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Die Wahrheit · 1908-07-17 · Heft 28 (17.7.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheil Seite 9 Feuilleton. Die alte ILebezin. Bon Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) In ihm aber war plötzlich ein Gefühl anfgewallt, von dem er sich keine Rechenschaft zn geben vermochte, nur soviel war ihm klar, diese alte Rebezm war ihm zn gnt dafür, als dass er ihr Prestige für einige Silberlinge hätte preisgeben mögen. Darüber war er mir sich gleich einig geworden. So hörte er ihr schweigend zu.' ohne sie unterbrechen zn wollen. Wars die Enttäuschung, das; Stahlberg ans das von ihr angeschlagene Thema gar nicht eingehen zn wollen schien? Wars die Aufregung? Das Unfreie? Das beklemmende Gefühl, für sich selber sprechen zn müssen? Das Ungewohnte, für sich selber zn bitten? Daß die alte Rebezin, sonst ein Muster der Selbstsicherheit. jetzt plötzlich in wirrem Durcheinander' Nahes und Fernes berührte, hastig von einem Gegenstand znm anderen übergehend, die Worte bald stoßweiße, bald allznrasch ihr von den Lippen fielen. Sie kam auch ans ihre eigene Jugend, ans ihr vornehmes, reiches Elternhaus zn sprechen. Da wars gleichsam, als glätteten sich die innerlich hochgehenden Wogen der Erregung, als breite sich etwas von dem Glanz jener Tage über ihr Wesen, es dnrchschimmernd. Und als hätte sie diese Brücke erst schlagen müssen, um ein wenig von dem schönen Gleichmaß ihrer Seele zurückgewinnen zn können, begann sie daraus in ruhigerem Tone von ihren Kindern zn erzählen, entwarf in knappen Zügen auch ein Bild ihrer Aeltesten, dieses Kindes, dessen Leben — wie sie sagte — obgleich einförmig und freudearm, dennoch reich und ansgefüllt sei, ausgesüllt durch häusliche Betätigung während vieler Tagesstunden, ansgesüllt durch das Studium guter Bücher im stillen Kämmerlein. Die Keime, die sie, die Mutter, in die junge Seele gelegt, pflege das Kind in sich selber weiter, indem es Wissen und Können sich anztteignen, sehr eifrig bestrebt sei. Und mit anslenchtendem Blick ltub wie hingerissen von ihrem mütterlichen Gefühl, setzte die Rebezin hinzu: ..Ich hoffe, meine Mirjam wird, wenn das Geschick es so bestimmen sollte, auch draußen in der Welt, in der Gesellschaft, mit voller Berechtigung ihren Platz neben den in teueren auswärtigen Instituten erzogenen Töchterit der Reichen sich ztt erobern und zn behaupten wissen." Und die sonst so streng beobachtende Reserve in ihrer nachzitternden Erregtheit anßeracht lassend, spielte sie ans ein junges Mädchen au. das der Vater, ein bekannter reicher Gutsbesitzer ans der Umgegend, von Pensionat zn Pensionat nach Wien und Dresden hernmgeschleppt hatte. „Wir haben ja auch ein Beispiel vor Augen." meinte sie, „wie mäßig der Erfolg, wie gering .die erzielten Resultate einer auswärtigen Erziehung sind, wenn nicht von Hans aus vorgearbeitet ist, wenn der gute Kern, der empfängliche Boden fehlen, verhält sichs mit solcher Erziehung nicht viel anders, als wie etwa mit einem ellvas kostspieligen Anstrich von Politur, denn," schloß sie mit einem nervösen Lächeln, „Gänschen kehren nach einem alten Sprichwort wieder heim, wie sie als Gänschen hinaussiogen über den Rhein."' Stahlberg war rvohl etwas verwundert, daß die Rebezin so ganz gegen ihre sonstige Art sich heute gehen ließ. Doch hörte er ihr anscheinend sehr anfmerksam' zn. Und während sie ihn von den Vorzügen ihrer Mirjam unterhielt, mußte er unwillkürlich daran denken, daß vor wenigen Tagen der Schadchen Reb Schmul hier eine ähnliche Unterhaltung geführt hat. Nur hatte Schmnl nicht allein die Vorzüge des betreffenden Mävchens in glänzettden Farben ausgemalt, sonderu atlch desseu großen Reichtum verlockend geschildert. Da plötzlich fühlte er aber auch, daß ihm das Blut in die Wangen schoß, die Erinnerung überkam ihn an jenes frechen Menschen unverfrorene Antwort, die er ihm gegeben. als er, Stahlberg, sagte: „Alls Reichtum, Reb Schmul, will ich gern verzichten, wenn die Familie sehr fein wäre," jener von einem verschmitzten Lächeln und einem listigen Blick begleiteten Antwort-„aus Pickseiner Familie, verehrter