Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26. Die Wahrheit :eite 5. über alles, was der Mensch in Betracht zieht, so gehen auch über das Weib die Urteile auseinander. Auch die Weisen des Morgenlandes stimmen in ihren Urteilen über dasselbe nichts weniger als überein. Auch unter ihnen gibt es Lobredner und Nörgler, Optimisten, die am Weibe alles schön und gut finden, und Pessimisten, die kein gutes Haar an ihm lassen. Die ersteren waren zumeist in Palästina, die letzteren in Babylon zuhause. Lassen wir nun zuerst die Hauptrepräsentanten beider Richtungen sprechen, da beide ihr Urteil über das Weib au die biblische Schöpfungsgeschichte vom Weibe anknüpfen; dann sollen auch noch andere, wenn auch nur kurz, zu Worte kommen. Der Babylonier, der nichts Gutes, sondern nur Böses vom Weibe zu sagen weiß, un'd daher am längsten spricht, möge zuerst das Wort haben. Als Gott die Eva erschaffen wollte, belehrt er uns, habe er lange darüber nachgedacht, aus welchem Körperteile Adams er sie bilden solle. Zuerst dachte er an den Kopf; aber noch rechtzeitig fiel ihm ein, daß sie dann als Haupt sich fühlen, den Kopf hochtragen, von Stolz und Herrschsucht erfüllt und das Bestreben haben werde, das Haupt der Familie zu sein, den Mann zu beherrschen, und er ging davon ab. Da sah er auf das Auge Adams und wollte aus diesem die Eva formen; aber' nach längerem Sinnen fand er, daß auch dieses zu seinem Zwecke ungeeignet sei. Eine Frau aus dem Auge erschaffen, werde ganz Ange sein, auf alles ein Auge werfen und alles sehen wollen. Nicht minder ungeeignet erschien ihm auch das Ohr, weil dann die Frau sehr neugierig gewesen wäre; sie hätte ans alles gehorcht, überallhin ihr Ohr gehalten und des Spühens und Horchens hätte es kein Ende gehabt. Sie ans dem Munde zu erschaffen, erschien ihm auch sehr bedenklich. Sie wäre dann gar zu schwatzhaft, eine arge Plaudertasche gewesen und hätte mit ihrer Zunge größeren Schaden angerichtet, als mit dem Auge und Ohre. Sie aus den Händen zu bilden, konnte er sich auch nicht entschließen, weil sie dann überall ihre Hand im Spiele gehabt, nach allem gegriffen hätte, und ebensowenig waren auch die Füße dazu geeignet, weil sie dann eine Auslänferin geworden wäre, die sich nur auf der Straße, im Gedränge her- und hinwogender Menschenmassen, aber nicht im Hause wohl fühlt und eine weithin hör- und sichtbare äußere Tätigkeit der stillen häuslichen vorzieht. Darum wählte die Weisheit Gottes, die alles genau überlegt und die Folgen voraussieht, die Rippe. Die Rippe sieht und hörtnicht, ist schamhaft und verschwiegen, ist verhüllt und rührt und bewegt sich nicht selbständig; und auch das Weib sollte bescheiden, sittsam und schamhaft sein, stille und ohne Geräusch, ohne die Augen der Außenwelt auf sich zu ziehen, beglückend und segensvoll im häuslichen Kreise walten. Trotz der vom weisen Schöpfer gebrauchten Vorsicht, bemerkt der babylonische Weise weiter, haften dem Weibe alle die Fehler, wenn auch in geringerem Maße als das sonst der Fall gewesen wäre, an, welche Gott verhüten wollte. Schon Eva, das von Gott unmittelbar geschaffene Weib, war, wie sich das bald gezeigt hat, von diesen Fehlern nicht frei. Sie trug den Kopf hoch und ließ ihre Blicke im ganzen Garten Eden umherschweifen; sie, und nicht Adam, erblickte zuerst den Baum, von dessen Frucht zu essen Gott verboten hatte, und kailm hatte sie ihn erblickt, so wandte sie auch schon fein Ange von ihm ab, bis zuletzt ihre Hand nach der verbotenen Frucht griff. Auch ihr Ohr war es, das den verführerischen Einflüsterungen der Schlange bereitwillig Gehör gab, und ihr Mund, der sich mit der listigen Verführerin in ein Gespräch einließ, wie denn auch ihre nicht ruhenden Füße sie mit aller Eile zu dem in ver Mitte des Gartens stehenden Baume hingetragen hatten, obgleich er ganz von Gesträuch umgeben und darum nur mit Mühe in seine Nähe zu gelangen war. Diese Fehler und Untugenden, meint er, vererbten sich dann auf alle Evastöchter. Selbst die vielgepriesene, fromme und bescheidene Sarah horchte hinter der Türe, als Abraham mit den zu Gaste bei ihm weilenden drei Engeln sich unterhielt itttd diese ihm verkündeten, daß er einen Sohn bekommen werde. Leah sei so