Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063446--05562-3072494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Wührden Nr. 28. reite 6 Das Kied vom braven Weibe. Eine Meldung der Wiener Tagesblätter über einen Vortrag aus der jüdischen Geschichte über jüdische Frauen gab mir Veranlassung, aus meiner Mappe die unten folgende, gereimte Uebersetzung des bekannten hebräischen Liedes vom braven Weibe (Escketh chajil) herausznsuchen, wozu das vor einiger Zeit erschienene, sehr beachtenswerte Buch: „Die Poesie des Alten Testamentes" von Prosessor König in Bonn, Verlag von Quelle und Mayer in Leipzig. 1907, das mir in meinen freien Stunden eine interefsante Lektüre bietet. Anregung gegeben hat. Dieses Büchlein hat meine Anfmerksanrkeit ans dieses alte Lied, das ich in meinen Kinderjahren sehr oft von meinem, seit 45 Jahren in Gott ruhenden Vater am Sabbateingange, nach erhaltener Segeuspende, melodisch vortragen hörte, wieder gelenkt. Ich machte mich nun, schon ans Neugierde, an das Sludinm dieses Liedes im hebräischen Urtexte, _ wobei mir nicht nitr das hebräische Lexikon von Gesenius, oder auch die deutsche Ucbersetzllng von Martin Luther und die böhmische Uebersetzung der sogenannten Kralitzer Bibel sehr zustatten kam. In meiner Bücherlade stehen seit Jahren die Bibel der Deutschen und Böhmen, die sich draußen in der Politik, wie zwei seindliche Brüder, so heftig bekämpfen, ruhig und friedlich rieben einander und geben mir über manchen hebräischen Bibellext klaren Ausschluß, wobei es oftmals auch an interessanten, philologischen Vergleichen nicht fehlt. Ich muß ttnu gestehen, daß mir erst jetzt, nach genauem sprachlichen Verständnisse des Urtextes, die Schönheiten dieses Liedes, dessen Text nnd Melodie mir nach 60 Jahren noch teilweise im Gehöre wiedertönen, mich geradezu entzückte. In dieser Stimmung machte ich mich nun an die gereimte, deutsche Uebersetzung dieses, in der Kulturgeschichte der Menschheit wohl ältesten Franenliedes, welches Professor E. König mit Recht als den hundertjährigen Vorgänger von „Göthes Dichtung auf Johanna Sebus" bezeichnet, von dem er weiter sagt: „In diesem Liede sinden wir also alle die Vorzüge besungen, die auf dem Knltnrnivean des damaligen Israel bei der Würdigung einer Frau in Betracht kameit: nämlich die' auch in diesem Gesamtbilde im Vordergründe stehende geistige Begabung und Tüchtigkeit, dann die formale Tugend des opferfähigen Fleißes,! ferner die materiellen Tugenden der Gattentrene und der Mutterliebe, weiterhin der wenigstens indirekte Einfluß auf die gute Leitung des Staatswesens, sodann die Wohltätigkeit gegen die Notleidenden nnd endlich die Religiosität, die im weiblichen Gemüt immer und überall ihr wahres Herdfeuer gefunden hat." Diesem Urteile eines bewährten christlichen Biblisten hätte ich meinerseits noch beizufügen, daß die bilderreiche Kleinmalerei, der Vergleich der fleißigen, im Lebenskämpfe unermüdlichen Hausfrau mit dem auf dem Meere segelnden Schiffe, ihr Walten als treuen Lebensgefährtin, als Mitarbeiterin in der Feld- und Hauswirtschaft, als Spinnerin und Stickerin, als zierliche, nette und liebenswürdige Hausfrau, als Segenspenderin für Arme nnd Bedrückte, als Helferin nnd Beraterin des Gatten in seinen privaten und öffentlichen Angelegenheiten; alles ist von der Weihe der höheren Poesie durchdrungen, die mich oft an das Frauenlied von Schiller erinnerte, das wohl von einem höheren Idealismus, wie er eben nur der Schillersi'chen Muse eigen war, getragen, bei welchem aber nicht so naturgetreu gezeichnet ist. Gerade au diesem Liede zeigt Professor König, daß das Wesen des althebräischen Rhythmus nicht im Reime, auch nicht in der Silbenläuge oder Silbenkürze, sondern in dem aufimb absteigenden Akzente liege. Wer nun etwas Verständnis für die alte hebräische Metrik besitzt, für den bietet dieses über 3000 Jahre alte Frauenlied gewiß einen hohen Reiz. Ich habe mich daher, emer alten Neigung folgend, wie ich dies bereits anläßlich der vorjährigen amerikanischen Tournee des Wiener Männergesangs-Vereines in der in der „Oesterr. Wochenschrift" vom 24. Mai 1907 veröffentlichten Uebersetzung des 23. Psalms — welcher Psalm überall den ersten Programmpunkt der