Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 36. Rudolf Koh ii, Carl Lemberger und Wasservogel, fast sämtliche in Wien anwesende Rabbiner, Vertreter der ehemaligen Kultusgemeinde Fünf- Haus, sowie zahlreiche andere Trauergäste waren anwesend. In kurzen Worten, die alle Anwesenden tief erschütterten, nahm Rabbiner Dr. S ch nti e b t selbst Abschied von der toten Gattin, die ihm durch 60 Jahre eine liebevolle und innige Lebensgefährtin gewesen war. Hieraus brachte Oberkantor Bela Gutmann die Trauergebete zum Bortrag. In langem Kondukt wurde die Leiche aus den Zentralfriedhof überführt, wo Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n der Heimgegangenen einen überaus würdigenden Nachruf hielt. Dem schwergeprüften Gatten wendet sich die herzliche Teilnahmeder ganzen Gemeinde zu. Wien Dienstag, den 8. d. M.. beging der langjährige Bethausvorsteher der Wiener Kultusgemeinde, Herr S. A> W a s s e r v o g e l, in vollster Rüstigkeit seinen JO. Geburtstag. Die Glückwünsche des Kultusvorstaudes überbrachte I. Sekretär Dr. Lieben, die des Bethausvorstandes I. Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav K o h n und Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, außerdem erschienen zahlreiche Gratulanten aus der Mitte der Gemeinde und langten viele Glückwunschschreiben, Depeschen und sinnige Aufmerksamkeiten ein. Wien. Sonntag, den 20. d. M., 2 Uhr nachmittags, findet im Tempel. I., Seitenstettengasse 4, die Trauung des Fräuleins Frieda K o h n, Tochter des I. Vizepräsidenten der Wiener Knltusgemeinde, Herrn Dr. Gustav K o h n. mit Herrn Med.-Dr. Leopold Knopf, Assistent an der allgemeinen Poliklinik, statt. Wien. (Talmud - Thora - Volksschule, II., M a l zgaffe 16.) Die Schüler-Einschreibungen sür das Schuljahr 1908/9 finden am 13., 14. und 15. September, von 8—12 Nhr vormittags, statt. Kinder, welche für die erste Klasse angemeldet werden, haben Geburts- und Jmpfzeugnis, solche ans anderen Schulen die Schulnachricht mit der Uebersiedlungsklausel beizubringen. Für Kinder, welche noch nicht 6 Jahre alt sind, muß rechtzeitig bei der Sektion II des k. k. Bezirksschulrates um die Bewilligung zur Aufnahme angesucht werden. Bücher und Besreinng vom Schulgeld werden nur bei nachgewiesener Armut bewilligt. Luhatschowitz. Ob die zweideutigen Worte Bileams „dieses Volk wohnt abgesondert" einen Fluch, wie die Assimilanten glauben, oder einen Segen enthalten, wie die Nationalen erwarten, tatsächlich sind sie in unserer Zeit zur Wahrheit geworden. Diese Wahrnehmung macht man besonders aus Kurplätzen. Selten sieht man Israeliten mit Andersgläubigen verkehren.. Hier tritt auch diese gegenseitige konfessionelle Entfernung praktisch in Erscheinung. Während früher Päpste und Regenten jüdische Aerzte bevorzugten. werden diese jetzt von Christen nur im Notfälle konsultiert. Der Deutsche zieht einen Tschechen dem deutschen jüdischen Arzte vor, wenn dieser ihm auch von Professoren empfohlen wird und wenn an dessen Tüchtigkeit kein Zweifel obwaltet und umgekehrt der Tscheche einen Deutschen. Umso beklagenswerter ist es, daß nun die Inden so wenig Stammesgefühl besitzen und christliche Aerzte aufsuchen. Gab sich doch hier ein orthodoxer (?) Kaufmann aus Szerdahely zum Agenten eines tschechischen Dorfarztes her, paßte den ankommenden Güsten auf, um sie diesem unter allerlei Vorwänden und Verlockungen zuzuführen, damit er die Behandlungskosten für seine Person erspare. Sträflich ist solcher Eigenuntz und Chilul-Haschem, zumal der jüdische Arzt bereitwillig die Armen unentgeltlich behandelt. (Von der Badedirektion ging die Anregung zum Baue eines Bethauses aus. der im kommenden Jahre in Angriff genommen werden soll.) Budapest. Die Dummheit ist unheilbar und unsterblich. Ein Fall, der sich vor einigen Tagen in dem Dorfe Abasär im Komitar Heues ereignete. bietet wieder einen traurigen Beweis für obige Behauptung. Bei dem