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Die Wahrheit · 1908-09-04 · Heft 35 (4.9.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Delle 6. Die Wahrheit Nr. 35. Das Motto des Liberalismus war „Fortschritt und Entwicklung". Das, was das Judentum durch tausend Jahre erhalten hatte, konnte wohl geeignet sein, es jetzt zu vernichten. Seit Amos und Jesaias gesprochen hatten, hatte das Judentum wohl Fortschritte und Gewinne zn verzeichnen gehabt, aber auch manche Verluste mußte es beklagen, manche Fehler bereuen. Zeit war's drum zn reinigen, Schlacken abzustoßen, Zeit war's zu neuem Aufschwung. Und so traten sie mit geschwellten Segeln und warmem, überzeugnngsfestem Glauben ihr heiliges Werk des Fortschritts, der Reinigung an. Mehr kamt ich über die Geschichte der liberalen Bewegung unter den Juden nicht sagen, darüber, wie er entstand, was er wirkte, wie er wurde und mit ihm die Juden in Deutschland, Amerika und England. Lassen Sie mich noch — wenn ich Sie nicht schon zu lange aufgehalten habe — ein paar Worte über das Charakterbild des gegenwärtigen Liberalismus sagen, wie darüber, was ich von seiner Entwicklung in der Zukunft erwarte. Auch dabei muß ich mich äußerster Kürze befleißigen und werde nur schwer deren Fehlern — der Unklarheit und dem Mißverständnis — mich entziehen können. Zur Geschichte der Indenemanstpatior» i« Oesterreich 1848—1908. Von Dr. Adolf Frankl-Grün. (Fortsetzung.) So dankten sie den Inden die uneigennützige Opferwilligkeit, mit der sie seit dem Jahre 1848 ihnen unbedingte Heeresfolge leisteten. Würden die Inden aber den wohlwollenden Rat jenes philofemitischen Nichtisraeliten befolgt haben, dann wäre ihnen manche Täuschung von Seite der Deutschen erspart geblieben, dann hätten sie nicht durch ihre agitatorische Tätigkeit den Haß der Tschechen heransgefordert. Immerhin erwies sich der Verfasser jenes Artikels als ein weitblickender Diplomat, welcher durch seine Weisungen manches den Inden drohende Uebel verhüten wollte. Aber auch Hirsch machte durch seine Weisheit und reichliche in Deutschland gemachte Ersahrnng seine Glaubensgenossen auf die Gefahren aufmerksam, welche der in ihrem politischen und gesellschaftlichen Leben eingetretene Wendepunkt nach sich ziehen könnte. Diese väterliche, in die Zukunft blickende Fürsorge bekunden ganz besonders folgende Sendschreiben: An die eh r s. i s r. Gemeinden in Mäh r e.n. Geliebte Brüder! Der erste Kettenring unserer jahrhundertlangen Schmach ist gebrochen. Dank dem Vater im Himmel, der uns zn jeder Zeit geführt. Das in der Brust der Völker neuerwachte Rechtsgefühl hat die ersten Früchte des Heiles uns gebracht. Mit an Einstimmigkeit grenzender Stimmenmehrheit haben die Abgeordneten des Volkes in der konstituierenden Reichsversammlung die Aufhebung aller Judensteuern ausgesprochen und froh dürfen wir uns der Hoffnung hingebeu, daß dasselbe Rechtsgefühl nunmehr auch bald alle anderen Fesseln und Schranken brechen werde, mit denen eine irregeleitete Vergangenheit im Wahn und Vorurteil sich und uns herabgewürdigt; wir dürfen hoffen, die Zeit sei mm nicht mehr ferne, wo dem Juden auch in unserem schönen Vaterlande voller gleichberechtigter Teil an allen Pflichten und Rechten gegönnt sein werde, und wir als Menschen unter Menschen, als Bürger unter Bürgern, jedem redlichen und guten Streben gleichberechtigt unsere Kräfte werden zuwenden können. Allein, geliebte Brüder, dieser so sehnsüchtig von uns herbeigewünschte Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechtes über die Gewalt, des reinen Gottbewußtseins über Vorurteil und Wahn, wird uns nur dann zu Heil und Segen gereichen, wir werden uns nur dann seiner Wahrheit freuen können, ja wir werden uns nur dann seiner dauernd zu freuen haben, wenn wir als Juden aus dem Ringen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Juden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn j wir mit doppeltem Ernst, mit doppelt . entschiedener Kraft nun in dieser