Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Rr. 30. Und mit dem eben mühsam erzwungenen Lächeln um den Mund antwortete er: „Der Wilnaer Gaon sichrone Liwruche" — das Sichrone Liwruche war eine Konzession an die Rebezin — „war nicht mein Vater und nicht mein Großvater gewesen — das könnten Sie sich übrigens der Zeitrechnung nach auch selber denken," setzte er unwillkürlich mit einiger Herbheit sich selber ironisierend hinzu. „Mein Großvater war bloß ein armer Handwerker" — ob dessen Handwerkszeug in Hobel und Säge oder Nadel und Zwirn bestanden, ließ Stahlberg unerwähnt — „und da mein Vater hellen Geistes und es leider nm die Mittel sehrknapp war — sonst wer weiß, wie stolz ich jetzt vielleicht auch meinen Vater hätte sein können — war er Sofer geworden." „Ich bin aus der einen als auch aus der anderen Art geschlagen. Mein Vater hat Toras und Mesuses aus Pergament geschrieben, ich schreibe bloß auf gewöhnliches Papier." Stahlberg lachte jetzt ein wenig überlaut, wie jemand, der par depit lacht, dann fuhr er fort: „Ja, ich schreibe auf Papier, das nicht einmal aus alten abgelegten Talessim, sondern nur aus ganz ordinären Lumpen gewalkt ist, es zerstiebt, zerstattert, hält nicht so lange ans wie Pergament, aber — einträglicher ist meine Schreiberei doch jedenfalls..." Er hat zuletzt, gleichsam wie die Worte wägend, ganz langsam gesprochen. Ein Gefühl des Unmutes, des Verletztseins war wieder über ihn gekommen — warum in aller Welt hatte er sich zu der Beichte herbeigelassen? Gleichzeitig wußte er aber auch ganz genau, daß er auf der Hut sein wollte, diejenige doch nicht zu kränken, die diese Beichte veranlaßt hatte, wenn er sie etwas von diesem Empfinden merken ließe. Indes, die Rebezin würde nichts gemerkt haben, wenn er auch weniger bemüht gewesen wäre, seine Verstimmung zu verbergen; versunken, wie mit nach innen gewandten Augen, saß sie da, sie mochte ihm, kaum noch zugehört haben. Während er das glänzende Bild des Reichtums vor ihr aufgerollt hatte, war in raschem Fluge Erinnerung und Erinnerung aus dem Grunde ihrer Seele emporgestiegen, mahnend, warnend, ihr Kind vor Armut zu bewahren, dieser Armut, die wie ein breiter schwarzer Schatten über ihren eigenen Lebensweg gelagert lvar. Da ward sie sich bewußt, dieser Schatten werde auch über das einzige, was sie bis nun wie einen Talisman gehütet, über ihren Familienstolz sich herniedersenken.-— Bor allem andern herangeschwebt kamen jetzt die Erinnerungen an die Demütigungen, die sie um dieser Armut willen hatte erdulden müssen — da die bitterste vielleicht für die Frauenseele — bald nachdem man sich hier niedergelassen. Eine arme Brautmntter stand vor ihr mit der Bitte, sie, die neue Rebezin, sollte an dem Tage ztim erstenmale einen, weiß Gott vor wie langer Zeit, von den Rebezins eingeführten und fortgeübten Brauch gemäß, die Braut an ihrem Ehrentage mit ihrem, der Rebezin Stirnband schmücken. Die arme Frau mochte sich ein solches Kleinod, als ein zur Rebezin gehörendes Attribut denken; den Luxus von Myrtenkranz und Schleier kannten hier die Bräute in beit armen jüdischen Familien nicht. In jenem Augenblicke hatte sie wohl unzählige Male „hakol hewel“ (alles ist nichtig) innerlich sich gesagt, ohne dennoch einzugestehen, daß sie weder diesen kostbaren Schmuck, noch irgend einen anderen besaß. Diese Schwäche vor sich selber damit entschuldigend, daß solch Geständnis etwas wie „Nichtsein" für sie bedeuten würde, solch Geständnis in den Augen dieser Frauen als von dem Piedestal, auf dem sie gesetzt war, heruntergestiegen.erscheinen ließe, daß der Moment für ihr Ansehen, ihre Reputation als Rebezin bedeutungsvoll fei, da es zu Anfang gerade auch am meisten darauf ankam, sich zu behaupten, wenn jemals ihr Rat, ihr Wort etwas gelten sollte. Befreit hatte sie aufgeatmet, ja, ein leises Dankgebet war den Lippen entstiegen, als in jenem kritischen Augenblick ihr einfiel, Hermali, eine Großstädterin, und gleich ihr seit kurzem hier ansässig, mit der sie durch gleiches Denken und gleiche Gesinnung in schöner Freundschaft sich gefunden, diese Freundin besaß solch kostbares Stirnband ohne sich je damit zu schmücken, „weil