Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 36 Die Wahrheit das platte Land überhaupt, mit seinen Lehmhütten und nur ein Erdgeschoß besitzenden Häusern, bildet merkwürdigerweise die Hochburg dieser Bewegung. Da befindet sich das Reservoir und Stauwerk, in welchem die Hochflut der Reaktion gesammelt wird und aus welchem sich in schöner Wechselwirkung die schlammigen Wellen über die Stadt zurückergießen, diese befruchtend und düngend. Willst du die starken Wurzeln der Kraft der Schwarzen suchen? Hier auf dem Lande wirst du sie finden. Solange es keine wahrhaft Liberalen gibt, die sich entschließen, den Kriegsschauplatz ins feindliche Lager selbst zu verlegen ltnb den lichtscheuen Drachen in seiner Höhle aufznsuchen, unbildlich gesprochen solange keine Pioniere der Aufklärung in die terra ineoAnita der Provinz Vordringen: solange wird es um das allgemeine Kulturniveau Oesterreichs im besonderen, das der übrigen zivilisierten Welt im allgemeinen schlecht bestellt sein. Ein zweiter Lassale tut uns not, der die verpfasiteu Massen des bäuerlichen Landvolkes ihren Protektoren abwendig macht, der sie zu Bundesgenossen für Freiheit und Fortschritt anwirbt, nicht aber der kleinliche Begeisterungsrnmmel für einen Wahrmuud, diesen Ritter von der traurigen Gestalt, der, während mau sich für ihn exponiert, sich von der Regierung wie weiches Wachs kneten läßt. Gewiß, sein Buch ist nicht gerade schlecht, aber wie oft wurde, was er vorbringt, schon lange vor ihm und weit besser behandelt? War es nötig, gegen die Zensur anzukämpfen, für ein mageres Broschürchen mit trockenem Packpapierstil sich einzusetzen? Vor zweihundert Jahren behandelte Swift denselben Gegenstand mit weit größerer Kühnheit, mit. schlagendem Witz und beißender Satyre. Der berühmte Verfasser von „Gullivers Reisen" ruht seit anderthalb Jahrhunderten im Grabe, aber wer kennt heute sein „Märchen von der Tonne". „Gullivers Reisen", ja, die werden von jung und alt mit Entzücken gelesen, aber sein Tonnenmärchen, welches das Wahrmundsche Machwerk turmhoch überragt, steckt selbst vergraben in der Tonne der Zeit, in welcher so viele Geistesschätze unsterblicher Heroen ungenützt und ungenossen brachliegen. Es wäre meines Erachtens-die Pflicht einer führenden Intelligenz — wenn es eine gäbe — gewesen, dieses „Märchen voit der Tonne" in hunderttausenden Exemplaren ins Volk zu werfen, ad vocem ins Landvolk, es ihnen zu schenken und aufzudrängen, denn es steht, wenn auch vielleicht auf dem Index, nicht aber auf der Proskriptionsliste der Zensur. Ich kenne und besitze ein Konversationslexikon für Katholiken, ediert im Jahre 1848, in welchem mit jesuitischer Schlauheit im Artikel „Swift" behauptet wird, das „Märchen von der Tonne" sei gar nicht antikatholisch, dies beruhe nur auf einer irrigen. Meinung. Natürlich! Was Teufel sollte man so töricht sein, die gläubige Herde noch selber auf ein häretisches Werk aufmerksam und begierig zn machen? Noch ein zweiter vornehmer Punkt wäre ins Auge zu fassen. Die letzten zwei Jahre haben einen noch nicht dagewesenen sozialistischen Uebermnt gezeitigt. Die erstreikten Arbeitslöhne haben eine kolossale Höhe erreicht, die Arbeitszeit wurde noch mehr verkürzt, die Jndustrieprodukte haben sich stetig verteuert. Während nun eine Klasse immer bemüht war, die Verteuerung auf die Schultern der andern zu überwälzen, während die Staatsbeamten, Wachleute, Briefträger rc. höhere Löhne forderten und erhielten, fiel die ganze lastende Schwere der Bescheerung auf dte Basis unserer gesellschaftlichen Pyramide — die kleine Bauernschaft. Dem kleinen Landmann kommt die Agrarpolitik der Gutsaristokratie nicht zugute, ringt er doch dem Boden mit harter Mühe kaum soviel ab, als er zu seinem Unterhalt braucht. Die Verelendung, der Pauperismus der rustikalen Bevölkerung nimmt in erschreckendem Maße zu und so wird dieselbe denn der Reaktion geradezu in