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Die Wahrheit · 1908-07-17 · Heft 28 (17.7.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit '.'er. 28 derzeitigen Verhältnisse herbeiführen wird, wird man erst dann beurteilen können, wenn auch die Milte! bekannt sein werden, die angewendel werden sollen, um diesem Erlaß in der Praxis auch Anerkennung zu verschaffen. * * * Wenn vielleicht durch diesen Erlaß dem militärischen Antisemitismus ein Damm gesetzt wird, so blüht der professorale Antisemitismus in Deutschland noch immer ungehindert fort. Zu diesem Kapitel wird aus akademischen Kreisen Folgendes berichtet: Ganz Deutschland spricht von der Berufung eines jungen Nanonalökonomen. Professor Bernhard, auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl dieses Faches an der Berliner Universität. Verschiedene polnische Umstände, die hier nicht von Belang sind, werden dieses Interesse an einer Angelegenheit, die eigentlich außerhalb der wissenschaftlichen Kreise niemanden zu interessieren brauchte, sobald nicht entschlafen lassen. In all diesem Lärm hat man eine sehr bedeutnngsvolle Todesanzeige vergessen, die jnst zur gleichen Zeit durch die Blätter ging und Mitteilung machte von dem plötzlichen Ableben des Professors Georg Adler — ebenfalls Nationalökdnom und ebenfalls Dozent in Kiel, wie der obenerwähnte Professor Bernhard, der jedoch, obwohl viel jünger an Jahren und weit weniger bekannt als Adler, bereits ordentlicher Professor war. während Aoler noch immer Extraordinarius war. Von Adlers Bedeutung für die nationalökonomische Wissenschaft braucht hier gar nicht gesprochen zu werden. Er war einer der ersten Historiker und Kritiker des Sozialismus. und sein Name wie seine Schriften waren seit Jahren allen Fachgenossen., ja auch über deren Kreise hinaus, so rühmlichst -bekannt, daß es kaum zwei verschiedene Urteile über seine wissenschaftliche Qualifikation geben wird. Dennoch hat es dieser Mann nicht zum ordentlichen Professor bringen können, weil — sagen wir es gleich ehrlich! weil er ein Jude war? Er wurde einmal nach dem andern bei der Berufung übergangen: ganz junge unbekannte Herren wurden ihm vorgezogen, die vielleicht noch die Schulbank drückten, als Adler bereits ein anerkannt hervorragender wissenschaftlicher Vertreter seines Faches war. Und alles, weil Adler als Sohn eines Rabbiners geboren war, und weil er auch in seinen späteren Jahren noch immer nicht die in Preußen erforderliche „Vorurteilslosigkeit" besaß, durch einen formalen Uebertritt zum C h r i st e n t u m die oft verlangte Konzession an den herrschenden Antisemitismus zu machen. Aber es ist nicht wahr, was liberale Akademiker so oft behaupten, daß dieser Antisemitismus n n r vom preußischen Kultusministerium gepflegt werde? Wenn die Herrscher in der Gelehrten-Republik, die ausschlaggebenden Professoren nicht mit dem A n t i s e m i t i s m u s ihrer Vorgesetzten Behörde i n n e r l i ch durchaus sympathisierten, so wäre dieser Zustand, daß ein Gelehrter, der Jude ist, in Preußen fast niemals mehr Ordinarius werden kann, unmöglich! Aber warum sollten die Herren Professoren auch anders denken. Hält ihnen doch das antisemitische Kultusministerium den Teil der Konkurrenz, den sie durch ihre Clique nicht fernhalten könnten, so schön vom Leibe, und sie können noch dabei i h r e H ä n d e "i n U n s ch u l d waschen? Diese heimliche Schadenfreude — neben öffentlicher Entrüstung — sollte eines Gelehrten unwürdig fein: aber eben dieser versteckte Antisemitismus der Kollegen hat schon manchem jüdischen Akademiker die Lust an der wissenschaftlichen Arbeit geraubt und er hat vielen das Leben mehr vergällt als der Herr Kultusminister. von dem man ja nichts anderes erwartet. Und der „Fall Adler" sollte nicht nur zu einem liberalen Protest gegen das preußische Kultusministerium' führen, sondern die Oeffentlichkeit anfklären über den heimlichen „kollegialen" Antisemitismus der Herren Professoren, und zwar — das ist ein besonders tief verborgenes Geheimnis! — auch der liberalen Professoren! ■* * * In Frankreich amüsiert man sich gegenwärtig über den Sohn des berühmten Romandichters Alphonse Daudet, Leon Daudet, der selbst Romane schreibt, daneben