Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 35. sprachen, vergessen wir einiger jugendlicher Zionisten nicht, die sich hier von den Aufregungen des Jahres ausruhen, oder wenigstens auszuruhen versuchen, soweit es die Veranstaltungen — auch Akademien genannt — die sie arrangieren, ihnen gestatten. Und solche Veranstaltungen gab es viele, viele! Wie Sie, hochzuverehrender Herr Schriftleiter, und nicht minder Ihre geschätzten Leser sehen, kann man an diesem Ort des kalten Wassers und der saueren Milch Inda in seinen Gegensätzen kennen lernen, „Väter und Söhne", um mich mit Turgenjew auszudrückeu. Ich setze voraus, daß dieser Roman des russischen Dichters nicht gar zu veraltet und sein Inhalt noch den meisten unserer Zeitgenossen bekannt ist. Ach, die Literatur rostet heute so bald und man wirft manches noch glänzende Metall ins alte Eisen, um sich „den Weg ins Freie" zu bahnen. Den kennt wohl Zeder und Jede, denn es ist ein .Roman von Schnitzler, und ein Fenilletonist unseres sozialdemokratischen Hanptorganes hat ihn „geistreichelnd" abgeschlachtet, wie er ohne Zweifel meint. Doch kehren wir zu unseren Vätern und Söhnen zurück. Welch ein Gegensatz! Die Väter, mit dem ins Ungeheuere gehenden „Battim", die Mütter mit abenteuerlichen, kunstvollen „Schateln", die Väter über Schechitafragen scharfsinnig disputierend, die Mütter das „Schalet" für den Sabbath geschmackvoll bereitend, und — die Söhne und Töchter? Das ist ein eigenes Kapitel in diesem schon etwas episch, allznbreit geratenett Briefe. Ich bitte demnach meine Breite, d. h. die meines Schreibens zu verzeihen, da ich von der Jugend reden will. Die Jugend beiderlei Geschlechtes ist also — ganz modern, weniger als chafsidisch. Sie liest mit Vorliebe die modernsten, gelb gebundenen Romane und findet das Judentum sehr veraltet. Töchter aus den ^heiligsten" Gegenden Polens fetzen sich mit der Handarbeit am Labbathe auf der Promenade nieder, wo die Kurmusik die ulte Weise des „Kol-Nidre" (Rosenfeld heißt der „Vertoner") zum Verzücken der Väter und Mütter ertönen läßt, aber bald darauf einen Walzer von Strauß (es ist nicht allein der Johann, sondern auch der Oskar, der steht uns näher) lustig anfspielt. Ein Herr aus meiner Gesellschaft machte folgenden traurigen Witz — es werden auch solche hier gemacht,'wie wäre es auch anders möglich in der Gesellschaft unserer Volksgenossen. Er fragte: „Wisset Ihr, warum es keinen ,Dowor-Acher^ (Schinken in meinem geliebten Deutsch genannt) hier gibt? Nun, weil ihn die Kinder unserer .Frommen^ gänzlich anfessen." Ich überlasse die Verantwortung für die Wahrheit des Gesagten dem Urheber dieses „witzigen" Wortes. Doch, „Witze auf die Seite", man kann an diesem Orte der Natur- und Wasserheilmethode studieren, wie nah bei einander die Gedanken wohnen und hart im Raume sich die Dinge stoßen. Und nirgends ist dies so der Fall wie in unserem, uns so tenereti Judentum. Der Vater mit dem Schulchan-Aruch in der Hand, der Sohn triefend von Nietzsche, Tolstoi und Häckel. Sie werden es begreiflich finden, hochzuverehrender Herr- Schriftleiter, daß ich, um meine Ruhe wiederznfinden — denn ich will hier ausruhen uub meine Aufregung verlieren — zum Wanderstecken griff und, von der Aufregung durch die Menschen, Anregung suchte — in der Natur. So wanderte ich denn ins Gebirge, klomm empor zu dem Gipfel des Sudetengebirges und marschierte, bald im Schweiße meines Angesichtes, bald von einem wohltätigen Jupiter Pluvius, der heuer ein scharfes Regiment führt, nicht sehr angenehm „übergossen", denn auch er scheint ein Anhänger der Kaltwasserkur zu sein, über den Gebirgskamm und gelangte in ein mährisches Städtchen, Goldenstein genannt, das drei Wirtshäuser besitzt, eine katholische Kirche, ein uengebautes Rathaus, einige Deutschnationale, wahrscheinlich sind sie auch Antisemiten, eine Ruine, sie gehört dem Fürsten Liechtenstein, der sich, nebenbei bemerkt, größeren Besitzes erfreut als Ihr bescheidener Berichterstatter und Briefschreiber, und das vor Jahren, wie mir ein armseliges Bäuerlein erzählte, was ich im übrigen schon wußte, sich auch einer Jndengemeinde rühmte. Jetzt, so sagte mir mein Bäuerlein, sind