Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
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licheu Kinder, die infolge der Pogrome verwaist waren, zur Versorgung übernommen wurden, mußten 27 Waisen aus den verschiedensten Gründen in Odessa Zurückbleiben. Nunmehr sind auch diese Kinder nach Vereinbarung des „Hilssvereines der Deutschen Juden" mit dem Russo-Jewish Komitee in London und der „Großloge in Deutschland" versorgt worden. Zehn der Kinder wurden bereits vor mehreren Wochen nach Amerika befördert, und 17 trafen am vorwöchentlichen Mittwoch in Berlin ein. Zehn Knaben und sieben Mädchen im Alter von 3 bis 11 Jahren — nur ein Knabe ist 15 Jahre alt — kamen in direkter Fahrt aus Odessa über Alexandrowo auf dem Bahnhofe Friedrichstraße hier an. Zwei russische Damen führten die kleine Karawane. Die Kinder sind samt und sonders elternlos; entweder haben sie bei den russischen Maffakres Vater und Mutter verloren, oder sie hatten zur Zeit der Pogrome, nur noch Mutter oder Vater und diese letzte Stütze ist ihnen alsdann durch Mord entrissen worden. Die Mutter eines Mädchens lebt freilich noch; sie ist aber infolge des Pogroms wahnsinnig geworden. Nett gekleidet und gut altssehend — ein Zeichen der trefflichen Fürsorge des Odessaer Komitees, an deffen Spitze Frau Dr. Lubow D r, s o steht — kamen die Kinder in Berlin an, wo sie von den Vertretern des „Hjlssvereins der Deutschen Juden" und der „Großloge für Deutschland" in Empfang genommen wurden. ^Nachdem die Kinder im Bureau des „Hilfsvereins" gespeist worden waren, wurden sie nach der anstrengenden Fahrt, die sie alle gut überstanden hatten, in ihre Quartiere gebracht. Während -des mehrtätigen Aufenthaltes in Berlin, der nötig wurde, um die persönlichen Angelegenheiten der Kinder, ihre Papiere rc. in Ordnung zu bringen, nahmen sich die Vertreter des „Hilfsvereins" und der „Großloge", namentlich die Herren Geheimrat Maretzki, Siegmund Bergel und D. Wolff, der Kinder in der liebevollsten Weise an. Ani Montag reisten fünf Kinder in Begleitung nach Brüssel, wo Dank der Bemühungen des Herrn Konsuls Franz Philippsou für die Erziehung derselben in bester 'Weise Vorsoge getroffen worden ist. Auch für die übrigen Kinder haben der „Hilfsverein" und die „Großloge" gute Pslegestellen besorgt, und es ist zu erwarten, daß alle diese Waisen, ebenso wie diejenigen, die vor zwei Jahren übernommen wurden, sich in bester Weise entwickeln werden, und daß ihnen nach den trüben Tagen eine hellere Zukunft beschieden sein wird. Berlin. In den Ausführungsbestimmungen zu dem neuen Börsengesetz wird — was bisher vergebens angestrebt wurde - zum ersten Male die Anerkennung der hohen jüdischen Festtage und ihre Gleichstellung mit den christlichen Feiertagen ausgesprochen. Unter Artikel IX der Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 29. Mai 1908, betreffend die Geschäfts- Bedingungen der Produktenbörse zu Berlin für den Zeithandel in Getreide und Mehl heißt es: „Als Feiertage gelten die staatlich anerkannten all- .gemeinen Feiertage, die beiden jüdischen Neujahrstage und der Verlöhnungstag." Paris. Die französische Rabbinersammlung hat in der vorigen Woche ihre zweite Sitzung abgehalten. Bekanntlich Hut dieselbe zur freudigen Ueberraschung aller liberalen Kreise im vorigen Jahre eine Reform der Ehegesetze, speziell des Get und der Chalizah angeregt. Ein merkwürdiger Vorgang vorhinderte in diesem Jahre die endgültige Beschlußfassung über diese Fragen. Der Präsident des französischen Zentralkonsistoriums, Baron Edmund von Rothschild, erschien nämlich in der Versammlung und hielt dort eine Ansprache, in der er