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Die Wahrheit · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit Seite 5. einflußreicher und mächtiger sogar als irgend eine andere Richtung. In England aber und in Europa ist das „liberale Judentum", wohl infolge verschiedener Ursachen innerhalb seiner Entwicklung, mehr die Religion einzelner oder, wenn es hoch kommt, einiger weniger Synagogen und Gesellschaften geblieben, als vielmehr die der Gesamtheit der Masse. Doch schein: es nur so, die Oberfläche trügt. Und ich meine, daß sich viel mehr unter ihr birgt. Es sind viele da, die im Grunde ihres Herzens „liberale Juden" sind und darüber Schweigen bewahren, dabei aber ihren eigenen Weg gehen. Noch eine Vorbemerkung sei verstattet. Ich möchte nur seststellen, daß ich das Wort „liberal" in einem rein technischen Sinne gebrauche, gerade in so technischer (heißt: nicht mit dem Wortbegriff sich deckender) Weise, wie die Politik es gebraucht. Ich könnte gerade sogut an derselben Stelle immer „Reform" sagen, und manche tun es auch. Die sprechen dann vom „Reform-Judentum" und lasset: ein Hauptwort Adjektivdienste verrichten, oder vom „Reformierten Judentum", was mir immer etwas seltsam erscheitlt und so den Nebensinn und -Geschmack zurückläßt wie „gebessert". Aus diesen, ich gebe zu, äußerlichen Gründen — ist doch der Kampf ums Wort „liberal" gegen „Reform" von minderer Bedeutung — will ich meinerseits an „liberal" sesthalten, in der von mir festgelegten Bezeichnung. Ich glaube aber beileibe nicht einen Augenblick, daß „liberale Inden" hochherziger als „orthodoxe" oder „konservative" seien oder — was ja zu glauben näher lüge — daß sie toleranter oder universeller gesinnt seien. Ein uuliberaler „liberaler Jude" liegt also durchaus im Bereich der Möglichkeit. Und ich kenne wohl auch solche. Es ist also das Adjektiv in unserem Wort „liberales Judentum" reiner terminns teclmicus. Null werden Sie aber erst recht von mir wissen wollen, was ich beim unter diesem „terminus technicus“ verstanden haben will. Was ist „liberales Judentum"? Welche Juden sind „liberale"? Schön, das zu beantworten, den Begriff zu umgrenzen, ist ja der Zweck meines ganzen Vortrages. Es ist vielleicht ganz erwünscht, gerade an dieser Stelle, versteht sich: in aller Kürze, einen Blick zu tun aus die Hauptlehren der liberalen wie der orthodoxen jüdischen Weltanschauung, auf die Lehren gleicherweise, die sie gemeinsam vertreten, wie auf die, die sie trennen. So wird wohl — um mit dem Unbestrittensten anzufangen — allerseits zugegeben werden, daß sie übereinstimmen in dem Nachdruck, mit dem der folgerichtige und strenge Glaube an einen Gott von ihnen gelehrt und eine straffe monotheistische Auffassung von ihnen gefordert wird. Ein zweites Bitideglied dürfte darin zu erblickeil sein, daß sie beide — was zu lehren übrigens keine einzige jüdische Sekte abzulehnen braucht, es auch de facto nicht tut — bie Uebersinnlichkeit Gottes anerkennen, so daß wir als zweites-Merkmal das Postulat der transzendentalen Gottausfassung gewinnen. Wir alle, Religionsanschanungen wie Individuen, leiden an den Fehlern unserer Sonderart, und so ist ein vielleicht nur gelegentlicher Mangel des jüdischen Gottesbegriffes eine zu große Starrheit in der Erfassilng der götttichen Entschleierung, zu große Abstraktion. Detln in liberalem wie in orthodoxem Sinne hat Gott elne doppelte, ja dreifache Ausgabe zu erfüllen. Er muß, wenn ich so sagen darf, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist in eins sein, zu ein und derselben Zeit, in ein und derselben Einheit. So werden alle diejenigen Gefühle, die — wenn auch in verschiedener Weise — beim Christentum mit dem Wesen Christi verbunden erscheinen, im Judentum ans Gott Vater konzentriert, ilnd ein Gleiches gilt vom Dritten: der Dreieinigkeit. Er ist dem Juden, um mit den Worten eines jüdischen Lobgesanges zu reden: König, Herr, Heiland und Gott. In noch einem weiteren, sehr wesentlichen Punkte sind Liberalismus und Orthodoxie gleichgestimmt, in der Erkenntnis der Notwendigkeit, unser Tageslebeti durch Religion zu heiligen, zu heben. Ich spreche hier von der Lehre, die da fordert, daß die Härte und der Materialismus des Lebens, die Wünsche, die es bringt, die Triebe, die es weckt, in gleichem Maße wie seine höher gearteten Betätigungen mit Religion getränkt, durch sie veredelt werden müssen. Mar» soll Gott jederzeit und allerorten dienen, und zwar im Leben