Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion 11. flbuimilh alion: Wien. II/, NvvlU'agllssr 27. lelevd.'i, I-e, D>„<r-rc!.'-ö»«r! Kk. österr. Postspcirkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Unlcvati* Tie viermal gejvalteiie dloiivareilie-Zeile 25 Heller. RdonneliicillSu. Zuieilio»»- belräge sind ui L»ie» zadldar und kiagdar. Unabhängige Aeitschrift für jübische Interessen. Erscheint jeden A r e i t a tj. Motto; „Das Hiege'1 läottes ist Wahrheit!** j (»uujiäOiirt . . lf u._ I ©Hlbiauvi«1 . . 1? 7 - (\iir (iiiltii'Sbeuiute: If I>> (\iir Vlnölmib :!! li <W»»iti|h!Övirt . . 1 Mitrk ij iibei obrt l6 ,^cL ( _I! IU*. 28. Wien, IT. Inli 1008 Zuhalt: Ans der Woche. — Zur Geschichte der Judenelnauzipation in Oesterreich (1848—1908). — Das Lied vom braven Weibe. — Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Berictjledene Aactirichlen. — Feuilleton: Tie alte Rebezin. Ans der Woche. Wir haben stets die Anschauung vertreten, daß wir Inden, gerade iu Festhaltung an dem Prinzip der konfessionellen Freiheit und der Achtung jedweder religiösen Ueberzeugung, nicht den geringsten Anlaß haben, zu der Wahrmnnd-Affaire irgendwie Stellung zu nehmen, aber nun, da die Aufregung, die dieselbe aus klerikaler und antiklerikaler Seite hervorries, sich gelegt hat, scheint uns doch die Erinnerung am Platze, daß die die christlichen Gefühle verletzende Bewegung ihren Ursprung in Kreisen hat, die sich — ch r i st l i ch s o z i a l nennen und unter der nachsichtigsten Duldung der hohen Kirchensürsten und der klerikalen Presse erst den Kampf gegen das alte Testament begannen, um dann auch vor dem neuen nicht halt zu machen. Es ist noch nicht vergessen, daß zum Beispiel Prinz Alois Liechtenst e i n, und nach ihm noch viele andere in der christlichsozialen Partei, im Parlamente und in Wählerversammlungen höhnische und verletzende Bemerkungen über jene Gestalten des alten Testamentes wagen durfte, die auch jedem Katholiken geheiligt erscheinen mußten. Aber man weiß auch, daß kein einziger berufener Vertreter der Kirche, weder im Parlament, noch in der Presse, den frommen Prinzen in die Schranken wies. Die katholische Kirche und ihre Organe fanden auch kein Wort der Abwehr und Mißbilligung, als Mechaniker Schneider, einst gleichfalls eine Leuchte und Stütze der christlichsozialen, zur Bekämpfung des jüdischen Geistes gegründeten Partei, nicht nur einen lebenden Kirchenfürsten als „Juden" verhöhnte, sondern auch tote Päpste als „Judenknechte" und „bestochene Judeusöldlinge" stigmatisierte. Das wurde alles geduldet und — patronisiert, und da staunt man dann, wenn die Auffassung! immer mehr Anhänger gesunden hat, daß altes Testament und! neues Testament in gleichem Maße zu bekämpfen und zu verj werfen seien? j * | I Der Staat, der seine Grundlagen fest und unerschütterlich j wissen will, muß von allen ausnahmslos Respekt vor den Ge-! setzen fordern. Wer die Achtung vor seiner Religion und deren! Institutionen gesichert wissen will, darf nicht gleichmütig Zeuge bleiben, wenn die religiösen Ueberzeugungen anderer mißachtet werden. Derlei Unterlassungen rächen sich immer. Es ist ein altes, beinahe banales, aber darum nicht minder wahres Wort: Wer ruhig zusieht, wie man das Haus des Anderen in Brand setzt, ist nicht, gefeit davor, daß auch das eigene Haus von dem Feuer ergriffen wird. * * ■ * Vor kurzem allerdings, freilich war es noch vor Durchführung der Subskription der neuen städtischen Anleihe durch die Wiener jüdischen Banken, hat der Landesansschnß B i e l o h l a w ek im Parlamente sich geäußert, daß die gegenwärtige Verwaltimg im Lande Niederösterreich ans Nationalität und Konfession keine Rücksicht nimmt und jedermann zu seinem Rechte kommen läßt. Das waren wieder einmal recht schöne Worte, denen die Taten nnr zu kraß gegeuüberstehen, denn ein fast erdrückendes Beweismaterial ist dafür zu erbringen, daß die Cbristlichsvzialen sich aus allen Gebieten lediglich vom parteipolitischen Standpunkte leiten lassen und daß speziell die Rechte der Inden, soweit eben die Macht der Gewaltigen im Landhaus und Rathaus reicht, nur ans dem Papier stehen geblieben sind. Ob die antisemitischen Führer schöne oder hetzerische Worte sprechen, daraus kommt es schließlich nicht an — einzig und allein die Taten entscheiden. Uebrigens wird die Partei bald Gelegenheit haben, die Worte ihres Führers durch die Tat zu bestätigen, und wir werden bei der bevorstehenden Verstadtlichung der Wiener Omnibusgesellschaft sehen, ob die jüdischen Kondukteure derselben seitens der Kommune mit gleicher Gerechtigkeit und Billigkeit werden behandelt werden, wie vor nicht langer Zeit — die jüdischen Angestellten der Internationalen Elektrizitütsgesellschaft. * * Vor wenigen Tagen soll ein Erlaß des deutschen Kaisers an sämtliche preußische Kommandobehörden ergangen sein, wonach diese daraus angewiesen werden, daß bei der Wahl von Offizieren aus die Konfession keine Rücksicht genommen werden soll oder darf. Ein Berliner Mitarbeiter schreibt dem in Aachen erscheinenden katholischen „Echo der Gegenw." jetzt dazu: „Da man protestantische und katholische Offiziere schon seither im Heere hatte, so hat dieser Befehl nur den einen Zweck, den Juden den Eintritt in das Offizierkorps zu ermöglichen. Von besonderer Bedeutung aber wird dieser Befehl für die Wahl der Reserveoffiziere, wo bisher in der Praxis Juden nicht angenommen wurden. Wir begrüßen diesen Armeebefehl, weil er in der Richtung der von uns stets erstrebten staatlichen Toleranz liegt; es war auch der Abgeordnete Gröber, der noch im letzten Winter bei der Beratung des Militäretats dem Wunsche Ausdruck gab, daß man jüdische Bewerber nicht wegen ihrer Konfession ausschließen könne. Konservative Blätter äußern sich wenig befriedigend über diesen Erlaß des Kaisers und hoffen, daß in der praktischen Anwendimg desselben ihrer Anschauung Rechnung getragen werden möge." Ob dieser Erlaß, falls er wirklich ergangen ist, für die jüdischen Osfiziersaspiranten in Deutschland eine Besserung der