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Die Wahrheit · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leite 6. Die Wahrben Nr. 34. in denen wir jetzt wohnen, in denen wir schon so lange wohnen und wo wir auch in Zukunft noch lauge zu bleiben hoffen, ja zuversichtlich erwarten. Sie forderten als in jeder Beziehung vollberechtigte Mitglieder des Staalswesens. mit deren Rechten wie deren Pflichten anerkannt zu werden. Als sie so die ..bürgerliche" Gleichstellung erlangt und erkämpft hatten, wurde der Wunsch bald rege, auch in „staatsbürgerlicher", will sagen politischer Richtung Gleichberechtigung zu erwerben. Die Juden erwogen: „Wir sind von allen unseren Landsleuten durch unsere Religion geschieden, durch unser Bekenntnis allem, nichts weiter. Ihre Kultur ist unsere Kultur, ihr Friede und Glück unser Friede und Glück. In allem wollen wir darum uns ihnen gleichstellen, in allem, nur nicht in der Religion. Und dieses Moment kann uns nicht hindern, mit ihnen eins zu sein, trennt uns doch nicht so sehr die Religion als Höchstes genommen, als vielmehr einige Lehren eben dieses Glaubensbekenntnisses sich scheidend darbieteu. Ihre ethischen Ideale und die unseren sind fast dieselben, und unsere Auffassung von Recht und Gerechtigteit stimmt in den Hauptzügen überein mit ihrer Vorstellung. Das göttliche Wesen ist für uns alle eine Quelle, die Voraussetzung aller Güte, und das Gesetz der Moral, dem wir in treuer Anerkennung auhängen, unterscheidet sich von den ihren, wenn überhaupt, so nur durch den Ausdruck. Keinesfalls durch das Wesen. Wir sind nicht die fremden Orientalen, die sich nur vorübergehend unter den abendländischen Völkern aufhalten, ohne mit ihnen Ansichten gemeinsam zu haben, auch nicht danach streben, deren Ehrgeiz, Ideale und Bestrebungen uns fern sind und bleiben. Nein, solche Fremdlinge sind wir nicht. Mögen wir auch aus Osten gekommen sein, heute sind wir vollblütige Westeuropäer, westlich geartet von Temparemeul wie an Denkart. Vielen, sehr vielen schien im 19. Jahrhundert diese Forderung der Juden recht und billig, und in vielen Ländern bewilligte man sie. Es sei bemerkt, daß dieses Postulat mit der Art der damaligen Zeit in zwei Richtungen übereinstimmte. Zum ersten war der intensive, man kann fast sagen der allmächtige Nationalismus des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts bereits überwunden; es gab nicht mehr das bittere Gefühl der Rasse, das mit seinen Ausflüssen schwer auf dem Judentum gelastet hatte, indem es rückwirkend auch dort sich geltend machte. Der Gedanke, daß eine Nation ans mehreren Rassen sich bilden dürfe, war nicht verfemt. Es sollte nicht jede Rasse mehr eine eigene Nation bilden. Vielleicht mag auch mitsprechen, daß man weniger Scheu und Zurückhaltung den Fremden gegenüber bewies, daß man gewillter war und bereitwilliger, sich anzupassen und jene Anpassung an sich zu fördern. Was den Rassegedanken speziell anbetrifft, so schien es nicht mehr so furchtbar, so unvernünftig, daß in der Masse der Bürger einer, sagen wir, teutonischen oder lateinischen Abstammung eine kleine Minderheit von Männern sich befinden sollte, die eine ganz andere Herkunft, und zwar eine semitische, answiesen. Auch sie konnten ihr Geburtsland lieben, das Land, das sie au Kindesstatt ausgenommen. Auch sie konnten die Freiheit gut und in guter Weise gebrauchen. Lassen Sie mich kurz eine Bemerkung einflechten. Ich vertraue darauf, daß die Gesichtspunkte noch unter uns wirken, daß sie zumindest in England noch am Leben sind; ich habe das Zutrauen, daß sie auch hierin Bradford sind, in den Herzen derer, die ich jetzt vor mir sehe. Doch weiter — das Verlangen der Juden nach Emanzipation harmonierte mit den theoretischen Bestrebungen, Kirche und Staat zu trennen, oder sagen wir anders, mit den Bestrebungen, die dahin zielen, ein freundschaftliches Verhältnis des Staates zu mehr als einer Kirche herbeizusühren, vorausgesetzt, daß diese Religion eine entsprechende Anhängerzahl besitzt und daß unter diesen Gläubigen hinreichend Denker und Politiker, die eben diese Freundschaft vermitteln sollen, sich befinden. Man kam dahin, anznerkennen, daß auch außerhalb des Bodens des Christentums Religionen bestanden, die eine schöne und heilbringende Moral verbreiteten und deren Jüngern man wohl kommunale und staatspolitische Ehrenämter wie Stellungen anvertrauen durfte. Ja man ging vielfach noch darüber hinaus, indem man lehrte, daß ja Moral und Religion durchaus verschieden seien, daß eine Scheidung sogar erwünscht sei, und daß! dementsprechend der Staat auf durchaus weltlicher Grundlage aufgebaut werden könne. Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormarstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Nur äußerst selten kam es vor, daß. ein Bachnr von irgend einer Hansfran, der er eine „Plett" offerierte, znrückgewiesen worden wäre. Die Vorzugsschüler wurden vom „Plettennehmen" dispensiert. Sie erhielten ihres Fleißes, wie ihrer gediegenen talmudischen Kenntnisse wegen, vom Rabbiner an die reichen Gemeindemitglieder Anweisungen, wo sie das ganze Jahr hindurch jeden Sabbath anständig verpflegt wurden. Der technische Ausdruck dafür war in der Jeschiba „Kebiutk“. Jeder „gute Bachnr", der sich als Dialektiker anszeichnete und imstande war, mit dem pilpnlistisch predigenden Rabbi in der Synagoge oder in der „Schinrstube" bei den talmudischen Vorträgen, „beim Schinr", zu disputieren („rristalxsl zu sein"), oder gar eine ..herbe" „kasche“, Frage, in scharfsinniger Weise zu lösen, durfte mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß er ein „Kebiuth", was in der Jeschiba als höchste Ehre, ja als eine Art Auszeichnung galt, erlangen werde. In ungarischen „Jeschibot" nannte man einen solchen Bachnr gewöhnlich „Schabosaus Bachur“. Dem Ausspruche R. Simeon gemäß, welcher lautet: „Wenn drei an einem Tische essen, und es rmterlassen, von dem Gottesworte zu sprechen, so ist es, als äßen sie von einem Toteumahle" (Abot 3, 3), mußte der Bachnr allsabbathlich während der Mahlzeit in Gegenwart der Tischgesellschaft, wenn nämlich der „Baal habajit“, Hausherr, ein Talmudist war, ein „Charifotswörtchen", das die Erörterung einer oder mehrerer Fragen, „Kaschjos“, die der Rabbi bei der Behandlung eines talmudischen, oder richtiger halachischen Themas aufgeworfen und gelöst hatte, enthielt, reproduzieren. War aber der Hausherr kein Lamdan, so genügte bloß die Deutung und Erklärung irgend eines als rätselhaft erscheinenden Verses in der Bibel, oder die Lösung und Erörterung eines „schwierigen Midrasch", was man gewöhnlich „Magidot" nannte. Dem praktisch klugen und würdigen Bachnr gelang es oft, sich in der Familie beliebt zu machen. Nicht selten wurde so manch armes „Bachurl", das aus weiter Ferne eingewandert und an dem einen Sabbath nicht wußte, an wessen Tafel er am nächsten Sabbath sein „Wörtchen" oder „Pschatchen" zu sagen haben werde, später der Schwiegersohn eines reichen Mannes; denn in Oesterreich galt damals das Sprichwort: „Aus einem Bachnr kann man alles machen." Viele der hervorragendsten Geschäftsmänner, Großhändler, Fabrikanten und Banquiers in der vormürzlichen Zeit, deren Enkel zumeist infolge der „Wassersucht" ihr Judentum bereits verloren haben, waren ursprünglich arme Talmudjünger der Jeschiba, die infolge ihrer gediegenen talmudischen Kenntnisse, wie ihres „Wohllernens" wegen von den frommen begüterten „Baals Batira" als Schwiegersöhne „eingesetzt" erkoren wurden. Der Bachnr ging damals überhaupt nicht mit dem Vorsatze auf die „Jeschiba", um einst Rabbiner oder sonst irgend ein Kultnsbeamter einer Gemeinde ju werden, sondern einzig und allein um durch viele Studieu das unermeßlich große und weite „Meer desTalmuds" „«Jam halmud" einst selbständig durchsegeln und aus dessen Tiefen die reichen Schätze und kostbaren Perlen, die allgemein bewundert und hochgeschätzt wurden, holen zu kommen. Ist es ihm nun durch Fleiß, Mühe und Entbehrungen gelungen, »sein sich vorgesteckles Ziel zu erreichen, so wurde er, nachdem er den Bund der Ehe mit irgend eines reichen Mannes Tochter geschlossen, Geschäftsmann, ohne jedoch seine theologischen Studien, denen er von seiner frühesten Jugend an, Zeit und Kraft gewidmet, zu vernachlässigen. Nur wenn er durch mannigfache Geschäftskalamitäten und Unglücksfälle seines. Vermögens verlustig geworden, sah er sich gezwungen, so eine Gemeinde ihm das in ihrer Mitte, vakant gewordene Rabbineramt in

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