Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-07-24 · Heft 29 (24.7.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063447--05573-3072506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit Nr. 29. sätze der christlichen Moral von der jüdischen her und wünschte, daß hienieden schon in unserem Vaterlande viele Gotteswohmmgen wären, in denen jeder nach seiner Ueberzeuguug und seinen Bedürfnissen sich mit Gott vereinigen könne. Bis aus diese wenigen Ausnahmen ereiferte sich kein Abgeordneter für die Emanzipation. Als diese bloß gestreift wurde, hörte mau schon die Einwendungen von dem Gravitieren der Juden nach Palästina und dem Messiasglauben, worauf Goldmark ganz im Sinne Mirabeaus erwiderte: Sind die Inden nicht gedrückt, dann brauchen sie keinen Messias. Wenn wir daher bedenken, daß der Weg von der theoretischen Anerkennung eines Prinzipes bis zn dessen praktischer Verwirklichung noch ein weiter ist, daß ferner viele Abgeordnete von Petitionen ihres Wahlkreises und Drohungen sich beeinflussen ließen, so ist es zweifelhast, ob die Emanzipation im Kremsierer Reichsrate die Stimmenmehrheit erhalten hätte. Um die Zeit, als die Grundrechte in erster Lösung in den Reichsrat gekommen waren, hatte sich das Konst.-Blatt Böhmens aus Wien schreiben lassen: „Ich will die Gerüchte, daß der 8 17, der durch den hinzugesügten Beisatz,christlich' die Emauzipatiousfrage mit einemmale negativ erledigen würde, diese Umänderung in den Abteilungsberatungen erhalten hat, nicht Glauben schenken, weil ich nicht glauben kann, ein Staat, der die Macht hat, den anderen voranzugehen, wird ihnen nachstehen wollen." (Fortsetzung folgt.) Gatizischer Hilfsverein. Ueber die Tätigkeit des Hilssvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien im Laufe des heurigen Jahres wird uns' folgender Bericht mitgeteilt: I. I n d u st r i e n. S p i tz e n h ä k e l e i. Die Befürchtungen, es werden sich die Bestellungen von Häkelspitzen im Jahre 1908 in hohem Maße verringern, sind bisher erfreulicherweise nicht 'eingetroffen. Es wurden bis Ende Mai an Nettolöhnen ausbezahlt K 16.053 02, außerdem liegt noch unbezahlte Ware im Bruttolöhne von K 8897*84 beim Zentralspitzenknrse, darunter Filet guipure- Arbeiten im Bruttolöhne von K 264*40. Da im ganzen Jahre 1907 rund K 120.000-— an Nettolohn für gehäkelte Spitzen nach Galizien gingen, so ist anzunehmen, daß, wenn die Bestellungen in demselben Umfange wie bisher eiulaufeu, noch immer vielleicht die Hälfte des vorjährigen Lohnes erreicht werden dürfte. Spitzen kl öppelei. Während wir Ende 1907 3 Klöppellehrerinnen in Galizien beschäftigten, sind derzeit deren 14 dort tätig, um dieser Industrie raschestens eine größere Ausbreitung zu geben. Wir haben auch eine staatliche Lehrerin mit der Inspektion unserer Klöppelschulen betraut, die Ende Mai in -Galizien ihre Tätigkeit ausgenommen hat. Während wir zunächst die Spitzenklöppelei in den Häkelorten einzuführen beabsichtigten, um den derzeit weniger beschäftigten Häklerinnen einen Ersatz zu schaffen, gehen wir jetzt, durch die an manchen dieser Orte gemachten Erfahrungen veranlaßt, daran, sie nach solchen Orten zu verpflanzen, wo bisher eine Industrie von uns nicht eingeführt war. Sobald die Schwierigkeiten, die jede Einführung einer Industrie verursacht, überwunden sein werden, hoffen wir, auch in der Klöppelei einen schönen Erfolg zu erzielen, der allerdings, wie es in der Natur dieser Handarbeit liegt, erst nach längerer Zeit kräftiger in die Erscheinung treten wird. Zur Bestreitung der Kosten, welche die Entsendung der erwähnten Lehrerinnen uns verursacht, hat uns auf unser Ansuchen die „Israelitische Allianz zu Wien" pro 1908 eine Subvention im Betrage von K 5000*— zugesagt, wofür wir auch an dieser Stelle unseren innigsten Dank aussprechen. K l e i d e r k o n f e k t i o n. Bis zum 22. Mai 1908 wurden in der Werkstätte in Tarnow K 16.396*98 an Lohn ausbezahlt, also ungefähr soviel als im vorigen Jahre, was mit Rücksicht auf die Depression, die mehrere Monate hindurch in dieser Industrie herrschte, gewiß nicht zu unterschätzen ist. Bis 10. Juni wurde nicht mit der. vertragsmäßigen