Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«L>eue 8. Die Wahrheit Nr. 26. Wiener-Neustadt. Sonntag, den 26. Juni fand in Rottendorf die Trauung des Hermann Weiß, Sohnes unseres Herrn Seelsorgers Benjamin Weiß, um Fräulein Elsa Feiertag statt. Die Fnnktioueu versahen der Vater des Bräutigams und Herr Oberkautor M. A. Land a'u in gewohnt trefflicher Weife. Bei Tische ergötzten die Herren Weiß und Landau die zahlreichen Gäste durch ihre herrlichen Toaste. Es waren zahlreiche Telegramme aus Nah und Fern eingelangt. Troppau. Eine seltene ehrenvolle Auszeichnung wurde unserem Kollegen Oberkantor Singermann in Troppau bei eiueni Schüler-Konzerte, das er mit seiner Gesangschule veranstaltete, zuteil, die nicht allein ihm, sondern unserem ganzen Stande zur hohen Ehre gereicht. Die Troppauer Zeitungen sind des Lobes voll über die hervorragende Tüchtigkeit des Gesangmeisters Singermann uud die „Troppauer Zeitung" schreibt unseren! Korrespondenten darüber: „Es hatte sich die Elite der Troppauer kunstsinnigen Gesellschaft zusammengefunden, um zu hören, was die Knust eines verständigen, sachkundigen Gesangsmeisters aus ungeschultem Stimmaterial zu machen imstande ist. Die Beurteilung des Fleißes und Könnens der Schüler rückte in zweite Linie, die Erprobung des guten Rufes ihres Meisters trat in den Vordergrund. Und diese Probe hat Oberk.Singermann glänzend bestanden! Die Anwesenden, unter welchen man die Gemahlin des Herrn Landespräsidenten Frau Marie Coudenhoilve-Taaffe, General Tiebich-Ripke mit Gemahlin, Bezirkshauptmann K l i n g u e r, Oberst Kotulsky. Baronin Beyer, Baronin Schönau. Major Baron D ü r f e l d und zahlreiche andere Vertreter des hiesigen Offizierkorps und Staatsbeamten, waren voll des Lobes über die geradezu überraschenden Resultate, die Herr Oberkantor Singermann in verhältnismäßig kurzer Zeit, bei seinen Schülern und Schülerinnen erzielt. Das ist keine schablonenmäßige Arbeit, die darauf berechnet Aug und Ohr zu blenden, in den gebotenen Vorgängen konnte man vielmehr die weitgehendste Individualisierung erkennen, die Liebe und Sorgfalt, die der Meister auf die Pflege uud Ausbildung jeder einzelnen Stimme verwendet" ufw. Unter jubelndem Beifall des vollbesetzten Hauses wurde dem beliebten Meister Singermann ein prachtvoller Lorbeerkranz durch die Baronin D ü r f e l d aus der Bühne übern ichr. Austritte aus dem Judentum. Pollsk Werts Edith (ledig), Schülerin. III.', Engelsberggasse 5' geb. 1894 m Wien. Neumsnn Werts (ledig), Köchin, IX., Glafergaffe 17, geb. 1876 in Wien. Ellinger Rudolf, IX., Althangasie (Hotel), geb. 1875 in Wien. Kraust Adele geb. d. Postrost (Witwe), XIX., Barawitzkagasie 4. geb. 1870 in K.-Heves. Spitzer Arnold (ledig), Ingenieur, V., Wehrgasse 18, geb. 1683 in Wien. Elstler Ernst (ledig), Holzhändler, III., Strohgasse 24, geb. 1881 in Wien. Sternberg Dr. Julian, Redakteur, III., Lagergasse 6, geb. 1668 in Wien. Destner Egon (ledig), Student, VI., Webgasse 45, geb. 1885 in Wien. Wergmsnn Vilrns (ledig), Haarnetz-Erzeugerin, IX., Schubertgasse 26, geb. 1886 in Chotebor. Lohn Artur (ledig), Chemiker, II., Praterstraße 68, geb. 1876 in Komolan. Künstler Jenny (ledig), Kindergärtnerin, II., Obere Douaustraße 33, geb. 1873 in Mährisch-Schönberg. Osterstanrp Antonie (verheiratet), VII., Dreilaufergasie 2, geb. 1875 in Wien. Wollner Dr. Emil, prakt. Arzt, Liesing, geb. 1869 in Wien. Zslsi Wilma geb. Mazdowitz, Triest, geb. 1878 in Wien. Pislrno Julie Teonore (verheiratet), Private, III., Neulinggasse 9, geb. 1877 in Haag. Kral Stefanie (ledig), Kleidermacherin, III., Pragerstraße 3, geb. 1883 in Wien. Prsling Sigmund (verheiratet). Privatier, HL, Neulinggasse 9, geb. 1869 in Wien. Wsuthner Mslvine (ledig), Schriftstellerin, XVIII., Gentzgasie 38. geb. 1870 in Komolan. Fischer Paul (ledig), Schauspieler, VIII., Lerchenfelderstr. 