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Die Wahrheit · 1908-07-24 · Heft 29 (24.7.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit Seite &. bleibt auch Herr Wolffsohn in Verbindung mit den hiesigen maßgebenden Kreisen. Es kann nicht ausbleibeu, daß die R ü ck.w i r k n n g diese r Unterredung auf die Lage der Juden in Rußland überhaupt eine sehr günstige sein wird. Das ist auch die Ansicht der russischen Presse und der russischen Inden selbst. Wenn diese auch an mancherlei Enttäuschungen gewöhnt sind, so hoffen sie doch, daß durch die Schaffung einer objektiven Information der Regiernng über die Lage und die Bestrebungen der Inden die leitenden Kreise zu besserer Erkenntnis kommen werden, und daß dies unbedingt zur Besserung der Lage der Inden führen wird. Während seines Aufenthaltes in Petersburg hatte Herr Wolffsohn auch mehrfache Unterredungen mit dem Gehilfen des Ministers des Innern, M a k a r v w, der die rechte Hand Stolypins ist und dem die gesamte Polizeiverwaltung untersteht. Eine anderthalbstündige Unterrednng hatte Herr Wolffsohn mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Iswolsky, die sich wesentlich um Fragen der auswärtigen Politik drehte, und deren Inhalt sich natürlich der Publikation entzieht. Denselben Gegenstand behandelte auch eine Konferenz des Herrn Wolffsohn mit dem gerade in Petersburg weilenden gegenwärtigen russis ch en B ots ch aster in K o n st a n 1 i n o p e l, Sinowiew. Viel bemerkt wurde, daß der Minister des Auswärtigen Jswolsky den Besuch Wolffsohns in dessen Hotel am folgenden Tage erwiderte. Zur Geschichte der Indenemanppation in Oesterreich 1848—1908. (Fortsetzung.) Der Widerspruch, welcher sich aus der Gegenüberstellung beider Briefe inbezng auf die emanzipationsfrenndliche Gesinnung der Abgeordneten ergibt, ist auf die Inkonsequenz derselben znrückznführen, welche wohl im Prinzip die Rechtsgleichheit der Juden anerkannten, doch weit davon entfernt waren, diese zu verwirklichen. Antwortete doch Palacky, der Schöpfer des Losungswortes (swui k swemu) „Jeder zn den Seinen", auf die Frage, wie sich seine liberale Anschauung mit der Rechtsentziehnng der Juden vereinigen ließe: „Ich bewahre nur dann Konsequenz, wenn diese der Partei Vorteile bringt." Und sein Schwiegersohn Rieger änderte seine Gesinnung inbezng auf die Inden vom Anfänge bis zum Ende seiner politischeit Laufbahn?) Obwohl er mir vor etwa zehn Jahren durch den böhmischen Landtagsabgeordneten Scharf schreiben ließ: Die Emanzipation der Juden wurde damals (1848) für selbstverständlich (samo zrejmo) betrachtet, zauderte er dennoch, diese in die Tat nmznsetzen und hielt sich von den Beratungen fern. Seine liberale Gesinnung ist ja ans den Protokollen ersichtlich: Als die Abgeordneten Straßer und Ingram zum § 13 folgendes Amendement: „Zur öffentlichen Ausübung eines in der Gemeinde noch nicht öffentlich bestandenen Kultus bedarf es der Zustimmung der Gemeinde", einbrachten und sich und das Volk gegen den Vorwurf der Unduldsamkeit verwahrten, denn die wenigen Israeliten, welche bei Ihnen in den Städten als Handelstreihende lebten, hätten nie einen Anlaß gefunden, sich wegen religiöser Intoleranz zn beschweren, denn ihr Amendement umfasse alle Religionen und basiere auf dem Grundsatz der vollständigen Reziprozität; sie geständen eben so gut den Judengemeinden das Recht zn, den katholischen Kultus, wenn er in ihrer Mitte nie ausgeübt wurde, znrückzuweisen. Darauf erwiderte Dr. Rieger schlagfertig: „Nun, ich möchte dann wissen, wo denn in der Welt die Juden eine Gemeinde errichten könnten; sie müßten nur in den Mond gehen. *) Im Jahre 1901 äußerte er sich zu einem klerikalen Redakteur: Er hat nie gewünscht, daß das jüdische zersetzende Element sich mit dem böhmischen Bolk verschmelze. Darüber zur Rede gestellt, erklärte er ans sein Ehrenwort, daß er von jeder Rassenfeindschaft gegenüber den Juden frei sei und daß er wünsche, daß die Inden in dem Maße, in dem sie die Bestrebungen der Deutschen fördern, für seine Nationalität eintreten würden. Sein Schwager, Universitätsprofesior Palacky. ein Freund der Inden und' ihrer Literatur, führt diesen Gesinnungswechsel Riegers aus seine Altersschwäche zurück. Es ist dies sehr human, den Inden gleiche Rechte einzuräumen, die