Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrsten Nr. 29. Die Frage, ob das Versäumte nicht auch durch eine Tat von aufsehenerregender Bedeutung wettgemacht werden soll, möchte ich mit einem entschiedenem „5a I" beantworten. Es gibt eine Korrektur auch für diese Unterlassungssünde, und ich getraute mich, einen diesbezüglichen Vorschlag in zahlreichen Versammlungen vorzutragen und nach erlangter beifälliger, ja enthusiastischer Zustimmung seitens der betreffenden Zuhörerschaft, mich diesbezüglich an den jüdischen Abgeordnetenklub in Wien, ferner an den Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, als den Vorsitzenden des österreichischen Gemeindebnndes, zu wenden. Der Antrag lautet: „Es werde dem Knustinstitute Bezalel in Jerusalem der Auftrag erteilt, eine Gobelinarbeit in höchst künstlerischer Vollendung und orientalischer Pracht anzufertigen, und dieses Kunstwerk soll als ein Jubiläumsgeschenk des jüdischen Volkes Sr. Majestät zu Füßen gelegt werden". Wenn Se. Majestät, der König und Schutzherr von Jerusalem ist, diese originell jüdische Arbeit huldvoll anzuuehmen geruht, wird der Ausfall an Repräsentanz im Festzuge durch die jüdische Kunst würdig gedeckt sein. — Wir hätten dann ein Gedenkblatt in die Gemächer Sr. Majestät eingelegt, ans welches der biblische Vers so treffend paßt: „Ihr werdet ihn sehen und Ihr werdet gedenken". Der Anblick dieses Kunstwerkes würde für alle Zeiten ein Mene tekel sein, um das jüdische Volk als gleichwertig mit allen anderen Völkerschaften zu rangieren. Bei der Wahl des Sujets der Darstellung wüßte ich nichts besseres vorzuschlagen, als die Huldigung der österreichischen Judenschast nach althergebrachter Sitte aus einem Gobelin, und aus einem zweiten Gobelin vom kaiserlichen Aar beschützt, die Bilder jener hervorragenden jüdischen Männer, die zur Negierungszeit Sr. Majestät gelebt und hervorragend gewirkt haben, in einer Huldigung vor dem Kaiser vereinigt oder in anderer Gruppierung. Natürlich steht es frei, auch andere Vorschläge zu machen, Hailptsache ist, daß die Anregung ans fruchtbaren Boden fällt, zur Ehre des österreichischen Judentums und zur Hebung und Förderung der jüdischen Kunst. Med. Dr. Rüben Vierer, Lemberg. Die russische Regierung und die Zionisten. Vom zionistischen Zentralbnreau in Köln erhalten wir folgende Mitteilungen: Am Freitag, den 10. Juli, wurde der Präsident der zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn, vom russischen Premierminister Herrn P. A. von Stolypin, im Elagin'schen Palais empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfaud, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, ihre allgemeinen Ziele, die Tätigkeit ihrer Institutionen und die zionistische Arbeit innerhalb Rußlands eingehend erörtert. Zum Schluß gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Negierung beabsichtige nicht, den Zionisten Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist — eine öffentlich — rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Wolffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Jwolski. -i- * * Im Anschluß an die Nachrichten über die Audienz des Präsidenten der zionistischen Organisation, Herrn Wolffsohn beim Ministerpräsidenten Stolypin und dem Minister des Auswärtigen Jwolski, ersahreu wir noch folgendes: Im Laufe der auf die Audienzen folgenden Tage hatte der Präsident eine Reihe längerer Konferenzen mit maßgebenden Persönlichkeiten der russischen Regierung, die ebenfalls zu befriedigenden Ergebnissen geführt haben. Während. der Anwesenheit des Präsidenten in Petersburg waren die meisten russischen Mitglieder des Aktionskomitees in Petersburg verj sammelt. Die Petersburger Presse beschäftigte sich lebhaft mit dieser Angelegenheit und brachte ausführliche Berichte und Interviews darüber. Am Dienstag reist Herr Wolffsohn nach Wilna, wo er von den Mitgliedern des Zentralkomitees der zionistischen Organisation für Rußland erwartet wird. Aus Wilna