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Die Wahrheit · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. Die Wahrheit Seite 5. Mit der mächtigen, seinen Worten innewohnenden Ueberzeugungskraft gelang es ihm, seine Glaubensgenossen zur Mäßigkeit und Selbstbeherrschung, zur strengen Ersüllung der Bürgerpflichten, zum Gehorsam gegen die Obrigkeit und zur Betätigung der Vaterlandsliebe auzuregen. Diese Sendschreiben, deren Inhalt noch für unsere Zeit Beherzigung verdient, übten einen gewaltigen Eindruck auf die Inden ans. Dem Einflüsse Hirschs herzgewinnender Persönlichkeit, seiner Umsicht und seinem organisatorischen Talent ist es zu danken, daß die Hebung des'Selbstbewnßtseins keine Selbstüberhebung bei den Juden hervorgerufen hat. Seine eindringlichen Mahnungen haben es bewirkt, daß tatsächlich keine Ausschreitung vorkam, als die Behörden eigenmächtig noch immer die alten außer Kraft gesetzten Äusuahmsgesetze gegen die Inden in Anwendung brachten oder längst aufgehobene Beschränkungen wieder einsührten. Aber selbst in der Folgezeit, nachdem die Emanzipation rechtskräftig geworden war, machten die Juden einen mäßigen, weisen Gebratlch von ihr. Alle Befürchtungen, welche vorher gegen sie ausgesprochen wurden, erwiesen sich als grundlos. Kein Wahrheitsliebender aber wird beim Rückblick auf die letzten sechs Jahrzehnte in der Geschichte Oesterreichs daran zweifeln, daß die Emanzipation, welche viele brachgelegene Kräfte zur segensreichen Entfaltung brachte, auch auf die allgemeine Wohlfahrt fördernd wirkte. Ihr wohltuender Einfluß zeigte sich nicht bloß in der Zunahme des Wohlstandes der Juden, welche ihr eifriges Streben nach Bildung auf allen Gebieten der Kunst und des Wissens betätigten, sondern auch bei der Landbevölkerung, ivelche sich an dem rationellen Betrieb der Bodenkultur und am Erwerbsfleiß der Juden ein Muster für ihre Wirtschaft nahm. Die Emanzipation hat auch nicht den vorausgesagten Verfall der Gemeinden, die Lockerung des Bandes der Zusammengehörigkeit nach sich gezogen. Die Lauheit in der Beobachtung religiöser Observanzen ist mehr dent Fortschritte der tiivellierend wirkenden, jede Autorität untergrabenden Naturwissenschaften, den veränderten Zeitverhältnissen, der Wohlhabenheit und dem Luxus zuzuschreiben. Auch der gesellschaftliche Verkehr hat manche jüdische, nationale Eigentümlichkeiten abgestreift und verwischt. Deim überall vollzog sich die Verbrüderung mit den Andersgläubigen still und ruhig, wo nicht die Hetzer hemmend eingrisien, denen es aber selbst in finsteren Zeitläufen nicht gelang, den Emanzipationsgedanken ganz zu unterdrücken. Und find auch manche Erwartungen unerfüllt geblieben, ist auch manche Saat des Jahres 1848 nicht zur Reife gelangt, so sind doch während der verflossenen 60 Jahre viele Fortschritte in der Entwicklung der Emanzipation zu verzeichnen, wie die kaiserlichen Proklamationen vom 20. Dezember 1859 und 18. Februar 1860, die Verfassung vom Jahre 1867, das Wehrgesetz vom Jahre 1868. laut welchem auch Rabbinatskandidaten zu Heeresseelsorgern ernannt werden (§ 25, 45, 3), die faktische Gleichberechtigung im Heere, dessen oberster Kriegsherr der Kaiser ist, die Ernennung von jüdischen Mittel-- und Hochschulprofessoren (1873), die konfessionellen Gesetze (1874). Im Gesetze vom 21. März 1890 zur Regelung der inneren Rechtsverhältnisse der Juden ist die definitive Anerkenitung des Judentums ausgesprochen und seine Autonomie sanktioniert. In jüngster Zeit erhalten israelitische Religionslehrer den Professorentitel und werden bei der Matura zur Prüfungskommission zngezogen. Alle diese Verordnungen bedeuten eine Fortsetzung utld Fortbildung der Emanzipation der Juden, eine Errungenschaft des Judentums. Wenlt wir die in den letztverflossenen 60 Jahren geschaffenen freisinnigen Gesetze tläher ins Auge fassen, dann sehen wir, wie diese mit der Emanzipation der Juden