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Die Wahrheit · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seue 8. Die Wahrheit Nr. 32. er sich beim Gabbai einfinben, wo er eine Allweisung, „Plett“, Billet an das eine oder andere Gemeindemrtglied erhielt, das ihn am Sabbath mit Speise und Trank zu versorgen hatte.*) (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Anläßlich des Allerhöchsten Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers finden Dienstag, den 18. August d. I., m den Gemeindebethäusern der israel. Knltusgemeinde Wien feierliche Gottesdienste statt, und zwar: Im S t a d t t e m p e l, I., Seitenstettengasse 4, um ^lO Uhr vormittags; nn L e o p o l d st ä d t e r Tempel. II., Tempelgasse 3, um 10 Uhr vormittags; im Fünshauser Tempel, XV.. Turnergasse 22, mit 9 Uhr vormittags; im O tta kr in g er Tempel, XVI., Hubergasse 8. und im W ä h r i n g e r Tempel, XVIII., Schopenhauerstraße 39, um 7 Uhr früh; im Floridsdorser Tempel, XXI., Schindlergasse 4, um 6 Uhr abends. Wien. Anläßlich des Geburtsfestes Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers findet wie alljährlich am 18. d. M., 1I211 Uhr vormittags, im Josesstädter Tempel, VIII., Neudeggergasse 12, ein feierlicher Gottesdienst statt. Wien. Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers findet am 18. August, abends 6 Uhr, im Tempel, IX., Grünethorgasse 13 (Mülluergaffe 21). ein Festgottesdienst statt. Prag. Während seiner jüngsten Anwesenheit in Prag besuchte der Erzherzog Leopold Salvator die Altneu-Synagoge, wo er längere Zeit verweilte und großes Interesse für dieses Altertnmsdenkmal an den Tag legte. Bon hier begab sich der Erzherzog ans den alten jüdischen Friedhof, den er über eine halbe Stunde in Augenschein nahm und wobei er sich anerkennend über die Ordnung und Instandhaltung der alten Grabsteine äußerte. Neuern. Dem hiesigen Rabbiner und Kantor, Herrn Max Reiser, wurde die von Sr. Majestät dem Kaiser Franz Josef I. gestiftete Ehrenmedaille für 40jährige treue Dienste verliehen. Mähr.-Kroinau. Unter zahlreicher Beteiligung aller hiesigen Bevölkeruugskreise wurde hier Donnerstag, den 5. d. M., Frau Rosalia Weiß geb. Blum zu Grabe getragen. Die Verblichene war eine fromme, gottergebene, biedere Frau, eine ssollet; chajil im vollsten und schönsten Sinne des Wortes, die ihren Gatten, der ihr im Tode vorangegangen war, und ihre Kinder mit seltener Liebe und Aufopferung betreute und in ihrem Hause den Altar der Liebe, des Friedens und der Gottesfurcht erbaute. Um die Heimgegangene, die ihre letzten Lebensjahre zunieist bei ihrer Familie in Wien verbrachte, trauern drei Söhne, unter diesen der im II. Bezirke praktizierende Arzt Dr.^Jnlius Weiß, eine Tochter und zahlreiche Enkelkinder. Füufkirche«. Ani 21. Juni d. I. wurde die Musikkünstlerin Rosa G o l d st e i n, die Tochter des Musikdirektors Isidor Goldstein in Pecs, zur ewigen Ruhe gebettet. Sie war das Ideal weiblicher Schönheit, edler Herzensgüte und seltener Geistesbildung, daher in den besten Kreisen der Gesellschaft gerne gesehen und hoch geachtet. Auf dem Klavier und sonstigen Instrumenten war sie ihrem Vater nachgeraten, eine vollendete Meisterin und mit ihrem Spiele bezauberte sie im wahren Sinne des Wortes ihre Zuhörer. Sie erreichte ein Alter von nur 21 Jahren. In der Blütezeit ihrer Jugend wurde sie von dem grausamen Tode hingerafft, und nun trauern außer dem schwer getroffenen Vater und zwei Schwestern, ebensolche Künstlerinnen, die besten Kreise der Stadt Pecs um den schweren, unersetzlichen Verlust. Budapest. Eine soeben veröffentlichte amtliche Statistik weist die folgende prozentuelle Beteiligung der Juden in den öffentlichen Schulen der Hauptstadt Ungarns aus. In den Volksschulen gab es 23 Prozent, Bürgerschulen 55 Prozent, Gymnasien 40 Prozent, Realschulen 48 Prozent, Mädchenschulen 57 Prozent, kaufmännische Lehrlingsschulen 58 Prozent, an der tierärztlichen Akademie 55 Prozent, au der philosophischen Fakultät 21 Prozent, an