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Die Wahrheit · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit. Sete 9. Die alte Uebezin. Von Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) „Mühe!" Sie griff das Wort auf, es wiederholend, weil es ihr im gegebenen Falle beinahe sonderbar vorkam, daß gerade er sich dieses Wortes bediente. „Mühe würde es Ihnen am allerwenigsten kosten," wieder hielt sie inne und gleich darauf rasch, ..Kosten ja." Und da kam es stber sie — wieder eine jener Demütigungen, die sie um ihrer Armut willen erdulden mußte — dieser Stachel, dachte sie wehmütig, der so tief verletzt, so tief einschneidet in die Seele, trotz allem und iuie man sich auch innerlich dagegen wehren, sich auflehnen mag, dieser Stachel ritzt, verwundet, trifft jedesmal vielleicht nur intensiver. „Mühe," sagte sie noch einmal, „würde es Ihnen gewiß viel weniger machen, Herr Stahlberg, als es mir verursacht, es Ihnen ansznsprechen, davon sprechen zu müssen," und in etwas leichteren Ton fuhr sie nun fort: „Sie sagen, nach Männerart hatten wir sonst stets uns ausgesprochen — wohl — doch — ich gestehs, in irgend einem verborgenen Winkel meines Herzens bin ich doch ganz und gar die Frau, wie sie vielleicht nicht sein sollte — allerlei kleinlicher Bedenken, allerlei Eitelkeiten voll — das beweise ich in diesem Augenblicke auch wieder mir selber — was im Gemüt liegt, ans dem Gemüt hervorgeht, dagegen vermögen Vernnnftgründe und nicht einmal Weisheitslehren, glaube ich, etwas ansznrichten. Aber ich sehe ein — und das ist ja auch schon etwas — daß ich mir einen Ruck geben muß, und zum Glück kenne ich Sie ja auch schon seit so langer Zeit, das erleichtert mir auch ein wenig das Schwere — also . . ." Stahlberg vermied es jetzt, ihrem Blick zu begegnen. Er ahnte mm, wo sie hinaus wollte, doch, hatte sie ja eben erst gesagt, sie wäre doch noch die Frau mit all ihren Eitelkeiten — wer weiß, ob er nicht doch anstoßen würde, wenn er merken ließe, daß er verstehe?- Er machte sich an seinem Schreibtisch zu schaffen, während die Rebezin begann: „Ich möchte nämlich nicht — ich erbringe Ihnen damit ein Zeugnis meiner Schwäche — ich möchte nicht, daß jemand außer Ihnen noch wissen soll, wie arm mein Kind in Ihr Hans kommt." Stahlberg erhob abwehrend die Hand, als wolle er sagen: Das wird nicht der Fall sein. Sie schien es. nicht zu beachten, und als gelte es, ihr Geheimnis auch vor den Wänden nicht laut werden zu lassen, sprach sie in leisem, gedämpstem Ton: „Die heutigen, neumodischen, fertigen Lachen würde man ja doch wissen, daß nicht ich sie gekauft haben könnte — aber so — die ganze Zeit hindurch arme Weiber beschäftigen, mir ihnen nicht' handeln zu müsseli, daß sie mit Vergnügen arbeiten konnten, keine Not litten, manchem armen Schneidermeister, wenn er am wenigsten zu tun hat, Verdienst schaffen — das wäre so etwas für die Rebezin Geziemendes. Die seinen Sachen könnten später angeschafft werden — und vor den Leuten hieße es, mein Kind habe eine Aussteuer bekommen. Unsere Uwiß (Voreltern) haben es so gehalten, wo Töchter, im Hanse waren, konnte mit der Aussteller nicht früh genug begonnen werden." — — Als Stahlberg. ohne darauf zu erwidern, rasch ausstand, machte die Rebezin eine Handbewegung, als bäte sie ihn, seinen Platz wieder eilizunehmen. Er moche die Absicht gehabt haben, an die Kassa zu gehen, doch jetzt sagte er: „Ich wollte Ihnen Adressen von den Geschäften geben, wo meine Frau in Wien ihre Einkäufe macht." Die Rebezin sah sich verstanden und ivnßte in ihrem Herzen Stahlberg Dank, daß er ihr kein Geld anzubieten gedacht hatte. Nun ging er zu einem Schrank, den er aufschloß und nachdem er einige Minuten gekramt hatte, kam er, ein Päckchen Papiere in der Hand, wieder zum Tisch zurück, wo die Rebezin saß. „Das hier sind spezifizierte Noten, so können Sie auch gleich die Preise der einzelnen Gegenstände wissen," meinte er, einen Teil der Papiere vor ihr ausbreitend. Auf einmal streckte er ihr seine Hand entgegen, die sie mit der ihrigen leicht berühren mußte, ohne zu verstehen, was er