Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Leite 7. Nr> 25 Der Präsident begrüßt die heute eingetroffenen Kollegen und dann werden die noch eingelaufenen Depeschen verlesen. Im Anschlüsse daran teilt der Sekretär mit, daß I. Vize- Präsident Oberkantor Bauer erkrankt ist und ob seines Fernbleibens um Entschnldignng bittet. Unter Zustimmung der Versammlung gibt der Präsident seinem lebhasten Bedauern darüber Ausdruck und spricht die Hoffnung ans, daß es dem Herrn Vizepräsidenten gegönnt sein möge, an den morgigen Beratungen wieder teilznnehmen. Hierauf ergreift Dr. L ö w y das Wort zur Erstattung des Berichtes. Verehrte Versammlung! Ich bin vom Vorstande mit der ehrenvollen und inhaltsreichen Ausgabe betraut worden, Bericht über die Tätigkeit des Vereines in den verflossenen 25 Jahren zu erstatten. Wenn ich hiebei von der gewöhnlichen Gepsiogenheit, den Bericht aus dem vorbereiteten Konzepte zu verlesen, abweichen kann, so verdanke ich dies dem Umstände, daß ich, gleich dem verehrten Präsidiiun, einigen Vorstandsmitgliedern und Kollegen, die an der Wiege des Vereines standen, das Glück hatte, ebenfalls mitzntnn, als der erste Spatenstich znm Grundpfeiler des Vereines gemacht winde. Ich werde daher aus den Blättern der persönlichen Erinnerung die Erscheinungen des abgelausenen Vierteljahrhunderts vor Augen zu führen suchen, und sind Sie versichert, meine Herren, daß ich Ihnen ein Bild der Wahrheit und Anfrichtigkeit entwerfen werde. Die Tätigkeit, die der Verein in den 25 Jahren entfaltet hat, erstreckt sich nach drei Richtungen: erstens in Bezug ans die materielle Unterstützung der Bernfsgenossenschaft, zweitens zur Hebung des Kalltorenstandes in soziale r Hinsicht und drittens in erziehlicher Richtung zur Förderung der sachlichen Ausbildung. Die erste Richtling war von allem Anfang an in den Statuten und noch vorher bei den Beratungen in der Wohnung des Altmeisters S n l z e r durch die Forderung einer Pellsionskassa festgelegt worden. Schon damals nämlich wurde die Frage aufgeworfen, ob der Pensionsfond oder die Kantorenschule das wichtigere sei. Die Notwendigkeit beider war anerkannt, aber bei den damals tristen materiellen Verhältnissen der meisten Kalltoren, beim völligen Mangel einer Unterstützung im Jllvaliditäts- oder Ablebensfalle und bei der Aussichtslosigkeit auf Aenderung dieser Verhältnisse durch die Gemeinden wurde der Beschlliß gefaßt, vorerst an die Gründung einer Pensionskasse zu schreiten. Was hat nun der Verein in den 25 Jahren seines Bestandes in materieller Beziehung geleistet? Meine Herren, bevor ich das erörtere, gestatten Sie mir. auf ein Moment hinzuweisen. Der Verein heißt: „Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein" und es wurde ihm oft der Vorwurf gemacht, daß er diesen Titel nicht mit Recht führe, weil er nicht in der Lage sei. auch für Ungarn zu wirken. Die große Spaltung, die in politischer Beziehung zwischen den beiden Reichshälften im Laufe der letzren Jahrzehnte eingetreten ist, läßt dieseil Einwand vielleicht plausibel erscheinen, aber wie wenig es gestattet ist, von den politischen Erscheinungen Rückschlüsse auf die Verhältnisse im kantoralen Berufe zu machen, der heute noch immer die engsten Beziehungen zwischen Oesterreich lind Ungarn aufweist, das bezeugen schon die beiden ersten Fälle, bei welchen -der Verein in materieller Beziehling zll intervenierell hatte. Das erste Unglück betraf eine ungarische Familie. Der in Gran verstorbene Kantor L u r i a hatte eine Witwe mit mehreren Kindern gäliztich mittellos zuruckgelassen und, wie es zu jenen Zeiten noch fast ganz selbstverständlich war, war auch von Seiten der Gemeinde keinerlei Fürsorge für die unglückliche Familie zu erwarten. Da war der Verein schon im Gründungsfahre vor eine ernste Probe seiner Leistungsfähigkeit gestellt, die er aber auch Dank dem frisch angeregten Solidaritätsgefühl der Kollegen glänzend löste. Die Witwe erhielt eine Aushilfe von ungefähr 1000 fl. und konnte sich mit diesem Gelde ein Geschäft einrichten. Wir haben damals den Lebenslauf dieser Witwe genauer verfolgt und nach einigen Jahren mit Freuden wahrnehmen können, daß die Witwe sich nicht nur eine erträgliche Existenz gegründet hatte, sondern sich auch in Wohlstand befand, den sie ausschließlich der Intervention des