Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063450--05604-3072540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 32 der als echter Italiener gewiß keinen Moment an das blöd- ' sinnige Ritualmord-Märchen glaubte — in Italien hat diese Beschuldigung kaum jemals Nahrung gefunden — sich von einer idealen Regung Hinreißen ließe und den infamen Fruktifizierern des Hilsner-Prozesses ein Halt zndonnern würde. Die Neigung und den guten Willen hätte der wohlwollende Papst Pitts vielleicht zu diesem Schritte, aber es gehörte auch ein Heroismus dazu, den er kaum besitzt. Auch die Macht der Päpste hat ihre Grenzen und mau weiß in Rom, daß unter den mächtigen und einflußreichen christlich-sozialen Parteiführern es auch solche gibt, die bei aller scheinbaren Ergebenheit und Verehrung für die katholische Kirche und deren Oberhaupt, davor nicht zurückschrecken würden, einen Papst, der den Ritualmordglauben ver-! dämmt als — „Judenknechr" zu stigmatisieren. Die Protokolle des österreichischen Parlamentes sollen auch manchen Beleg hiefür enthalten. ' <** * * Das „Deutsche Volksblatt", welches sich jetzt ungemein verehrungsvoll gegen Papst und Kirche verhält, im Gegensätze zu seinen Anfängen, wo es mit Vorliebe kirchliche Autoritäten! und Institutionen verhöhnte, hat vor nicht langer Zeit erst j gegen einen der höchsten kirchlichen Würdenträger, gegen den Nunzius, gemeine, gistgeschwollene Angriffe gerichtet, weil er in einem liberalen „Judenblatte", welches in derselben Nummer für Hilsners Unschuld plaidierte, einen Artikel veröffentlichte. Wie hätte das führende Organ der mächtigsten Partei in Oesterreich gegen den Nunzius gewettert, wenn dieser in seinem Artikel ausgeführt hätte, daß man in Rom den Ritnalmordglauben für eine unsinnige Lüge hält, die man nur darum nicht zertritt, weil sie — parteipolitischen Zwecken dient? * * * Apropos „Deutsches Volksblatt". Dieses Blatt hat nämlich eine Anregung gebracht, der man unter Umständen nicht jeden Wert absprechen darf. Das Blatt hat, von der znnehmeichen Rohheit in gewissen Volkskreisen sprechend, dem Gedanken Ansdrnck gegeben, daß in vielen Fällen doch nur die Prügelstrafe Helsen köitne. Kein Zweifel, den modernen Kulturmenschen wird im ersten Moment der Appell an den Stock als ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Zeiten hart erscheinen und er wird in den Griff zum „Haslinger" einen beschämenden Banquerott unserer stolzen, selbstbewußten, pädagogischen Lehrsysteme erblicken. Aber trotzdem möchten wir dem „Deutschen Volksblatte" in gewissem Sinne Recht geben und zustimmend feststellen,' daß es in der Tat Fälle gibt, in denen einzig und allein die Prügelstrafe am Platze ist; oder sollen wir es leugnen, daß unseres Erachtens derjenige wirklich Prügel verdient, der Menschen wegen ihrer Konfession kränkt, in ihrer Ehre verletzt, in ihrem Erwerbe hitldert? Nein, das „Deutsche Volksblatt hat Recht: Es gibt Fälle, wo der Stock am Platze ist . . . Wir haben vorige Woche des tragischen Schicksals eines großen Dichters gedacht, der ein Jude ist. Noch erschütternder, noch tragischer erscheint uns aber das Schicksal eines großen, genialen Erfinders, an den wir dieser Tage unwillkürlich erinnert tverden und der verzweifelnd zugrunde ging, weil er ein — Jude war, während derjenige, der seine Idee ausnahm und vollendete, heute zu den gefeiertesten Männern der Zeit gehört. Gras Zeppelin hat bei seinem Luftschiff, darüber ist wohl kein Zweifel zulässig, nur die Idee des Juden Schwarz verwertet, aber aller Ruhm, alle Verherrlichung und aller Goldregen ergießt sich über das Haupt — der Exzellenz. Wer gedenkt des armen Schwarz? Nur hie und da ein neugieriger Journalist, seine Witwe und einige seiner Freunde, die schmerzvoll seines Ringens und Unterliegens sich erinnern. Der Name Schwarz verdient aber in Ehren genannt zu werden, denn sein Genie erdachte, was dem Grafen Zeppelin den Ruhm, die Unsterblichkeit sichert. Interessant ist der Passus in einem Briefe der Witwe Schwarz' in welchem sie, polemisierend gegen ein Gutachten, das die Leistung ihres Gatten verkleinert, u. A. ausführt: „Vor allem ist es unrichtig, daß