freien Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihre Heiligtümer, die Vollendung aller hehren Aufgaben des Judentums anstreben, und die Heiligtümer mit innigster, lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter und wir solch jahrhundertlange Schmach erduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir, . so Gott will, bald freie Juden sein können, aufhören wollten, Juden zu sein! Mit Gleichgiltigkeit gegen unsere Gotteslehre hätte jeder von uns schon längst auf kürzerem Wege die gleichberechtigte Stellung auf Erden erkaufen können, und es hätte nicht des jahrhundertelangen Ausharrens, des jahrhundertelangen Duldens aller Schmach und alles Elends bedurft! Das fühlt gewiß ein Jeder von Euch, geliebte Brüder, und gewiß täuscht die Hoffnung nicht, daß, sobald wir nur erst das volle Recht, die wolle Freiheit erringen, wir damit zuerst dem gütigen Lenker unserer Geschicke das Opfer unseres Dankes bringen werden, daß wir sodann in einträchtiger, brüderlicher Vereinigung alle unsere Kräfte dahin richten werden, nunmehr ein frischeres, lebendigeres Gemeindeleben in unserem jüdischen Kreise zn weilen, und auf freiem Boden alles Edle und Göttlichmenschliche des Judentums unter uns zn Gott und Menschen erfreuender Reife zu entfalten. Allein, geliebte Brüder, die manchenorts in den jüngsten Tagen gemachten Erfahrungen lassen die Besorgnis nicht unbegründet erscheinen, es dürfte unsere Ausgabe nicht überall und von allen in solchem Sinne gefaßt und begriffen werden, es dürfte die Zeit der Freiheit leicht zu einer Zeit der Losgebundenheit und Lockerung des jüdischen Gemeindeverbandes werden, und den bedauerlichen, schmerzlichen Ruin alles dessen herbeiführen, was uns heilig und hehr, alles dessen, was unsere Stütze und Trost, in den trüben Zeiten der Nacht gewesen, und das nun in dem Sonnenlichte der Freiheit nicht zu Grabe gehen, vielmehr zn erfrischtem, erhöhtem Dasein und Leben geführt werden sollte. Noch ist unsere Gleichstellung nicht in Wirklichkeit errungen, kaum ist die Steuerfrage voll gelöst, uiid schon zeigen sich hie und da in den Gemeinden Schwierigkeiten, die Domestikalbedürfnisfe unserer eigenen, inneren Angelegenheiten wie bisher anfzubringen, schon will mancher, da ihm die schmachvolle Last exzeptioneller Steuern von den Schultern genommen, nun auch die ehrenvolle, gerechte Bürde der Gemeindelasten von sich werfen und von vielen Seiten sind hierüber bereits dem mit der Wahrung Eurer Rechte betrauten Komitee Klagen eingelaufen. Das Komitee hat unablässig den Gang unserer großen Angelegenheiten verfolgt, und nichts verabsäumt, was nur irgend die Erreichung unseres Zieles fördern, und entgegenstehende Bestrebungen zn vereiteln imstande war. Seinen zeitgemäßen Schritten ist es auch mindestens zu verdanken, daß nicht wenigstens provisorisch für 1849 noch die Jndenstenern zu tragen sind, und auch ferner wird es nicht versäumen, die Sache unseres heiligen Rechtes zum ersehnten vollen Rechte git führen. Allein es muß zur Lösung dieser seiner Aufgabe ganz vorzüglich auf Euch Alle rechnen, daß nicht, Gott behüte, gedankenloser Unverstand Einzelner unter Euch neue Schwierigkeiten erhebe, und den Feinden unserer Sache willkommen Grund zur Anklage biete. Und eine solche Gefahr droht allerdings, wenn die innern Angelegenheiten unserer Gemeinden jetzt, an der Schwelle der Freiheit, Hader niib Zwist, Zerwürfnis und Zerrüttung herbeiführen sollten. Das Komitee hat daher mich ersucht, Euch auf diese Gefahr aufmerksam zu machen, und Euer Aller Wohl zusammen und jedem Einzelnen dringend ans Herz zu legen. „Einigkeit ist unsere Kraft; Entzweiung wirft uns zu Boden!" Nur mit einigem Sinne werden wir diese ernsten Prüfungszeiten bestehen, und den uns noch bevorstehenden Weg zum. ersehnten Ziele glücklich zurücklegen. Wie würden die Feinde unserer, gerechten Sache jauchzen, wenn schon der erste dämmernde.Freiheitsstrahl Entzweiung in

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