Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063455--05659-3072600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 4. Die Wahrheit Nr. 37. schon zu dieser Ueberzeugung gekommen sind, annehmen, daß man den Dr. Lueger nicht nach seinen Worten, sondern nach seinen Taten beurteilen muß. * -r- . # Galizien hat wohl einen neuen Statthalter bekommen, aber was die Inden betrifft, rmd auch sonst haben sich die Verhältnisse wenig geändert, Immer wieder verschwinden in diesem von klerikal-polnischem Einflüsse beherrschten Kronlande jüdische Mädchen und man weiß nur eines bestimmt: daß sie zuletzt in Gesellschaft von Klosterfrauen gesehen wurden. Damit ist zumeist ihre Spur verloren mid keine Behörde findet sich mehr veranlaßt, den verzweifelten Angehörigen des jüdischen Mädchens Hilfe und Beistand zu gewähren. Und wenn schon einmal diese seltene Eventualität eintritt und es den Eltern, wie es kürzlich erfreulicher Weise der Fall war, mit Hilfe eines energischen Advokaten gelingt, zu ihrem Kinde zu kommen, fällt es niemanden em, die Kindesräuber der gesetzlichen Strafe zuzuführeu. Ein österreichischer Jnstizminister hat in einem! Momente überwältigender Wahrheitsliebe das Wort geprägt: «An der Pforte des Klosters hört unsere Macht auf!" Soll das Wort nur als die Charakteristik einer Augenblick-Situation gelten, oder soll es die Signatur einer ganzen Aera sein? Hat der Rechtsstaat gänzlich kapituliert? Leben wir im zwanzigsten Jahrhundert, oder sind wir völlig ins Mittelalter zurückgesunken? * * Gilt Rumänien neben Rußland als das judenfeindlichste Land der Welt, io dürfte man, wenn eine Steigerung noch zulässig ist, Jassy als die judenfeindlichste Stadt Rumäniens bezeichnen. Die hiesige jüdische Bevölkerung beträgt nicht weniger als 50"/o der Gesamtbevölkerung. Diese „Fremden", die alle kommunalen Pflichten doppelt zu tragen haben und zum großen Teile auch die für sie besonders beschwerliche, oft auch gefährliche Militärpflicht erfüllt haben, stehen buchstäblich außerhalb' aller bürgerlichen Rechte, und es wird keine Gelegenheit versäumt, ihnen zu beweisen, daß sie als „Fremde" * feinen Anspruch auf irgend eine Berücksichtigung machen dürfen. So beschloß der hiesige Stadtrat vor kurzem mehrere städtische Bauten teils zu renovieren, teils neu herzustellen und, obzwar sich in der Stadt mehrere Hunderte anerkannt tüchtige und zuverlässige jüdische Maurer befinden, keinen einzigen Juden dabei zu beschäftigen. Wenn sich dadurch Mangel an Arbeitskräften ergeben sollte, so wissen die weifen Stadtväter Rat. Es sollen dann bulgarische oder italienische Arbeiter herangezogen werden. Eine Appellation seitens der zur größeren Hälfte zu den Ballten steuernden Juden ist undenkbar. Die Stadtbehörde ist für die städtischen Angelegenheiten die höchste Instanz und den Fremden steht es frei, die Stadt, wenn sie mit deren Verwaltung nicht zufrieden sind, zu verlassen. -i- * Endlich ist wieder einmal in Rußland der richtige Mann an der richtigen Stelle gelandet. Wie hier bekannt wird, hat der bekannte und berüchtigte antisemitische Agitator, K r u - s ch e w a n, einer der Hauptbegründer der Pogrom-Aera in Rußland, der bereits vor fünf Jahren in Kischenew seine traurige Rolle gespielt hat, und jetzt einer der wildesten Apostel des „Verbandes der echt russischen Leute" ist, seine publizistische Tätigkeit aufgegeben, um dafür eine Stelle i m russische n P o l i z e i d i e n st anzunehmen. Die „Rnskoje Snamja" wird also einen ihrer besten Mitarbeiter verlieren, aber dafür wird der „Verband der echt russischen Leute" einen itmso einflußreicheren Protektor haben. * * .. » , * Die neue türkische Regierung, der die Loyalität und Treue der türkischen Jitden wohlbekannt ist, beschäftigt sich gegenwärtig mit der Zusammenstellung einer Liste derjenigen Juden, die als erste für den Staatsdienst in Betracht kämen. Da man jetzt gewissenhafte und intelligente Beamte in großer Zahl braucht, hofft man, unter den Juden eine Reihe geeigneter Persönlichkeiten, die den Forderungen der neuen Zeit Verständnis entgegenbringen, zu