Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 34. dachte er in solchen Momenten stets bei sich, „dex auch so sprechen könnte, wie diese Jphigenia." „Sieh," hatte , er mehr als einmal auch zu seinem Josef gesagt, „diese alten Griechen müssen auch gerade solche Jichnsfanatiker gewesen sein, wie unsere Leute in M., und wenn diese Klugen der Klugen sich soviel daraus einbilden konnten, muß auch etwas an diesem Jichus sein, mit dem wir Beide ja leider nichts zu tun haben." Doch nun konnte auch er still sich freuend ans Ende dieser schönen Reihen, als Großvater von Mirjams Kindern, sich geschlossen denken. So hatte ihm also ein gütiges Geschick auch jenen still gehegten Wunsch erfüllt. Zuweilen geschahs aber auch, und zwar in Augenblicken leichter Müdigkeit, daß wie aus einem halbunbewußten Gedankengang heraus — fürchte, fürchte, daß der grausame Himmel Dir nicht all Deine Wünsche gewähre — ihn gerade darum ein leichtes Erschrecken übersiel — würde er sich der geträumten Enkel erfreuu? Geschiehts doch zu oft im Leben, daß die Vorfreude das Schönste war. Zum Glück hatte er nur selten Zeit und Muße, sich seinen Gedanken hinzugeben. Aber seit der zu erhoffeudeu nahen Verwandtschaft mit den Größen Israels schieil eine Wandlung mit Stahlberg vorgegangen zu sein. Er begann seine heimlichen Gegner viel rücksichtsvoller zu behandeln und kam ihm irgend einer dieser Menschen in den Wurf, aus dessen Augen ihm wieder etwas entgegenzulenchten schien, das an Reb Schmuls Blick gemahnte — lachte er bloß darüber. „Vielleicht ists nur der Funke von Stolz auf seinen Jichus, jenem von Jphigenia so hoch gepriesenen Stolze der Helenen verwandt," sagte er sich dann, „und wer tonnte auch wissen, an welche Reihe edler Ahnen dieser Mensch sich geschlossen dünkt, so hat er ja am Ende auch recht, auf mich herabzusehen" und er gab sich umso liebenswürdiger. Ueberhaupt für die Vorgänge in der Gemeinde legte er jetzt, zum nicht geringen Erstaunen aller, das lebhafteste Interesse an den Tag. Und erst — als beschlossen wurde, zum'Bau einer neuen Synagoge — der alte Holzbau war in einem Zustande, daß keine Reparatur mehr half — Materialien zn sammeln — da man von der Voraussetzung ausgmg, solche leichter geschenkt zu bekommen als Barmittel, schien Stahlbergs Gebelaune keine Grenzen zn kennen. Ziegel, Bausteine, Bretter und Balken, Schindeln und Fensterglas, Eisenbeschläge zu Türen und Fenstern schickte er gleich in ungeheuren Mengen. Zierrat für die innere Ausschmückung, Altardecken, silberne Leuchter, versprach er anschaffen zn wollen. Darauf kamen die Wohlmeinenden, die anfänglich auch etwas befremdlich getan, überein, mit dem Beginn des Baues keinen Augenblick länger zu zögern. Man war der Ansicht, Stahlberg, der jetzt vieles nachholen, vieles in der Gemeinde gut machen zu wollen sich so augenscheinlich bemühe, würde es Ehrensache fein, auch die Mittel für Arbeitslöhne und ebenso das noch Fehlende für den Bau auch zu spenden. Und diese Ansicht bestätigte sich in einer Weise, die selbst die hochgespanntesten Erwartungen übertraf. Bloß einige wenige jener hellen Köpfe stießen sich etwas ungläubig au und wisperten mißtrauisch von einer Möglichkeit bedeutender Vermögensverluste, als den bewegenden Grund, der Stadlberg veranlasse, in der Aussöhnung mit der Gemeinde einen Halt zn suchen. Inzwischen wurde bekannt, Stahlberg habe das große Gut der Sazas erworben und den größten Teil des Kanfschillings bar ausgezahlt. So erlebten es denn diese hellen Köpfe — vielleicht zum erstenmale — ausgelacht zu werden und sich schämen zu müssen. Doch wie es nicht selten geschieht, daß ein Uebel zur Quelle eines Wohles wird, waren es jetzt gerade diese hellen Köpfe — ob halbunbewnßt in einem Anfluge von Reue, ob ihrer ausgeklügelten Hypothesen? — Genug, daß sie es waren, die