124, geb. 1885 in Wien. Finstelstern Rudolf (Samuel Rubin) (Witwer), Kaufmann, XIII., Fenzlgasse 35, geb. 1849 in Fogaros. Pistol Friedrich (ledig), Schauspieler, II., Matildenplatz 3, geb. 1871 in Wien. Die alte Weöezrn. Bon Ernestine Strelisky-Hamburg. (Fortsetzung.) Allein, wie ein dunkler Punkt, der irrelichtend dem Auge vorschwebt, leicht den Blick zu trüben imstande ist, war etwas wie eine schwankende Ahnung gewesen, die gleich zu Anfang ihn überkam, daß er den Leuten nicht als voll gelte, was ein gewisses verstimmendes Gefühl gegen sie in seiner Seele gezeitigt hatte. Und wirklich erfuhr er denn auch bald, daß der Witz der Spezies der fogenannten hellen jüdischen Köpfe, die nie bedachten, wie sehr ihre abgeschossenen Pfeile durch das ätzende Gift, das der Lächerlichkeit anhaftet, verschärft wurden, auch an ihm geübt, daß sein Jichus und sein Talmudwissen gewogen und höhnend als gar leicht befunden ward. Selbst den jüdischen Arzt, der sein vielgeschätzter Jugendfreund war und auf seine Veranlassung sich hier niedergelassen, in dem er selber sich mitgetroffen fühlte, hatte der Witz nicht verschont. Während einer Gemeindesitznng wurde dem Arzte vorgeworfen, er verletze das Gesetz, das da verbiete, in einer Stadt, die keinen Doktor habe, zu wohnen, denn er werde doch wohl die vage Ansicht der Leute, einen richtigen Doktor im Städtchen zu haben, nicht teilen. Dieser Witz schien nicht vergessen werden zu können. Er tauchte immer wieder auf, kursierte, und war der Förderung der ärztlichen Praxis nicht gerade ersprießlich. So mochten denn Jichus und Talmndwissen, die alleinigen Merkmale, der alleinige Besitz sein, was in den Augen dieser Leute Ansehen zu verleihen iinstande war, sagte sich Stahlberg, ihm aber war nun aber Jichus nicht vererbt worden und Talmudwissen hatte er selber erst recht nicht erwerben können. Nichtsdestorveniger wollte er sich dadurch in seinem Selbstbewußtsein nicht beirren lassen. Er konnte trotz alledem seinen Kopf hoch tragen und er tat es mit einer Art Bestissenheit. Ja, er verstand es, allmählich sogar eine gewisse Schranke zwischen sich und den Leuten anfzurichten. Er zog es vor, wie es jetzt tatsächlich der Fall war, als unnahbar und unzugänglich verschrien zu werden, als den Anschein zu erwecken, er, der reiche Stahlberg bewerbe sich durch Leutseligkeit und Entgegenkommen um die Gunst oder gar um die Achtung dieser edlen Habenichtse. Aus solchen Gefühlen war sein feindseliges, etwas verächtliches Herabsehen auf diese Menschen hervorgegangen. Und sie ihrerseits wagten nicht mehr, die von ihm gezogene Schranke niederreißen zu wollen. Dagegen mit dem Beamtentum, wie mit all denen, die in öffentlichen Dingen ein Machtwort zu sprechen das Recht hatten, war Stahlberg infolge vieler nicht unbedeutender sogenannter Gefälligkeiten, die er jedem einzelnen zu erweisen wiederholt Gelegenheit nahm, freundschaftlich liiert. Dadurch nahm er auch selber in gewissem Sinne etwas wie eine Machtstellung ein. In der Stadt wußte man, wie einflußreich er in diesen Kreisen war, wie viel sein Wort unter Umständen bedeuten konnte. Die Rebezin, die ihrem weltfremden Gatten, wenn es sich um weltliche Dinge handelte, mit dem ihr eigenen Selbstbewußtsein, mit ihrem praktischen Verstand aushelfen mußte, war mehrfach in die Lage gekommen, für den einen oderandern ans der Gemeinde, die bei dem herrschenden gespannten Verhältnisse bei Stahlberg nichts anszurichten gewiß sein konnten und deshalb den Rav um Fürbitte bei ihm angingen, nicht allein bei dem reichen, als nach jener anderen Richtung hin hilfsvermögenden Stahlberg sich verwenden zu müssen. Oft wars einzig in feine Hand gegeben, bestimmend vder sogar lenkend in das Geschick eines dieser Menschen emgreifen zu können. Das wahrhaft vornehme Wesen der Rebezin hatte ihm gleich hohe Achtung eingeflößt. Nie hatte sie eine Abweisung von ihm erfahren. „Das ist endlich ein Mensch!" pflegte sich Stahlberg nicht selten im stillen zu sagen. Diese Rebezin verstand auch ein halbes Wort. Glatt und in einer gewissen schonenden Art und Weise konnte alles abgewickelt werden, was sie anfaßte, meist ohne Namensnennung, ohne nähere Bezeichnung der Betreffenden, um die es sich handelte — Nomina sunt odiosa, war nicht selten bei solchen Verhandlungen unter ihnen auch gerade der FE Und galt es zuweilen allein Geld — gab er auch mit vollen Händen, sowenig die Interessen der jüdischen Gemeinde im allgemeinen und die Leute im besonderen ihn auch angingen. (Fortsetzung folgt.) .“p. - rx|»y*y".^.‘W;f Jb. - T