der juridischen 35 Prozent, au der medizinischen 51 Prozent, au dem Apothekerkurs 31 Prozent und am Polytechnikum 46 Prozent jüdische Schüler bezw. Hörer. Lemberg. Die philosophische Fakultät der hiesigen Universität erläßt ein Preisausschreiben für die beste in polnischer Sprache verfaßte Arbeit über „Die ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den polnischen Länderu." Lemberg. In Naszciszowa, einem Dorfe bei Neu-Sandez, befindet sich eine Ziegelei, die dem Juden Wolf Reichscheid gehört. In dieser Ziegelei arbeitet schon seit Jahren ein Bauer aus demselben Dorfe, der auch eine Wohnung im Hause des Juden hat. Vorige Woche verschwand nun plötzlich das neunjährige Kind des Bauern. Der Vater erklärte, nachdem das Kind nach einigen Stunden nicht zum Vorschein gekommen war, daß das Kind vom Juden Reichscheid ermordet worden sei, der für gottesdienstliche Zwecke christliches Blut in Bereitschaft haben wollte. Ohne viel Ueberlegen machte der Bauer bei der Gendarmerie die Anzeige gegen Reichscheid wegen Ritualmordes. Tatsächlich erschienen auch bald ein Gendarm und ein Polizist in der Wohnung des Juden, hielten in der ganzen Wohnung strenge Haus¬ *) Nicht nur Bachurim, sondern auch die sogenannten „Orchim“, Wanderbettler, erhielten, wenn sie Freityg in die „Khille“, Gemeinde, kamen, vom Gabbai „Pletten". Sie wurden in hochherzigster Weise verpflegt, weil man fürchtete, man könnte sonst durch sie, die „überall bekannt und zuhause waren", verrufen werden. Ueberdies galt in Oesterreich das Sprichwort: „Durch Schnorrer und Bachurim gibt man ja Kinder aus." Selbst für die Beherbergung, „OrostiiQ", wurde in jeder Gemeinde gesorgt. Sie wohnten in der sogenannten „Schlafstätte", die von dem Gemeindediener, auch »Lieberer" genannt, beauffichtigt wurde. suchung, warfen alles durcheinander und zogen die Hausbewohner in ein. hochnotpeinliches Kreuzverhör. Herr Reichscheid, der natürlich von nichts wußte, beklagte sich dem Gendarm gegenüber: „Ich selbst wollte bei der Gendarmerie die Anzeige erstatten, daß der Bauer mir grundlos die Fenster zertrümmerte und fast die Wohnung demolierte." Der Postenführer antwortete hierauf barsch: „Ich hätte es an seiner Stelle auch nicht besser gemacht!" Als der Gendarm ans dem Tische ein scharfgeschliffenes Taschenmesier liegen sah, schrie er die Hausleute an: „Wozu braucht Ihr denn ein so scharfes Messer?" (!!) Während der Haussuchung meldete sich eine Bäuerin, die aus der Stadt gekommen war und erzählte, daß sie das Kind am selben Tage in der Stadt gesehen habe. Der Postenführer wies jedoch die Frau mit der Bemerkung zurück, daß sie wahrscheinlich von dem Juden bestochen worden sei, um günstig auszusagen. Inzwischen hatte sich im ganzen Dorfe die Nachricht verbreitet, die Juden hätten ein Christeukind umgebracht. Zum Glücke Wurde das Kind noch am selben Tage aus einem Nachbardorf unversehrt nach Hause gebracht und den Eltern übergeben. Der Gendarm zog „unverrichteter Dinge" ab. Wegen des Benehmens des Postenführers hat Herr Reichscheid Klage geführt. Berlin. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraslite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Die Alliance Jsraslite Universelle hat für die Feuerbeschädigten in Telschi (Gouvernement Kowno) eine Unterstützung von 5000 Francs bewilligt. Berlin. Herrn Pros. Dr. Ludwig Geiger ist der Charakter als Geheimer Negierungsrat verliehen worden. Amsterdam. Fräulein Clara D a n o n, Tochter des Herrn Cäsar D a li o ii, hat sich mit Herrn Dr. Friedrich F i n z i, Sohn der Frau Rachäle Finzi, vermählt. Warschau. Die Juden Warschaus sind durch einen neuerlichen Eingriff des Magistrats in ihrer Religionsfreiheit stark bedroht. Der Magistrat hat zwei neue Schochetim ernannt, ohne daß der Beth Din über ihre religionsgesetzliche Eignung gefragt worden sei. Die orthodoxen Juden weigern sich daher, das von diesen geschachtete Fleisch zu essen und haben eingehende Proteste au den Magistrat gerichtet, der indessen aus seinem