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Die Wahrheit · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Die Wahrheit Seite 5. nation etwas zn tun. sei niemals an ein Volk, an eine Rasse j geknüpft, oder es habe mit einem Gesetz keine Berührung, nun > erst nicht mit einem Sondergesetz. j Ich will nun bei meiner Erörterung, jeden dieser beiden! Gesichtspimkte, das Judentum als nationale Religion und das Judentum als Gesetzesreligion, jeden für sich genauer hervorheben, denn beide Punkte berühren unser Thema, das liberale Judentum in seinem Ursprung wie in seiner Entwicklung eng und bezeichnend. Erstlich einmal: das Judentum ist eine nationale Religion. Was will das besagen? Nicht etwa soll es das heißen, daß der Gott des Judentums nur der Gott der Juden wäre und dementsprechend von den Juden nicht als Gott der gesamten Welt betrachtet würde. Es will auch nicht besagen, daß der Gott des Judentums ein parteiischer Gott wäre, der die Juden mit anderem Maße messe als die Andersgläubigen. Noch auch will es ausdrücken, daß das Judentum kein Interesse für die Welt außerhalb seiner selbst und seiner engen Grenzen habe und daß es für die Außenwelt keine Hoffnungen noch Wünsche hege als die, daß seine Unterdrücker vernichtet werden möchten. Bei einem modernen orthodoxen und überliefernngstreuen Judentum wäre es völlig verfehlt, „national" in irgendeinem unmoralischen oder irreligiösem Sinne anfznfassen. Selbst das rabbinische Judentum würde einen derartigen Standpunkt nur unter vielen Reserven und Einschränkungell Vertrauen schenken. Für ein modernes Judentum gibt es nur eine richtige und allem Rechnung tragende Ansicht, so daß ich diesen Punkt als einen solchen glaube anseheu zu müssen, über den Orthodoxie und Liberalismus d’accord sind. Kein bei uns im Westen erzogener jüdischer Schüler orthodoxer Richtung wird auf einem Standpunkt stehen, von dem Sie glauben müßten, er fasse das Judentlim als eine nationale Religion auf, im Sinne eines in seinem Geltungsbereich beschränkten, absichtlich beschränkten, d. h. mit anderen Wollen: unmoralischen Gottes. Im Gegenteil: Die Auserwählung Israels wird mit ethischen und religiösen Motiven erklärt. Das stolze, aber furchtbare Wort von Amos ist nicht vergessen: „Euch allein habe ich von allen Stämmen der Erde ausersehen, deshalb will ich Eure Fehler an Euch heimsuchen!" Und so wird auf die Lehre großer Nachdruck gelegt, ohne daß damit gesagt sein soll, sie wäre spezifisch jüdisch, daß die Werke Ulid nicht der Glaube das ewige Heil getvährleisten und Wegweiser zu ihm sind. „Die Gerechten unter allen Nationen," so sagt man uns immer lmd immer wieder, „haben gegründeten Anspruch auf das ewige Jenseits." Das ■ moderne Judentum ist national! Es ist national schon in dem Sinne, daß seine Bekenner fast ausnahmslos zu einer besonderen Rasse gehören, und es ist es noch darüber hinaus, da es eine Religion ist, die keine Proselyten machen will, eine Tatsache, auf der der orthodoxe Jude stolz sich rühmt. Und endlich darin — und das ist das ausschlaggebende Moment — ist es eine nationale Religion, da eine nicht geringe Zahl seiner äußeren Bekennttiisformen, seiner Ritualvorschriften, Zeremonien, Gewohnheiten und Sitten lioch heutigen Tages als national, zumindest aber als rassenbeeinflnßt — wenn dieses mehr charakteristische als ästhetische Wort gestattet sein soll — sich darstellt, wie es ja die orthodoxe Lehre predigt, daß all diese Formen und Vorschriften, Sitten ltitb Anschauungen ausschließlich für die Erbauung, Zucht, Heiligung und Genugtuung der jüdischen Rasse geschaffen sind, und zwar nur für die jüdische Rasse, keine sonst. Ich meine nicht die Farben dem Bild zu grell gesetzt zn haben. Nicht als ob ich hätte damit sagen wollen, ein Andersgläubiger könne, selbst von orthodoxem Standpunkt ausgehend, nicht Jude werden. Er kann, wie es auch geschieht, naturalisiert, gleich als ob ein Engländer Deutscher wird. Er hat dann die nationalen oder rassehaften Gebräuche, die sich ja überdies als religiöse Vorschriften und Gesetze oarstellen, anzunehmen, sich ihnen zu unterwerfen. Die Hauptdogmen des Judentums, sein Monotheismus, seine Lehre von der Unmittelbarkeit der Beziehungen von Gott zum Menschen, vom Menschen zu Gott, seine Moral, seine ethischen Anschauungen sind universell, weltumspannend nicht nur dem Wesen nach, sondern ausdrücklich