für sie wenig Früchte tragen. Ich frage, wo geht denn dieser Absatz hinaus, er will nichts anders sagen, als daß die Inden nicht zllgelassen werden. Ich glaube, da hätten die biedern Männer Tirols besser getan, dies in klaren Worten anszndrücken: wir wollen die Juden nicht emanzipieren. Wenn das der Zweck war, so werden Sie beim § 16, wo diese Frage zur Sprache kommt, Gelegenheit finden. Ich habe den Antrag der Kommissionen, welcher unbedingte Religionsfreiheit ansspricht, zu verteidigen. Fast sollte ich glauben, daß es überflüssig sei, dies zu tun; aber die Amendements, die ich soeben gelesen habe, überführen mich, daß das Prinzip der Religivnssreiheit noch lange nicht allgemein anerkannt ist. Sollte es wohl nötig sein, die Gedankenfreiheit erst zu beweisen? Und ist etwa die .Religionsfreiheit etwas anders als die Gedankenfreiheit in ihrer Anwendung auf die erhabenen Ideen des Menschen, auf seine Vorstellung von der Gottheit? Oder, so fragte er mit beißender Ironie, muß denn in Oesterreich wie in China jeder die Religion seines Kaisers bekennen? Jede Religion, wie sie auch heiße, macht den Anspruch, einzig und allein die wahre Art der Gottesverehrung zu lehren. Jede Kirche macht Anspruch darauf, den einzig wahren Weg zur Glückseligkeit, znm Heile zn führen. Meine Herren! Nicht alle können den wahren Glauben haben, wir alle sind Menschen, wir alle können irren, nnfehlbar ist nur der Eine. Unsere Kirche feiert am heutigen Tage ein sinniges Fest; bestreuen auch wir uns mit Asche, sprechen auch wir unser „rnevasubo mori“! Gestehen wir uns zn, daß wir vor den Augen Gottes nichts sind, daß vor seinem Angesichte alles eitel ist, was wir sind, vielleicht sogar auch eitel, was wir glauben, daß vielleicht selbst unsere Ansicht von Gott mehr unserer Fassungskraft angepaßt als seiner Erhabenheit, vor seinen Augen nicht mehr Wert hat, als die kindische Weltanschauung des kleinen Knaben vor den Augen seines weisen Lehrers; bedenken wir, daß nur Gott allein über uns Allen steht, unfehlbar und unvergänglich. Durch seinen Willen geschieht es, daß die Menschen verschiedene Wege gehen, und jeder seinen Schöpfer nach seiner Art zn verehren sucht; Gott hat das Streben darnach selbst in unsere Brnsl gelegt, er hat die Freiheit dazu uns allen gleich gegeben; wir aber, wir schwache Menschen, sollen den Schöpfer nicht meistern, wir sollen diese gottgegebene Religionsfreiheit den Menschen nicht verkümmern, uns nicht widersetzen den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes!" Der Abgeordnete Kaj. Mayer berichtigte den bibelknndigen Rieger. daß bereits König Salomo vor 2000 Jahren den Ausspruch vom Eiteln und Nichtigen alles Irdischen getan hat. Er erinnere aber dabei an das Schlußwort Kohelets 12. 13: Der Geist des Herrn schwebt noch über der Menschheit. Der Abgegeordrlete Barosch fragte: „D ü r f e n wir h i n d e r n, w e n » heute wieder der Tempel zu Jerusalem erbaut w ü r d e, u n d unsere Fromme n, gläubig e. Israeliten hin st euer»? Gewiß nicht! Im Leben der Völker bedingen Religiosität und staatsbürgerliche Freiheit gegenseitig; ohne jene Wohltat wird auch bald diese verwelken, und eben so wenig wird die Religion reine Herzensaltäre finden, wenn weltlicher und geistlicher Despotismus um ihrer selbstlichen Zwecke willen das Heilige in Aberglauben verkehren. Gerade unsere Grundrechte sollen ja das Fördernngsmittel werden zur Verbreitung einer wahren, durch brüderliche Menschenliebe sich bewährende Religiosität, und wer für diese streitet, huldigt wahrlich nicht dem Jndifferentismns, der ja eben darin besteht, sich um das Wohl oder das Wehe der Mitmenschen nicht zu kümmern, am wenigsten dann, wenn die eigene Wohlfahrt gefährdet wird durch den Kampf mit selbstsüchtigen Interessen, Vorurteilen und Leidenschaften." Mit wahrhafter Begeisterung sprach sich Freiherr von Ziemialkowski, der spätere Minister, für die Emanzipation ans, „damit die Inden uns als Brüder lieben lernen." Er forderte eine gleichmäßige Eidesformel für alle Staatsbürger. Gorinp verwahrte die von ihm vertretene Landbevölkerung, die früher selbst die Knechtschaft fühlte, gegen den Vorwurf, als lehne sie sich gegen die Emanzipation auf. Schnselka leitete die Grund-

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