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Die Wahrheit · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Eine Enzyklika des Papstes, oder auch eine Exhortation desselben, kann naturgemäß in erster Reihe den Klerus und die katholische Welt interessieren. Aber es ist zweisellos, daß auch die Judenheit, die damit rechnen muß, in welchem Geiste Seine Heiligkeit den Klerus auch gegenüber Andersgläubigen wirken sehen will, nicht gleichgiltig au den Kundgebungen des Papstes vorübergehen kann. Äuch die jüngste Exhortation des Papstes, mit der er sich anläßlich der fünfzigsten Wiederkehr des Jahrestages seines Priestertums an den katholischen Klerus wendet, verdient die Aufmerksamkeit der Juden in hohem Maße, denn der Papst hebt in dieser Ennuziation nicht nur die Mittel hervor, welche die katholischen Priester zur Mehrung ihrer Heiligkeit in Anwendung bringen sollen, er betont nicht nur die Pflichten, die sie gegen die Kirche und ihre Glaubensgenossen zu erfüllen haben, sondern er legt es ihnen ganz nachdrücklich ans Herz, Wohltätigkeit selbst gegen die Verfolger zu üben und für die Verbreitung des Friedens unter der M e n s chh ei t unablässig zu arbeiten. Die Juden, die vielleicht infolge der angeblich „christlich"-sozialen Strömung sich mehr um die Lehren des Evangeliums zu kümmern hatten, als es sonst der Fall gewesen wäre — jedenfalls dürften sie dadurch ein genaueres Verständnis desselben erlangt haben, als viele patentierte Vertreter des Christentums — werden keinen Moment daran zweifeln, daß der Papst in seiner Exhortation nur die Lehren vertritt, die ihm das Evangelium vorschreibt. Aber ebenso gewiß ist es, daß ein großer Teil des österreichischen Klerus und zwar gerade derjenige, der am lautesten und eindringlichsten zum Volke zu sprechen liebt, seine Mission gerade darin erblickt, den Frieden unter der Menschheit zu stören, den Haß und die Verfolgung zu predigen. * * * Die Hetzkapläne — unter diesem Sammelnamen befinden sich gar viele höhere und hohe geistliche Würdenträger — in unserem Vaterlande, haben nicht nur die schlichten und einfachen Lehren der Religion und der Humanität zu verzerren gewußt, sie haben es auch zuwege gebracht, daß insbesondere in der bäuerlichen Bevölkerung die verlogene Behauptung: „Die Inden sind die Ausbeuter und Verfolger des christlichen Volkes" Glauben gefunden und daher im Landvolke die härtesten Verfolger der Inden anzutreffen sind. Es ist eine böswillige Lüge, daß die Juden jemals Verfolger der Christen gewesen wären, aher es ist eine leider unbestreitbare Tatsache, daß nur zu viele Geistliche, die Christen zur Verfolgung der Inden Hetzen, denen j sie — wie der Papst es sie lehrt — auch dann human eutgegentreten müßten, wenn sie wirklich das wären, wozu sie antisemitische Verleumdung stempelt. Unzählige Klagen und Jammerrnse ans Dörfern und kleinen Ortschaften bekunden es, daß die vielfach in erster Reihe von Geistlichen gehetzte bäuerliche Be- ' völkerung einen völligen Boykott über die Juden verhängt, der! die kleinen jüdischen Geschäftsleute dem Ruine zudrängt. Die l wirtschaftliche Erdrosfelung der Juden, diese moderne Ansge-! staltung der mittelalterlichen Hepp-Hepp-Politik hat schon nn-; zählige Existenzen vernichtet und droht täglich neue Opfer zu! schaffen. Mit der Mahnung des Papstes, felbft an den Verfolgern! Wohltaten zu üben, wird man die Haltung so vieler katholischer! Geistlichen, die ehrliche, arbeitsame Menschen bloß wegen ihrer j Konfession ums Brod bringen, wohl tlicht in Einklang bringen > können. Es wäre wohl nur eine naive Illusion, wenn man sich! dem Glauben hingeben wollte, die Exhortation des Papstes,! welche so unzweideutig die Lieblosigkeit und die Verfolgungssucht! verdammt, werde eine tiefere nachhaltige Wirkung auf jenen! Teil des Klerus üben, der sich weniger „christlich" als „christlich-! sozial" fühlt. Es wäre daher umsomehr zu wünschen, daß von i jüdischer Seite, aus eigener Kraft Hilfe geschaffen würde, indem zunächst von berufenen Kennern der Verhältnisse Mittel erwogen j und Vorschläge erstattet werden, wie der zunehmenden Ber- ■ elendung und Verarmung der kleinen jüdischen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden zu steuern sei. & * * Der gegenwärtige Papst scheint sich, was die Judenfrage betrifft, ohnehin bei den Christlich-Sozialen kaum einer besonderen Autorität zu erfreuen. Die Antisemiten wissen, daß Pius X.! bei verschiedenen Gelegenheiten es verraten, daß ihm jede! antisemitische Gesinnung ferne, daß er von den Inden keine j schlechte Meinung habe, ja, daß er sogar noch heute freund-! schaftliche Beziehungen mit einer bekannten jüdischen Familie i pflegt, die aus dem Orte stammt, in welchem das Oberhaupt! der Christenheit zu Beginn seiner Carriere als schlichter Pfarrer! wirkte. Der einstige Pfarrer Sarto hat damals gar oft den j Weg zu der jüdischen Gutsbesitzer-Familie gefunden, wenn er! Geld für seine Armen brauchte und er hat niemals ein „Nein"! gehört, wenn er an den jüdischen Wohltätigkeitssinn appellierte, j Das erste Glückwunsch-Telegramm hat der einstige Pfarrer; Sarto zu seiner Erhebung auf den päpstlichen Thron von dieser; jüdischen Familie erhalten, er hat es mit aller Wärme erwidert. 1 Die anti-antisemitische Gesinnung des Papstes geht den Christlich- Sozialeit in Oesterreich gewiß stark gegen den Strich und wer weiß, wessen sie fähig wären, wenn der Statthalter Christi,

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