Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die WM'tieu -Sekte 7. Nr. 26 bracht, wo er ihn seinem geistigen Vater, der ihn belehren und unterweisen sollte, übergeben hatte. Nachdem der Knabe dem Lehrer ans den Schoß gesetzt wurde, ließ man ihn die Worte nachsprechen: „Das Gesetz hat uns geboten Moses", und „Das Gesetz sei mein Geschäft." „Er (Gott) ries Moses." Ans dem Honigkuchen — dergleichen an diesem Feste auch die Erwachsenen aßen — den einige nur von den Händen einer Jungfrau bereiten ließen, standen die Verse Jesaia 50, 4, 5: „Gott, der Herr, hat mir eine Zunge sür Lehrlinge gegeben, daß ich den Müden zll stärken wisse mit dem Worte; er erweckt ja am Morgen, erweckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht." Auf der Schale eines gekochten Eies standen die Worte ans Ezechiel 3, 3: „Er sprach zu mir: Menschensohn, nähre deinen Bauch und deinen Leib fülle mit dieser Nolle, die ich dir gebe. Ich aß und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." Beide Bibelstellen mußte der Knabe dem Lehrer Won für Wort nachsprechen, woraus er Kuchen uild Ei znm Essen bekam; man versprach sich von dieser Speise, daß sie dem Kinde Fassnngskrast verleihe. (Zuuz. z. Gesch. n. Lit., 168.) Der österreichische Jude hingegen führte sein Kind zu Beginn des Semesters („znm Seman"), entweder nach dem Pessach- oder krach dem Snlkotseste in die Schule und übergab es dem Lehrer, mit dem er schoil einige Tage früher, gewöhnlich am Halbfeste, nähere Rücksprache gepflogen hatte. Während der Lehrer sich alle erdenkliche Mühe gab, um den Wütkschen des Vaters so weit als möglich entgegenznkommen, waren die Eltern ihrerseits wieder unausgesetzt bemüht, bei der häuslichen Erziehung das noch sehr junge Kind mit der Bedeutung der ..mannigfachen religiösen Satzungen und Zeremonien, die es beobachten mußte, vertrant zu machen. Der schulfähige Knabe durfte ebensowenig des mit dem an seinen vier Enden mit Schausäden versehenen Kleidungsstückes „Arba kanfot“ — auch „Zidakel" genannt — entbehren, als er von dem Waschen der Hände vor der Mahlzeit und der Verrichtung des Tischgebetes, „Benschen", dispensiert wurde. Hatte es nun der Knabe im Hebräischlesen zu einer solchen Fertigkeit gebracht, daß er imstande war, ans dem Gebetbnche „Siddur", ohne Hilfe eines Andern, die üblichen Gebete zu verrichten (zu dawenen),*) .wurde sofort ohne Rücksicht ans seine zarte Jugend mit dem Unterrichte der biblischen Schriften und der einschlägigen -Konuikentare begonnen. Nicht nur die Begüterten, sondern auch die Minderbemittelten scheuten kein Opfer, so es galt, den Unterricht und die religiöse Erziehung zu fördern. Der von Dorf zn Dorf mit alter und neuer Ware wandernde oder hausierende und unter der Wucht der schweren Last keuchende und seufzende Jude, der, um sich und die Seinen ernähren und erhalten zn können, des Winters Frost wie des Sommers Sonnenglut sich preisgeben mußte, fühlte sich vor allem verpflichtet, insoferne von seiner väterlichen Fürsorge entsprechende Proben zn liefern, als er die ersten im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Sparpfennige zum Nutzen mtb Frommen der Erziehung und Belehrung seiner Kinder verwendete.