der Ballon meines Mannes David Schwarz dasselbe Schicksal hatte wie das Zeppelinische Luftschiff nnd.daß mein Mann bei einem Versuche durch Feuer zu Grunde gegangen ist. Mein Mann ist im Jahre 1897 eines plötzlichen Todes gestorben; er wurde in der Rotenturmstraße von einem Schlaganfall betroffen, und nach seinem Tode habe ich mit Hilfe des Generalstabes in Berlin das Werk zu Ende geführt. Der Ballon hat sich genau so bewährt, wie der jetzige Zeppelinsche Ballon, ist gegen d e n W i n d gefahren, hat gewendet und ist nur wegen des Herabgleitens eines Treibriemens und durch das Oeffnen des Ventils zu jäh zur Erde gefahren. Nach dieser Demonstration wurde ich ausgesordert, den Ballon nochmals zu bauen, ich zog es jedoch vor, meine Rechte an den Grafen Z e p p e l i u a b z u t r e t e u, eines Mannes von großer Energie und bewundernswerter Hingabe an die große Sache. Herr Dr. Wächter sagt ferner, daß mein Mann in Petersburg abgewiesen worden sei. Auch in diesem Punkte befindet sich Herr Dr. Wächter in einem tatsächlichen Irrtum. Bereits im Jahre 1895 baute mein Mann für das Geld der russischen Regierung einen Ballon, welcher auch dort sich vollständig bewährte. Mein Mann verließ jedoch Petersburg wegen seiner angegriffenen Gesundheit und ging nach Deutschland, wo er mit dem Alumininmfabrikanten Berg das Luftschiff gebaut hat, für dessen Idee sich auch Kaiser Wilhelm lebhaft interessierte." Kiderates Judentum. Von Claude G. Montefiore.^) I. Es ist eine schwere Aufgabe, die ich mir gestellt habe, und ich muß von vornherein um die Nachsicht meiner Hörer bitten. Ich soll über das liberale Judentum zu Ihnen sprechen und bin selbst ein liberaler Jude. Es möchte ans den ersten Blick erscheinen, daß es für mich als solchen leicht sein müßte, über mein eigenes Bekenntnis zu sprechen. Ist es aber wirklich an dem? Doch wohl nur auf den ersten Blick. Denn es lastet anf mir das Gefüdl einer großen Verantwortung, und das übt einen gewaltigen Einfluß ans. Noch nicht lange ist es her, da hatte ich ein Buch zu lesen, ein ganz ausgezeichnetes Werk, das' zwei Geistliche der englischen Hochkirche über das Judentum versaßt haben. Es war, wie gesagt, ein ausgezeichnetes Buch und doch — wie die meisten Bücher — nicht tadelfrei. Warum das? Der Gedanke, weshalb das so sein mußte, packte mich; wie schwer es doch ist, für jeden einzelnen, sei er, wer es sei, über religiöse Fragen zu sprechen, die den Tag beschäftigen, die Mitwelt beherrschen! Steht man außerhalb der zu behandelnden Frage, dann entbehrt man der intimen Kenntnis jener feinen und feinsten Winkel, und vor allem fehlt die Liebe, das Gefühl, das nur der empfinden kann, der ebenso denkt und lebt. Lebst du aber in dem Kreise, den du beschreiben willst, dann wirst du der Unparteilichkeit und Unabhängigkeit deiner Ansichten ermangeln, jener Fähigkeit, dich selbst — bei aller Demut — über die Tatsachen zu stellen und sie zu untersitchen, zu sezieren; und diese beiden — Unparteilichkeit und Selbständigkeit im Denken — sind doch unabweisbare Postnlate kritisch-historischer Religionswissenschaft. Wertvoll ist es ja, die Klippen zu kennen, leichter alsdann, sie zu vermeiden. Aber ich bin sicher, daß es mir nicht bei allen gelingen wird. Eine weitere Schwierigkeit, die sich bei einer Betrachtung gerade des liberalen Judentums eutgegenstellt, möchte ich — wenn auch nur kurz — am Anfang nicht unerwähnt lassen. Ich soll von einer Religion, oder besser vou dem Entwicklungsabschnitt einer Religion sprechen, der in diesem Lande, ja, fast sollt ich sagen, in Europa kaum orgaitifiert ist. Man kann nicht behaupten, daß dieser Liberalismits eine nennenswerte äußere Organisation, eine Verkörperung besitzt. In den Vereinigten Staaten liegen ja die Verhältnisse anders. Dort ist das liberale Judentum konkreter, mehr von wesenhafter Wirklichkeit. Es bildet einen beachtenswerten Ausschnitt ans dem Gesamtjndentnm, *) Wir geben diesen überaus interessanten Vortrag, den kürzlich eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des englischen Judentums über ein höchst aktuelles Thema gehalten hat, nach dem Berichte der „Allg. Ztg. des Judentum" wieder.