geschwätzig gewesen, daß sie mit den intimsten Geheimnissen, welche ihre Schwester Rachel ihr anvertraut hatte, zu Jakob aufs Feld eilte, um sie ihm sofort mitzuteilen. Und wäre ihre Tochter Dina keine Ausläuferin wie ihre Mutter gewesen, und Hütte sie fein Verlangen gehabt, sich nach den „Töchtern des Landes" umzuschauen, so wäre ihr das Abenteuer mit dem Fürsten von Sichern erspar: geblieben. „Wenn das aber," schließt der weise Babylonier seine Betrachtung über das Weib, „am grünen Holze geschieht, wenn schon die Frauen, die uns als Musterbilder aller weiblichen Tugenden hingestellt werden, mit Fehlern und Mängeln behaftet sind, wie denn erst die andern!" und weist auf die Frau des Potiphar hiu. Ganz verschieden lautet das Urteil des palästinensischen Weisen über das Weib. Er faßt sich viel kürzer und kleidet sein Urteil in eine schöne, kurze Erzählung. Ein römischer Kaiser, sagt er, unterhielt sich einmal mit einem Weisen des Morgenlandes. Unter anderem bemerkte er, daß ihm die Geschichte von der Erschaffung des Weibes in der Bibel nicht gefalle. Nach dieser, meinte er, Hütte ja Gott etwas getan, was unter Menschen ganz unzulässig ist und sogar vom Gesetze bestraft wird. Gott habe Adam in eineu tiefen Schlaf fallen lassen und ihm während seiner Bewußtlosigkeit eine Nippe entwendet. Wenn ein Mensch dem andern ohne dessen Wissen etwas nimmt, so nenne man das stehlen, und wer es tut/ ist ein Dieb und wird bestraft. Der Weise möge ihm daher das Vorgehen Gottes erklären. Aber dieser fand nicht sofort die richtige Antwort und war in großer Verlegenheit. Zu seinem Glücke war die Tochter des Kaisers, die selbst schon öfter den Weisen um Belehrung in verschiedenen Dingen angegangen. Zeugin der Unterhaltung. Die Verlegenheit ihres Lehrers bemerkend, sagte sie zu ihrem Vater: „Während der Weise über Deine an ihn gerichtete Frage nachdenkt, will ich Dir etwas erzählen, was mir in der Nacht begegnet ist, damit Du mir Recht verschaffest." Und nun erzählte sie. daß in der Nacht in eines ihrer Gemächer ein Dieb e.ingebrochen sei und habe von dort einen schönen, kostbaren silbernen Becher genommen. Der Kaiser fiel erzürnt mit den Worten ein: „Der Dieb wird ausgeforscht und mit dem Tode bestraft werden!" Doch die Kaisertochter fuhr fort und sagte: „Der Dieb hat aber statt des von ihm mitgenommenen silbernen Bechers einen viel herrlicheren, kostbareren und kunstvolleren goldenen Becher zurückgelassen." Da sagte der Kaiser: „Einen solchen Dieb lasse ich mir gefallen, wenn nur öfter solche Diebe in mein Haus und Schlafgemach eindringeu wollten!" Darauf erwiderte die Prinzessin: „Verhält es sich nach der Erzählung der Bibel nicht gerade so mit Gott?! Er hat Adam, als er im Schlafe lag. eine Rippe genommen, hat ihm aber dafür etwas viel Herrlicheres, Kostbareres und Beglückenderes gegeben — die Eva. das Weib, das das Herrlichste in der ganzen Schöpfung ist und den Mann mehr beglückt, als alle Schütze der Welt; einen solchen Dieb hat sich, auch Adam gerne gefallen lassen." Die Frage des Kaisers an den Weisen war beantwortet und er konnte schweigen, ohne daß der Kaiser ihm gezürnt hätte. (Schluß folgt.) Zur Geschichte der Indenemansipation in Oesterreich 1848—1908. Keinen geeigneteren Ausgangspunkt könnten wir für den Rückblick auf die Entwicklung der Jndenemaitzipation während der verflossenen sechs Jahrzehnte wühlen, als die Worte Grätzs. mit denen er den XI. Bd. seiner „Geschichte der Juden" schließt: „Mannheimer zugleich mit einem Rabbiner alten Schlages und polnischer Tracht (Meise!) berieten die Neugestaltung Oesterreichs. In West- und Mitteleurova bis an die Grenze Rußlands uud das Gebiet des Papsttums sind die Fesseln für die Jduen gefallet!. Die Freiheit ist für die Juden errungen, sie selbst scheinen als Wächter für dieselbe eingesetzt zu sein, die Erringung der Gleichheit und Brüderlichkeit steht bevor. Die Anerkennung der Juden als vollberechtigte Glieder ist so ziemlich durchgedrungen: die Anerkennung des Judentums unterliegt aber noch schweren Kämpfen." Tatsächlich har während der letzten 60 Jahre die Bedeutung und Anerkennung des Judentums zugenommen. Um aber die Kämpfe, welche für diese Anerkennung innerhalb dieses Zeit-