**) Jnsolange der Knabe nicht das dreizehnte Lebensjahr zurückgelegt, war in Mähren nach den Statuten der 7,8o1rai Tekanotli“ jeder Vater verpflichtet, denselben, selbst wenn er keine besonderen Fähigkeiten besaß, in der Schule unterrichten zn lassen. Darin hatten selbstverständlich die mährischen Inden vor denen in ungarischen, böhmischen und anderen Ghettis nichts voraus. Für den Unterricht der armen Kinder, deren Eltern völlig zahlungsunfähig waren, wie sür die *) Im Ghetto wurde gewöhnlich der Ausdruck „davenen“, der mit der arabischen Wurzel „deaw“ zu vergleichen ist, anstatt „bereu" gebraucht. In den böhmischen Judengemeinden gebrauchte mair für „beten" den Ausdruck „oren“, von dem lateinischen oro, orare. **) Ewald sagt in seiner Schrift („Die Altertümer des Volkes Israel, S. 170): „Zarte Elternliebe und kindliche Ehrfurcht sehen wir von früh an in der ganzen Geschichte Israels vorwalten; wie die alten Sagen und Geschichten laut darüber reden, und das kananäische, d. i. nicht israelitische We>en nicht stärker als durch die Bilder unkundlichen und unväterlichen zuchtlosen Wesens beschrieben ward, so bezeugen auch spätere Zeiten den tiefen Abscheu vor unhänslichem Wesen in den stärksten, und die Luft an guter Häuslichkeit in den lieblichsten Ausdrücken." Gewisfeuhasligkeit und entsprechende Leistungen der Lehrer wurde von Seile der Gemeinde in genügender Weise gesorgt. _(Fortsetzung folgt.) Verschiedene Uachrichle». Wien. (S e e h o s p i z für j ü d i s ch e K i n d e r.) Se. Majestät der Kaiser har gestattet, daß der Verein „Oesterrelchisches Seehospiz", über dessen Koustnuirung in der Vorwoche veridirec wurde, den Titel „Oesterrelchisches Kaiser Franz Joses Jubiläums-Seehospiz" führen dürfe. In daS Kuratorium dieses Vereines har das hohe k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht den Herrn k. k. Ministerialrat' Dr. Sigmund Pilat delegiert. Wien. Sonnrag, den 28. Juni, 3 Uhr nachmittags, fand im Tempel des XX. Bezirkes, Kluckpgasse. die Trannng des Fräulein Berta E l r b v g e n, Tochter des langjährigen verdienstvollen Prälidenten des Tempelvereines, Herrn Hermann E l t b o g e n, mit Herrn Richard D n b s k y starr. Die interne Sektion des Tempelvereines. Seren Obmann Herr Dr. Jakob Roth ist, benützte diesen Anlaß, um Herrn E l c d o g e n besonders zn ehren. DaS Gotteshaus ivnrde förmlich in einen Blumenhain umgewandelt, ebenso der Sitzungssaal mir wertvollen Teppichen, Blaltvflanzeu und einem Brantsesse'l mir Blilinenbaldachiit reich geschmückt, um welches Arrangement sich Herr Teinpelvorsteher Juwelier Jakob K o h n außerordentlich bemühte. Die Zeremonie gestaltete sich zn einer musikalischgejanglichen Produktion im großen Stile. Beim Eintritt des Hochzeitszuges in das voll zahlreichen Festgästen gefüllte Gotteshaus exekutierte ein Streichquartett mir Orgelveglennug den Festmarich ans ber Oper „Ein Sommernachtstraum", worauf Herr Oderkauror Josef B a s s e r, assistiert von einem gemischten Chor, ein prachtvolles Matoivu-Solv znm Vortrag brachte. Nach Verrichtung der Miucha-Andachr durch Herrn Kantor Juda Roman wurde der Trannngsakr durch Herrn Rabbiner Tr. Armin Abel es vollzogen, der in seiner Ansprache an das Brautpaar die Verdienste des Brautvaters ans kuirurreltgiösem und humanitärem Gebiete würdigte und daS junge Paar anfforderte, diesem edlen Beispiele uacbzustreben. Im „Mehero" brachte die Tochter des >el. Karlsbader Kantors, Frl. Nanci Tiger, ein hübsches Sopran-Solo zn Gehör und zum Schlüsse wurde der „Hallelujah" von Lewandvwski wirkungsvoll gesungen. Nach der Trannng fand im Festfaale des „Horel de France" bei einem geschmackvoll arrangierten Buffer