schwierig. Welche Religion aber hat keine Schwierigkeiten? Und in der Religion wie in allen anderen Gebieten müssen Schwierigkeiten durch Kampf und Eroberung, nicht durch Paktieren und Ergebung überwunden werden. Wir liberalen Inden vertrauen darauf, daß die eigensten Lehren des Judentums groß und kraftvoll genug sind und innere Ueberzeugungsmacht hinreichend besitzen, um ihre Loslösung von an die Zeit gefesselten Dogmen und Umständen zu überdauern. Mir glauben, daß sie gefestigt und bestimmt genug sind, um ein Fortbestehen der Religion zu gewährleisten, der Religion, die sie gelehrt hat, die sie noch lehrt, und daß selbst ohne das unhaltbare Dogma des mosaischen Ursprutigs, des göttlichen Gesetzes sie bestehen können — unleider Voraussetzung eines ihnen adäquaten geschichtlichen Bekenntnisses.- Wir blicken nicht mit Rivalität auf die anderen unitarischen Systeme, wir bewillkommnen sie als Bundesgenossen. Aber wir sind der. Ansicht, daß es für den gegenwärtigen einheitlichen Monotheismus nicht eben gut ist, wenn wir nicht dabei bleiben sollten, unserer monotheistischen Lehre ihren historischen Namen, ihre historische Herkunft zu erhalten, Es liegt auch nicht im Interesse des Monotheismus, daß wir unsere trennende Art und Absonderung unter den anderen Religionen der Welt aufgeben sollen. So kann das liberale Judentum die Bedingungen für die Aufnahme von Proselyten leichter und weniger formell gestalten; aber es kann nicht — ohne Selbstverleugnung seiuer Priuzipien, da es doch eine kleine Minderheit unter starken Majoritäten darstellt — Mischehen und Geschlechtsverbindung das Wort reden. Das Judentum hat noch eine Arbeit zu verrichten und weist noch eine Zukunft m der religiösen Entwicklung der Menschheit auf. Diese Arbeit und diese Zukunft kommt, wie wir glauben, dem liberalen Judentum allein zu. Wir blicken voll Glauben in das Kommende, in das Kommende, das weder wir noch unsere Kinder erleben werden. Doch noch habe ich die Schwierigkeiten, die das liberale Jndeutum zu überwinden haben wird, nicht erschöpft. Noch weitere, und unter ihnen die größte, sind jetzt zu erwähnen. Die eine kann am besten erledigt werden dnrch Gegenüberstellung der Kritik, die von außenstehender Seite an ihr geübt wurde. Mau argumentierte, daß das liberale Judentum wohl geeignet wäre, für bemessene Zeit eine Religion für wenige kultivierte Völker zu sein, da sie selbst ja Abkömmlinge der orthodoxen Juden seien, ihnen mithin viele der ererbten Gefühle eingewurzelt seien. Nie aber werde es eine Religion für die Masten werden. Dafür fehle ihm der entsprechende Anreiz. Man führte — dieses zu beweisen — an, daß das treibende und kraftschaffende Moment der Gestalt Jesus Christi im Christentum teilweise durch die vorwärts treibende Macht des Gesetzes im Jndeutum ersetzt werde. Ergebung in das vollkommene und göttliche Gesetz auf der einen Seite und ein intensiver, selbst enger Nationalismus auf der anderen Seite — diese beiden Momente haben das Judentum durch Jahrhunderte, durch ganze Zeitalter aufrecht erhalten. Und gerade diese Motive sind es, die der Liberalismus im Judentinn vernichtet hat, das eine getreu den Ergebnissen geschichtlicher Forschung, das andere in dem Gedanken an eine den Interessen wirklich universale! Religion. Auf diese Kritiken kann und will ich nur folgendes j erwidern. Diese beiden Abweichungen, die man so gern Zerstörungen nennt, haben ihren Ursprung in heißem Bemühen um die Wahrheit, das heißt im Dienste der Religion. Darin liegt u n s e r treibendes Element. Wo etwas Wahres aufkommt, da müssen wir ihm als Leitstern folgen. Wir glauben, daß das Judentum innerlich wahr und ausgestaltet gut genug ist, diese „Vernichtungen" zu überleben; unsere Kritiker sind der entgegengesetzten Meinung. Wer von uns recht hat, wird die Zukunft zu entscheiden haben. Nun komme ich zur letzten Schmierigkeit, einer Schwierigkeit, die gerade jetzt vielfach erörtert und behandelt wird; betrifft sie doch den Nationalismus im Judentum, und die gerade in letzter Zeit eine ganz besondere und äußerst komplizierte Form angenommen hat. j Der Sch»ltchan-Ar«ch über die i (Innliftkntimten des Kantors.! Wohllöbliche Redaktion! I Zu dem Artikel des Herrn „Landrabbiners" in der „Lefter-! reichischen Wochenschrift," dessen Bemerkungen den Kanrorenstand > verunglimpfen und dessen Zitate für den oberflächlich lesenden Laien beißenden Spott bergen, sandle ich in meiner Eigenschaft! als Präsident des „Verbandes der Kantoren Kroatien-Slavoniens"! dem genannten Blatte ein Pendant und ersuche höflichst, dasselbe | auch in Ihrem geschätzten Blatte zum Abdrucke zu bringen.

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