Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 27 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrtzsit!>tfbnflloii 11. Slbmiiiittiulioii: Wien. 11/, Scovaia^aüc 21. frlriJÖi'H bfr tf)rncf;tei S5S02 K. f. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. iv».Si8. jljii ex'ati: Die viermal geivalleu: Nonpareille-Zeiie 25 Heller. klbo»»c»ic»IS- II. Rillettlüiiöbetrftflt itub in Ullieu jablbnr llllb flaflöllt. Anakhängtge Heitfchrift für jnöifche Jttterejfetu. Erscheint jeden Areitng. Ratio: „Das tZivsslvl Gottes im Wahrheit!“ lUuiiMilOi tri . . Jt 14. hillbjävi >u 1? 7 i^iir Öiiltii^t’rumtr : 'iWiinjnbiivi st ui Fiii Vlii'Slmib : '»'iniiililOvitl 'JKnr tl »iiivel ober I« ,^c4 Ar. 27. Mir«. 10. full 1008 Inhalt: Ans der Woche. — Generalversammlung der Jewish Cvlonisation Association. — Die Frau in orientalischer Beleuchtung. — Zur Geschichte der Judeilemauzipation in Oesterreich (1818—1908). — Da» Leben und Wirken der Juden in Oesterreich m vormiirzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Die alte Rebezin. Wir ersuchen um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages für das atttl. Juli begonnene 3. Quartal und bitten gleichzeitig jene geehrten Abonnenten, welche Sommerfrischen oder Kurplätze aufsuchen, uns rechtzeitig die genaue Adresse anzuzeigen, damit ihnen das Blatt dorthin regelmäßig zugesendet werden kann. Ans der In diesen Tagen, da sich die akademische Jugend in Oesterreich zum Kampfe gegen Klerikalismus und Rückschritt erhob, führte sich zum dritten Male der Todestag Hermann Nothnagels, der schon frühzeitig, als der Antisemitismus in die Wiener Universität und in die Wiener Gesellschaft sich einzuschleichen begann, die große Gefahr dieser giftigen Schlange für alle Kultur und Wissenschaft erkannte. Ungewöhnliche Gaben des Geistes und des Herzens vereinigten sich in diesem seltenen Manne, dessen ganzes Leben von aufrichtigem Streben nach Wahrheit und unendlicher Menschenliebe erfüllt war. Wie er mit sicherem Blicke den geheimsten Ursachen der menschlichen Krankheiten nachging, so forschte er auch mit offenem Auge nach den letzten Gründen der bedeutenden sozialen Erscheinungen unserer Zeit, und sein unbeugsamer Rechtssinn und sein warmfühlendes, liebevolles Herz mußten ihn zum Kampfe gegen alles Niedrige und Gemeine führen, an die Seite jener Auserwählteu, unter denen der Bedeutendsten einer, der große Historiker M o m m s e ii, das treffende historische Wort geprägt hat: „D e r A u t i s e m i t i s m u s i ft die Gesinnung der Kanaille." * * ' Aber diese Kanaille ist heute in Oesterreich zu einer politischen Macht geworden, vor der sogar Exzellenzen zittern müssen. Welch großen Anhang das einander würdige Brüderpaar Antisemitismus und Klerikalismus im österreichischen Abgeordnetenhause besitzen, das hat am Schluffe der Budgetdebatte die Abstimmung über den ebenso kulturals judenfeindlichen Antrag S ch m i d gezeigt, der wohl von der Majorität der Reichsboten abgelehnt wurde, aber angesichts der schmählichen Haltung des größten Teiles der deutschen Abgeordneten die Antisemiten zu berechtigten Hoffnungen für die Zukunft stimmen muß. Nicht zum ersten Riale haben damit die Deutschen der schwarzen Liga Henkersdienste geleistet und in verblendetem Rassenhaß die Feinde von Kultur und Bildung gefördert. Der Lohn hiefür wird gewiß nicht ausbleiben und als kleine Abschlagszahlung, mit allerdings jesnirifcher Münze kann die Jntrigue gegen den deutschen Unrerrichtsminister gelten, auf dessen Portefeuille die Klerikalen schon lange lüstern blicken. * -i- Bei der Abstimmung über den Antrag S ch m i d sind die polnischen Abgeordneten wohl für die Juden eingetreten, aber daheim in Galizien wird den armen Juden der Kampf ums Dasein ziemlich schwer gemacht, und unter anderem machen sich jetzt besonders Bestrebungen dahin geltend, durch das Alkoholmonopol die dortigen zumeist jüdischen Schankwirte aus ihreul Gewerbe zu verdrängen. Vor einigen Tagen fand in Lemberg eine Versammlung statt, zu der über 120 Delegierte aus 80 verschiedenen galizischen Städten erschienen waren, um über die Abwendung der Gefahren zu beraten, die ihren Erwerb von vielen Seiten bedrohen. Es waren zumeist kleine Wirte in einfacher galizischjüdischer Tracht erschienen. Die Versammlung, zu welcher auch ein R e g i e r u n g s v e r t r e t e r erschienen war, wurde von Herrn Fett aus D e m b i tz eröffnet. Der Vorsitzende erörterte die aktuellen Fragen des Schankgewerbes und legte einen Statutenentwurf für eine jüdische Schünkerkorporation vor. Der nächste Redner, Herr F r o st i g. erörterte dann zunächst die Frage der Konzessionen nach dem Jahre 1910. Bekanntlich werden im Jahre 1910 die Propinationeu aufgelöst und die vielen Tausende von Schänken, welche jetzt der Propinaüon angehören, werden ihres. Schankrechtes verlustig werden. Laut dem Plane des Landesausschusses sollen dann Schank-Konzessionen nur in begrenzter Zahl ausgegeben werden. So soll in der Stadt ans je 500 und auf dem Lande auf je 800 Einwohner eine Schänke entfallen. Auf dieser Grundlage schon muß eine große Zahl der heutigen Schankwirte ohne Erwerb bleiben. Zieht man noch in Betracht, daß selbst die wenigen Schanklizenzen nicht den wirklichen Schänken, die sich vom Anfänge an dem Fache gewidmet haben, sondern irgend einem Protektionskinde verliehen werden dürften, so begreift man die Gefahr, welche den heutigen Schänken droht. Eine weitere Gefahr besteht in der projektierten Verschärfung der Sonntagsruhe, wonach das Schankgewerbe von Samstag Abend 6 Uhr bis Montag früh 6 Uhr zu ruhen habe. Eine solche Verfügung wäre mit dem Ruin der jüdischen Schankwirte gleichbedeutend. Gegen diese Gefahr tönnie sie nur eine jüdische Fachorganisation schützen. Nach längerer Debatte wurde eine aus mehreren Punkten bestehende Resolution angenommen, in welcher verlangt wird, daß in dem Gesetze über