Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063453--05636-3072575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
akrtzsit yirbnftiou n. Slbmiiiüli »liou: | Wie». II/, Siounraflafje -7.1 Trlrl>0mi brv'finuttvc! lnüüS j| K. f. österr. Postsparkassaj; Scheck-Konto Sir. 100.918. jj •hil'cvatc! Tie viermal gespaltene! Stoiivareilie-Zeil« -:> Heiler.! ridoilileiilcul»- n. ^a>c, lloaSbelräge n»d in SOie» znüldar iind kiaadar. Unabhängige Zeitschrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Areitng. Malta : Ölegel (lioUes ist Wahrheit!" ■UllMJI'lßl 14 . . tt >4 -- lj X7>i!t>f»i0viu!k 7 - l' Für y iiltii*l'eiiiutr: •u.iimäDi iii if ><> Fn> Slii-IuuO: 'MuiMi.iöviti . . . « uunvr >i SfllPtl Jbn >6 üc«. Ar. 35. Wien, 4. September 11)08. Inhalt: Bon der Sominerivaiidermig. — Liberales Judentum. — Zur Geschichte der Judeneinanzipatiou in Oesterreich. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormürzlicheu Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Cbain^l Dziendobry. Don der Sommerwandernng. Aus den Sudeten, Ende Ab 5668. Hochzuschätzender Herr Schriftleiter! Ehe die Posaune des Gerichts — Schofar genannt — uns zwar nicht zu Gerichte, aber zur Wiederaufnahme unserer Tätigkeit in die Stadt, voll Staub und Qualen, ruft, will ich Ihnen, nach Ihrem Wunsche, etwas von meinen Streif- und Wanderzügen im Gebirge berichten. Und da ich mich der übermütigen Hoffnung hingebe, daß das Berichtete auch manchen Ihrer Leser interessieren dürfte, habe ich nichts dagegen, wenn Sie diesen Brief der Oeffentlichkeit übergeben, d. h. mit anderen Worten, ihn in Ihrem sehr geschützten Blatte abdrucken. Begeben wir uns also in „naeäins rss", wie es dem Epiker ziemt. Sie glauben gar nicht, sehr zu schätzender Herr Schriftleiter, wie interessant sie sind, diese im Norden Mährens und Schlesiens koppenartig sich binziehenden Sudeten, Allvater-Gebirge auch genannnt. Natürlich denkt, der weniger in der Erdbeschreibung bewanderte Leser, wenn er vom „Altvater" hört, an eine berü—hmte Reklamnotiz in den Zeitungen, die ich in nachfolgende mehr schlechte als rechte Verse kleiden möchte. Sie lauten:! „Drei Dinge nenne ich Dir inhaltsschwer: Jügerudors, Geßler, j Altvater." Indem ich für das soeben verbrochene Distichon Sie I und Ihre Leser um Verzeihung bitte, erwähne ich, daß der! Altvater, der mich durch das Fenster meines Zimmerchens grüßt! — gewöhnlich grüßt er auch nicht, wenn er, wie .in diesem! Jahre leider meist, in eine Wolkenschlafmütze sich hüllt — nicht allein durch den Alkohol bekannt ist, dem er, sonderbarerweise, den Namen geschenkt. In diesem Altvater-Gebirge und in den Sudeten im allgemeinen finden sich die schönsten Tannen, nervöse Menschen, krystaühelle Quellen und Ströme sauerer Milch, von welch letzterer erzählt wird, daß sie. ein Getränk frommer Denkungsart, auf die aufgeregten Nerven beruhigend wirken soll. Schon an diesem, meinem Briefe werden Sie merken, daß ich nicht mehr aufgeregt bin und ihn jedermann lesen kann, ohne sich getroffen zu fühlen.- Freilich lernte ich in dem Winkel, den ich hier bewohne, manche aufgeregte, nervöse Menschen ohne Unterschied des Glaubens, des Geschlechtes, der Nationalität und des Standes kennen. Sie alle kommen her, um die Heilslehre des Begründers der Kaltwasserkur an sich zu erproben, sich nämlich mit Wasser begießen zu lassen, keine Karten zu spielen, Milch zu trinken, nicht zu rauchen, den Fleischgenuß, natürlich, auch den Genuß .T.-rv-üv.. vys:.- ktt-' '■.; des „Dowor-Acher" sehr ferne von sich zu halten, und sich sein säuberlich von Butter und Eiern zu ernähren, kurz, wie die Kindlein zu werden, brav, ruhig und fromm. Ich will durchaus nicht behaupten, daß sie es alle auch in der Tat geworden sind. Es muß unter unseren Glaubens- oder i Volksgenossen viele aufgeregte Menschen geben, denn in diesem! Sudelenwinkel wimmelts von Assimilanten. Chassidim, Zionisten,! gelausten und ungelanslen Auch- und Nurjnden. Da finden sich j dann die Antisemiten wie von selbst ein. Sie, nämlich die Anli-! semiten, teilen sich hier in Deutschnationale und Chrffilichsoziale,! und, fast wäre es vor einigen Tagen zu ernstlichen Reibungen j zwischen den feindlichen Brüdern gekommen znm großen Gaudium! der Sozialdemokraten, die in diesem Industriegebiete — man! fabriziert nämlich hier Leinwand und diese nährt ihren Mann, j den Fabrikanten nämlich — reichlich sich vorfinden. Es kam j aber zu keinen blutigen Kämpfen. Nur faule Eier, die in großer! Menge hier zu Markte gebracht werden, bedeckten das friedliche Schlachtfeld. Und so kehren wir nach diesem kurzen Schlachtenberichte ans das friedliche Feld unserer Tätigkeit zurück nnb wenden uns unseren Glaubens- oder Volksgenossen zu. Diese kommen ans Deutschland, aus Oesterreich, namentlich ans Mähren und Schlesien, meist aber ans den gesegneten Gefilden des Chassidismus, aus Rußland und Polen hieher. Sie können hier alle nach ihrer Art selig werden, sie beten und essen in ihrer Weise. Wir Juden aus den Städten, in denen der Gott Israels unter Orgelbegleitung, Damenchor, mit deutscher Predigt, zusammengefaltetem Tallis angerusen wird, staunen, wie ganz anders dies die polnischen und russischen Chassidim tun. Während es unter uns Westjuden solche geben soll, denen Tephillin ein Märchen aus uralten Zeiten, aus den längst vergangenen Tagen der Jugend, ein „pien souvenir“ gleichsam entschwundener Stunden sind, machen diese Chassidim noch feine Unterschiede zwischen Raschis und Rabbenu-Tams-Tephillin und streiten sich — o, diese Idealisten im Kaftan — über Schechitafragen. Und während sie streiten, raunen die Tannen dazu ihr uraltes Lied und die Quellen murmeln in ewiger. Wagnerisch geredet, unendlicher Melodie. Welch ein Ort der Gegensätze! Die Reformierten, die sich unten in der Stadt, im Tale, zum Gottesdienste versammeln oder versammeln sollen, bringen mit vielem, aber leider oft vergeblichem Bemühen, kaum ein Minjan am Sabbathe zusammen, während die Chassidim oben, aus dem Berge, wo das kalte Wasser menschliche Gebreste aller Art heilt, fromm, nach Väter Art, allerdings mit etwas nervöser, unruhiger Gebärde, den Gott anrufen, der in Zion thront. Da wir von Zion ge-