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Die Wahrheit · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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atu 34 Oesterr.-ungar. Kautoren-Zeitung. Leite 9. t Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst 1 ersucht, den Abonnementsbetrag sür das lausende ' und eventuell rückständige Quartal einzusenden. I — —^ ... ~; Rabbiner itub Kantor. Zu den merkwürdigen rabbinischen Aussprüchen, die in der * letzten Nummer dieses Blattes veröffentlicht wurden, erhalten wir '■ einige Einsendungen, denen wir, trotzdem wir die Angelegenheit > endgiltig erledigt glaubten, dennoch die Veröffentlichung nicht versagen können. An erster Stelle geben wir einem Kollegen das Wort, der an der Seite eines der genannten Herren Rabbiner wirkt und den letzteren zu verteidigen sucht. Das friedliche Einvernehmen, das da zwischen Rabbiner und Kantor dokumentiert wird, ist allerdings erfreulich, aber es ist doch auffällig, warum der Herr Rabbiner, wenn er mißverstanden oder falsch zitiert wurde, zur Richtigstellung des wahren Sachverhaltes sich nicht selbst zum Worte gemeldet hat. Im Nachfolgenden die an uns gelangten Einsendungen: Vnkovar, am 24. Angnst. „D e n k w ü r d i g e r a b b i n i s ch e A u s s p r ü ch e". Löbliche Redaktion! In der letzten Nummer Ihrer geschätzten Wochenschrift veröffentlichte Herr Kollege Oberkantor Meisel, Karlstadt, unter obigem Titel den Ausspruch unseres Herrn Rabbiners Dr. Diamant: „Die Kantoren sind keine -ves'rHw". Da ich die Ansichten unseres Herrn Rabbiners genau kenne und überzeugt bin, daß er den Kantoren sehr gut geneigt ist. muß ich seine Partei nehmen, und seinen Aussprnch: „der Kantor ist kein tos nSrv" entschieden verteidigen. Wir haben leider gerade jetzt die traurige Gelegenheit, wahrzunehmen, was für Individuen sich vor den hohen Feiertagen Stellen als. Sclieliche Zibbur suchen. Unser Herr Rabbiner meinte, Scheliach Zibbur ist nur derjenige, der nach den Vorschriften des 8ohuIcha.ii aruch wandelt, wie es in aller Zeit war, der erstens nicht besoldet war, einen äußerst frommen Lebenswandel geführt, einen großen Bart getragen hat und nicht gestutzt war, od'er gar denselben glatt rasiert hätte und der nur der heiligen Thora und nicht der Außenwelt lebte. Jetzt, wo man sieht, daß die Gemeinden Leute anstellen, die noch gestern einer wandernden Brettelsängertruppe angehörten und manches am Gewissen haben, Individuen, die nur den Vorzug genießen, frech zu sein und gut schreien zu können, sind dies 8cheliche Zibbur, die bei* Schulchan aruch meint? Das ist es, was den Kantorenstand herabwürdigt! Dafür trifft uns jedoch keine Schuld, nur die Gemeinden können dafür verantwortlich gemacht werden, die sich so wenig um Charakter und Vorleben der Stellensnchenden kümmern. Ich habe während meiner 12jährigen Dienstzeit hier nie eine Geringschätzung des Kantorenstandes von Seite unseres Herrn Rabbiners wahrgenommen, und ich muß nochmals bemerken, daß er den Kantoren sehr gut gesinnt ist und nur das Wohl der Beamten im Auge behält. Indes weiß ich auch den Ausspruch des Herrn Dr. Schick gebührend zu würdigen. Erbat Recht, daß Pferde auch voranschreiten! Indes giebt es sehr edle Raffen, die der Lenkung ganz gemeiner Kutscher anvertraut werden! Herrn Dr. D r o b i n s k l zu antworten, halte ich unter unserer Würde, da er allem Anscheine nach mit den Verhältnissen der Seiltänzerinnen besser vertraut zit sein scheint, als mit denen der jüdischen Funktionäre im Gotteshause. Indem ich für die Veröffentlichung im Voraus bestens danke, bin ich mit vorzüglicher Hochachtung Adolf Schwa r c z Oberkantor. * * * Geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer dieses geschätzten Blattes lasen wir einige gehässige Aussprüche von Rabbinen über unfern Stand, die uns eigentlich nicht besonders überraschten. Die Suppe bei einer Chewra-Sude war brennend heiß, aber so fett, daß sie nicht dampfen konnte. Der erste, der sie für kalt hielt, kostete und brühte sich die Zunge ab, um aber von Schadenfrohen nicht ausgelacht zu werden, knirschte