Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26 Ans der Wiener Knltnsgemeinde. > In der am 24. Juni, 5 Uhr nachmittags, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung, die voraussichtlich die letzte in den heurigen Sommermonaten war, wurden verschiedene Angelegenheiten erledigt, von denen jedoch nur eine, und zwar die im Einverständnisse mit dem Rabbinate erfolgte Regelung der Koscher- Selchwaren-Erzeugung allgemeines Interesse erwecken dürfte. Die Lösung dieser Frage, die schon mehrere Jahre hindurch den Kultusvorstand beschäftigte, muß als eine vollkommen befriedigende bezeichnet werden, nnd es gebührt nicht nur der Koscher- Fleischkommission des Vorstandes, und in dieser Herrn kaiserl. Rat Sigmund K a u d e r s, der sich um das Zustandekommen des Uebereinkommens mit den Selchwaaren-Fabrikanten Ehrlich, P i o w a t i nnd T h e n m a u n besonders bemühte, sondern auch den letzteren, die zur Befriedigung der Wünsche der konservativen Bevölkerung durch Errichtung einer unter Aussicht des Rabbinates stehenden Koscher-Selchwaren-Fabrik und der nötigen Verschleißstellen große materielle Opfer bringen, Dank und Anerkennung. Im Nachstehenden der Bericht: Nach Verlesung der Spenden und des Einlaufes gibt der Vorsitzende feiner Befriedigung über den erhebenden Verlauf des Festgottesdienstes, der anläßlich des 50-jährigen Bestandes des Leopoldstädter Tempels daselbst veranstaltet wurde, Ausdruck und anerkennt die ausgezeichneten Leistungen sämtlicher Funktionäre. Zu dem Antrag des Herrn Dr. M. Spitze r, daß den einzelnen Funktionären der besondere Dank des Vorstandes ausgesprochen werde, bemerkt der Präsident, daß ein diesbezüglicher Beschluß des Vertreterkollegiums bereits zur Ausführung gelange. Ueber Antrag des Vertreterkolleginms wird nach einem Referate des Offizials Guido F u ch s g e l b eine Aenderung des Organisationsstatutes der Religionslehrerbildungs-Anstalt dahin angenommen, daß gemäß einem Ministerialerlasse für analoge Anstalten den Absolventen der 4. Bnrgerschnlklasse, gleich den Absolventen der unteren Mittelschule, der Eintritt in die Lehrerbildungsanstalt möglich sein soll. Sekretär Dr. Adler referirt, daß in den letzten Tagen zur Regelung der Koscher-Selchwaren-Erzeugung ein Uebereinkommen mit den Fabrikanten Leopold Ehrlich, Theodor P i o w a t i und I. T h e u m a u n dahin getroffen wurde, daß dieselben gemeinschaftlich unter Aufsicht des Rabbinates eine besondere Fabrik zur Erzeugung von streng koscheren Selchwaren errichten und zum Verschleiß dieser Maaren vorläufig 5 Verschleißstellen in Aussicht nehmen. Fabrikation und Verschleiß sollen zum Novembertermin 1908 beginnett. Nachdem eine Anfrage des Vertreters Dr. Berger dahin beantwortet wurde, daß bei Abschluß des Uebereinkommens sämtliche Bedingungen des in dieser Angelegenheit gefaßten Plenarbeschlusses erfüllt wurden, wird der Bericht genehmigend zur Kenntnis genommen. Nach einem Referate des Stistitngsamtes werden die Anträge des Vertreterkollegiums betreffs Verleihung einiger Stiftungen genehmigt. Der Präsident gibt hierauf bekannt, daß das Vertreterkolleginm das Präsidium ermächtigt habe, Angelegenheiten, die statutengemäß in die Kompetenz des Vertreterkollegiums gehören, während der Sommermonate selbständig zu erledigen, und legt dem Plenum nahe, insoferne es nicht möglich wäre, einen Plenarbeschluß einzuholen, auch seinerseits die gleiche Ermächtigung dem Präsidium zu erteilen. Nachdem der Präsident die Erklärung abgegeben hat, daß Verfügungen des Präsidiums, die eine dauernde Belastung der Gemeinde involvieren, auf diesem Wege ausgeschlossen fein sollen, wird mit großer Majorität beschlossen, dem Präsidium die angesprochene Ermächtigung zu gewähren. Sekretär Dr. Adler referiert namens des Vertreterkollegiums über das von den Wärterinnen des Spitals der israel. Kultusgemeinde gestellte Ersuchen, ihnen a) Erhöhung des Lohnes, 5) Aufbesserung der Kost nnd c) Pensionsanspruch zu gewähren. Bei Beratung dieser Petita ging