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Die Wahrheit · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrtzett Nr. 36. Feuilleton Ktzaimt Aziendqöry. E'm Aulrurbild aus dem Osten von Oberkantor M A "andan, Wr.-Neustadt. : . - - - . . (FoMetzung.)^ . ' . . Ich besuchte damals das Lehrerseminar und war froh, au diesem Tage, einem christlichen Feiertage,/frei zu haben; auch der greise Dr. D u s ch a k hielt keine Vorlesung über Religionsphilofophie und Pädagogik. So hatte ich bloß zwei Privatstunden zu geben, die ich um 7 Uhr absolviert hatte. Der Gottesdienst halte in der „Remaschul" gerade begonnen, als ich diese betrat, und kaum konnte ich das Ende erwarten, so begierig war ich, das Unikum Chaim'l Dziendobry kennen zu lernen. Der Saal leerte sich rasch, nur Chaim'l saß noch ans der Ofenbank. Das flackernde Oellämpchen des „ewigen Lichtes" erhellte ein wenig diesen düsteren Raum, und jeder andere hätte sich wohl gescheut, hier allein mit diesem finster brütenden Greise zu bleiben, aber ich faßte Mut und ließ mich neben ihm nieder. „Ah, Sie sind doch gekommen? Haben wirklich keine Furcht? Nun, dann will ich Ihnen auch alles, alles erzählen." Und dann begann er die folgende herzzerreißende, erschütternde Darstellung seines bewegten Lebens zu geben, wiederholt von Tränen und tiefen Seufzern unterbrochen. Ich aber saß mäuschenstill da, wagte kein Wort zu sprechen, oder mich nur zu rühren, so sehr wirkten auf mich der Mann, die Umgebung und feine Erzählung. „Fürst Krapotkin, der erbitterte Nihilist," begann er, „nennt den Menschen in seinen Memoiren ein feiges, selbstsüchtiges Wesen, das wohl mancher besseren Wallung, aber schwer eines dauernd besseren Wandels fähig ist. Fast scheint es mir, daß ihm mein Schwiegervater, der Auswurf der schlechtesten Menschheit, die Veranlassung zu diesem Ausspruche gab. Dieses Individuum war in den ärmlichsten Verhältnissen in Numänien aufgewachsen. Sein Vater, ein Pferdeknecht, der stets betrunken war, konnte ihm nicht einmal den nötigen Unterhalt gewähren, so fristete er in seiner Jugend sein Leben als ,Kostgängers Jeden Tag an einem anderen Tische, jeden Tag andere Speisen, immer wieder eine neue Umgebung, verschiedene Gespräche — das war für den Jungen eine gute Schule, sich zum verworfensten Charakter anszubilden. Seine Frechheit kannte keine Grenzen, so daß ihm jeder anständige Mensch auswich, wollte er nicht bei der geringfügigsten Gelegenheit mit einer Flut von Schimpfworten überschüttet werden. Wehe dem, der es wagte, seine Pläne zu durchkreuzen, der war samt seiner Familie dem niedrigen, rachsüchtigen Subjekt verfallen, und er ruhte nicht eher, bis er ihn ganz ins Unglück brachte. Auf welche Weise er sich während seiner ,Wanderfahrt ein Vermögen zu erwerben wußte, blieb stets ein Geheimnis. Genug, er ließ sich plötzlich in einer kleinen Stadt nieder und verstand unter den Leuten, zum Teil gewesenen Kutschern oder Dorfgehern, bald die erste Rolle zu spielen. Vermöge seiner maßlosen Frechheit, erkühnte er sich überall dreinzureden und überall den Besten und Edelsten, den Gebildetsten und Vernünftigsten hervorzukehreu. Er scheute auch nicht die verwerflichsten Mittel, wenn es galt, sein Interesse zu erlangen; wußte aber dabei stets mit erstaunlicher Geschicklichkeit hart an der Grenze des Strafgesetzes vorbeizuschlüpfen. „Die Parvenüs und Protzen des Städtchens, diese ehemaligen ganz kleinen Leute, ließen sich von Reb Feiwel, so hieß mein Schwiegervater, bald Herumkriegen und durch Kniffe und niedrige Dienstfertigkeiten wußte er sich überall einzuschleichen und jeden, der ihm im Wege stand, mochte er nützlicher und würdiger sein, hinauszuagitieren. Das i st j a d a s Unglück unserer armen, j ü d i s ch e n B r ü d e r. Ohne jede U e b e r l e g u n g rennen sie mit dem Kopf die Wände e i u u n d e r r e i ch e n s o st e t s d a s G e g e