jetzt Stahlbergs Großmut in allen Tonarten zn preisen begannen, ihm endlich gerecht zu werden suchten, bis er denn auch sehr bald von allen und jedem als vollwertig anerkannt wurde. Und Stahlberg war glücklich über diesen Umschwung in der Meinung der Leute, die in einer Art — so ganz und gar abweichend von jener,, wie ihm sonst begegnet war — sich äußerte, ja in einer Art Ehrerbietung, die ihm jetzt bei jeder Gelegenheit eütgegeugebracht wurde — kam diese Meinung zum Ausdruck. Stahlberg fühlte es, er wurde jetzt nicht allein geehrt — was ja allzuoft, wie er wußte, in Anbetracht großen Reichtums geschieht — Achtung wars, die er sich erworben, errungen, ja erkämpft hatte.- Ein Jahr etwa ging hin. Kein Mißton trübte das gute Einvernehmen zwischen Stahlberg und den Leuten aus der Gemeinde, — sein Rat, sein Beistand, mehr noch, feine Kassa wurde oft in Anspruch, genommen, nur daß jetzt die Vermittlung der Rebezin nicht mehr nötig war. Und die gute Meinung über ihn nahm stetig zu und befestigte sich mehr und mehr in den Gemütern. Manch größeres und kleine, es Ereignis, die den Menschen in dem weltentlegenen Nest als die einzig bewegenden im Weltgetriebe dünkten, waren vorübergeranscht. Und eines Tages war dann Josef Stahlbergs Rückkehr, das große Ereignis von dem man sprach — und dem Sohne wurde es jetzt gar leicht, die Herzen, die dem Vater zugetan waren, auch für sich selber zu erobern. Während der ganzen Woche hielt sich der junge Stahlberg ans dem neu erworbenen Gute auf, und hier hatte er so recht Gelegenheit, den kleinen Leuten aus der Stadt ihre Wünsche um Beschäftigung und Verdienst in ausgedehntem Maße zu erfüllen, und sie merkten, er tat es mit Freude, tat es in einer Art, die Freude' erweckte. An jedem Freitag gegen Abend, ehe die Läden geschlossen wurden, sah man Joses Stahlberg, seinen kleinen Einspänner selber lenkend, durch die lange Straße nach dem Hause seiner Eltern fahren und Samstag abend, wenn alle anderen Leute in der Stadt ihre Arbeit längst wieder ausgenommen hatten, nach dem Gute zurückkehren. — — Nach Monaten verbreitete sich dann eines Tages plötzlich das vielen unglaublich erscheinende, für alle jedoch höchst überraschende Gerücht von einer bevorstehenden Verlobung der ältesten Tochter der Rebezin mit Josef Stahlberg. Und jetzt erklärten die hellen Köpfe apodiktisch diese Verlobung als eine längst geplante, ja längst abgeschlossene Sache, die sie bis zu dem Zeitpunkte des begonnenen Synagogenbanes zurückdatierten — „denn bei dieser Gelegenheit," erklärteii sie, hätte Stahlberg zum erstenmale so überaus nobel sich benommen, wie es nur einer tut, der sich im Hinblicke auf diese zu erwartende Verwandtschaft der Verpflichtung erst bewußt wird, die solcher Adel auferlegt." — — Und sie wogen jetzt auch nicht mehr Stahlbergs Bibelgelehrsamkeit — sie wogen nur noch seine Verdienste um den so prächtig prangeuden Ban der Synagoge und befanden diese Verdienste nicht leicht — befanden ihn und seinen Sohn der so hohen auszeichnenden Ehre würdig in das nahe verwandtschaftliche Verhältnis zu dem allverehrten Raw und der vielgeschätzten alten Rebezin zn treten. Der Einzige in der ganzen Gemeinde, der ahnungslos den Vorgängen und Geschehnissen gegennberstand, war der Raw. An dem Tage als die Equipage des Michutins ihn zur j Verlobung seiner ältesten Tochter Mirjam mit Josef Stahlberg abholte — die Räume der Branteltern hätten angeblich dir Zahl der geladenen Gäste nicht fassen können. In dem Augenblick, nachdem der Raw mühsam den Wagen bestiegen, sprach er halb wie für sich, halb zu seiner Frau gewendet, die ihm hineingeholfen — langsam und bedächtig dir inhaltsschweren Worte — und sie klangen wie durchdrungen von seiner innersten Ueberzeugung, klangen gottergeben: „Zar Gidel Bmiim!” („Welche Bürde, Kinder großzuziehen!")