finden. Das neue Ministerium hat auch seine Vorurteilslosigkeit gegenüber den Inden durch die Ernennung des Staatsrates Behor Effendi A s k.a n a z i zum Unterpräfekten von Konstantinopel bewiesen. Derselbe ist aus Konstautinopel gebürtig und 65 Jahre alt. Er war in den Staatsdienst als Uebersetzer im Ministerium des Aeußern eingetreten und halte eine Reihe Staatsstellen inne, bevor er in den Staatsrat ausgenommen wurde. Behor Effendi ist von den Mohammedanern als einer der feinsten türkischen Literaten . anerkannt.. .Er .hat auch von Grund auf die jüdische Wissenschaft studiert und ist ein hervorragender Hebräist; bei verschiedenen Gelegenheiten war er Präsident des Zentralkonsistoriums des Reiches. * * * Eine interessante Aeußerung des »bedeutendsten amerikanischen dramatischen Dichters Angustus Thomas geben amerikanische Zeitungen wieder: ..Ich bin von der festen Ueberzeugung durchdrungen," sagte Thomas, „daß das nächste die ganze Welt ergreifende Theaterstück ein jüdisches Stück sein wird, ein Stück, das den Juden verwertet. Aber nicht den Shakespeareschen Juden, noch den verfolgten Juden aus Rußland oder den Immigranten aus Polen, auch nicht den rückschrittlichen Juden aus Spanien, sondern den großen amerikanischen Juden, wie wir ihn kennen: einen Mann von großer Organisationsfähigkeit, den Mann von mutigem Vorwärtsschreiten auf dem Gebiete kommerziellen Wagens, besonders aber den Mann des weichen Herzens und großer Mildtätigkeit, den Marin, der nicht mir die Not seiner eigenen Nation lindert, sondern bereit ist, die aller Völker seiner Heimat zu verringern, sobald er von ihr Kenntnis erhält. Das müßte ein, Theaterstück sein, das hauptsächlich die liebreiche Häuslichkeit des amerikanischen Juden darstellt. Dieser Jude, den ich hier in kurzen Strichen gezeichnet habe, ist derjenige, den das amerikanische Volk teils durch persönliche Berührung, teils im Wege der Zeitliteratnr kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Er bildet ein wichtiges Element in unserer amerikanischen Zivilisation, das beschrieben werden muß, vorausgesetzt, daß der Dichter die Pflicht des Dramendichters erfüllen will, zur rechten Zeit und rechten Stunde seiner Zeit den wahren Spiegel vorzuhalten." Thomas fügte hinzu, daß er selbst sich nicht berufen fühle, ein solches Drama zu schreiben, daß aber der Dichter zur rechten Zeit nicht fehlen werde. Liberales Judentum. Von Claude G. Montefiore. V. Ich habe Ihnen berichtet, daß der Liberalismus eine geschichtliche Religion ist, und daß er die Verknüpfungen und Beziehungen zur Vergangenheit aufrecht zu erhalten sucht. Es ist kein reiner „Deismus". Und doch werden — so glaube ich — die meisten liberalen Juden nicht nur daran festhalten wollen, daß die Lehren ihres Glaubens, sondern auch daß sein Ritus und seine Zeremonien, mögen sie auch einen ausgesprochenen jüdischen Charakter tragen, im letzten Ende folgende Bedingungen erfüllen müssen. Sie alle müssen religiös sein und religiösen Wert besitzen. Das will besagen,' daß kein Ritus aufrecht zu erhalten sei, der ausschließlich nationalen Charakter anfweist und der einen religiösen Inhalt nicht in der Gegenwart besitzt, auch in Zukunft nicht mit einem solchen ausgestattet werden kann. So ist es — beispielsweise — nicht religiös, Instrumentalmusik aus der Synagoge zu verbannen. Es hat nichts mit dem Glauben als solchem zu tun, daß eine Frau, die von ihrem Mann, der ihr die Ehe brach, die Scheidung erlangte, nicht wieder sich soll verheiraten dürfen, wenn ihr nicht der Mann einen Scheidungsbrief nach jüdischem Ritus zu senden geruht. Und ebensowenig mit Religion hat es zu tun, daß Frauen und Männer avährend des Gottesdienstes nicht zusammen sollen sitzen dürfen, wie daß ein Mann, der den Namen „Cohn" führt, eine Proselytin nicht heiraten darf. Es ist nicht religiöser Gesichtspunkt maßgebend, daß der öffentliche Gottesdienst ausschließlich in hebräischer Sprache abgehalten werden muß, und in der Art noch vieles mehr. Sehen wir uns wieder einmal die Speise- 1 gesetze an. Das orthodoxe Judentum hat ja auf sie immer ein