Spezereihändler Siegmund Mandl in Abasär war ein 18jähriges Mädchen mit Namen Elisabeth Bernär im Dienste, das plötzlich auf unerklärliche Weise verschwand. Da beeilte sich der wackere „Kleinrichter" des Ortes, Johann Pataki, die Nachricht zu Verbreiter:, daß die Juden das Mädchen gemordet und dessen Blut zu rituellen Zwecken verwendet haben. Die Worte, des Kleiurichters verfehlten ihre Wirkung nicht, das Bauernvolk rottete sich zusammen und wollte die Juden des Dorfes überfallen, so daß dieselben sich ins Gemeindehaus flüchten mußten. Nun aber wollte das aufgewiegelte Volk das Gemeindehaus bestürmen. Zum Glücks waren in der letzten Minute auf Veranlassung der Ortsbehörde Gendarmen aus dem Nachbarorte eingetroffen, die den wüsten Ausschreitungen ein rasches Ende machten. Nun ging die Gendarmerie auf die Suche und ihr Suchen war von Erfolg. Das Mädchen kam zum Vorschein und gab an, der > Spezereihändler Mandl hätte sie in ein entlegenes Zimmer gelockt, um ihr das Blut zu nehmen, und sie bloß aus Furcht vor dem Zorne des Volkes freigelaffen. Nun schrie der Kleinrichter Pataki, daß die Juden die Ortsbehörde und die Gendarmen bestochen und demzufolge christliche Mädchen unbestraft morden dürfen. Das Lügengewebe war aber gar zu unhaltbar und im Verhöre stellte es sich heraus, daß das vermißte Mädchen zwei Nächte auf einem in der Nachbarschaft der Wohnung Mandls sich befindenden Heuboden verbracht, woselbst sie sich auf sündhaftem Wege der keimenden Frucht ihres sträflichen Verhältnisses mit dem Kleinrichter entledigt hatte. Nun war alles aufgeklärt. Das saubere Pärchen dachte auf diese originelle Weise die Folgen seiner sträflichen Liebe vertuschen zu können. Aber — wie bereits gesagt — die Dummheit ist von unsterblicher Natur. Das biedere Bauernvolk von Abasäe wollte diesem im Verhöre sich herausgestellten Sachverhalte keinen Glauben schenken und nahm den Inden gegenüber eine solch drohende Haltung an, daß ans Instruktion des Vizegespans des Komitats Heves eine ganze Abteilung Gendarmerie aus Gyöngyös nach Abasär ziehen mußte. So geschehen im Jahrhundert der Aufklärung! * Binkovce. In Binkovce (Slavonien) wurde am 1. September Herr Bezirksrabbmer Dr. Arthur Marmor st ein, bisher Rabbiner in Jamnitz (Mähren), Schüler des Berliner Hildesheimerischen Seminars, in sein neues Amt eingeführt. Der junge, gelehrte Rabbiner, der einer hervorragenden, weitverbreiteten Rabbinerfamilie entstammt und sich trotz seiner Jugend infolge seiner wiffenschaftlichen Tätigkeit in Fachkreisen einen guten Namen und vorzüglichen Ruf erworben, wurde von seiner Gemeinde mit großer Ehre empfangen. Der Vorstand der iir. Knltusgemeinde. unter Leirung des Vorsitzenden, des Herrn Bankdirektor Ignatz L ö w y. fuhr dem neuen Rabbiner bis zur Station Dalja entgegen, wo er ihn aufs herzlichste begrüßte. In Binkovce wurde der Herr Rabbiner und seine Begleitung von der ganzen Gemeinde am Bahnhofe erwartet mrd mit „Eljen"- Rusen empfangen. Nach kurzen Begrüßungen begleitete man den Neuangekommenen Rabbiner in die Stadt. Nachmittags um 4 Uhr fand die eigentliche Amtseinführung in der festlich geschmückten und vollen Synagoge statt, im Beisein der politischen Behörden. Im Vestibül der Synagoge begrüßte Herr Vorsteher L ö w y den neuen Seelsorger der Gemeinde und begleitete ihn nebst den anwesenden Gästen zu den Ehrenplätzen. Nach dem Minchagebet führte Herr Oberrabbiner Dr. Alexander Jordan aus Szatmar, mit einer überaus geistreichen, gelungenen Rede seinen jungen Amtskollegen in sein neues Amt ein. Hierauf ergriff Bezirksrabbiner Dr. Marmorstein das Wort zu seiner inhaltsreichen und erhebenden Antrittsrede, die auf die ganze Gemeinde einen nachhaltigen Eindruck ansgeübt hatte. Zuletzt sprach noch der Vater unseres Herrn Rabbiners, Herr Bezirk-rabbiner Dr. M a r m o r st e i n aus Szenicz, mit aus Herzen kommenden und zum Herzen dringenden Worten und segnete den