eine Gratulationskour starr. Deputationen entsandten: Der Brigiltenaner Tempelverein mir dem Obmannstellvertreter Dr. R o s e n r h a l als Sprecher; der Brigitrenauer israel. Frauen-Wohltücigkeitsverein mit Frau Dr. Emilie W e i ß an der Svitze: der Brigittenaner israel. Unterstützniigsverein geführt vom Obmann Juwelier Jakob Kob u. wobei Obniannstellverrreter Berthold Kaiser eine Ansprache hielt und eine Adresse überreichte; die Tempeldiener, geiührr vom Borsteher Dr. Jakob Roth, überreichten gleichfalls nach einer Ansprache des Herrn L ö b l eine Adresse; der humanitäre Verein „Die Brüder", Sprecher Dr. Moritz K o h n; der Kindergartenvereul geführt von Frau Sauber»; kaiserl. Rät Dr. K r ü g er namens des Vereines für verkrüppelte Kinder und viele Andere. Der Brautvater spendete aus diesem Anlässe dem Brigittenauer Tempelverein ein Sefer Thora im Kleinformat von hohem Kunstwert und widmete außerdem den genannten Humanitären Vereinen namhafte Beträge. Wien. (B e f ü h i g u n g s p r ü f n n g sür K i n d e r g ä r tn e r i n n e n.) An der mir der isr. Kinderbewahraustalt vereinigten und mit dem Oeffentlich.keitsrechte versehenen Ersten Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien. EL, Schiffamtsgaffe 15, (gegründet 1868i, fand am 24. Juni d. I. unter dem Vorsitze des k. k. LandesschulinspekrorS Dr. Rieger die Befühiguiigsprüfuilg statt, bei ivelcher sämtliche erschienenen Kandidatinnen approbiert wurden. Anmeldungen für den 41. Jahreskurs der Bildnitgsanstalr sür Kindergärtneriiinen und den mit dieser verbundenen Bildungskurs für Kinderpstegerinnen (erforderliches Aller: das vollendete 16. bezw. 14. Lebensjahr) werden bei der Direktion enrgegengenomine», welche auch über Wunsch Prospekte versendet. Wien. (Israelitischer humanitärer Verein zur Ausstattung h e i r a r s f ä h i g e r M ä d ch e n.) Dieser Verein, der in kürzester Zeit es zu einer Mitgliederanzahl von cirka 600 brachte, hielt am 22. Juni a. c. eine außerordentliche Generalversammlung ab, die sehr zahlreich besucht war. Zweck war hauptsächlich die mit Rücksicht ans die Höhe und stete- Anwachsen derselben, erforderliche Aenderung der Statuten. Dieselbe harten hauptsächlich die Erhöhung der Beiträge und Erschwerung der Aufnahme unter Berücksichtigung der Altersgrenze von 15 Jahren und Schutz der Rechte der alten Mitglieder, zum Zweck. Diese Starntsn-Aendernng wurde über Vorsitz und Referat des Präsidenten Herrn Heinrich Taub, nahezu einstimmig angenommen. Hiermit erscheint der Bestand des Vereines auf lange Jahre gesichert und hat die rege Vereiustätigkeir wieder begonnen. Wien. Herr k. k. Kommerzialrat Leopold Saborsky hat einen schweren Verlust erlitten. Am 20. v. M. starb in Graz seine Gattin Frau Sari Saborsky. geb. Lenndörfer, eine Nichte des Oberrabbiners Tr. Leimdörfer in Hamburg, nach längerem Leiden. Frau Saborsky war die zweite Frau des Herrn Kommerzialrates und den Kindern ans erster Ehe eine liebevolle, zugetane Mutter. Als im Juni v. I. ihr einziges Kurd, ein hoffnungsvoller Junge, plötzlich starb, konnte die stets gesunde und kräftige Frau diesen Schmerz nicht überwinden und kaum ein Jahr nach dem Tode ihres geliebten Sohnes, ist sie diesem im Tode gefolgt. Die Familie Saborsky ist durch diese aufeinanderfolgenden herben Schicksalsschläge auf das schwerste getroffen. Frau Saborsky wurde nach Wien überführt und am 24. v. M. daselbst bestattet. Friede ihrer Asche! 1 H L.