Herr Stahlberg, kann ich beim besten Willen keine Braut für Ihren Herrn Sohn verschaffen, denn, sehen Sie, meine seinen Auftraggeber denken grad auch wie Sie, die wollen nämlich auch nur Jichits." Diese Worte hatten ihn wie ein Keulenschlag getroffen und klangen ihm jetzt noch mit Messerfchärse im Ohre. Als die Rebezin in ihrem Redefluß innehielt und erwartungsvoll zn ihm ausblickte, fuhr sich Stahlberg, wie sich besinnend, rasch mit der Hand über die Stirn, als müsse er erst diese Erinnerung verscheuchen, ehe er das Wort nehmen konnte; dabei flog es ihm durch den Kopf, daß er ja auch in all den Tagen seitdem daran hatte denken müssen, daß ihn das Pack noch immer nicht für voll nahm. So lebhaft war der ganze Vorgang wieder in seiner Seele, daß er beinahe, wie in jenem Augenblicke ohnmächtigen Zornes, jetzt die Hand zur Fällst geballt hätte. Wohl, sein Geschäft, das jetzt in so hoher Blüte stand, es war aus kleinen Anfängen emporgewachseu, doch konnte er sich mit gutem Gewissen sagen, nie während seiner ganzen kaitsmännischen Laufbahn anders, als nach Rechts- und Ehrbegriffen gehandelt zn haben, vor jeder irgendwie nur im entferntesten itnreinlich scheinenden Manipulation gefloben zu seirr. Nie wars ihm übrigens eingefallen, sich etwas einznbilden aus diese selbstverständliche Handlungsweise, oder seine Erfolge seiner Geschäststüchtigkeit seinem sicheren Blick bloß znznschreiben. Wenn das billig eingekanste Getreide fabelhaft in die .)?öhe ging, vermehrte Nachfrage nach Spiritus gerade dann einrrat, wenn seine Kaufverträge längst abgeschlossen waren, oder die in seinen Speichern lagernde Wolle um das Doppelte im Werte stieg, so wars eben das Glück, das ihm jahraus jahrein treu geblieben war. Aber — war dies Glück ein Makel, das den Leuten das Recht gab, ihn über die Achsel ansehen zn dürfen, deshalb als eine Art Paria in ihrer Schätzung zn gelten? Mit reinen Händen erworbener Reichtum sollte am Ende doch noch ein wenig Zichns, ein wenig mehr oder weniger Bibelgelehrsamkeit wettmachen können. Gott mochte es wissen, infolge welcher Jdeenverbindung Stahlberg sich all' dies während der paar Sekunden, da ihm die Rebezin erwartungsvoll ins Auge blickte, jetzt sagte, oder bloß etwas, woran er all die Tage gedacht, nun in seinen Gedanken wiederholte. Da plötzlich schoß es ihm durch den Kops. Diese arme Rebezin, die hier vor ihm saß, mit ihrem traurigen Blick in seine Angeit starrte, sie hielt ja in ihren feinen Händen von dem hier so wertvollen Artikel Jichns tuet mehr, als alle jene seinen Auftraggeber Reb Schmnls znsammengenommen nicht einmal besaßen!-Da wäre ja alles, was er brauchte, ja, was er suchte, trotz allem, oder gerade darum, erst recht suchte. Stahlberg war ein zn rechtlich denkender Mensch, auch sich selber gegenüber, als daß er sich etlvas hätte vormachen wollen. Nein, er verhehlte es sich gar nicht, es verhielt sich tatsächlich so — er suchte Jichns. Ob dem Mutigen, wie es heißt, deshalb die Welt gehört, weil das Glück auch lieber sich diesem zngefellen mag, als dem Feigen? Stahlberg glaubte daran, wie an eine erwiesene Wahrheit. Warum also inbezug aus das zn erwerbende Gut „Jichns" sich nicht auch selber helfen, wie er sich bis nun in allett Dingen selber geholfen? Und diese prächtige Frau bildete eine Ausnahme unter den Menschen hier, ebenso gewiß auch in ihrer Denkungsart über ihn und den Jichns im allgemeinen. Zwar — er kannte seinen Joses, der dachte gewiß noch nicht ans Heiraten und er lebte ja auch in Wien und lebte wohl nicht viel anders, als all die jungen Leute, denen der Säckel ihrer Väter es gestattet, das Lebeit so zu genießen, wie sie es unter „genießen" verstehen. Aber Josef wußte auch, daß er zu parieren hatte, wenn der Vater gebot, wußte, daß sein Aufenthalt in der schönen Kaiserstadt nur noch kurz bemessen war. daß das Leben auch noch eine andere Medaille führte, als bloß die allein, sich zu amüsieren — Josef kannte auch die Arbeit. Nur durfte ihm der Gedanke nicht' kommen, als wäre die Braut ihm ausgesucht, ihm bestimmt worden. (Fortsetzung folgt.)

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