gegen die geplanten Reformen Stellung nahm. Barön Rothschild erzählte, daß er aus seinen Reisen während des letzten Jahres wahrgenommen habe, wie peinlich die reformatorischen Absichten der französischen Rabbiner allerorten die Judenheit berührt hätten; namentlich haben ihm ausländische Rabbiner, nach dieser Richtung hin überzeugende Mitteilungen gemacht. Er bat die Rabbiner, ihre Kraft der Erhaltung des traditionellen Judentums zu widmen, nicht aber den Weg von Reformen und Aenderungen zu beschreiten. Die Antwort des Grand Rabbin de France, Alfred Levy, war eine-sehr würdige, vom Geiste Zadoc Kahns erfüllte. Er erklärte freimütig, den von Baron von Rothschild vorgetragenen Anschauungen sich nicht anschließen zu können. Nichtsdestoweniger sollen die Beschlüsse der vorigen Versammlung nochmals geprüft und den europäischen Rabbinern vorgelegt werden. In der nächsten Generalversammlung im Mai 1909 sollen dann die definitiven Beschlüsse erfolgen. Mann kann diesen Entschluß der französischen Rabbinerversammlung nur billigen. Haben sich bis jetzt auswärtige Rabbiner ohne jede Berechtigung und ohne besondere rabbinische Autorität in die Angleegenheit unberufen hineingemischt, so sollen jetzt die berufenen Vertreter des Judentums aus theologischem Gebiete zu Worte komme, besondere Anerkennnng verdient aber der Mut und die Entschlossenheit, mit der die französischen Rabbiner in der peinlichen Lage, in die sie durch die Rede des Barons Rothschild versetzt wurden, sich benommen haben. Baron Rothschild nannte sich selbst einen Laien, der die gelehrten Herren nicht belehren könne. Wenn er es trotzdem versucht hat, so war die Antwort der französischen Rabbiner die einzig richtige, die in einem solchen Moment gegeben werden konnte. Petersburg. Der berühmte Kadettenführer R o d i t s ch e w hat sich in einem Interview gegenüber dem hiesigen Korrespondenten der hebräischen Tageszeitung „Hed-Hasman" (Wilna) über den Stand der Judenfrage in folgender Weise geäußert: Ich halte die Anfrollung der Judensrage in der Duma gegenwärtig nicht für ratsam. Denn, wenn es sich nur um eine Demonstration handeln soll, so steht dieser natürlich an sich nichts im Wege. Aber meiner Meinung nach darf man eine solche Demonstration nur dann unternehmen, wenn man nichts zu verlieren hat. Die Lage der Inden könnte sich aber durch eine rein demonstrative Aufrollung der Judensrage nur verschlechtern. Daß die Duma den Juden j etzt irgend welche Verbefferungen bewilligen wird, ist nach Lage der Sache ausgeschloffen. Durch die Ablehnung aller judenfreundlichen Anträge würde aber gar mancher höhere und niedere Tschinownik, der bisher den Juden stillschweigend manches nachsah, erst zu strenger Anwendung aller gegen die Juden gerichteten Gesetze veranlaßt werden, und manche halbvergeffene Verfügung, die den Juden das Leben sauer machen soll, würde von neuem ausgegraben werden. Ich persönlich würde schon sehr zufrieden sein, wenn die dritte Duma keine neuen Beschränkungen der Inden erlassen würde. Auf die Frage des Korrespondenten über die Aenßernng Stolypins, daß die Regierung bereit sei, die Judenfrage in humaner Weise zu behandeln, äußerte sich Roditschew dahin, daß man die russische Regierung nur nach ihren Taten beurteilen dürfe und nicht nach den Versprechungen einzelner Minister, die nur mit Rücksicht ans die Meinung des Auslandes abgegeben würden. — Herr Roditschew sieht also ziemlich pessimistisch in die Zukunkt, was die Juden angeht, und man wird nun abwarten müssen, ob die Zukunft ihm oder den hoffnungsvolleren Beurteilern der Lage recht geben wird. Daß zurzeit die Situation wieder recht