die Arme getrieben, so erklärt es sich denn leicht, daß erboste Bauern die Hochschule stürmen, so findet manche befremdliche Erscheinung unserer Zeit ihre restlose Begründung. Ich bin kein Anhänger der einseitigen M a r x i st i s ch e n Geschichtsauffassung, die alles historische Geschehen auf ein ökonomisches Agens zurückführt. hier jedoch kann nur ein Blinder läugnen, daß der Bauer sich in einer geradezu verzweiflungsvollen Lage befindet. Ich bin nun auf einem Punkte angelangt, von welchem aus ich es unumwunden auszusprechen wage, daß ich die unbedingte Gefolgschaft, welche das Judentum der Sozialdemokratie leistet, für einen schweren politischen Fehler betrachte, der sich nun rächt und in der Zukunft leicht zur Katastrophe führen kann. Ich schreibe alle meine Meditationen in jener schönen Frühlingsnacht getreulich nieder, gleich als hätte meine schwache Stimme und meine vielleicht noch schwächere Feder die Macht, das Verhängnis aufzuhalten. Ich gelangte auf eine Anhöhe, von der ich die Stadt mit all ihren zauberhaften Belenchtnngseffekten übersehen konnte. Welch eine Fülle von Licht, und unsere Zeit weist doch so viel Schatten auf! Von der Döblinger Sternwarte ans sah ich den Scheinwerfer seine Strahlen an den nächtlichen Himmel projizieren. O, welche Ironie! Ihr sucht die winzigsten Sterne auf, die euch doch nicht entgehen können! Durchsucht doch lieber die kleinen Maulwurfshügel, die der Rückschritt rings um euer kleines Kulturzentrum anfwirfl, die es aber mit unabwendbarer fatalistischer Gewißheit unterminieren müssen, untersucht die vielen Fallen und Fallstricke und ihr würdet besser fahren! — So seufzte ich, stieg nieder und fuhr ins schöne Wien zurück. S. Vineta. Zur Geschichte der Indenemanppatiou in Oesterreich 1848—1908. Von Dr. Adolf Frankl-Grün. (Schluß.) Auf dieses Sendschreiben ließ Hirsch drei Tage später etn zweites folgen: „Geliebte Brüder! In unserer Hand liegt es nun, das, was Gottes Hilfe uns gespendet, so zn benützen, daß es auch wahrhaft uns zum Heile und Segen gereiche. Vor allem ist weise Mäßigung und ein vorsichtiges, bescheidenes Benehmen mehr als alles zu beachten. Furcht, wenn auch grundlose Furcht vor dem überflügelnden Streben der Juden erfüllt die nicht jüdische Bevölkerung und unsere Feinde werden nicht ermangeln, diese Furcht auszubenten, um wenn möglich Exzesse hervorznrufen. Meine warnende Stimme ergeht daher an alle, und meine Bitte an alle ehrsamen Herren Rabbiner und ehrsamen Herren Vorsteher auf alle ihre Gemeindeangehörigen also eiuzuwirken, daß sie nicht durch ein frohlockendes, anmaßendes Benehmen, oder durch auffallendes, hastigen Eingreifen der uns gewordenen Rechte und Freiheiten Uebelwollende reizen und Unheil Hervorrufen. Nur nach und nach lasset unser Recht und unsere Freiheit genießen wollen, bis sich die Bevölkerung daran gewöhne, und sie durch unsere Handlungsweise zur Einsicht komme, daß die dem Inden gewordene Gleichberechtigung nicht die Rechte der übrigen Einwohnerschaft benachteilige. Vor allem warnet unsere Jugend und alle die an öffentlichen Orten verkehren, daß sie sich soviel als möglich jedes Diskurses über unser erlangte Gleichberechtigung enthalten, und überhaupt mehr als je bescheiden und besonnen sich benehmen mögen. Auch ist nicht überflüssig darauf aufmerksam zu machen, daß es unsere Pflicht bleibt, die religiösen Ansichten und Gefühle unserer nichtjüdischen Mitbrüder auf alle mögliche Weise zu berücksichtigen und nichts zn tun oder zn veranlassen, was diese irgendwie verletzen könnte. Ich bin überzeugt, daß der bei weitem größte Teil von Euch, geliebte Brüder, alles dieses auch schon von selbst beachtet haben wird, allein es dürfte die Warnung nicht überall ganz überflüssig sein, und hoffe ich, daß Ihr diesen wohlgemeinten, nur Euer und unser aller Heil bezweckenden Bitten und Ermahnungen gerne und willig Folge leisten werdet." ■äsäammsmmm sms*