er mit den Zähnen und schwieg. So geschah es auch dem Zweiten, dem Dritten n. s. f. Ich will Gott behüte nicht alle Rabbiner generalisieren, es gibt unter ihnen noch genug Fromme und Gerechte, aber in vielen Gemeinden ist der Kantor faktisch dem Rabbiner ein Dorn im Auge! Die Sache hat auch seinen natürlichen Haken. Der einstige Raw war der absolute Herrscher des Kahals, neben ihm durften keine andern Götter angebetet werden. Wenn der Chasan betete und die Herzen für sich gewann, wurde wohl auch ihm gehuldigt, aber zu einer Respektperson konnte er sich selten emporarbeiten. Er war auch zumeist Schocher, daher dem Raw mit Haut und Haaren verschrieben, und ohne Bedenken unterwarf er sich diesem. Taten es doch selbst die Gewaltigen der Gemeinde! Nun haben sich die Verhältnisse ordentlich geändert. Wir haben keinen Raw mehr, der Tag und Nacht bei seinen S’forim sitzt und lernt, wir haben einen Doktor, der Assyrilogie betreibt und sich darauf viel zu gute tut. Der Spruch: „ Jehe mauroh rabboch! ist da ganz deplaziert. Der Rabbiner ist kein Zeltensitzer mehr, sondern geht das ganze Jahr Besuche machen von einem Balbos zum andern, um nach Gunst und Einkommen zu werben. Wohl ist er vom Staate ans als Seelsorger anerkannt, aber er ist intelligent und sieht oft ein. wie entbehrlich er in so mancher Gemeinde ist. Man braucht ihn zu keiner 8chail6, zu keinem Besdin mehr. Er verlegt sich ans das „Brich-schsm6"-sagen, das nie vom Raw gesagt wurde, und ans „Ansprachen", die nie vom Raw gepflegt wurden. Endlich kommt der Kantor pardon! Oberkantor, was sich doch diese Leute für Titel heranssnchen! Er ist kein zerquetscht Jüdel mehr, er sagt sogar, er hätte am Konservatorium studiert — eine Unverschämtheit? Er will kein Schocket mehr sein, er singt mit geschulter Stimme, spielt ein Instrument, er komponiert auch zuweilen — und er wird dem Herrn Doktor sehr unsympathisch. — Es herrscht leider schon genug Unfrieden in den Gemeinden, al horischonim onu miztarim... Oberkantor Armin Wilkowits ch, Eger. * £ * Sehr geehrter Herr Redakteur! Es ist wohl richtig, daß man sich mit derartigen Leuten ivie dieses Rabbinertrifolinm, das so schmählich über den Kantor urteilt, in keine Polemik einlassen soll. Bedenken Sie aber, wie hoch ihnen der Kamm anschwellen würde, wenn man es ganz unterließe, gegen ihre Ueberhebung entschieden Stellung zu nehmen. Schweigen ist wohl die größte Kunst, aber wenn man immer schweigt, so verschweigt man sich gewöhnlich. Ich will mich nicht in eine anzügliche Polemik einlassen, vielmehr an einer wahren Begebenheit zeigen, wie gern man sich an dem Kantor sein Mütchen kühlt llnd wie hoch an der Zeit es ist, daß die Stellung desselben genau präzisiert und gesetzlich geschützt wird. Ich war vor einiger Zeit bei einem Kreisgerichte als Zeuge vorgeladen. Der Präsident nahm mein Nationale ab und blieb bei dem Worte „Knltusbeamter" stehen. Ich erklärte ihm. daß ich Kantor, Religionslehrer und Schächter sei. Nun waren seine Fragen sehr konziliant, indem er mich immer „Herr- Schächter!" titulierte. Jedem Einzelnen mußte es auffallend sein, daß er speziell immer mich mit dem Titel „Herr Schächter!" ansprach und es war direkt handgreiflich, daß er es ans mich abgesehen hatte, um mich dem Hohne und Spotte preiszugeben. Endlich ging mir die Geduld aus und ich sagte zu ihm in höflichem Tone: „Herr Präsident! Sie finden an dem Worte „Schächter" Gefallen und suchen auch Ihre Herren Kollegen mit demselben zu amüsieren. Ich bin in der Schule der Religionslehrer, im Gotleshause der Kantor, und der Schächter bin ich. wenn ich vor dem Ochsen stehe. Ich unterschrieb hierauf mein Protokoll und wurde dann, ohne daß der Präsident mehr ein Wort an mich gerichtet hätte, emlafsen. Und nun zu den Herren Rabbinern von der Sorte jener, die so geringschätzig über den Kantor urteilen. Lernen, denen der "p-ij? jrtbvtf nichts gilt, ist vielleicht der nenn rvo maßgebend, und es ist traurig, wenn solche Männer sich als Hiner des Judentums aufspielen können. Kantor G. Samek, Schüttenhofen.

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