damit wollte: „Rebezin," sagte Stahlberg jetzt mit einem so weichen, warmen Ton in der Stimme, daß sie verwüüdert zu ihm aufblickte, „ich bitte Sie, lassen Sie keine Mißverständnisse zwischen uns aitskommen, verbannen Sie kleinliche Bedenken. Wir wollen uns ferner doch ebenso gut verstehen, wie bis nun. wie es bis zum heutigen Tage immer der Fall gewesen. Na also, Kredit hier und in Wien uneingeschränkt. Bestellen Sie. bitte, was und soviel Sie wollen, nur ich allein rechne bei meinen Anwesenheiten in Wien mit den Geschäften ab. Selbstverständlich soll Ordre erteilt werden, Sie gut zu bedienen." „Ja." sagte die Rebezin langsam, stand aus, nahm das Päckchen Rechnungen in die eine Hand, fuhr sich mit der andern rasch übers Gesicht, nickte leicht und wandte sich der Türe zu. Stahlberg folgte hinter ihr, er geleitete sie stets hinans, wenn sie ihn in irgend welchen Angelegenheiten besucht hatte — ihr Gesicht konnte er nicht sehen, sie schritt sehr rasch voran, über ihre Schulter beinahe hinweg, mußte er die Türe nach der Straße öffnen. Der Himmel war bedeckt und es sielen einige Tropfen, als man hinausiral. „Rebezin," sagte Stahlberg, „ich lasse sofort anspanneu, es ist besser, Sie fahren. Ihr Spitzennmhang ist kein Schutz im Regen," er hatte an der Glockenschnur neben der Tür gezogen. Aber während er noch sprach und der Glocke schriller Ton durchs Haus hallte, war die Rebezin, ohne noch einmal den Kops znrückgewandt zu haben, fortgeeilt. Einige Augenblicke stand Stahlberg noch an der Schwelle, ihr nachblickend, wie sie gemessen, hocherhobenen Hauptes dahinschritt, jeder Zoll die Rebezin. ihres großen Jichus sich voll bewußt, dachte er; er sah Leute, die ihr begegneten. tief vor ihr sich verneigen, und empfand darüber etwas wie eine stolze Genugtuung — ja. sie stand in hohem Ansehen bei Juden und ebenso bei Nichtjuden. Und merkwürdig, gerade ans diesem Empsinden heraus, sagte Stahlberg bedauernd halblaut vor sich hin: „Arme, arme Rebezin," er ahnte, ja, er wußte, welch schweren Kampf mit sich selber diese Frau vor wenigen Augenblicken ansgefochten hatte. Als er in seinem Komptvir die herumliegenden Papiere in Ordnung brachte, kam ihm ein jüdisches Sprichwort wieder in den Sinn: „Besser mit Klugen zu verlieren, als mit Narren zu gewinnen" — nun, er konnte gufiteben sein — im stillen Einverständnis mit dieser klugen Rebezin würde man. um des guten Zweckes willen, mit verdeckten Karten gegen Josef spielen und zuversichtlich gewinnen.-— Als die Rebezin ihrem Hanse sich näherte, schien die Sonne wieder hell und warm über Dächer, Hänser und die ganze lange Straße hin. Da sah sie ihre schlanke Mirjam gerade zur Türe herauskommen, offenbar, um tlach ihr ausznschaneu, Sonnenstrahlen fielen ans ihren Scheitel, verfingen sich in ihrem blonden Haar, daß es in diesem Momente wie lauteres Gold glänzte, und in einer Regung froher Ueberraschnng hielt die Rebezin den Schritt an — wars nicht wie ein Zeichen des Himmels, ihr zu beweisen, daß der Glanz ihres Jichns auch fernerhin unvermindert ans diesenr tenren Haupte ruhen werde? „Mutter, ist wieder jemand so schwer krank, daß Du so lange sortgeblieben?" fragte die Tochter scheu und wie bedrückt in mitleidsvoller Teilnahme zu ihr ausblickend. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Indentnm. Slrrein Margarethe Emilie, geb. 1894 in Wien, I.. Schottenbaftei 1. Schivar; Georg Emanuel, geb. 1889 m Wien, 2rüdem, I., Ebendorferstraße 6. Schleifer Friedrich, geb. 188O in Dbbs a. D., Krankenkassebeamrer, IX.. Seegasse 21. Hvchivald Tidia. geb. 5. Juli 1893 in Triest, Lehrmädchen, XIX.,. Heiligennädterstraße 9. Pollitzer Totti verwitwete Töivy, geb. 28. Mai 1875 in Wien, XVI., Abelegasse 7. Paunzen Josef', geb. 15. November 1878 in Wien, ledig, Schlossergehilfe. IH., Löwenherzgasse 13. Neuhaus Nnna, geb. 19. Oktober 1881 in Kagran, Private, II., Sterneckplatz 13. Fifchl Georg, geb. 26. Jänner 1880, ledig. Friseurgehilfe, XV., Rosinagasse 9. Politzer Karl, geb. 16. Juni 1875 in Wien, ledig, VI., Garberg. 10.

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