Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 27 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063445--05554-3072485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27. Die Wahrheit Leite 9. Jägerndorf. Am 1. Juli d. I. ist unser allverehrter Kantor und Religionslehrer, Herr Sam. G r ü n b l a t t, nach fast 40jähriger treuer und hingebungsvoller Tätigkeit in hiesiger Gemeinde in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Herr Kantor Grünblatr, ein Schüler vom Altmeister Snlzer nnd Goldstein, hat mit seltenem Pflichteifer und hervorragenden katttoralen Eigenschaften und Fähigkeiten sein hiesiges heiliges Amt verwaltet und sich während seiner fast 40jährigen Tätigkeit die ungereilte Liebe nnd Hochachtung nicht nur allein unserer Gemeinde, sondern all derer, die ihn kennen, durch seine hervorragenden kantoralen Leistungen, wie nicht minder durch seinen biederen, ehrenhaften und treuherzigen Charakter zu erwerben gewußt. Die unvergänglichen Verdienste, welche sich Herr Kantor G r n n b l a t t um die Verschönerung unseres Gottesdienstes erworben hat, wird in unserer Gemeindegeschichte unvergeßlich bleiben nnd unsere Gemeinde werden stets in treuer Erinnerung behalten die herrlichen ergreifenden Gottesdienste, die bei Inden nnd Christen stets die vollste Begelsternng hervorriefen nnd die größte Anerkennung fanden. Und noch jetzt war es für alle Gemeindemitglieder eine herzerquickende Freude, wenn unser allgeliebcer Grün blatt an das heilige Betpult trat, um mit seiner warmen, zu Herzen gehenden Baritoustimme die Gebete zu verrichten, da lauschte alles atemlos dem herrlichen, von Herzen nnd zu Herzen gehenden Gesänge unseres lieben Grüublatt. Nvch am letzten Schwuosseste ertönte iein herrlicher ergreifender Bariton in fast jugendlicher Kraft und Fülle. Er hat uns noch den Abschied von ihm schwer, sehr schwer gemacht! — Aber wer 40 Jahre in einer Gemeinde so treu nnd pflichteifrig sein Amt verwaltet, der hat sich wohl die ersehnte Ruhe redlich verdient. Daher mußte unsere Gemeinde dem Wunsche ihres treuen verdienstvollen Beamten Nachkommen, ihn in den wohlverdienten Ruhestand zu versetzen. In Ancrkenunug seiner großen Verdienste um unsere Gemeinde — seine abgehaltenen innstergiltigen Gottesdienste, mit Orgel nnd Chor, seine peinliche Gewissenhaftigkeit bei Einstudierung der ausgezeichneten Chöre waren in ganz Schlesien berühmt — hat die Gemeinde in löblicher Weise ilnn eine Pension gewährt, die es ihm und seiner treuen biederen Gattin ermöglicht, seinen Ruhestand sorgenlos und zufrieden verbringen zu können. Ich spreche gewiß im Sinne der ganzen Gemeinde, wenn ich den Wunsch ansspreche: ad. meoli scliono! Möge es dem treuen verdienstvollen Manne noch vergönnt sein, lange, recht lange seinen wohlverdienten Rnbesiaud in Gesundheit und Zufriedenheit zu genießen. — Als sein Nachfolger wurde Herr Kantor H. B e e r, Schüler des Oberkantvrs Birnbaum in Königsberg (Pr.), gewählt. —v. Literatur. D Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Inden» mm. Herausgegeben von Leo W i n z. Verlag von O st n n d W e st. Berlin 8. 42. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Allianre Jsraälite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 7. Juli 1908. Inhalt: „Die Inden in Oesterreich." (II.) Bon B. S a m u e l. „Herschele Ostopoljer." Von Dr. A. C o r a l n i k. „Beim Talmud." (Originalzeichnnng.) Von Regina Mundlak. „Jakob in der bildenden Kunst." (Mit 10 Illustrationen.) Von Dr. G. K u t n a. „Der Kampf gegen den Minhag." Von Dr. M. S t e i f. „Die Gasser." Von A. P i n s k i. „Alenn leschabeach." (Mir 1 Illustration.) Von Leon S ch e i u h a n s. „Die Kabbalisten." Von I. L. Perez. „Ein englisch-jüdischer Stipendist." — Mitteilungen ans dem Deutschen Bureau der „Alliance Jiraalite Universelle": I. Die Generalversammlung der Berliner Mitglieder der A. I. II. II. Notizen, a) Ortsgruppe Eisenach, b) Das russische Hilfswerk, c) Lokalkomiree Wiesbaden, d) Israelitische Allianz zu Wien. 6) Inspektion der Alliance- Schulen im Orient. — Inserate. Die alte Zlevezin. Von Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) Dem Menschen Stahlberg dachte nun die alte Rebezin jetzt ihre eigene Not, die voll Tag zu Tag schwerer, unerträglicher auf ihr lastete, anznvertranen. Sie hoffte — eilt Fingerzeig werde genügen. Von ihm sollte die Anregung zu einer Art Jubiläumsfeier nach der jetzt gerade abznlaufenden zwanzigjährigen Amtstätigkeit für das Oberhaupt der Gemeinde ans-. gehen. Die hohe Anerkennung,, die ihr Rav sich unstreitig um sein tatsächlich großen Verdienste erfreute, sollte in einer Ehrengabe zum Ausdruck gelangen. Dann komkte sie — wenn auch nicht ihr Jahrhundert in die Schranken fordern — nichts lag ihr ferner — aber unter den Söhnen des Landes nach einem der Würdigsten für ihr Kind Umschau halten, dessen Jichus, dem ihrigen gleich käme. Ihr Rav, auch in ihren Gedanken ehrte die Rebezin den Gatten durch seinen Titel — der Mann seiner Frau ist jeder Alltagsmann — ihr Mann war aber tausendmal mehr. Mit Stolz sagte sie sich jetzt, wie viel ihr Rav trotz seiner großen Weltsremdheit doch hier geleistet hatte, wie segensreich sein Wirke» gewesen, von jenem Augenblick an, da er seinen Fuß über die Grenze dieser Stadt gesetzt. Alles wurde jetzt wieder wach in ihrer Erinnerung, was sie damals vor Jahren während der Reise nach diesem Nest an traurigen Eindrücken in sich ausgenommen halte. Natürlich wars in allen kleinen Orten, wo nian vorüber gekommen, schon bekannt gewesen, daß die Reisenden der neue Rav für M... mit Familie sei, und fast jeder Jude, den man während der Reise irgendwo augetroffen oder auch nur begegnete, hatte sich verpflichtet gefühlt, den Rav von den Machlankes (Streitigkeiten) in der dortigen Gemeinde zu erzählen, ihn in mitleidsvoller Teilnahme auf die schweren Kämpfe, die seiner harrten, vorbereiten zu müssen. Anläßlich eines nengewählten Schächters, dessen Charakter nicht allen Leuten in der dortigen Gemeinde in gleichem Maße über jedem Zweifel lauter dünkte, lag man sich in den Haaren. Die Wenigsten nur wollten von dessen Schechita essen. Es mußte, wie die Nichtjnden sagten, „das hebräische Fleisch", sonst sehr hoch im Preise, zu Spottpreisen an Nichtjnden verkauft tverden, wodurch Händler nnd Schlächter geschädigt wurden und empsindliche Verluste erlitten. Tiefgehende Erbitterung gegen einander und unter allen Juden von Tag zu Tag an -Nahrung gewinnend, war die traurige Folge der Streitigkeiten. Und siehe da. dem neuen jungen Rav gelang es einzig durch seine sanfte Milde, die hellvdernden Hassesflammen in den Herzen däntpsen zu können, die hadernden Parteien zu einem Kompromiß, einer Art Waffenstillstand zu bewegen, allmählich die ansgereglen Gemüter zu beruhigen nnd schließlich zwischen den hellen Kopsen, die das große Wort zu führen gewohnt waren, und jenen andern, die auch nicht daran dachten, gehorchen zu wollen, Frieden zu stiften. Durch eine ihm innewohnende seltene Kraft gelang es dem Rav nach und nach, die Herzen dieser Menschen für den Kultus der Eintracht und des Guten weiterznbilden. Bei jeder Gelegenheit, bei jeder erneuten Veranlassung zu Streitigkeiten wandte man sich auch wieder an den Rav. Erfuhr er durch Drille manchmal etwas von Streit, brachte er es jedesmal auch wieder fertig, durch sein gütiges Zureden, dem keiner zu widerstehen vermochte, den Frieden in der „Mnstergemeinde", wie sie nunmehr genannt zu werden den Ruhm genoß, auch dauernd zu erhalten, was seinen Einfluß auf Alle ausnahmslos zu einem so heilsamen stempelte, mochte zum großen Teile daraus beruhen, daß er nur selten oder nie nach Veranlassung nnd Ursachen bei den Parteien forschte — vielleicht in einem unbestimmten Empsinden, von den vorzubringenden Gründen der Anklagen oder Verteidigungen der Streitenden nicht viel verstehen zu können. So kam es selten dazu, daß die Gemüter sich erhitzten, ein irischer Stachel in die Herzen sich senken konnte. In der Art des Rav, zu vermitteln nnd zu schlichten, war eher etwas wie ein inbrünstiges Flehen, alles Böse ruhen zu lassen, von dem, was da drinnen im Herzen gegeneinander wühlte nnd anfreizle, zu schweigen, und io nur das Gute im Gemnte weckte. Was gleich im Anfang den Rav in hohem Maße Bewunderung und Hochachtung verschafft hatte, war seine immense Kunst, den Gedanken der Großen auf dem Gebiete talmudischer Wissenschaft nachspüren zu können. Das hatte er einzig in 'einer Art bewiesen. Doch die ihn am meisten wertznschätzen verstanden, waren leider nicht in der Lage, in realen Werten es ihm beweisen zu können. Jetzt saß die alte Nebezin Stahlberg gegenüber m seinem Privatkomptoir. Seit Tagen hatte sie sich jedes Wort znrechlgelegt gehabt, das sie ihm sagen wollte. Sie hatte sich die Sache, wie sie jetzt fühlte, einfacher gedacht, hatte geglaubt, einige kurze Andetttungen würden genügen. Aber unter seinem forschenden Blick verriet sie bald deutlicher, als es ursprünglich ihre Absicht gewesen, den eigentlichen Zweck ihres hentigen Besuches bei ihm, ja sie schüttete allmählich ihr ganzes Herz ans. Zwar hatte er sie nach den ersten paar Worten schon verstanden gehabt. Aber wenn sie auf ein Entgegenkommen seinerseits gerechnet hatte, sah sie sich darin arg getäuscht. Welche Bewandtnis es mit einem Ehrengeschenke haben würde, wußte er nur allzugenatl — kannte er doch seine Leute — der Summe, die er zeichnen würde, würden sich sehr wenige nnd sehr geringe nur noch anreihen. Das stand bei ihm fest. * (Fortsetzung folgt.)