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Die Wahrheit · 1908-07-10 · Heft 27 (10.7.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wabrbeu Nr. 27. Auch die iu neuerer Zeit vielfach diskutierte Frage, ob die Frau die Befähigung zu höheren Studien besitze und ob es wünschenswert fei, das; sie sich mit solchen befasse, ist im Orient schon vor 2000 Jahren Gegenstand der Erörterung gewesen. Wie jetzt herrschten auch damals nicht gleiche Ansichten über diesen Punkt. Am drastischesten bringt wohl der Weise feine Meinung zum Ansdrucke, der da sagt: „Die Frau kann ihre Begabung. Klugheit und Geschicklichkeit nur am Spinnrocken zeigen." Dieser Weise war aber überhaupt ein Feind jeder Neuerung und jeder freien Bewegung und selbständigen Meinungsäußerung auf dem Gebiete der Wisfenschafl. Er selber sagte von sich, daß er feinen Schülern nie etwas vorgetrageu habe, was er nicht von feinen Lehrern überliefert erhalten. Ein anderer drückt sich zwar nicht so drastisch ans, ist aber nicht minder gegen das Frauenstudium. „Wer feine Tochter in die höhere Wissenschaft einführt," lauten seine Worte, „begeht fast einen solchen Fehler wie derjenige, der sie etwas dem Weibe Ungeziemendes lehrt." Dieser Meinung sind aber nicht alle Weisen und Lehrer gewesen. Denn wir finden Frauen, die auf dem Gebiete der Theologie und der Rechtsknnde völlig heimisch waren, und auch Weise, die sich mit ihnen in Kontroversen auf diesen Gebieten eingelassen haben. Im ganzen und großen hielten aber auch jene Weisen, welche die geistige Ebenbürtigkeit des Weibes anerkannten, dafür, daß das eigentliche Betätigungsgebiet der Frau das Hans, die Familie ist und bleiben soll, welche Ansicht ja auch jetzt noch, selbst bei den Vertretern der Gleichstellung der Frau ans allen Gebieten menschlichen Schaffens und Wirkens, die vorherrschende ist. Die Bestimmung der Fran ist, sagt ein Weiser, die Lebensgefährtin eines Mannes zu werden und ihn durch ihre Schön-, heit zu beglücken; ein anderer wiederum hebt mehr ihre Bestimmung zur Mutter hervor. Alle stimmen indes darin überein, daß des Weibes Vorzüge und schönen Eigenschaften hauptsächlich im Familienleben ihre richtige Bewertung und Verwertung erhalten und in diesem das Gebiet liegt, ans welchem die Frau wahrhaft Segenvolles für die ganze Menschheit schaffen kann. Darum habe schon die Natur der Fran den Wunsch zu heiraten, tiefer ins Herz gepflanzt als dem Manne.' Aber auch dem Manne kann der Himmel keine kostbarere Gabe machen, kein schöneres Glück bescheren, als ein edles, tugendhaftes Weib. Welcher Mann, urteilt ein Weiser, ohne Lebensgefährtin bleibt, der bleibt auch ohne wahre Freude, ohne wahren Segen, kennt kein wahres Glück und ist überhaitpt nur ein halber Mensch, da Gott erst Manu und Frau zusammen mit dem Worte Mensch bezeichnet hat. Bei der Wahl der Lebensgefährtin soll nicht auf Geld und Reichtum, sondern ans persönliche Vorzüge und Tugenden und edle Abstammung gesehen werden. Alles Glück des Mannes, sagt ein Weiser, hängt von dieser einen Wahl ab. Der Besitz eines edlen Weibes wiegt alle anderen Güter des Lebens auf. Wessen Herz für eine edle liebevolle Gattin warm schlägt, bleibt selbst bei den größten Widerwärtigkeiten heiter und fröhlich. Darum ist als Zeichen besonderer göttlicher Huld und Gnade zu betrachten, wenn die Wahl glücklich ausgefallen. Ist das nicht der Fall gewesen, so ist man von dem schwersten Uebel betroffen worden, das einen Menschen nur treffen kann. Einige diesbezügliche Aussprüche lauten: Jedes Uebel, nur kein böses Weib; ein böses Weib ist ein schrecklicher, grausamer Tyrann, ans dessen Gewalt man sich nicht befreien kann; wen Gott haßt, liefert er in solche Gewalt. Alts die Frage: Was ist bitterer als der Tod? gibt einer zur Antwort, ein böses Weib, von dem man sich nicht trennen kann. Und nun noch ein Urteil über das zwischen Mann und Weib wünschenswerte Verhältnis: Iß und trink weniger, als deine Vermögensverhältniffe dir gestatten würden, kleide dich diesen angemessen, deine Gattin aber etwas darüber hinaus, liebe sie wie dich selbst und ehre sie mehr als dich selbst, nenne sie nicht anders als dein „Hans", denn sie ist des Hauses Segen und Bestand, berate dich mit ihr in allen dasselbe betreffenden Angelegenheiten, und ist sie auch klein, so beuge dich zu ihr nieder und flüstere ihr ins Ohr, was du vorhast. Salomos Lied zur Verherrlichung der edlen Gattin ist das schönste und älteste Frauenlob. Es