Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ncdattioil ». Vibmiuiftiaiiou: Wien, 11/, Vlvvlua^nssc -7. TrlfUBi»« Kt ünirfrrsi IvLII2 K. f. öftevr. Postsparkaflaäctjecf-SVouto 9lr. 100.9IS. JljU'cvat’j Dir viermal geivalten- Nouvareille-Zeile 25 Heller. -idoilUcmcillS« II. Nuici IloilSdeirägc lind ,,i Ulheii zndloar und ftntiöitc. ^naßhängige Aeikjchrift für jnöische Irriere^sen. Erimeint jeden Kr ei tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit.'*1 (MiiiijjitQnt) . . . Jf 14.- ij ©.ilbiäljvi«' . tt 7 Fili ÄiiltttSi'emiitk: l^„„,I>IÜ> >>> . . » >» Am '.Mu^lnub: mliiBiii) . . . m r t; ü/nDel obrv iö iic*. Uv. 29 Wie». 24. Juli 1908. Inhalt: Eine jüdische Huldigung für Se. Majestät den Kaiser. — Die russische Regierung und die Zionisten. — Zur Geschichte der Indenenianzipation in Oesterreich (1648—1908). — Galizischer Hilfsverein. — Hilssverein der deutschen Juden. — Benchiedeue liiachi lchtcn. — Feuilleton: Die alte Rebezin. — Bemerkungen aus der Ferne. — Eingesendet. Eine jüdische Huldigung für Seine Majestät den Kaiser. Die österreichischen Völkerstämme und unter ihnen auch das jüdische Volk stehen jetzt im 60. Jubeljahre ihres geliebten Kaisers und dieser so hochwichtige Abschnitt im Leben des erhabenen Monarchen gibt ihnen willkommenen Anlaß, ihre Stellung zu jenem Manne zu kennzeichnen, welcher dttrch zwei Menschenalter die Geschicke der einzelnen Völkerschaften, sowie die der Gesamtheit leitet. Bei dem Versuche, dieses Kaiserleben in schematischer Kürze darzustellen, erblicken wir zwei Momente, welche das ganze Herrschergebaude tragen. Die eine dieser Säulen ist der Friede, die andere die Konstitutiv n. Jahrzehnte hiedurch genießen die österreichischen Völkerschaften das; Glück, die Gräuel des Krieges nicht am eigenen Leibe zu empsinden und vom Anblicke der bedauernswerten invaliden i Wahrzeichen des militärischen Heroismus verschont zu bleiben. Wie glücklich muß sich ein Staat preisen, dem es erspart ist, i mit dem Unholde Gloire zu prunken, der die Phantasie so mancher Herrscher oft bis zum Wahne steigert und erkauft wird mit Wildbüchen menschlichen Herzfaftes und mit einem Meere von! Tränen der Eltern und Angehörigen tausender unglücklicher Familien. Ein zweites Moment, das sich enge an die erhabene Person unseres Monarchen anschließt und die Bedeutung des Jubelfestes : ins Ungemessene erhöht, ist das Anfgeben des Absolutismus und! die Umwandlung desselben in eine konstitutionelle Regierungs-! storm, jener modernen Einrichtung, welche die Regierungsgewalt! zwischen Herrscher und Beherrschten verteilt und ein freies j Volk heranbildet, das feine vitalsten Interessen in feinem eigenen! Sinne ordnen und leiten kann.? Wenn auch das absolutistische Regiment den christlichen Völkerschaften manche unliebsame Beschränkungen brachte, konnte! dasselbe auf sie doch nicht so hart, materiell und geistig, niederi drückend wirken. Liegt und lag ja die Regierung vom höchsten > Beamten bis zum Amtsdiener in den Händen ihrer christlichen! Mitbürger. Anders bei unserm Volke, das alle bürgerlichen j Lasten zu tragen hatte, aber die Rechtsgleichheit nicht genoß.! Das Galuth Edom setzte sich also von den Zeilen der römischen; Cäsaren bis hart in die Gegenwart fort und die Galuthfesieln j wurden erst in jenem Momente gesprengt, da von Sr. Majestät; die österreichische Verfassung gegeben und die Emanzipation der I österreichischen Judenschaft sanktioniert wurde. Dazumal, vor 40 Jahren, schloß die Aera des dritten Exils. Das jüdische Volk in Sesterreich har daher vollste Ursache, das nationale Fest der Erlösung ans dem edomilischen Galuth im Zeichen des 60 jährigen Regierungs-Jubiläums und des 40 jährigen Jubiläums der Emancipatiou mit allem Nachdruck und vor aller Welt zu feiern. Wie und ob dieses Fest in diesem Sinne gefeiert wurde, möge uns in folgenden Zeilen beschäftigen. Es bleibt ein hervorstechender Charakterzng unseres Monarchen, daß derselbe allen seinen Jubiläen und Festivitäten den Stempel der Humanität und Pietät aufdrückt, und so hat Se. Majestät auch bei diesem Jubiläum, das nur den wenigsten der Herrscher aller Zeiten beschieden ist, die Parole: „Für das Kmd!" ausgegeben. Mit diesem Schlagworte hat der allerhöchste Jubilar die Herzen aller feiner Untertanen getroffen, Liebeswerke zu schaffen und Anstalten zu gründen für das unglückliche und verlassene Kind. Selbstverständlich folgt auch Israel dem Herzenswünsche des Monarchen, und dem Statistiker wird da Gelegenheit gegeben sein, all die Liebeswerke, welche von jüdischer Seite zum Segen für alle Zeiten geschaffen wurden, zu notifizieren. Allein wir Juden haben Verarrlassnng, neben dem Anschlüsse an das allgemeine Völkerfest, noch ein eigenes, ganz apartes Jubelfest, das Fest des Auszuges ans der Wüste der Kammerknechtschaft und des Einzuges in das Land, wo Milch und Honig der bürgerlichen Verfassung auch für uns zu fließen begann, zu feiern. Hat sich aber das österreichische Israel zu diesem Zwecke zusammengetan, hat es sich aufgeschwungeu zu jener Höhe politisch reifen Selbstbewußtfeins, um diesen Moment als Ausgangspunkt einer solennen Feier ausznnutzen? I Haben unsere Führer, wo immer sie hingestellt sind, ob in den Kultusvorständen, oder in den verschiedenen politischen und autonomen Körperschaften, die Bedeutung dieses Momentes erfaßt, um in einer glanzvollen Kundgebung zu verkünden, wie groß unsere Freude ist und wie fest unser Entschsuß, als geeinigtes Volk von jüdischen Brüdern den Kampf anfznnehmen gegen jeden, der es wagt, an unseren Rechten zu rütteln und uns aus unseren schwer errungenen Positionen herauszudrüngen? Leider, nein! Zu unserer Schande, ja zu unserem Schaden! Wohl hat jedes österreichische Vvlkswesen (mit Ausnahme der politischen Hartschädel der Tschechen) seine Eigenart im Huldigungsfeste zum Ausdrucke gebracht, Israel rührte aber keinen Finger, um sich als eine nationale Gesamtheit zu markieren. Dafür wurde ihm aber die Schmach angetan, daß man im Festzuge einen polnischen Marketender zum Spotte der schaulustigen Menge herlanfen ließ. «fii