des Tages, nicht nur in den Stunden der Erbauung. Die Arbeit wie die Erholung, ja selbst die rein tierischen Instinkte, das Essen, das Trinken, der Geschlechtstrieb nicht ausgenommen, sie alle sollen von der Religion geleitet und geregelt werden. Das Auge, das dich ärgert, sollst du nicht ausreißen, es soll gebessert und geheilt werden. Und ebenso ist Mäßigung und Selbstbeherrschung besser als Abstinenz und Askese. Das lehrt auch unser Judentum, und in dieser Lehre liegt einer der Hanptvorzüge jüdischer Moral, jüdischer Religion. Als weitere Uebereinstimmung wäre noch die Achtung vor dem Gesetz zu nennen, die sich in der hohen Stellung äußert, die die Auffassung von der Macht des Gesetzes in der liberalen wie der orthodoxen Weltanschauung einnimmt. Die alte rabbinische Maxime gilt: „Es ist keine Freiheit, es sei denn eine durch das Gesetz gegebene." Und das liberale Judentum wird dem Satze beipflichten, wenn es auch dabei weniger an die Lehre, an das Gesetz des Pentateuchs denken wird, sondern an jenes ungeschriebene, uns immanente Gesetz der Moral, als an ein ideales und so geartetes, daß man nur durch Unterwerfung unter seine Regeln zur Freiheit gelangen kann. Gleiches lehren liberales Judentum und orthodoxe Lehre auch hinsichtlich jenes echt jüdischen unzerstörbaren Optimismus. Beide glauben an eine Regierung der Welt durch Gott und denken, daß die Welt, über die Gott herrscht, ungeachtet mancher uns unerklärlicher Mängel und vielfacher Schlechtigkeiten, trotz alledem eine gute und besserungswillige Welt ist. Damit erst lernen wir Gott mehr und mehr kennen und gelangen zu einer tieferen, innigeren Aussassung und einem verfeinerten Begriff seiner Gerechtigkeit. So äußert sich der beiden Anschauungen gemeinsame Messiasglanbe. Daß wir darin harmonieren, ist mehr, viel mehr wert, als es von Uebe! sein kann, daß wir in der persönlichen Aussassung vom Messias divergieren. Und wenn ich so Ihnen habe zeigen können, wie Liberalismus und Orthodoxie sich begegnen in dem Glauben an die Zukunft der ganzen Welt, so wird es mir nicht schwer fallen, zu beweisen, wie sie auch hinsichtlich des einzelnen, in der Zukunft der Seele des Individuums übereinstimmen. Beide lehren die Unsterblichkeit der Seele. Und der moderne orthodoxe wird, des bin ich sicher, ebenso wie der liberale Jude, diesen Unsterblichkeitsgedanken ganz, ganz allgemein fassen. Beide werden den Gott der Liebe nicht eine einzelne Seele vom ewigen Heil ansschließen lassen können. Ganz unvereinbar mit dem Wesen Gottes muß es beiden sein, ist es beiden. Und dem entspricht es auch, daß beide die Werke über den Glauben stellen werden. Sie werden beide nicht bestreiten, daß der Glaube Führer der Werke sein k a n tl, aber ihr Gottesbegriff ist ein zu hoher, als daß sie diesen Gott einen moralischen Lebenswandel nicht einem solchen überordnen ließen, der ohne Herz dem Dogma in seiner theologischen Abstraktion folgte. Die Gerechtigkeit soll im Königreich des Himmels herrschen, das ist das oberste religiöse Leitmotiv, mag es sich um kirchlich Gesinnte handeln oder solche, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, mögen das Juden sein oder Andersgläubige. Willst du den liberalen Juden oder orthodoxen Juden in seiner ungegliedertsten Grundform durch eine kurze, wenn auch gerade deshalb nicht ganz zutreffende Formel bestimmen, so wird er dir sagen, daß er lieber auf sein Banner schreibt: „Rechtfertigung durch die Werke" als „Rechtfertigung durch den Glauben." Ist er feiner organisiert, dann wird er dieser Falle entgehen; er wird sich nicht so festnageln lassen; aber aus jeden Fall wird er im Grunde seines Herzens der von mir eben ausgesprochenen Tendenz beistimmen. Gleichermaßen verwerfen das liberale Judentum wie die Orthodoxie die Lehre von dem Sündensall und von der bitrcb ihn gezeugten Erbsünde. Sie lassen Gott strafen sowohl wie rächen, aber sie wollen diese Richtertäligkeit Gottes durchgeistigter, verfeinerter betrachtet wissen. Man wird mir nun einwerfen, daß unter all den von mir ausgesührten Argumenten für Gleichartung von Liberalismus und orthodoxer Lehre nicht eins gewesen sei, welches nicht jeder Monotheist unterschreiben könnte, auch wenn er nicfjt Jude wäre. Nun das wäre das Schlimmste nicht. Denci wäre es an dem, dann würden wir erkennen, daß unsere Weltanschauung Kreise gezogen, sich verbreitet hat. Doch ist es nicht nur so.

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