aber als wütender Nationalist und Antisemit „in Politik macht". Man hat entdeckt oder will wenigstens entdeckt haben — „pour rembefcer", wie es im „Cri de Paris“ heißt —, daß er selbst ein echter Jude ist, und daß feine Nase in unwiderleglicher Weise seine semitische Herkunft offenbart. Während der Straßenkundgebungen, durch welche die Nationalisten Zolas Beisetzung im Pantheon zu verhindern suchten, soll Leon Daudet einer der ärgsten Schreier gegen Zola, Dreyfns und die Juden gewesen sein; andere Nationalisten aber, die ihn nicht persönlich kannten, und die ihn seinem Aussehen, nach für einen Jitdeu hielten, wollten ihn tätlich angreifeu, in der Meinung, er sei ein jüdischer „agent provocateur". Es wäre dem armen Leon Daudet übel ergangen, wenn nicht im kritische:! Augenblicke seine Freunde erschienen wären und vor aller Welt kundgetan hätten, daß er ein aufrichtiger Antisemit sei. Inzwischen hat ein Professor der Universität von Montpellier festgestellt, daß Alphonse Daudet tatsächlich von Juden abstammte, die im 18. Jahrhundert nach der Provence gekommen sein dürften. Der beste Beweis sei der Name selbst. „Daud" bedeute David und das Suffix „et" sei eine Verkleinerungsform: Daudet heiße also einfach „Davidchen". Wenn diese ethymologische Enthüllung, die Herrn Leon Daudet in die größte Wut versetzt hat, nicht wahr sein sollte, ist sie wenigstens gut erfunden. * * * Die vereinigten Vorsteher aller jüdischen Gemeinden Englands richteten ein Gesuch an die Regierung, in dem die sofortige Durchführung einer Anzahl wichtiger R e f o r m e n für die E i u w a n d e r e r gefordert wird. Zunächst wird der Ban von Hünsern gefordert, in denen die - Emigranten wohnen können, bis die Streitfragen mit den Einwandernngsbehörden erledigt sind. Dieses Verlangen wird motiviert durch folgende Schilderung des gegenwärtigen Znstandes: Der Beamte ordnet z. B. nach seiner Auffassung des Gesetzes, d. h. der sogenannten „Aniti-Alien-Bill" an, daß dieser oder jener Einwanderer das Land nicht betreten dürfe. Alsdann darf der Einwanderer das Schiff nicht verlassen, bis die Jmmigrations- Kommifsion etwa das Urteil des Beamten kassiert und eine dem Fremden günstige Entscheidung gefällt hat. Nun tritt aber sehr oft der Fall ein, daß das Schiff nicht die Zeit abwarten kann, bis die Entscheidung der Kommission eintrifft. Dem Emigranten bleibt also weiter nichts übrig, als mit dem Schiff weiter zu fahren, gleichviel wohin ihn dieses f ü h r e. Diesem „wandernden Elend" soll durch den Bau von Emigranteuhäusern abgeholfen werden. Während jetzt der Emigrant also tatsächlich gar kein Recht auf Appellation gegen die Maßnahme des ersten Beamten hat. weil er die Entscheidung der Kommission in den meisten Fällen nicht abwarten kann, soll er in 'Zukunft in einem speziell für solche Einwanderer bestimmten Hanse solange wohnen dürfen, bis seine Frage definitiv geklärt ist. In dem Gesetzentwurf der Regierung über die Verbesserung der englischen Häfen ist der Bau solcher Emigrantenhäuser als wünschenswert bezeichnet. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinden fordern nun, daß die Errichtung dieser Gebäude nicht nur als wünschenswert bezeichnet, sondern als notwendig gesetzlich festgelegt werden sollte. Weiter wird verlangt, daß dem Emigranten eine zweite Appellation an die ordentlichetl Gerichte gestattet werden solle. Und schließlich wird die Anstellung von geeigneten Dolmetschern gefordert, die dem des Englischen unkundigen Emigranten ermöglichen. vor der Kommission und eventuell vor den Gerichten fein Recht zu finden. * * Auch in Norda m e r i k a sind für die Einwanderung einige Erleichterungen in Aussicht. Vor kllrzem fand auf der Newyorker Einwanderungsinsel „Ellis Island" eine Konferenz der Haupt-Einwanderungsbeamten Amerikas statt. Es war dies seit vielen Jahren zum ersten Male nicht eine Konferenz zur Erschwerung, sondern zur Erleichterung der Einwanderung. Wie es scheint, haben sich die Einwanderungsbeamten überzeugt, daß es jetzt mit der Einwanderung nach Amerika recht schlecht bestellt sei, da jetzt wenige Menschen einwandern und sie beschlossen daher, die Zügel etwas zu lockern.

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