sie,, nämlich die Juden, alle entweder aus dem Judentum oder sonst „furtgezogen." Nur e i n Name erinnert noch hier an die entschwundene jüdische Herrlichkeit. . O, alte, jüdische Herrlichkeit, was ist aus dir geworden, wohin bist du entschwunden? Mit dieser Reminiszenz an das schöne Burschenlied, das ich einstens gesungen und nun wehmütig vor mir hermurmelte, dampfte ich von diesem einsamen Orts ab und grüßte die Ruine Liechtenstein und noch andere Ruinen... Aber nicht mit dem Tone der Wehmut will ich diesen langen Brief schließen. lXub wenn mich auch die Posaune des Gerichts daran mahnt, daß auch die längsten Ferien eine Ende nehmen, bin ich, nach der langen Ruhe in diesem schönen Gebirge, von dem Bewußtsein erfüllt, daß unser Judentum, dem man so gerne ein Grabeslied singen möchte, noch lange leben, ja niemals sterben wird. Mit diesem hochbeglückenden Gefühle kehre ich zu meiner Arbeit zurück und bin Ihr sehr freitdig gestimmter., immer ergebener heiter grüßender Dr. Max G r ü n f e l d. Liberales Judentum. Von Claude G. Montefiore. IV. Die Mitte des 19. Jahrhunderts war der günstigste Zeitraum für die ausgedehnteste Emanzipation der Juden. In Deutschland wie in England begegneten ihre Forderungen vollster Zustimmung und in Frankreich waren sie bereits vorher anerkannt worden. Stimmte doch das, was die Juden verlangten, vollkommen mit den Gedanken überein, die zurzeit die Welt bewegten. Jenes alte Gefühl der Verachtung, jene alte Art des Judenhasses starben aus; es herrschte bemerkenswerter Friede; der neue Antisemitismus war noch nicht geboren. Glauben Sie nicht, daß ich mit diesen Ausführungen meinen Weg verlassen habe. Komme ich doch jetzt dazu, die Wirkungen dieser Emanzipation und dieses Kampfes um Emanzipation auf die Inden selbst zu untersuchen. Oder besser die religiösen Wirkungen und auch diese nur in einigen Ländern und in bestimmten Kreisen. In andern Ländern hingegen war die Wirkung eine zwar allmähliche, nichtsdestoweniger gut zu bemerkende und im Weiterwachsen begriffene Abkehrung der Inden von irgendwelcher Teilnahme oder Interesse an ihrer Religion. Da sie nicht mit den liberalen Gesamtanschauungen Schritt hielt, wandte man sich von ihr ab, und die Zahl der im festen Glauben auferzogenen und in diesem Sinne tätigen Anhänger des Judentums ward immer kleiner. In andern Ländern dagegen begannen einige Inden über die Beziehung zwischen ihrer Religion und ihrer eigenen Eman-. zipation nachzusinneu. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, sie ein mittelalterliches, museumsreifes Kuriosum bleiben zit lassen, gut genug nur für Kinder und ungebildete Leute, als Institution! grauer Vergangenheit. Sie wünschten sie sich als lebenden Glauben und als eine Religion in steter Wechselwirkung mit jeder einzelnen Regung und Bewegung ihres gesamten Lebens. Eine, wenn auch wunderbar erhaltene uub konservierte Mumie, die man von Zeit zu Zeit hervorholte und zur Schau stellte, konnte diese Bedingungen nicht erfüllen. Sie waren — um ein Beispiel zu nehmen — Deutsche, und sie waren auch Juden. Sie waren deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. In allem fühlten sie sich mit ihren Landsleuten eins, in allem mit Ausnahme der Religion. Denn das Judentum war eine Religion, und seine Gesetze waren religiösen Inhalts. Wenn der deutsche Jude irgendwelche nationale Gesetze und Gebräuche kannte, denen zu gehorchen er verpfiichtet war, so waren es die deutschen Gesetze und Sitten. Denn die Nation, der er angehörte, war die deutsche. Es kann niemand zwei Herren dienen, noch zwei Nationen angehören, denen er beiden Anerkennung und Gehorsam zu ein und derselben Zeit schuldet. Und nun waren zweifellos viele jüdische Gesetze nationalen Inhalts. Und dies, obwohl sie ebenso zweifellos religiöse Gesetze waren, und wenn sie immer noch befolgt wurden, und zwar streng befolgt wurden, es geschah im Hinblick auf ihren religiösen, nicht ihren nationalen Charakter. Das Schwergewicht lag vollkommen auf der religiösen Seite des Judentums. Ein religiöses Gesetz, ebenso eine solche Sitte, eine solche Formel verschafften sich Geltung; ein nur nationales Gesetz, wie Sitte und Formel