Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion n. Sidininisti anon: Wien, U/, Nvvaraqasse 27. Teleuvoir dkl ‘r*rrnTf:ei Hnakbängige §eitfchrift für jüötfche <Utiiiji<iQ[iA . . . ji »4.- ©ultitüörivi' » 7 - K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Kontü Nr- 100.918. Interessen. Für iLiiltilSbmiiiite.' ■lujevati: Die viermal geivnitene 14 Jf Hl. Nom>arei»e-Zeile 25 Heiler. Erscheint jeden Kr ei tu;;. NdonnrinclilS» u. Znlctllons- A»SI»uk>: belräge und iit Wien za'oldar •Mmoiutii'iii ...» 'inme iiiib klagbar. Molto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" ti Mnvei oder >» ,scr 11 r. 36. Wien, 11. September 1908. Inhalt: Landaufenthalts-Betrachtungen. — Zur Geschichte der Judenemanzipation in Oesterreich 1848—1908. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Auswanderung nach Amerika. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Chaim'l Dziendobry. — Rabbiner und Kantor. — Jüdische Kunst im Fürstenschlosse. Landanfenthaltsdetrnchtnngen.! Meine Kleine war durch Wochen an einem schweren j Scharlachfieber krank darniedergelegen, der Arzt verordnete Land-! aufenthalt. So ging ich denn ans die Wohnungssuche, suchte mir; ein lieblich gelegenes Tal im Wiener Walde ans und pochte an! eines der Häuser, an denen der Vermietungszettel hing. Eine! Frau in der Mitte der Fünfzigerjahre öffnete, wir wurden bald? Handeleins; die Forderung war mäßig, das Domizil geräumig,? im Garten rauschten hundertjährige Lindenbüume und atmeten i den Duft auf die gedeckte Veranda herüber. Ich setzte mich, um kurze Rast zu halten, doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die gesprächige Alte ließ mich nicht so rasch los und — ich weiß selbst nicht, wie es gekommen — entrollte mir ein Momentbild ihrer Lebensumslände mit photographischer Treue und überraschend akrobatischer Zungengeläufigkeit. Sie hatte einst bessere Tage gesehen mit ihrem Manne, die gute Alte, befand sich aber jetzt in bedrängter Lage. Gerade heute habe sie „einen besonderen Zorn ans die Juden", erzählte sie, der Advokat 36., der Sanjud, habe ihrem Mann einen Posten versprochen, weigere! sich aber, sein Wort einzulösen, da ihr böser Nachbar diesen! ihren Mann bei besagtem Advokaten verleumdet habe. Unter > jenes Nachbars, eines Steueroffizials, Verfolgungen habe sie überj Haupt viel zu leiden; ihr Mann sei mit ihm in Streit geraten, > jetzt sei eine drückende Geldstrafe wegen Ehrenbeleidigung in Raten zu entrichten, dem rachsüchtigen Steuerbeamten wäre es um ein Haar gelungen, die Tochter um deren konzessionierten Kindergarten, also um ihre Existenz zu bringen und was der Schurkenstreiche noch mehr waren. Auf den Saujuden jedoch kam sie immer wieder zurück, der sei an all ihrem Unglücke schuld, warum babe er sich beschwatzen lassen, ihr Mann sei ein moralisches Juwel, der Jud, der Jude, o, ihr Zorn ans ihn, es klang wie der Kehrreim eines Liedes. Schon wollte ich die naheliegende Frage stellen, warum sich das Weib nicht auch über deu Offizial ereifere, öen eigentlichen Urheber des gegenwärtigen Unglückes, und der ihr schon vorher so viel Unbill zugefügt, doch die Frage erstarb mir auf den Lippen,, ich überlegte rasch, daß eine solche Fragestellung nur meine Naivität verraten hätte. War der Nachbar doch ein Arier mit allen angestammten und willig anerkannten Herrenrechteneines solchen, kam das Unrecht aus dieser Quelle geflossen, so mußte man es eben hinnehmen, gleich einem unabänderlichen und unvermeidlichen Elementarereignis; dem verhaßten Juden aber kam es noch lange nicht zu, sich auch nur von übler Nachrede, und sei sie auch die eines Christen, beeinflussen zu lassen. Ich unterließ es also, zu fragen, ich sah ein, daß jedes Ding zwei Seiten habe, also auch der Maßstab, den man an die Moralität ein und derselben Handlung anlegen könne. Es gibt eine doppelte Moralschätzung, eine für Christen, eine andere für Juden, haben doch auch unsere gebräuchlichen Zollstäbe auf der einen Seite Centimeter-Einteilung, auf der anderen das gute alte Maß. Dem Arier wird vom „Deutschen Volksblatt" die Missetat in Millimetern, nein, in Mikrometern zngemessen, dem Semiten ehrlich in Fuß und Zoll, und jeder Zoll in Antiqua gedruckt. Nochmals also, ich fragte nicht; vor der Aufgabe jedoch, der Frau in zarter, rücksichtsvoller Weise beizubringen, daß ich selbst zu der verachteten Pariakaste der Juden gehöre, durfte ich nicht zurückschrecken. Meine Vorfahren mütterlicherseits sind hispanische Juden gewesen, die ihrem Glauben treu bleiben wollten, von „Jsabella, der Katholischen" vertrieben wurden und über Amsterdam nach Ungarn gelangten. Der jüdische Typus ist deshalb bei mir gar nicht ausgeprägt und dieser Umstand hat mich zeitlebens in zahlreiche unangenehme Verwickelungen gebracht, die so leicht und glatt als die vorliegende zu entwirren, mir nicht immer gelingen wollte. Die Art. in der ich dies der mir sehr konveuierenden Wohnung zuliebe bewerkstelligte, übergehe ich, das Wesentliche meiner Skizze, ihr Schwerpunkt, ist ja zur Genüge bezeichnet. Ich begab mich auf den Heimweg; die Abendsonne vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Gipfel der Höhen, wie im Vorgefühle der baldigen nächtlichen Ruhe rauschten die Blätter des Waldes sanft im Winde. Wie im Halbschlummer schon lag die Natur und atmete lächelnden, heiliget! Frieden, wie das Gesicht eines schlafenden Kindes; ich gedachte des Dichterwortes: „Und die Welt ist herrlich allüberall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual." Allein, jenes liebliche Stück Erde, welches Wiener Wald genannt wird, ist nicht so unzugänglich und erhaben, daß sich die elenden Menschlein in seinem Revier nicht hätten breit machen können: die Bewohner der nahen großen Stadt strömen des Sonntags in Massen hierher, aber sie bringen nicht nur den kranken Atem ihrer verstaubten Lungen mit, sie verschleppen auch die mephitischen Dünste einer moralischen Pest in diese von plätschernden Bächen durchflossenen, taufrischen Täler, so daß hier die Fieberhitze des Antisemitismus einen noch höheren Temperamrgrad ausweist, als um den Stefansturm herum. Ja, >55- ■sassggw«».