Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die' Wadrbeil Nr. 26. - (k 1 -'‘v 'GS z ■ ' f raumes geführt wurden, und die Fortschritte, welche die Gleichstellung der Juden gemacht hat, zu schildern, müssen wir auf die vormärzliche Emanzipationsbewegung in Deutschland znrückgreifen, von wo diese nach Oesterreich verpflanzt wurde. Dieser Kampf wurde nach zwei Richtungen hiit geführt, nach innen und nach außen. Bei ihren Glaubensgenossen haben die geistigen Führer die Unwissenheit, die sittliche Lauheit gebannt, den Wissensdrang angeregt, das Selbstbewnßtsein geweckt und das Rechtsgefühl gehoben. Bei den Andersgläubigen haben sie durch Wort und Schrift alte Vorurteile vernichtet, die Lichtseiten und Verdienste des Judentums um die Kultur und Gesittung, seine weltgeschichtliche Bedeutung und seine erhabene, die Menschheit erlösende Lehre hervorgekehrt. Als der erste erfolgreiche Kämpfer für die Emanzipation gilt Gabriel Riesser, auf dessen Anreguttg hin in vielen großen Gemeinden Deutschlands sich Vereine zur Erringung der Gleichstellung bildeten. Offen und ehrlich, ohne Hintergedanken, ohne stillschweigende Konzession hinsichtlich Nation und Religion, trat er für die Sache des Rechtes ein, die er für seine Glaubensgenossen von der Regierung und vom Volke bedingungslos forderte. Das Ansinnen, für die Emanzipation irgendwelche Gegenleistung in religiöser oder nationaler Hinsicht zu gewähren, wies er mit Entrüstung zurück. Trotz seines Freisinnes dnrchdringt seine Schrift „lieber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaitbens in Deutschland" ein konservativer Zug.*) Kein Jota der Religion, keine einzige heilige Satzung dürfe wegen der zu erlangenden Rechte preisgegeben werden. Nicht die unbedeutendste rituelle Zeremonie dürfe zum Opfer für die Einbürgerung gebracht werden, wenn diese nur um diesen Preis zu erlangen ist. Die deutschen Regierungen und Stände verlangten voit den Juden Aufgeklärtheit und Lossagen vom sogenannten Aberglauben, Aufgeben des Talmud und der Mefsiashoffnung. Ehrvergessene Juden boien einen solchen Tausch und gaben der Regierung an die Hand, nur diejenigen zu erheben, die dem Talmud entsagt Hütten. Rießer brandmarkte einen solchen Handel mit Gewissenssachen als eine Schmach. Es gilt für unmoralisch, den Tarif der Würdigkeit als Staatsbürger nach der Glaubensgemeinschaft zu bemessen, der das Jndividium angehört, für sträflich aber, wenn dieses wegen eines materiellen Besitzes das höchste Gut des Lebens mit Füßen tritt. Erst den emanzipierten Inden stellt er es frei, mit dem Glauben uach ihrem Gutdünken sich abzufinden, in konservativer oder reformatorischer Weise ihre Gottesverehrung zu bezeugen. Wäbrend Rießer in Hamburg mit diplomatischem Takt die Konsequenz der Gleichstellung der Zukunft überließ, sprach Zuuz gleich im vorhinein das Endziel der Emanzipations- Bestrebungen aus: „Die Reform und . den Triumpf des diese Reform offenbar machenden Wortes". Zunz hob eine neue Seite oes Judentums hervor, seine wissenschaftliche Killtur, seine Intelligenz, ünf Grund welcher es die Gleichberechtigung forderte. Der Anerkennung des Geistes müßte die der Person folgen. *) Die Schrift Rießers übte auf Geiger eine solche zündende Wirkung aus, daß er an seinen ehemaligen Srudienkollegen in Bonn, S. R. Hirsch, am 6. April 1833 schrieb, für die Verbreitung und Ausführung der in ihr enthaltenen Ideen tätig zu sein: „Sie. ein Hort Israels und gewiß nicht der letzte, der den Juden endliche Befreiung von den drückenden Fesseln wünscht, die ja bloß allein die geistige Entwicklung fördern und zum wahrhaft geistigen Leben führen kann, werden Sie nicht auch sich der Sache annehmen. wenigstens auch das Anschließen ihrer Gemeinde bewirken, daß endlich wahre Bildung eindringe und jenes elende, seichte Wesen, das sowohl durch Gleichgültigkeit gegen alles Höhere bei einem bloßem Handelsvolke. als auch durch Mangel an Gelegenheit zu gediegener Ausbildung entsteht, aufhöre und Israel sich feiner würdigen Bestimmung nähern könne? Ihre Gemeinden haben gewiß geringe Mühe mrt Erlangung ihrer vollen Rechte, da der Großherzog sowohl einen sehr liberalen Sinn, als auch sehr viele Milde gegen die Juden beweist. Möchten doch die Juden des ganzen Deutschland endlich ihrer schmählichen Knechtschaft durch Bemühungen jeder Art ein Ende machen, und wahrlich sie können es in der jetzigen freisinnigen, sich