beginnt mit den Worten: „Ein Biederweib, wer findet es; seltener und kostbarer denn Perlen ist ihr Erwerb!" Salomo hätte noch hinzufügen können, daß es leider nicht immer auch die besten und edelsten Frauen sind, lvelche die schönsten und kostbarsten Perlen tragen, wie es doch eigentlich sein sollte, aber auch schon zu seiner Zeit nicht der Fall war. I/I. St. Zur Geschichte der Indeuemanzipatiou in Oesterreich 1848—1908. Im Gegensätze zu Zunz, welcher die Reform des Kultns und der Religion für unzertrennlich von der Freiheit hielt, erachtete Hirsch diese nur dann als erstrebenswertes Gut, wenn die Emanzipierten im Geiste des Jndentnms weiterleben, dessen Religion den Veränderungen der Zeiten und Umstände nnterworsen ist. Doch trat er trotz der religiösen Bedenken für die Emanzipation ein, welche die Inden dem Staate einbürgern würde. Er hält dieses Anfchließen ohne Gefährdung der Religion für möglich. Israel sei wegen der rein geistigen Natur seiner Volkstümlichkeit auch immer und überall zum innigen Anschluß au den Staat fähig. Denn jenes frühere selbständige Staatsleben war ja auch nur Mittel zur Lösung seines geistigen Berufes. Nie war Land und Leute sein Einigungsban, sondern die gemeinsame Erfüllung der heiligsten Lehre. Darum auch eine Einheit, wenn auch fern von Land und überall in der Zerstreuung angebürgert gemäß den Worten Jeremias' 29, 57, das Wohl des Staates zu fördern, der uns gastfreundlich ausgenommen hat. Ja dieser Anschluß ist der Erfüllung seiner edlen Aufgabe, die Menschheit im Glauben an einen Gott zu verbrüdern, noch förderlicher als die Absondernng. Nur müßte der Jsraelite den durch die Freiheit erlangten Besitz und Genuß als ein neues Stadium der Prüfung und Erziehung ansehen, wodurch er durch die Schule des Elends und des Leids zu voller Reife gelange. *) Eifriger setzte sich Hirsch bei feinem Antritte des Landesrabbinates in Mähren für die Emanzipation ein. Haben wohl die Schriften Geigers und Philippsons trotz des behördlichen Verbotes in Oesterreich Eingang gefunden und die Idee der Freiheit bei den Inden geweckt, so wurde sie'doch erst durch Hirschs persönliches Einwirken zur Reife gebracht. Besonders förderte seine Tätigkeit heraus der auf den Juden lastende politische Druck, die fast unerschwingliche Steuer und der trostlose politische'Zustand, in welchem sie sich befanden. Noch war jenes harte Familieugesetz in Kraft, welches die Vermehrung der Inden hindern sollte, indem es nur dem Erstgeborenen gestattete, eine gesetzliche Ehe einzngehen, den später Geborenen aber zur Emigration oder zum Zölibat zwang. Diese Ehebeschrünknng, welche die Inden ganz demoralisiert hätte, wenn sie nicht in der Religion einen festen Stand gehabt hätten, schildert uns Hirsch mit treffenden Worten. (Der' Pentateuch I, S. 502.) **) Erträglicher und verhältnismäßig leichter war die Robot als diese meuschenknechlende Ehebeschränknng der Inden, die *) H. begrüßt die Emanzipation als Morgenröte deS durch die Kraft ihrer inneren Wahrheit wieder erwachten Menschentums und des Zurückdrängens der selbstsüchtigen Engherzigkeit und der erniedrigenden Besitzsucht. Er hält sie aber nur dann als. segenbringend für Israel, wenn es durch sie zur Verwirklichung seiner geschichtlichen Aufgabe hingeleitet würde. Er würde cs aber bedauern, wenn wir sie als Endstation seines Leidens, als Spenderin erhöhter Gemächlichkeit und Lebensgenüsse und nicht als neue, viel schwerere Prüfung als den Druck und die Verfolgung ansehen würden. Sie wäre zu teuer erkauft, wenn der Israelit die zu ihrer Behauptung ebenso wie vor ihrer Erlangung nötige Religion aufgeben würde. Ja, erst durch die Freiheit sollen die durch den übermäßigen Druck verdunkelten Lichtseiten des Judentums zum Vorschein kommen, .weil die Knechtung den Charakter manches Israeliten zu Falle gebracht; weil sie ihn zur Selbstekhaltung auf Wege drängte, welche freilich der fromme Israelit auch in solcher Not nicht betreten würde. Die Gleichgestellten sollten erst recht in Glaubenstrene beharrend, die religiösen Pflichten erfüllen, die früher nicht erfüllbar gewesen waren. Erst in der Freiheit sollen sie zur Selbstveredlnng, zur Verwirklichung des ewigen heiligen Ideals des Judentums gelangen. (Jgereth Japhou 19. Briese über Judenthum. Altona 1836, S. 79-83). **) Ausdrücklich wurde dieses Gesetz nicht aufgehoben; es trat durch die Märzverfassung außer Kraft. '

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