Hand in Hand gehen, ja daß die Betätigung oder Umgehung der Emanzipation der Gradmesser für die freiheitliche oder reaktionäre Bewegung in unserem Staate, für die Fort- und Rückschritte in seiner konstitutionellen Entwicklung ist. Als Schntzhort der Emanzipation gilt der Kaiser Franz Josef I., welcher seine schirmende Majestät über sie ausbreitet. Sie bildet einen Grundstein in seinem Regiernngsgebäude, welches auf dem im kaiserlichen Patente vom 2. Dezember 1848 ausgesprochenen Grundsätze ruht: Gleichheit Aller vor dem Gesetze. Jnsoferne feiert mit dem 60jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers auch die Emanzipation der Juden ihr 60jähriges Jubiläuni. Von kulturhistorischem Interesse sind die Briefe, welche die Führer der Verfassungsparlei (Vvtl der Staß, Eduard Sturm) am Beginne der Siebziger Jahre an die Rabbiner richteten, ihrem Kandidaten die Unterstützung der Juden zu erwirken „damit diejenige Partei den Sieg erringe, welche das gleiche Recht für alle in jeder Beziehung, also a n ch in konfessioneller, ans ihre Fahnen geschrieben hat. Die Inden mögen auch solche unterstützen, die in Bezirken kandidieret!, welche in der Majorität slawisch sind und bei welchen eine von Deutschen ausgehende Empfehlung nicht zum Vorteile gereichen würde. Alle wahlfähigen Israeliten sollen zum Wahltische eilen, niemand zuhause bleiben, für unseren Kandidaten stimmen und so den Sieg erreichen, nicht nur für uns im allgemeinen, sondern insbesondere für die Israeliten selb st. Mit diesem Siege siegt die Hrimanität, der Fortschritt, die konfessionelle Gleichberechtigung. Die Gesetzlichkeit wird die Verstnüernng, die rohe Gewalt, den Haß gegen das Judentum, das Hepp-Heppgeschrei total schlagen." Tatsächlich wäre Promber im Jahre 1877 und 1879 ohne heftige Agitation der Israeliten hier, wo schon damals die Tschechen nahezu die Majorität hatten, nicht durchgedrnngen. Dankbar erkannte er ihre Verdienste an, die sie sich in jahrelangem erbitterten Kampfe mir den Gegnern erworben haben, selbstlos und uneigennützig ihre ganze Kraft für das Deutschtum entsetzten. Wie würden diese wahrhaft vertrauenswürdigen Männer ihren Epigonen den Vorwurf der Untreue ins Gesicht schleudern! Das Krden and Wirken der Inden in Oesterreich in vormärstichen Zeilen. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Auch aus Aussprüchen, die in dem von den Judenfeinden viel verlästerten Talmud Vorkommen, erhellt zur Genüge, daß die Frau stets in Israel als die Säule des Hauses betrachtet rvurde. „Nie habe ich meine Frau anders als mein Hans genannt," sagte Rabbi Jose (Sabb., S. 118), „weil das Weib die Repräsentantin des Hauses sei." Raw rief einmal in einem Vortrage seinem Auditorium zu: „Mikeire linsclieichi ki hechi detisascheri. Ehret und schätzet Euere Frauen, damit Ihr von der Vorsehung nnt irdischen Gütern gesegnet werdet." „Nie soll der Mann seine Frau beleidigen und kränken, denn dem Weibe sind die Tränen gegeben, und er würde sich dadurch schwer versündigen." (B. Mez. 59.) „Wenn Deine Frau klein ist, so bücke Dich und horche auf ihre Worte," heißt es im Talmud. Das heißt mit anderen Worten, der Mann soll den Rat der Frau nicht geringschätzen, sondern vielmehr befolgen und beherzigen. R. Elieser sagte: „Der Altar selbst löst sich in Tränen auf, um das Unglück dessen zu beweinen, der die erste Frau verstoßt." (Sanhedr. 22.) R. Avira sagte: „Der Mann nähre sich von müßiger Kost, kleide sich mit den einfachsten und prunklosesten Gewändern, suche aber das ersparte Geld zu Nutzen und Frommen seines Weibes und seiner Kinder zu verwenden." (Chul. 84.) , Der Frau mehr als dem Manne hat der Allgütige einen großen Teil seiner göttlichen Verheißung Vorbehalten, indem sie die Kinder zum Studium anhült und dem Manne zu religiösen und heiligen Handlungen Veranlassung gibt. (Berach. 17.) Solche und

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