das Vertreterkoüeginm von dem Bestreben aus, die Wärterinnen des Spitals der Knltnsgemeinde mit den Wärterinnen der öffentlichen Krankenanstalten gleichznstellen, und beantragt in diesem Sinne Punkt a) zu bewilligen, jedoch die Punkte b) nnd o) abzulehnen. Die Gehaltserhöhung soll in der Weise durchgesührt werden, daß -4 Gehaltsstufen, und zwar K 34, K 36, K 38, K 40 pro Monat festgesetzt werden, in welche die dauernd an gestellten Wärterinnen nach je zweijähriger Dienstzeit automatisch vorrücken. Für die Anshilfswärterinnen ist der Taglohn von K 1.40 aut K 1.60 zu erhöhen. Namens der Spiialskommissiou wird durch den Obmann derselben, Herrn Vertreter WilhelmK u ffne r, ein Minoritätsantrag gestellt, welcher auch die Bewilligung des Punktes 6, nämlich Gewährung der Mehlspeise, statt wie bisher an 4 Tagen, an allen Tagen der Woche, befürwortet. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Wilhelm K n f f n e r, Hofrat Dr. R a p p a p o r t, Dr. B r e u e r, Max F r a n k und Professor Dr. Pollak beteiligen, wird die Abstimmung eingeleitet, wobei zunächst der Minvritätsanträg abgelehnt und hierauf der Antrag der Vertreterkollegiums, nämlich Gewährung der Gehaltserhöhung nnd Ablehnung der Punkte b) und c) angenommen wird. Sekretariats-Konzipist Dr. Leopold Ster u referiert namens des Vertreterkolleginms über einen Zusatz zu dem Knltusgemeindestatnte in Betreff der in der Verwaltung der Gemeinde stehenden Fonde und Widmungen. Der diesbezügliche Antrag des Vertreterkolleginms wird, nachdem der Vorsitzende konstatiert hat, daß die für Beratung und Beschlußfassung von Statutenänderungen vorgeschriebene Anzahl von Vorstandsmitgliedern anwesend ist, ohne Debatte einstimmig angenommen. Der Präsident spricht Herrn Dr. Leopold Stern für die Ausarbeitung des Referates, das umfangreiche Vorarbeiten und das richtige Erfassen schwieriger juristischer Fragen erheischte, die Anerkennung des Vorstandes aus und schließt hierauf die öffentliche Sitzung. Die Kran in orientalischer Kelenchtnng. Ex Oriente lux! Vom Osten kommt das Licht! Nicht bloß das Licht, das die Finsternis der Nacht verscheucht und den anbrechenden Tag kündet, nicht bloß das Sonnenlicht hat' seinen Ausgangspunkt am Morgenhimmel, sondern auch das Licht der Religion, dessen Strahlen die Finsternis des HeideU- und Götzentums erhellt haben. Alle monotheistischen Religionen stammen ans dem Orient. Dort war ihre Gebnrtsstätte, von dorther breiteten sie sich aus. Wie die scheinbar vom Osten nach Westen sich bewegende Sonne, nahmen auch sie auf ihrem Zuge in gleicher Richtung an Helligkeit und Leuchtkraft zu. Aber auch die menschliche Weisheit nnd Klugheit, die richtige-Beurteilung und Bewertung aller Dinge nnd Verhältnisse, die im Grunde doch nur das Produkt tausendjähriger Erfahrungen und Beobachtungen sind, sind dort zumeist zu finden gewesen, wo das Menschengeschlecht seine Wiege, seine älteste Heimstätte hatte — im Orient. Parabeln und Fabeln, Sinnsprüche und Gleichnisse, Sentenzen und Sprüchwörter, Klngheitsregeln und Weisheitslehren, die ja alles das in sich schließen, was der Menschengeist durch tausendjährige Erfahrungen und Betrachtungen als wahr und richtig erkannt hat, sind daher geradeso wie die göttlichen Offenbarungen, die Wahrheiten der Religionen vom Osten her zu uns herübergekommen. Man denke nur an die Weisheits- und Sittensprüche des Konfuzius, des Königs Salomo, der Brahmanen und Rabbinen, an die Klugheits- und Lebensregeln des Jesus, Sohnes des Sirach, an die vielen Sinnsprüche der Perser nnd Araber,-an die Fabeln Aesops, deren orientalischer Ursprung bei den meisten derselben nachweisbar ist. Es ist nun selbstverständlich, daß die morgenländischen Denker und Weisen, die allen Dingen ihre betrachtende Aufmerksamkeit zugewendet und über alle menschlichen Beziehungen ihr Urteil abgegeben haben, dasjenige nicht unbeachtet und unbetrachtet ließen, was in den menschlichen Beziehungen die größte und einschneidendste Rolle spielt — das Weib. Wie aber'