nteil von dem, was sie eigentlich wollten; ohne i r g e n d. e i n e b e st i m m t e P o l i t i k> o h n e s.i ch: e r e s Z istk v o r A u g e n, f a l l e n - s i e i n d i e G r n b e, die s i e st'ich sel b st g e g r a b e it. So hatten sich auch' die Juden von Jardöw ohne Ueberleguug der. Führung Reb Feiwels auvertraut.. Er war der Vorsteher der Gemeinde, der Präsident der Chewra-Kadischa, hielt Reden statt des Predigers/ war Schriftführer und Kassier, Gründer von Vereinerl. und Komitees —' kurz alles/. Bald war er in der ganzen Umgebung als der Klügste, Tüchtigste und Reichste bekannt. „Was Wunder, wenn seiner einzigen Tochter die Söhne der besten Häuser vorgeschlagen wurden. Aber gar schnell hatte Reb Feiwel seine Herkunft vergessen, wie ja Vergeßlichkeit eine große metischliche Schwäche ist. Er hätte den armen Schadchen bald geohrfeigt und hinausgeworfen, als er ihm die eine und andere Partie vorschlng. ,Sie wagen/ schrie er, ,m einer Tochter den Sohn von Selig vorznschlagen, dem gewesenen Kellner und Zirkusklown, oder gar den Sohn eines Hoteldieners, der den einsamen Gästen Zerstreuung zugefnhrt? Wissen Sie, wer ich bin? Ein ,Lerukiud* will ich aus dem vornehmsten Hause-; Geld brauche ich nicht, Geld habe ich genug. Verstehen Sie?* Ein böser Geist hat den Schadchen zu uns geführt und mich in die Klauen dieses Ungeheuers geraten lassen. Ich w u r d e i h m v o r g e s ch l a g e u u u b ich gefiel ih m." Ein heftiger Seufzer entrang sich seiner Brust. Er hielt ein wenig iuue, aber nach einer kleinen Pause fuhr er in der Erzählung fort. „Ich bin in einer kleinen podolischen Stadt geboren. Meine Eltern waren zwar nicht reich, aber sie hatten ihr anständiges Auskommen. Schon früh hatte ich mit dem Talmudstudinm begonnen und galt als sehr begabt, denn mit 13 Jahren war ich bereits als tüchtiger Talmudist bekannt. Ich war der Stolz und die Freude meiner Eltern und meine gute Mutter erzählte mir immer vom Freudentag, als ich Chumesch zu lernen begann. „Es wird Sie, junger Mann, vielleicht interessieren, die Zeremonie kennen zu lernen, unter welcher ein fünf- bis sechsjähriger Knirps in das Studium der Bibel eingeführt wurde. Denn heutzutage ist das Chumeschlernen und mit. ihm auch die Zeremonie außer Gebrauch gekommen. — Einige Wochen früher wurde die Feierlichkeit, die in Frage und Antwort bestand, zwischen mir und einem etwas älteren Schüler einstudiert und als der lang erwartete Sabbath kam, da bekam ich von der Mutter ein Sammetkäppchen, auf das ein Stück von ihrem goldenen Brusttuch genäht war, wurde im Bethaus mit der schönsten Decke der Bundeslade umhüllt und vom ältesten Bester (Hilfslehrer) durch ein Spalier von Kindern nach Hause getragen. Dort wartete schon eine zahlreiche Schar geladener Gäste und beim Erscheinen im Zimmer bewarfen mich die Frauen mit Mandeln und Zibeben. Da saßen um den großen Tisch der alte Rabbiner, der gute Geist des Städtchens Reb Mayer Ehaseu, dann die Vornehmsten und Besten des Städtchens. Der, Fragende und ich wurden auf den Tisch gestellt, er legte mir die rechte Hand unter das Kinn, um meinen Kopf etwas in die Höhe zu heben, und unter allgemeiner Spannung begannen Frage und Antwort: — Züngele, was hast Du im Sinn, daß Du heute in so festlicher Stimmung vor einer so edlen Versammlung auf dem Tische stehst? Ich will dieser edlen Versammlung die frohe Nachricht bringen, daß ich heute zur guten Stunde die Bibel zu lernen begonnen habe. — Wie heißt die Bibel in der hebräischen Sprache? Chumesch. — Warum Chumesch? ---^Chumesch heißt fünf, das sind die fünf Bücher Moses'. — Welches der fünf Bücher hast Du zu lernen begonnen? Das dritte. — Weshalb das dritte? Weil das dritte Buch von den Opfervorschrifterl handelt und ich heute so rein und unbescholten bin wie ein Opferlämmcheu. (Fortsetzung folgt.) -

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