Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 85. Die Wahrheit Leite 5. besaß diese Kraft nicht. Das eine lebte und war mit Recht lebensfähig, das andere besaß nicht mehr die zwingende Kraft, im Leben eine Rolle zu spielen. Wie aber verhielten diese Bestrebungen sich zur übernatürlichen Offenbarung? Dem Liberalismus, der das fast instinktiv gewonnene Ergebnis der Emanzipation darstellte, kamen als Bundesgenosse die kritische und philosophische Betrachtungsweisen zu Hilfe, deren Erscheinung wir oben erwähnten. Jene, die die vollständige Theorie der Emanzipation mit einem unerschütterten Glauben an den Ursprung aus Moses, an die Vollendung durch Gott und an die Unveränderlichkeit des mosaischen Gesetzes verbanden, hattet! damit zu tun, sich aus der Affäre mit Anstand zu ztehen. Zwar konnten sie sich sagen: „Jedes Gesetz, dem wir gehorchen, jeder Ritus, den wir anwenden, ist religiöses Gesetz, ist religiöser Rittls. Wir anerkennen überhaupt keinen anderen." Aber darüber hinaus konnten sie tücht gehen, noch können sie es je. Für sie kann eine weitere Berichtigung in ihren Anschauungen, eine weitere Entwicklung nicht stattfinden. Die anderen aber, die Jungen, die Liberalen, gingen doch darüber hinaus; sie gingen aus ihrer inneren Ueberzengung heraus weiter, gleicherweise wie die Orthodoxen aus ihrer inneren Ueberzengung Halt machen mußten. Die Liberalen verwirklichten den Gedanken, daß das Gesetz nicht in sich geschlossen, nicht homogen, mithin unabänderlich sei; daß es nicht „nrmosaisch", nicht „nur göttlich" sei. Sie erkannten das Menschenwerk in ihm ebensogut, wie das Gottes. Sie fühlten die Notwendigkeit einer Religion, die in ihren Dogmen universal ist, es auch zu fein hinsichtlich ihres Ausdruckes, ihrer Formen. Eine philosophische Auffassung vom Judentum begann sich bei ihnen anszubilden. Sie waren der Ansicht, daß jede Periode des Judentums ihr eigenes Recht erfordere. Das Judentum hatte sich entwickelt, es entwickelt sich noch, und es würde es auch in Zukunft tun. Es hatte seine Bildungsperiode durchgemacht, die Periode der Bibel war dann durch die rabbinische Zeit geschritten und stand jetzt wieder an der Schwelle einer neuen Zeit. Die äußere Verkörperung und die Form, die einer Periode der Unterdrückung folgten, durften der nicht gleichen, die sich an einem Zeitraum der Freiheit anschloß. Die Herzen der Leute schlugen damals hoch. Sie hofften auf immer weiteren Fortschritt und konnten ja die Reaktion nicht voranssehen, die darauf folgen sollte. Das Judentum war eine Familienreligion gewesen, es war dann zur nationalen Religion geworden und nun sollte es sich anpassen, eine Weltreligion zu werden. Das Judentum hatte in seiner rabbinischen Zeit sein eigenes Gesetz gehabt. Ohne dieses würde es auch nicht die lange Nacht der Verfolgung überlebt haben. Nun aber war die Dämmerung eines neuen Morgens gekommen. Die Zwangsjacke des mündlichen wie des schriftlichen Gesetzes konnte in einen verborgenen Winkel gehängt werden. Denn was es an Hohem, was an Großem, an Wahrem und an Wesentlichem im Judentum gab, war ja doch der ethische Monotheismus der Propheten. Das Gesetz selbst war nur der Diener dieses Monotheismus. Der Geist Gottes offenbart sich aber nicht nur den Menschen einer einzigen Epoche. Sein Geist weilt auch unter uns. Und wenn wir Gedanken in die Tat umsetzen und erklären, daß dies oder jenes Gesetz nicht beachtlich sei, daß es nur zeitlichen Wert habe, ja überhaupt nur auf Zeit berechnet sei, wenn wir aussondern, was für unser Zeitalter als absterbend nutzlos ist, wenn wir hier abziehen, dort hinzusetzen, wenn wir in unserer Zeit entwickeln, wie unsere Voreltern mit anderen Mitteln, zu anderem Zweck, es in der ihren taten, wenn auch wir danach streben, das Judentum aufrecht und stark zu erhalten und unserer Religion eit: Gewand zu geben, das ihrem Wesen mehr entspricht, wenn wir in gleicher Weise Dogma wie Ritus von Schlacken befreien, wenn all dies wir uns angelegen sein lassen, dann tun wir es nicht aus bloßer Neuerungssncht, und wenn wir dabei darauf vertrauen, daß wir Richtiges erstreben, so können - wir es deshalb, weil wir glauben, daß der leitende Geist Gottes in uns ebenso noch arbeitet und wirkt, wie er es bei den Werken unserer Voreltern getan hat. Es ist nicht der Wille Gottes, nach unserer