traurig ist und pessimistische Aeußerungen sehr erklärlich erscheinen läßt, muß allerdings zugegeben werden. London. In der letzten Sitzung der Anglo Jewish Association teilte der Präsident Claude Montefiore mit, daß er zwei Vorschläge empfangen habe, die beide die Schaffung eines solchen internationalen jüdischen Komitees in Fällen der Not zum Zwecke hätten. Der eine Vorschlag kam vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" und ging dahin, einen ständigen Ausschuß von Vertretern der leitenden jüdischen Organisationen Europas und Amerikas zu bilden, der wenigstens einmal im Jahr zusammentreteu und Fragen allgemeiner Natur, z. B. der Kolonisation und der Auswanderung, beraten sollte. Der Vorschlag war unterzeichnet von den Herren Dr. Lachmann und Jnstizrat Blau. - Er fand indessen nicht den Beifall der Jewish Colonisation Association, die ihrerseits einen Gegenvorschlag aufstellte. Nach diesem sollten in England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Amerika seitens der leitenden jüdischen Organisationen jedes dieser Länder je zwei Delegierte gewühlt werden, die zusammen mit zwei Delegierten der Jca in Fällen der Not rasch zusammentreten und auch das Recht haben sollten, Delegierte der anderen Organisationen zu einer größeren Konferenz einznladeu. Lediglich Deutschland sollte vier Delegierte, je zwei für die Deutsche Konferenzgeineinschaft der Allianz und für den Hilfsverein, wählen dürfen. In Amerika sollte das American Jewish Committee das Recht der Entsendung der Delegierten haben; diese amerikanischen Vertreter sollten in Europa wohnhaft sein. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Komitees würde also vierzehn betragen. Dr. Lachmann und Justizrat Blau stimmten diesem letzteren Vorschläge bei, und Dr. Nossig, der im Interesse des Berliner Vorschlages eigens nach London gekommen war. wurde bedeutet, daß dieser als erledigt zu betrachten sei. Mr. Montefiore ersuchte die Versammlung, den Pariser Vorschlag anzunehmen, die beiden Delegierten aber gemeinsam mit dem Roard of Deputies und nicht allein von der Anglo Jewish Association zu wählen. Ein zionistisches Amendement zu diesem Vorschlag wurde abgelehnt und derselbe hieraus mit großer Majorität angenommen. Somit ist das internationale jüdische Komitee beseitigt. Konkurs. An der israel. Kulrusgemeinde Andrychau gelangt die Stelle eines Kantors und Lehrers für sofortigen Antritt zur Besetzung. Bewerber, die das 85. Lebensjahr nicht überschritten haben, über eine angenehme Stimme verfügen, musikalisch gebildet und dabei fähig sind, hebräischen Unterricht zu erteilen (eventuell auch Schocket, Ubodek) wollen ihre mit Zeugnisabschriften belegten Gesuche bis zum 25. August 1. J. an den gefertigten Vorstand einsenden. Jahre8gehalt 1500 Kronen nebst den üblichen Emolumenten. Nur dem Akzeptierten werden Reisespesen vergütet. Oer Kultusvorstand. Feuilleton. Are alte Aeöezin. Von Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) Und ihr edler Raw, der einen Teil seines geringen Einkommens zu Spenden nach dem heiligen Lande verwandte, ohne daß sie je gewagt, aus einem sich selber uneingestandenen Schamgefühl heraus, ihn darauf hinzuweisen, daß für die eigenen Kinder Schuhe zu kaufen, vielleicht eine nicht weniger große Mizwah (Wohltat) wäre — ihr Raw könnte der großen Freude teilhaftig werden, diese Spenden vervielfachen zu können — und nicht zuletzt stehts ja doch auch geschrieben — man betet wie um Brot znm Essen, ja auch um Kleider zum. Bekleiden. Beged (Kleid) bedeutet aber mehr, als nur ein Gewand die Blöße zu decken, Kleid vereinigt in sich den Begriff von etwas Schönem,