ungesetzlichen Standpunkt beharrt. Tausende von Flugblättern wurden in der Stadt verbreitet, die zum Boykott der beiden Schochetim aussordern. An mehreren Plätzen brachen Unruhen aus, wobei die Polizei einschreiten mußte. New-Dork. Bei keinem Anlasse zeigt es so sich sehr, welchen Einfluß die Inden in Amerika besitzen, als bei der Präsidentenwahl. Die Juden bilden in Amerika keine politische Partei, sind in allen Parteien und Fraktionen zu finden und bemühen sich derjenigen Partei, in welche sie ihre Ueberzeugung geführt hat, nach Möglichkeit nützlich zu sein. Der sprichwörtlich gewordenen Verläßlichkeit des jüdischen Parteimannes ist es zuzuschreibeu, daß mau in Amerika, wo man die Parteitreue hoch einzuschätzen weiß, den besonderen Wünschen der Juden Rechnung zu tragen, bestrebt ist. Ein gemeinsamer Wunsch der amerikanischen Inden aller Parteirichtungen ist es, daß die schändliche Behandlung jüdischer Reisender in Rußland ein Ende nehme. Die Amerikaner kommen in dieser Forderung den Juden nicht nur aus wahlpolitischeu Gründen gerne entgegen, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie in der unwürdigen Behandlung amerikanischer Juden an der russischen Grenze eine Mißachtung des amerikanischen Passes und eine Herabwürdigung des amerikanischen Bürgerrechtes erblicken. So haben denn sämmtliche Parteien, die in den Wahlkanipf um die Präsidentenschast treten, in ihre „Platform" auch einen Punkt ausgenommen, der sich auf die Abänderung der Behandlung jüdischer Reisender in Rußland bezieht. Am deutlichsten spricht die diesbezügliche Forderung der demokratischen Partei, deren Präsidenten-Kanditat Bryan ist. Die betreffende Stelle im Wahlprogramm lautet: „Wir verpflichten uns, zu fordern, daß unsere Bürger zuhause wie im Auslände geschützt werden. Wir verpflichten uns, die gesetzlichen Mittel anzuwenden, durch welche unseren Bürgern ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens und ohne Rücksicht darauf, ob sie im Lande geboren oder hier naturalisiert wurden — alle diejenigen Rechte und Privilegien erwirkt werden können, welche ihnen aus Grund unserer Verträge mit anderen Staaten zukommen. Sollten sich einige Staaten weigern, unsere Bürger wegen ihrer Rasse oder Religion hineinzulassen und unsere Pässe anznerkenneu, fordern wir, daß Amerika mit diesen Staaten sofort in Verhandlungen trete, auf daß sie diese unsere Bürger genau so behandeln, wie jeden anderen amerikanischen Bürger. Wir fordern, daß der amerikanische Paß in den Händen eines amerikanischen Bürgers in der ganzen Welt als Beweis dafür angesehen werde, daß er amerikanischer Bürger ist und als solcher auf alle festgesetzten Rechte und Privilegien Anspruch hat." Trotzdem' die Juden sich hier als freie und vollgültige Bürger fühlen, ist Amerika nicht rein vom Antisemitismus. Erst kürzlich ist ihm wieder ein neuer Helfer entstanden, der sowohl durch die hohe Stellung, die er einnimmt, als auch durch die brutale Heftigkeit seiner Angriffe besondere Beachtung verdient. John C. van Dyke, ein bekannter Kritiker und Feuilletonist. Profeffor der Kunstgeschichte und Dozent der Columbia- und der Harvard-Universität, hat ein Buch erscheinen lassen, das den Titel trägt: „Der Geldgott". In diesem Buch, in dem er sich bemüht, dem krassen Materialismus der Amerikaner entgegen zu wirken, wobei er aber über die üblichen Gemeinplätze nicht hinäuskommt, wälzt er alle' Schuld an den ungesunden Zuständen, die angeblich jetzt in Amerika herrschen, auf die Juden. Nach berühmten Mustern behauptet er, daß die Juden die Rechtspflege und das Studium der Medizin monopolisiert hätten und ihre Machtstellung jetzt ausbeuteten. Das gleiche behauptet er von der Presse. Im weiteren wirft er den Inden alle 'möglichen Schlechtigkeiten vor und wendet sich scharf gegen die jüdische Einwanderung. Das ist jetzt binnen kurzer Zeit der dritte Angriff, der von geistig hervorragender Seite in Amerika gegen die Juden gerichtet wird.

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