wird uns telegraphiert, daß die Zentralregierung ans Petersburg den Wilnaer Lokalbehörden telegraphisch die Ankunft des Präsidenten avisiert und angeordnet hat, einer Versammlung, die Mittwoch abends zur Begrüßung des Präsidenten stattfinden soll, keinerlei Hindernisse zn bereiten. Ueber die Details der Beratungen wird folgendes gemeldet: Herr Wolffsohn hat in seiner Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Stolypin auch die allgemeine Lage der Juden in Rußland berührt und dabei feststellen können, daß die Regierung selbst sehr wohl weiß, daß die Inden heute in Rußland schlechter daran sind als je zuvor, namentj lich auch als vor dem Ansbruch der revolutionären Bewegung. I Und zwar aus zwei Gründen: einmal,' weil die Juden von dieser revolutionären Bewegung keinerlei Vorteile, sondern nur den Schaden gehabt haben, daß ihre Lage in einen immer schärferen Gegensatz zn derjenigen der übrigen Bevölkerung' kam, der mancherlei Zugeständnisse gemacht wurden, während die! Juden sogar viele Erleichterungen, die sie bis dahin genossen, i vorloren haben: sodann aber sind jetzt nach Ansicht der Re-! giernng auch die A u s s i ch t e u a u s B e s s e r n n g für die i Inden geringer als zuvor. Denn während sie früher öoit dem | Willen eines Einzelnen abhängig waren, sodaß immerhin ohne j Schwierigkeiten die Möglichkeit bestand, ihnen Erleichterungen j zu gewähren, so ist heute die Zusammensetzung der Parteien i eine derartige, daß selbst die Regierung nicht in der Lage ist, gegen diese durchaus j u d e n f e i n d l i ch e Majorität; etwas für die Inden durchznsetzen. Trotz alledem aber wolle! die Regierung, wenn erst die Ruhe im Lande wiederhergestellt ■ sei, auch an die L ö s u n g d e r I n d e n f r a g e herantreten, und die gegenwärtige .Negierung sei jedenfalls von dem Be- streben erfüllt, diese für Rußland wie für die Juden gleich bei deutuugsvolle Angelegenheit in humaner Weise zn regeln, j Der hauptsächlichste Zweck des Aufenthaltes des Herrn! Wolffsohn in Petersburg war es natürlich, die russische Re-! gieruug über den Zionismus und seine Bestrebungen, von j denen vielfach falsche Ansichten an die Regierung herangebracht; wurden, in authentischer Weise anfzuklären. Dies war auch der! Grund der Einladung Stolypius an Wolffsohn. Bej kanntlich waren in der letzten Zeit mehrfach Verbote der Re-! giernng ergangen, die die zionistische Arbeit in Rußland fast - völlig lahmlegten. Diese, wie auch einige Senatsverfügungen gingen von der bei der Regierung bestehenden Ansicht ans, daß unter dem Deckmantel des Zionismus innerpolitische Bestrebungen sich verbergen, und daß die Zionisten eine neue Na - > t i o n a l i t ä t e n f r a g e in R u ß l a n d aufrollen wollten. Beide Befürchtungen k o u n t e Herr Präsident Wolffsohn völlig zerstreuen, indem er darlegte, daß der Zionismus einzig und allein die Schaffung einer! öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk! in Palästina erstrebe, und daß seine Tätigkeit wie diejenige j aller zionistischen Organisationen innerhalb unb außerhalb Rußlands allein der Realisierung dieses Zieles gewidmet sei. Nur diesem Zwecke dienen auch sämtliche zionistische Fonds. Es gelang Herrn . Wolffsohn, den Ministerpräsidenten Stolypin, der diesem Ziele des Zionismus seine vollste Sympathie zuwendet, von der Ausschließlichkeit dieser Bestrebnngen der zionistischen Organisation zu überzeugen, und es besteht, wie ich mitznteilen in der Lage bin, begründete A u ss i ch tL daß ein Weg gefunden werden wird, um die zionistische Arbeit" in Rußland wieder möglich zu machen. Herr Wolffsohn gab in seiner Uuteredung mit Stolypin ein so vollständiges und aufrichtiges Bild der zionistischen Bewegung und ihrer Ziele, daß die Regierung im Prinzip nichts mehr gegen den Zionismus einzuwenden hat. Es wird nun Sache der zionistischen Vertrauensmäner in Rußland sein, im einzelnen auszubauen, was durch Herrn Wolffsohn prinzipiell erreicht wurde. Natürlich