es altmodisch sei". Da gab sie auch schon mit lachendem Munde der Brautmutter das Versprechen, den alten Brauch uachüben, den Schmuck der Braut aufs Haupt setzen zu wollen. Sie hatte nur nicht gesagt: „Mein Schmuck", dieses Hintertürchen wollte sie ihrem strengen Gewissen offen halten. Und seitdem, bis auf den heutigen Tag, schmückte die Rebezin auch jedesmal wieder mit eigenen Händen die Bräute mit dem entliehenen schimmernden Krönlein, ohne daß jemand ahnte, welche Bewandtnis es damit habe. Sie sah ihr blondes Kind in dem geflickten Stiefelchen, mit dem schlecht sitzenden armseligen Fähnlein, das Gespenst der Armut hinter ihm. Mirjams einziger Staat, der lächerliche Luxus, bestand in einem großen schwarzen Samthut, den Jentali, die Agune, einst von ihren Jrrfahnen Rebezins Aeltester als Geschenk mitgebracht hatte, und sie, die Mutter, hatte nicht das Herz, dem Kinde zu wehren, wenn es auch zur heißesten Sommerszeit mit diesem Ungetüm von Hut ans dem Kopf vor der Haustür stolzierte, glückselig, daß Schochets Esterle den Staat bewunderte. Sie selber hatte in ihrer Jugend echte Perleuschnüre sich ins Haar geflochten; sie war in Samt und Seide gekleidet. Sie gedachte der Tränen, die sie geweint, als ihre Mutter, der eigenes Entbehren geringere Qual war, als den Armen nicht geben zu können, später Perle um Perle verkaufte, denn sie gab bis zum letzten, solange sie lebte. Und Josef Stahlbergs Frau konnte den alten, von ihren Ahnen geübten Brauch, Fleisch und Weißbrot wöchentlich an Freitagen an Stadtarme zu verteilen, wieder einführen. Ach, es waren auch hier, trotz der geringen Anzahl der Einwohner, soviele, viele Arme, Unglückliche in Stadt und Umgebung, und die Seufzer all dieser Bedauernswerten würden in Mirjams Herzen Widerhall finden. Auch Mirjam würde, wie ihre Urahnin, in Hütten verschämter Armen Eßvorräte in verdeckten Körben schicken können. Fortsetzung folgt. Austritte ans dem Judentum. Bernheim Murre, geb. 19. Februar 1887, Treffen, Kärnten, Pfaidlerin, VI., Joanelligaffe 6. Tonnard Anna Warte, geb. 21. Juni 1864 zu Bilg, Preußen, VI., Worellstraße 2. Tonnard Leopold, geb. 28. August 1866, Fünfkirchen, Schauspieler, VI. , Worellstraße 2. Ctzatina Frieda. geb. 17. Jänner 1889, Galatz, Gymnasiastin, IX., Garniiongasse 3. Fechnrp Julius. geb. 29. Mai 1857, Wien, k. k. Rechnungsrat im Finanzministerium, II., Praterstraße 27. Felsenbnrg Hans Mendl, geb. 20. Juli 1885, Wien, Schriftsteller, II., Zirkusgasse 47. Langep Johann, geb. 16. Juni 1888, Wien, Tapezierergehilse, XL.. Meldemannstraße 27. Neuföld Tmrl, geb. 21. August 1878, Wien, XIV., Fenzlgasse 1. Nruseld Emma geb. Wertheim, geb. 23. Jänner 1875, Wien, Privatbeamtensgattin, XIV., Fenzlgasse 1. Pick Elsa, Modistin, geb. 1. Juli 1885, Wien, XV., Karmeliterhofgasse 7. Schick Ella, geb. 5. März 3884, Wien, laut Zuschrift der israelitischen Gemeinde Prag zur römisch-katholischen Kirche. Stern Siegfried, geb. 18. März 1858, Wien, Architekt, I., Kölluerhofgasse 1. Suschihky Ndelv geb. Bauer, geb. 19. November 1878, Brünn, X., Raaverbahngasse 8. Suschihky Wilhelm, geb. 22. Dezember 1677, Wien, X.. Raaberbahngasse 8. Wesel Klementine Anna Kattzarina geb. Ländisch, verwitwete Widakoioich. geb. 23. November 1848, Budapest, Kanfmannswitwe. I., Bäckerstraße 18. Wesel Loniftz, geb. 23. Oktober 1688, Wien, Private, I., Bäckerstr. 18. Beran Unna. geb. 26. Dezember 1886, Kremsier, Mähren, II., Obere Donaustraße 6. Fröhlich Nlsrrd, geb. 25. Dezember 1875, Wien. Düsseldorf a. Rh. Fröhlich Tlxeodop Luitpold, geb. 13. November 1879, M.-Kromau, ' Zeitnngsadmnistrator, IX., Sechsschimmelgaffe 14. Hammerschlag Wedivig, geb. 16. September 1874, Wien, Private, IX., Alserstraße 26. Kaskck Josef, geb. 19. Jänner 1878, Pilsen, Böhmen, Studierender der Philosophie. VIEL, Buchfeldgaffe 9. Kinivald Wchep, geb. 14. Dezember 1886, Przemysl, Schneidergehilfe, VII. , Siebensterngasie 58. Kohn EdMUNd, geb. 22. Juni 1876, Wien, Bankbeamter, IX., Schulz- Straßnitzkygaffe 7. Kolifchep Oswald, Dr., geb. 12. Juli 1881, Wien, Rechtspraktikaut beim k. k. Handelsgerichte Wien. Luftig Elsa, geb. 28. Februar 1891, Budapest, IV., Trappelgaffe 3.