zur Verbreitung durch alle Welt bestimmt. Seine Zeremonien, sein Ritus, seine gottesdienstlichen Gebräuche wie Gesetze sind national nicht nur in ihreul Werden, nein, auch in ihrer heutigen Beschaffenheit; denn sie sind, w.ie die Orthodoxie lehrt, nur für die Juden allein gewollt. Darin liegt der Widerspruch, auf den ich vorhin anspielte. Zum zweiten. Das Judentum ist eine gesetzgebende, vvrschreibende Religion. Durch eine seltsame Umstellung der Verhältnisse hat es sich gefügt, daß ich. der ich nicht orthodoxer, „überlieferungstreuer" Jude, häufig Gelegenheit nehmen mußte, die orthodox-jüdische Lehre zu erklären und zu verteidigen, mich der von ihr vertretenen Auffassung des Gesetzes auzunehmen. Das bin ich jetzt wieder zu tun nicht imstande. Es genüge, sestzustellen, daß die jüdische Gesetzestreue keine unmäßige krankhafte Liebe zur Gesetzmäßigkeit und zum Gesetze als solche, als Selbstzweck ist, zur Gesetzesvorschrist und zum Gesetzesbefehl im Gegensatz zum Glauben und zur Gnade — sie ist vielmehr um vieles einfacher, plastischer und der Theorie abgeneigter. Wir sind jetzt überzeugt in dem Glauben, daß der Pentateuch als Gesetzbuch das ist, was zu sein er anstrebt, das absolute, vollkommene, inspirierte und unabänderliche Wort, der feste Wille und Befehl des allweisen und allgerechten Gottes. Es besteht gar kein Zweifel, daß das orthodoxe und traditionalistische Judentum eine ganze Menge von Gebräuchen und Gesetzen enthält, die rabbinischen oder talmudischen Ursprungs sind, sie alle aber gründen ihre Kraft auf dem Pentateuch, wie sie ans ihm auch abgeleitet werden. Man braucht nur den Glauben, jenen beliebten und gehätschelten Glaitben daran, daß das Fünfbnch das ist, als was es sich gibt, zu unterminieren und zn zerstören, jenen Glauben, es sei „das" vollendete Gesetz, der unverrückbare Ausdruck und- Wille eines allheiligen Gottes, und die Grundlage des orthodoxen Judentums — jenes unterste, festeste Fundament seiner Lehre — ist erschüttert und abgetan. Das Gebäude in seiner ganzen Größe stürzt zusammen, daß kein Stein auf dem anderen bleibt. Das liberale Judentum nun hat gerade von diesen beiden hauptsächlichen Charakteristiken der Orthodoxie und des Tradinonalismns seinen Ausgangspunkt genommen. Es setzte ein, wenn es erlaubt ist, es zu sagen, dort, wo das orthodoxe Judentum der Schuh drückte. Um einen anderen Ausdruck zu wühlen, das nationale und das gesetzliche Element: oder sagen wir besser, die nationale und die gesetzliche Schwierigkeit ebneten unserer Lehre den Weg. Hier aber muß ich erst einmal feststellen, daß es nicht theologische, noch kritische Erwägungen waren, die den Anstoß zu unserer Bewegung gaben. Sie folgten ihr wohl, halfen ihr wohl, aber sie brachten nicht den Stein ins Rollen. Man sagte nicht: „Eine Religion, deren Lehren universelle Geltung beanspruchen und wollen, deren Gottesbegriff der des ,einen Gottes^, ,des< Gottes ist, verlangt auch universelle Verkörperung dieser Ideen. Der Weltgeist ringt nach Weltform. Dann muß die äußere Kundgebung des Judentums modifiziert und gereinigt von nationalem Beiwerk werden, so daß es in Einklang steht und Harmonie mit seinen Hauptlehren, der weltumspannenden Idee seines Gottesbegriffes." Auch deduzierten wir nicht: „Philosophie, Kritizismus und geschichtlich gegründete Erkenntnis erlauben es einem offen Blickenden nicht länger an den mosaischen Ursprung und die göttlich-absolute Vollendetheit, mithin die Unveränderlichkeit der fünf Bücher Moses zu glauben. Deshalb muß das Judentum, will es anders weiter leben, seine .legale- (traditionelle) Basis anfgeben und fürderhin von ihr sich emanzipieren. Wir müssen das. Judentum reformieren und umgestalten, so daß es, in Theorie wie Praxis, weniger national auf der einen Seite, weniger am Buchstaben des Gesetzes haftend aus der anderen Seite sich uns darstellt. Die Bewegung begann vielmehr, wie ich schon hervorhob, auf ganz anderer Grundlage. Sie entstand als Ergebnis des Kampfes um die Emanzipation ans dem Ghetto in jeder Form und als Resultat dieses Kampfes, der — zumindest auf Teilen des Kampfplatzes — erfolgreich gewesen ist." . Die Loslösnng der Juden ans ihrer Absonderung war in der Hauptsache das Werk der französischen Revolution. Die Juden sagten sich: Wir wollen „Bürger" werden in den Ländern,

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