kräftig entwickelnden und voranschreitenden Zeit! Halten Sie diese Angelegenheit nicht für weltlich und nicht Ihrem Stande nicht augemeffen, denn hängt nicht geistige und körperliche Freiheit aufs genaueste zusammen und hat uns die Geschichte in ihrer Hinweisung auf die Blüte der Juden in Spanien und auf die mittelalterliche Finsternis derselben in Deutschland nichthinlänglich belehrt? Wenn Sie nun ein Scherflein dazu beitragen können, welch ein Lohn wartet Ihrer. (Abraham Geigers Leben S. 18, 19, 38, 48, 43.) Aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Jndenlnms würde auch die Gleichstellung der Inden in Sitte und Leben hervorgehen, ebenso wie die Vernachlässigung und Geringschätzung der jüdischen Wissenschaft mit der bürgerlichen Hintansetzung der Juden im Zusammenhang stehen. Die Achtung vor der literarischen Tätigkeit der Inden sei die Vorbedingung ihrer bürgerlichen Erhebung. Ist einmal die Vereinigung der jüdischen Wissenschaft mit der Weltliteratur vollzogen, dann würde die Scheidewand fallen, welche die Inden von den Christen trennt. Znnz setzte es sich daher zur Aufgabe, in seinen gottesdienstlichen Vorträgen, welche nebenbei die preußische Regierung anfklären sollten, daß die Predigt keine Nachahmung christlicher Sitte, sondern eine ursprüngliche jüdische Einrichtung ist, den hohen Wert und die Bedeutung der jüdischen Wissenschaft nachzuweisen, und stützt auf die Kultur der Inden den Anspruch auf ihre Emanzipation.*) (Fortsetzung folgt.) Das Kellen and Wirke» der Inden in Oesterreich in varmiirstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) An einer anderen Stelle heißt es wieder, Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil die jungen Kinder daselbst vom Schulbesuch abgehalten worden sind. (Sabb. 119.) R. Simon b. Jschai sagte, wenn du in Palästina Städte ihrem g ä n zl i ch e n Verfalle entgegengehen siehst, so wisse, daß dies die natürliche Folge der Vernachlässigung der Schulen sei. (Midr. r. zu Klagel.) In einer Stadt, die der Schule und Lehrer entbehrt, soll man nicht wohnen. (Sanhedr. 17.) Wenn es auch während des zweiten Staatslebens schon überall öffentliche Kinderschulen gegeben, durfte der häusliche Unterricht denn doch nickt gänzlich beseitigt werden. Hans und Schule mußten Hand in Hand gehen. Das Haus bildete gleichsam eine Vorbereitungsschnle. Die Schulpflicht begann (nach Ketub. 50) mit dem vollendeten sechsten Lebensjahre. In Palästina jedoch, wo die Kinder kräftiger und schon früher entwickelt waren, begann die Schulpfiicht mit dem vollendeten fünften Lebensjahre. (Abot. 5, 25.) Im Elternhaufe jedoch begann der Vorbereitnngsunterricht viel früher. Sobald das Kind sprechen konnte, lehrte man es die kurzen'Gebetsprüche, als z. B. den ersten Vers des „Schema Jisroel", um ihm frühzeitig schon die Lehre der Einheit Gottes einzuschärfen. (Succa 42.) So war es aber nicht bloß in der talmudischen Zeit, sondern auch in späteren Jahrhunderten bis ans die moderne Zeit in Israels Gemeinden üblich. Während die fromme Mutter dem zarten Säugling schon in der Wiege religiöse Weisen vorsang, um dessen Ohr frühzeitig an die Melodien der synagogalen Gesänge zu gewöhnen, erachtete der Vater es als seine erste Pflicht, dem kaum zu lallen beginnenden Kinde die Worte: „Die Lehre, die uns Moses geboten, ist ein Erbgut Jakobs," täglich vorznsprechen. Das Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einig einziger Gott" mußte das zarte junge Kind sowohl des Morgens, nachdem es vom Schlafe erwacht, gewaschen wurde, als des Abends, bevor es zur Ruhe ging, mit geschlossenen Angen sprechen, damit es bald von der erhabenen Gottesidee durchdrungen, und in allen Verhältnissen seines Lebens den Verlockiuigen und Verführungen der Welt zu trotzen imstande sei. Im fünften Lebensjahre rvurde in der Regel der Kitabe in die Schule geschickt, wo er vor allem das Alphabet, resp. das Hebräischlesen erlernen mußte. Von den im Mittelalter bei den deutschen Inden üblich gewesenen Zeremonien und Feierlichkeiten bei der ersten Einführung in den Unterricht wußten die Juden Oesterreichs nichts. Bei den ersteren war es gebräuchlich, daß der Vater am Wochenfeste bei Tagesanbruch seinen Kleinen in die Schule ge- *) (Einleitung zn dem gottesdienstlichen Vorträgen und zur Geschichte mid Literatur. Vgl. meinen Artikel: „Ein Besuch' bei Leopold Zunz", Zeitung d. Jud. Jg. 1896, Nr. 41;)