Arbeiterzahl gearbeitet und infolgedessen haben wir auch eine Subvention zu den Löhnen dem Unternehmer nicht bezahlt. Etst seit diesem Tage werden, wie uns der Unternehmer anzeigt, 80 Arbeiter beschäftigt. H a a r n e tz e r e i. Die bessere Konjunktur in Haarnetzen, von der wir in unserem Tätigkeitsberichte pro 1907 sprachen, hat uns veranlaßt, mit jenem Unternehmer, der die Haaruetzerzengnng seinerzeit in Galizien für uns eingeführt hat, neuerdings in Verhandlung zu treten, um ihn zu bewegen, in größerem Ausmaße, als er dies in letzterer Zeit getan hat, dortselbst Haarnetze erzeugen zu lassen. Diese Verhandlungen hatten den Abschluß eines Vertrages zum Ergebnisse, in dem sich der Hilfsverein verpflichtete, diesem Unternehmer durch 5 Jahre eine bestimmte Jahressubvention zu zahlen, falls er nach einer gewissen Vorbereitnngszeit im ersten Subventionsjahre an Arbeitslohn einen Betrag von K 100.000 und in den solgenden 4 Jahren zusammen einen Betrag von K 650.060 ausbezahlt. Dieser Vertrag trat am 1. Mai d. I. in Wirksamkeit. W e i ß st i ck e r e i. Die Lchule für Weißstickerei in Jaworow, an deren Spitze am 26. Jänner l. I. eine neue Lehrerin trat, gedeiht aufs beste. Die Mädchen liefern bereits nach Wien sehrschöne Arbeiten und sind mit ihrem Verdienste zufrieden. Infolgedessen haben wir uns veranlaßt gesehen, in Rzeszow ebenfalls eine solche Schule zn errichten, und haben am 1. Juni d. I. eine Lehrerin dorthin entsendet. Netze für Z e r st ä u b n n g s a p p a r a t e. Für einen Exporteur in Böhmen haben wir eine kleine Quantität grüner Netze für Zerstänbmrgsapparate, nach einem von ihm mitgeteilten Muster, in Jaryczow bei Lemberg anfertigen lassen. Die Probe ist gut ausgefallen und wir erwarten von ihm nunmehr eine größere Bestellung für die dortige Bevölkerung. Ueber die Einführung der M a s ch i n st r i ck e r e i und der E r z e u g u n g' v o n A r b e i t e r w ä s ch e schweben derzeit Verhandlungen mit Unternehmern; Verhandlungen über die Einführung der Erzeugung von Leder- und Hunyaschuhen, die uns mehrfach in Anspruch nahmen, haben ein positives Ergebnis nicht gezeitigt. H. S o n st i g e s. Sozial-ethische Aktion. Im Laufe dieses Jahres haben wir uns auch eingehend mit der Frage beschäftigt, wie unsere Tätigkeit, die bisher in erster Reihe darauf gerichtet war, „die materielle Lage der Juden in Galizien zu verbessern", dahin ausgedehnt werden könnte, „das Knltnrniveau dieser Juden nach Möglichkeit zu heben", um auf diese Weise auch die andere, im § 1 unserer Statuten als Zweck des Hilfsvereines angegebene Richtung unserer Tätigkeit intensiver zn pflegen. Wir sind im Begriffe, eine Anzahl Gutachten darüber einznholen, durch welche Veranstaltungen die Hebung des Knltnrniveans herbeigeführt werden könnte, um sodann ein Programm für diese Tätigkeit auszuarbeiten. Wie wir hören, wird vom Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin im Laufe des Herbstes eine Konferenz zusammeuberufen werden, die aus Oesterreichern und Deutschen bestehen und sich ebenfalls mit der Aufstellung eines Programmes für diese Aktion befassen soll. Organisation. In Durchführung des § 21 unserer Statuten hat die Vereinsleitung Veranlassung getroffen, daß in Lemberg und Krakau ans der Mitte der dort wohnhaften Vererusmitglieder je ein Beirat bestellt werde. Diesen Beiräten wird Gelegenheit gegeben werden, sich über wichtigere Vereiusangelegenheiten, insbesondere über solche von grundsätzlicher Bedeutung, zn äußern. Sie können auch Jnitiativ-Anträge stellen und Anregungen geben. Da in Wien mehrere Körperschaften rc. bestehen, deren Wirksamkeit darauf gerichtet ist, Juden in Galizien kulturell zu fördern (Galizischer Hilfsverein, Israelitische Allianz, Baron Hirsch-Stiftung, Vertretung der I. C. A.), ohne daß diese Körperschaften mit einander bisher in regelmäßiger Verbindung standen, wurde von uns die Anregung gegeben, durch zeitweilige Konferenzen der Sekretäre dieser Körperschaft e n eine solche Verbindung herzustellen,, eine Anregung, die überall günstig ausgenommen wurde und demnächst verwirklicht werden wird. uifi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.