Produktionen in New- Iork, Baltimore, Cincinnati rc. bildete — in Reimform getan, an eine gereimte Uebersetzung dieses Liedes gemacht, in welcher ich den im Urtexte ausgesprochenen Gedanken möglichst getreu wiederzngeben versuchte. Inwieweit mir das gelungen, mögen Fachmänner entscheiden. Eben deshalb habe ich auch die deutsche' und böhmische Uebersetzung und auch die teilweise Uebersetzung des Professors König aus seinem obgeuannten Werke beigefügt. Hierbei kann ich nicht umhin, ausdrücklich hervorzuheben, daß mir, der lch die tschechische Sprache vollkommen beherrsche, die Uebersetzung der Kralitzer Bibel, soweit sie von der lutherischen abweicht, in vielen Punkten richtiger nnd dem Urtexte näher kommender, als jene erscheint, was näher tlachznweisen, ich mir noch Vorbehalte. Das Lied vom braven Weibe. (Uebertragung aus dem hebräischen Texte des Kap. 3t, „Sprüche Salomons".) 1. Nur wer ein braves, wack'res Weib gefunden, Der hat der Ehe Glück und Seligkeit empfunden. Er weiß sie höher denn als Perlen einzuschätzen, Sie ist auch immer seines Herzens süßestes Ergötzen. 2. Auf sie kann des Mannes Herz stets bauen. Ihr kann er seine Seele vollends anvertrauen. 3. Nur Gutes will sie ihrem Gatten stets erweisen, . So lang sie wandelt auf des Lebens G'leiien. 4. Sie suchet Wolle auf und Flachs für weiß' Linnen, Um mir rühr'ger Hand das Garn anzuspinueii. 5. Sie gleicht dem liebuch segeliiden Kaufmannsschiff, Das weichet klüglich ans gar maiicheiu Felsenrisi, Um aus der Fern' zu holen die Atzung. 6. Und ihren Mägden zu geben weisliche Satzung, Erhebt sie sich vom Lager schon vor Morgengrauen, Um nach dem Haushalt sorgsam uinzuschauen. 7. L-ie heimst die Frnchr voin^selde eigenhändig Und pflanzet selber auf dem Berge den Rebeinvein. 8. Sie umgürrer ihre Lenden mit männlicher Kraft, Und mir rührigem Arm den Hausbedarf herbei sie schafft. 9. Gar lieblich ist ihr Walten und ihr Schaffen. Sie liebet nicht der Güter Zusammenraffen. Ihre Lampe erlischt auch nicht zur nächtlichen Zeit, Und Tag und Nacht zu helfen, ist sie stets bereit. 10. Und ihre Hand greiser so flink nach dem Nocken, Und dreher zierlich die Spindel gleich den Stirnenlocken. 11. Ihre Brote reichet gerne sie den Armen. Und öffnet ihr Herz willig dem stillen Erbarmen. 42. Blinkend weiß, wie Schnee, ist ihres Hauses Gewand, Mit blankem Linnen ihre Wohnung stets umspannt. 13. Teppiche weiß sie gar künstlich zu stricken, Mit Seide nnd Purpur ihre Gewänder zu schmücken. 14. Ihres Gatten Name ist im weiten Lande wohl bekannt, Im Rate der Landesväter wird er oftmals genannt. 15. Ihr Linnengewebe waschet sie blank nnd rein, Das tauschet der Kanfinanil gar wertvoll ein. 16. Ihr Kleidung ist immer nett und zierlich. Ihr Mündchen lächelt immer klug und begehrlich. 17. Ihre Zunge spricht nur weise und milde, Wie ihr Herz ein zartes Franengebilde. 18. Ihr Sinnen und Trachten ist einzig das Haus, Das Brot der Arbeit, doch niemals der Flaus. 19. D'rum wird vom Gatten und Kindern sie hoch gepriesen, Und auch von anderen auf sie als Muster gewiesen. 20. Wohl gibt's der braven Mädchen nnd Frauen gar viele, Doch sie übertrifft gar alle am äußersten Ziele. 21.. Des Weibes Reize sind Lug, die Scbönheir nur Trug; Doch sie ist fromm, und ist sie auch klug, Dann erkennt sie bald, daß Schönheit vergeht, nur Tugend besteht. 22. D'rum sei der Tugend Lohn vom Herzen ihr vollends gegönnt, In Stadt und Land, wo ihre Tugendwecke man rühmend nur nennt. Das Keüen nnd Wirke» der Inden in Oesterreich in vormiirstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Diese hier reproduzierten Paragraphe der Schulordnung (ans dem „Lcrllai Tekanoth“)*) bildeten bis zum Anfänge des *) Bei Gelegenheit sei bemerkt, daß die jüdischen Gemeinden Mährens seit früheren Zeiten in drei Kreise eingeteilt waren. Für jedem dieser Kreise wurden alle drei Jahre von den Abgesandten der Gemeinde und Landesdeputierten zwei „Landesältesteu" (.Rosche Medina) gewählt. Diese sechs Landesältesten kamen jährlich unter dem Borsitze des Landesrabbiners in Brünn zusammen und bestimmten die Steuern, nnd zweimal des Jahres waren die zwei Ländesältesten eines jeden Kreises mit Zuziehung des Ortsrabbiners einen Gerichtstag für ihren Kreis abzuhalten