Meinung, daß das Judentnm unter¬ SS5»**-- S’Ti;. «WJF’V >5»: fr" Sr* gehen soll, sondern daß es sich entwickeln und groß werden soll, groß an Reinheit und groß an Wahrheit. Auf diese Weise und von dieser Erwägung ausgehend, trat der Liberalismus ins Leben. Er versuchte das Wesentliche und Dauernde von dem Zufälligen und Zeitlichen zn fcheiden. Der Versuch war kühn, aber durchaus notwendig. Er war schwierig, aber vollkommen gerechtfertigt. Nicht berechtigt war er, solange als man an die wörtliche Inspiration der Heiligen Schrift und au ihren mosaischen Ursprung glaubte, an ihre Vollendung durch Gott und an die antorative Unwandelbarkeit des Gesetzes im Pentateuch; er wurde berechtigt und notwendig, als man diesem Lotsen des orthodoxen Judentums nicht länger in dieser einfältigen und unerschütterlichen Festigkeit anhing. In diesem Werk der Trennung und Reinigung waren die leitenden Gesichtspunkte, dem rein religiösen Gedanken erweiterte Geltung zu verschaffen und ihn znm Weltgedanken zu mache::. Was nun den Ritus und die Zeremonien anbetriffk, so wurden einige Reformer zu weit geführt. In ihrem glühenden Enthnsiasmlls vergaßen sie, daß für die meisten Menschen die Religion einer entsprechenden Zahl von Zeremonien und Ritualien nicht entraten kann, und ebenso vergaßen sie, daß derartige Zeremonien und Ritualien von mehr als einem Gesichtspunkte aus gehalten und gefeiert werden können. Und doch waren ihre Leitsätze verständig. Sie versuchten das Judentum zn festigen — auf der theoretischen Seite — hinsichtlich der Angriffe, die die Ergebnisse der Geschlchtsforschnng auf die Religionen verursachten, gegen das, was man heute höhere Kritik der Religionen nennen würde. Und ebenso bestrebten sie sich, es zu verschanzen gegen die Angriffe, aber auch in Uebereinstimmung mit den anerkannten Ergebnissen der Wissenschaft. Der ethische Monotheismus der Propheten, die Lehre des Judentums betreffend die Beziehungen der Menschen zn Gott, die Lehre von der Vervollkommnung der Menschen, konnten und sollten an der Wahrheit oder dem Irrtum der Wunder ans der Zeit des Pentateuch losgelöst und unabhängig gemacht worden. Die Reformatoren glaubten und rühmten es — ich will über den Wert oder Unwert dieses Stolzes nicht diskutieren — daß das Judentum weniger an Wunder gefesselt sei und weniger an die tatsächlichen Angaben seiner Gesetze glaube, als es das Christentum tue. Das Judentum sei, so lehrten sie, eine geschichtliche Religion. Es war zur Entstehung gelangt, wurde und entwickelte sich weiter und würde sich auch noch weiter entwickeln. Es war eine geschichtliche Religion auch in dem Sinne, daß es eine ruhmreiche und interessante Vergangenheit aufwirs. Nicht aber war es eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß eine seiner Lehren auf erzählten Wundern beruhte oder auf dem Vorkommen geschichtlich bekundeter -Ereignisse. Es war eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß eine seiner Hauptanschauungen in dem bestand, was man den Glauben an ein Wirken Gottes in der Geschichte nennt und daß ein weiteres Dogma der Glaube au die Auserwählung Israels war, um ein vorhandenes religiöses Werk zum Wohle der Menschheit auszugestalten. Es war aber nicht eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß sein Glaube an die Auserlesung Israels darauf beruhte, daß Gott selbst „herabgestiegen" sei (oder was sonst für Worte gebraucht werden, um einen allgegenwärtigen Geist zn bezeichnen) unter Donner und Blitz ans einen Berg und mit eigener Stimme die zehn Gebote kundgetan habe. Und was die Verkörperung der Religion aubetrifft, so wünschten die liberalen Führer, sie dem Universalismus und der Reinheit der Lehren wert zu machen an Gestalt wie Bestand. Sie hielten dafür, daß der Gottesdienst dem Wohle der Lehre zn dienen bestimmt sei und keinen davon unabhängigen und unverletzlichen, eigenen Wert repräsentiere. Er müsse — mit der der historischen Entwicklung und Eignung schuldigen Rücksicht (die allerdings nicht immer geübt wurde) — den Postulateu des Jahrhunderts und des Milieus angepaßt werden. In einem orientalischen Lande, da mag das Judentum ein völlig orientalisches Gewand tragen. In den freien Ländern des Westens müsse dieses orientalische Gewand geändert und! gewechselt werden. Okzidentales Judentum erfordert okzidentalen! Werkdienst.