Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Vorbereitungen für die Wahlen in beu nieder- I österreichischen Landtag sind in vollstem Zuge, und wie die Verhältnisse gegenwärtig liegen, wird die bisherige klerikal antisemitische Majorität desselben durch die Neitwahlen noch eine weitere Stärkung erhalten. Außerhalb Wiens ist der Wahlsieg der Antisemiten fast überall tote Gewißheit — höchstens daß in dem einen oder anderen Bezirke ein sogenannter deutschfreiheitlicher, d. h. deutschnational-antisemitischer Kandidat dnrchdringen könnte — und von den Wiener Mandaten dürften nur die beiden Mandate der Leopoldstadt, vermöge der großen Anzahl der in diesem Bezirke wohnenden Juden, dem Fortschritte erhalten bleiben. Aber auch hier, wo die jüdischen und sozialdemokratischen Wähler eine Mehrheit gegenüber den antisemitischen bilden, ist der Ausgang der Wahlen, infolge der unbegreiflichen Taktik des freisinnigen Wahlkomitees, nicht vollkommen gesichert. Die freisinnige Partei, die in der Leopoldstadt seit den letzten Reichsratswahlen die Führung der fortschrittlichen, resp. jüdischen Wähler übernommen hat, kandidiert nämlich für die beiden Landtagsmandate den Reichsratsabgeordueten Baron Hock und den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Schwarz-Hiller. Die beiden Kandidaturen finden aber nicht allgemeinen Anklang, und in weiten jüdischen Wühlerkreisen, die besonders den exponierten Standpunkt der freisinnigen Kandidaten in der Ehe- und Schnlfrage aus taktischen Gründen nicht billigen können, herrscht die Ueberzeugung, daß es loyal und gerecht. wäre, eines der beiden Mandate einem Manne ihres Vertrauens zu überlassen. In erster Reihe wird der Name des jüdischen Gemeinderates Dr. Oskar Hein genannt, dessen fortschrittliche Gesinnung unanfechtbar ist, der sich auch durch eine Reihe von Jahren als unermüdlicher und manchmal erfolgreicher Kämpfer gegen die Uebergriffe der herrschenden Partei int Wiener Nathause bewährt und durch seine sachliche Kritik in allen das wirtschaftliche Interesse der Bevölkerung tangierenden Fragen sich auch die Achtung seiner politischen Gegner errungen hat. Der Fehler könnte noch gutgemacht und durch Korrektur der Kandidatenliste vollste Einigkeit unter der fortschrittlichen, resp. jüdischen Wählerschaft hergestellt werden. Aber leider ist hiefür, infolge des Starrsinnes der freisinnigen Führer, wenig Aussicht vorhanden, und von der Uneinigkeit im fortschrittlichen Lager können nur die Antisemiten profitieren. Das Wiener Rathaus hat vor wenigen Tagen sei,, 25-jühriges Jubiläum begangen. Allerdings in aller Stille, mit) die gegenwärtigen Machthaber, die sonst gerne bei jedem geringfügigen Anlasse jubilieren, haben es ängstlich vermieden, den 25-jährigen Jahrestag der Einweihung des Rathansgebäudes durch irgend eine Manifestation zu markieren. Freilich hätte dabei erinnert werden müssen, daß das herrliche Bauwerk nicht mm der vielgeschmähten liberalen Aera zu verdanken ist. sondern daß auch jüdischer Fleiß und jüdische Arbeit bei der Schöpfung desselben mitgewirkt hat, und daß ein Jude, der unvergeßliche Architekt Fleischer, einer der hervorragendsten Mitarbeiter des genialen Meister Schmidt gewesen ist. Wie haben sich seitdem die Zeiten geändert! Heute ist das Wiener Rathaus, das als Wahrzeichen bürgerlicher Freiheit und bürgerlichen Gemeinsinnes errichtet wurde, die Quelle zahlreicher Unbillen, Zurücksetzungen und Schädigungen für die jüdischen Einwohner Wiens und die Stätte, von welcher Haß und Verfolgung gegen die Inden gepredigt wird. * * Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger liebt es allerdings manchmal, die Friedensschalmei zu blasen und besonders geläufig ist ihm die Redensart, daß er nie darnach gefragt habe, ob ein Armer ein Christ oder ein Jude sei. Nun, wir wollen ihm einmal Gelegenheit geben, seine Objektivität zu bezeugen, und ihn auf eine magistratische Verfügung aufmerksam machen, die vor einigen Jahren erlassen wurde und die gerade jetzt zu Schulbeginn besondere Aktuellitüt gewinnt. Der Magistrat hat nämlich damals augeordnet, daß die sogenannten Fragebogen, die von den Eltern armer Schulkinder behufs Erlangung unentgeltlicher Lernmittel ausgefüllt werden, auch die A n g a b e der Konfession enthalten müssen. Wahrscheinlich soll dieser Vermerk den maßgebenden Stellen bei Erledigung eines Ansuchens die Direktive bieten, um jüdische Schulkinder, die ohnehin bei kommunalen Wohltätigkeitsakten, wie Stipendien und dergleichen, regelmäßig übergangen werden, auch bei Verteilung der Lernmittel möglichst zu verkürzen. Nun, Herr Bürgermeister, wie reimt sich das mit Ihren Worlen von der gleichen Behandlung der armen Inden und Christen zusammen? Wenn Sie das ernst meinen, dann beeilen Sie sich, auch dem Magistrate ihre Anschauung beizubringen, und den werden Sie ja, zum Unterschied vom unbotmäßigen Stadtrat, der wie Sie beweisten, oft nicht parieren will, als Oberhaupt der Stadt Wien noch immer in der Hand haben. So lange aber die erwähnte magistratische Verfügung nicht aufgehoben wird, müssen wir, gleich anderen, die längst' ’VSäT"-'.ssfqf