Installierten und seine Gemeinde. Nachher begleitete die ganze Gemeinde ihren neuen Rabbiner in sein Heim. Koustantinopel. Die jüngsten politischen Ereignisse haben in der jüdischen Bevölkerung der Türkei eine Spaltung hervorgerufen. Der Antagonismus, der ohnedies zwischen den Sephardim und Aschkenasim besteht, wurde nur noch verschärft. Die Sephardim behaupten, sie seien die wahren türkischen Bürger unter den Juden, weshalb auch die den Inden zugedachten Sitze im Parlamente ihnen gebühren. Die Aschkenasim wollen dies nicht anerkennen und drohen, sich mit den Mohammedanern oder den Christen zu verbünden. Aber selbst unter den Aschkenasim herrscht nicht die erwünschte Einigkeit. Hier führen die Zionisten einen heftigen Kamvf gegen die Orthodoxen. In vielen Städten der europäischen Türkei wurden jüdische Wahlkomitees eröffnet. Der Wahlkampf dürfte ein sehr scharfer werden. London. Bon hier aus gehen von Zeit zu Zeit Nachrichten in die kontinenlale Presse, die von großen Fortschritten, Aussichten auf Erfolge der vor drei Jahren begründeten Jüdischen Territorial-Organisation zu melden wissen. Letzthin wurde berichtet, daß die English Zionist Federation mit der genannten Organisation gemeinsam eine Versammlung abgehalten habe, in der man für eine „Kombination der beiden Richtungen" eingetreten sei. In der Mitteilung war auch von der bevorstehenden Gründung einer Kolonie in Nordafrika die Rede. Da muß nun festgestellt werden, daß an dieser ganzen Nachricht kein wahres Wo r t i st. Die beiden genannten Gesellschaften — die I. T. O. ist nämlich eine Absplitterung von der zionistischen Organisation — verfolgen bekanntlich ganz verschiedene Zwecke. Während die zionistische Organisation seit elf Jahren an der Realisierung ihres Zieles, der Schaffung einer öffentlichrechtlich-gesicherten Heimstätte für die Juden in Palästina, arbeitet, will die I. T. O. irgendwo auf der Welt selbständige jüdische Kolonien gründen. Es ist klar, daß Nachrichten, wie die genannten, keinen anderen Zweck haben können, als Verwirrung zn schaffen, um desto bester für gewisse Zwecke im Trüben fischen zu können. Petersburg. Ein hiesiger englischer Journalist hatte kürzlich mit dem Grafen Witte eine Unterredung, in deren Verlauf sich Witte über die Jndenfrage äußerte. Er erzählte u. a. von einer Unterredung, die er seinerzeit mit Alexander III. über diese Frage hatte. Der Kaiser habe ihn gefragt, ob es wahr sei, daß er eine gewisse Vorliebe für die Juden hätte. Darauf habe er geantwortet: „Gestatten Sie, Majestät, daß ich auf diese Frage mit einer Frage antworte. Kann man alle Juden auf Schiffe packen und im Meere ertränken?" Der Kaiser schüttelte den Kovf. „Nun also," sagte Witte. „Dann müssen die Inden also unter uns bleiben, und wir müffen ihnen die Möglichkeit geben, so unter uns zu leben wie wir leben. Ich meine also, es gibt keine andere Lösung dieser Frage, als die Gleichberechtigung." Der Kaiser dachte längere Zeit nach und antwortete schließlich : „Vielleicht haben Sie recht. . . ." Weiter erklärte Graf Witte dem Korrespondenten, daß er bisher mit seiner Meinung in Regierungskreisen stets in'der Minorität geblieben sei. Witte meint, daß die Jndenfrage in Rußland im Verlaufe von etwa 25 Jahren gelöst werden könnte, wenn nämlich die leitenden Kreise zu der Erkenntnis kämen, daß die bisherige Verschleppungspolitik zu nichts führe. Man müßte sofort alle Beschränkungen des Wohnrechtes der Juden abschaffen; dagegen sollten vorerst die Verbote des Bodenkanfes in den inneren Gouvernements Rußlands in Kraft bleiben. Sodann müßte mau den Juden den Zutritt zu den Schulen und zu der Regierung ermöglichen bzw. erleichtern. Leider hat Graf Witte in dieser Frage bereits so oft seine Meinung geändert, daß man sogar für den Fall, daß er wieder einmal ans Ruder kommt, nicht mit Bestimmtheit hoffen kann, er werde nach den hier ausgesprochenen Grundsätzen handeln.