Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063444--05537-3072467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AieIDaHi'Hsil iJlrbnttioii 11. Slbiiuiiifl, ciuon: Wien. 11/, Viovaiagusse 27. TflrliÖoit brr flnntsici 15SUS K. k. österr. Postsparkasia- Scheck-Konto Nr. 100.918. jlnj'ei'ate Die viermal gejvnlteiie?IoiivareiUe-Z«ile 25 Heller. <lbouucmeiua> n. Aule, ttoiiSbelräge nub in Wien zadldar unb tinndnr. Unabhängige Aeiischnfi für Mische InLereßsen. Erscheint jeden Areita»;. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j (»iiujinijvifl . . ff >4 —; ©albiäbrifli . . ff. 7 — i I Für CuItuSdeiniite:! ... ff >». Für Ausland:! >t»»„>,l>it>ri^ . . u M»rk rt Nnvei aber Ni ,sc4 Dir. 26. Wie», 3. Juli >908 Inhalt: Ein Brief Moriz Wahrmanns an Viktor Jstoczy. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Die Frau in orientalischer Beleuchtung. — Zur Geschichte der Judenemanzipation in Oesterreich 1848—1908. — Zur Geschichte der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die alte Rebezin. — Nach dem Kantorentag. — Ein Weg zur Selbsthilfe. — Dem Verdienste die Krone. Are geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Juki begonnene 3. Quartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes keine Unterbrechung erleide. K. k. Postsparkasferi-Korito 10V.918. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, bei Einsendung des Abonnementsbetrages den zugesandten Erlagschein zu benützen. . Die Redaktion. Mn Srirf Mori; Mahrmanns an Uiktor Istorxy. Aus dem Ungarischen des „BorsßemJanko", frei bearbeitet von SBineta. Ueberall gellt die Klage der Antisemiten über Unterjochung der arischen Welt durch die Juden, in die Ohren. Eine originelle Auffassung dieser Frage bekundet das nachfolgende Gedicht und sie läßt sich restlos auch auf unsere Verhältnisse übertragen.! Vielleicht findet das ..Deutsche Volksblatt" und Konsorten Trost l bei der Lektüre des Gedichtes. | Eine Erläuterung desselben wird wohl schwerlich notl wendig sein; es bezieht sich auf den jüngst erfolgten Selbstmord-! versuch des Sohnes Moriz Wahr m a n n s, welch letzterer im öffentlichen Leben Ungarns eine hervorragende Rolle gespielt hat und Viktor Jstoczy, dem einstigen Führer der Antisemiten, in einem Duell gegenüberstanden ist. Mein alter Feiud! Aus dem Land der Toten schreib ich, Aus dem Jenseits schreib ich traurig, Und den Grund, weshalb ich schreibe, Wirst Du selber findeu schaurig. Denn auch Du, Du hattest Söhne, Und auch Du hast sie verloren, Da begegnen wir einander, Sind zum gleichen Schmerz erkoren. Und Du fühlst wohl meine Trauer, Der Du mich verfolgt mit Hasse, Ob des Reichtums, ob der Stellung, Doch am meisten ob der Rasse. Sieh das Schicksal meiner Söhne! An Dein Hassen denk, Dein Höhnen. Wirst Dn mich jetzt nicht bedauern, Jetzt mit mir Dich nicht versöhnen? In des reichen Juden Herzen, Wüten jetzt des Schicksals Dolche. Doch ich steh' allein fürwahr nicht — Väter gibt es mehr noch solche. In der Leopoldstadt ward ich, Als ich lebte, zum Idole. Jetzt im Tod zeig ich vereinigt Von der City die Symbole. Mit dem Geld, das dort erworben. Macht' im Reichstag ich Parade — Meinen lieben söhnen aber Lags nicht lange irr der Lade. Mit der Gier der Parvenüs hat, Was der Vater einst erworben. Rasch der Eine, wie der Andere Rasch verschwendet und verdorben. Zügle Deine Furcht, Freund Viktor! Leg ihr au doch scharfe Zäume; Bis zum Himmel wachsen wahrlich Nicht des Judentumes Bäume. Daß wir Uebermenscheu seien, War', zu glauben, Uebereilung — Unser Wesen ist das Eure Nur in anderer Verteilung. Konzentriert Erwerbskraft wohnt in Manchem jüdischem Geschlechte — Kaum ein Menschenalter später Zeigt es Tagediebe echte. Wir, wir streifen in» Extreme, Ihr hält mehr die richt'ge Mitte, Und in innerm Gleichgewichte Lenkt Ihr mäßig Eure Schritte. Wir, wir treten auf die Bühne. Cäsar gleich, als Ueberwinder — Doch die Siegesfrucht verprassen Uiis're ungerat'nen Kinder. Der Elan bei Euch ist kleiner. Stets doch ist die Saat gediehen. Eure Existenz sich gründet Schon von dem, was wir Euch liehen. Ja. Ihr sammelt langsam, sicher, Und aus Euerem Besitze Ragen später Enkelkindern Stolze Burgen, Herrensitze. Sieh, im Leben übersprudelt' Ich von lustig toller Laune. Daß die Söhne mich elegisch Stimmen, hoff ich, niemand staune. Nicht, daß ich erschüttert schreibe Dir, dem Feinde, aus dem Grabe, Ich, der einst die besten Witze Machte und kalauert habe. Moriz Wahrmann.