Vereines verdankte. Der zweite Fall betraf einen österreichischen Kollegen, Freisinger, in Wottitz, wo ebenfalls der Verein helfend eingriff. Und so sind in den 25 Jahren ungefähr 25.000 X an solchen Aushilfen bei Jnvaliditäts- und Sterbefällen verausgabt worden. Auch nach anderen Richtungen hin wurde materielle Hilfe geleistet, und zwar, wenn sich notleidende Kantoren aus der Durchreise befanden, wenn Berufsgenoffen einen Posten aurreten sollten und ihnen die Reisespesen fehlten, wenn Krankheit oder andere Ereignisse ihnen größere, für sie unerschwingliche Auslagen bereiteten, oder wenn Katastrophen, wie die grausamen russischen Judenverfolgungen eintraten, die auch eine Anzahl unglücklicher Kollegen in unsere Stadt führten. Ueberall hat der Verein nach seinem Können und Vermögen geholfen, hiebei immer von der Ueberzenguug durchdrungen, daß. wenn die Hilfe nicht immer ausreichend war, die Schuld nicht im Vereine, sondern bei der Kollegenschaft lag, welche den Verein nicht genügend unterstützte. Leider waren einzelne Kollegen von dem Bestrebet! geleitet, einen Staat im Staate zu bilden, und diese bedauerliche Erscheinung har sich auch als hemmend gezeigt, wenn der Verein helfend einzngreifen hatte. Daß aber der Verein trotzdem materielle Hilfe leisten konnte, verdankt er in erster Reihe einigen hochherzigen nud ausgezeichneten Männern in Wien, die ihm die Mittel gaben, einen größeren Fond anznlegen: Tie Herren Baron Moriz K ö n i g s w a r l e r, Baron Albert R o l h s ch i l d, Wilhelm .Ritter vori Gut! m r. n n, Baron Max Springe r, Ritter von F r a n k f il r t e r, Baron Alexander Poppe r, Ignaz Edler von K u f f n e r, Moritz Ritter von Bork e n a n. Julius R e i t l i n g e r, Baron Hermann K ö tl i g s iv a r l e r, Baron Gustav S p r i u g e r, Baron Nathaniel R o l h s ch i l d, Theodor Ritter von T a u s s i g, Heinrich Klinge r, Salo Cohn n. A. Diesen edlen Männern sei hier der innigste Dank abgestatlet, sie haben durch ihre mnnifizenren Gaben vielen Segen gespendet. Neben den ordentlichen Einnahmen durch die festgesetzten Mitgliedsbeiträge hat der Verein nach neuen Einnahmsqnellen gesucht und diese auch von Zeit zu Zeit gefunden. Am Anfänge der neunziger Jahre wurde die Idee gefaßt, die Gemeinden zu jährlichen Beitragsleistungen Heranznziehen und zu diesem Zwecke wurden Sammelbogen ansgeschickt mit dem Ersuchen, die Gemeinde möge zu den Bestrebungen des Vereines auch ein Scherflein beitragen. Im ersten und zweiten Jahre wurde dadurch eine Einnahme von ungefähr 1200 fl. erzielt, im dritten Jahre blieb schon fast die Hälfte atls, im vierten Jahre kam kaum mehr ein Fünftel, und beute kann ich nur auf eiue rühmliche Ausnahme Hinweisen: nur die Gemeinde T o b i t s ch a n seitdet noch immer ihre Spende, die. wenn auch entsprechender kleinen Gemeinde, gering, immerhin beweist, daß sie Herz und Sinn für den Verein hat. Dieser Gemeinde und dem Kollegen Weiß sei an dieser Stelle der innigste Dank abgestattet. (Beifall.) Sie können sich denken, meine Herren, daß unter den geschilderten Verhältnissen die Gründung eines Pensionssondes keine leichte Aufgabe ist,- und es trifft den Verein kein Vorwurf, wenn ein solcher bis heute noch nicht zustande gekommeii ist. Im Jahre 1896 haben wir eine große Aktion nach dieser Richtung hin eingeleiter; wir haben mit Hilfe eines hervorragenden Versichernngslechnikers ein Elaborat ansgearbeitet, nach welchem durch Beiträge der Gemeinden und deren Funktionäre eine Pensionskasse nicht nur für Kantoren, sondern für alle jüdischen Kultnsbeamten eingeführl werden sollte. Da die Einzahlungen nicht groß angenommen wurden, io konnten dementsprechend a>lch die Gegenleistungen nicht hoch gespannt werden, aber es sollte durch diese Institution wenigstens die notwendigste Vorsorge für das Alter, für Witwen und Waisen getroffen werden. Diese Aktion hat den Verein sehr viel Geld und Arbeit gekostet, doch von den Tausenden zu diesem Zwecke ausgesandten Aufrufen blieben die meisten ohne Antwort, kaum Hundert kamen mit einer Antwort zurück, und von diesen enthielten nur zirka achtzig eine Zusage zum Beitritte. Wir haben aber trotzdem den Gedanken nicht fallen gelassen, wir haben ihn wiederholt in den Pnblikationen des Vereines behandelt, m der Fachpresse darüber geschrieben, die Oeffentlichkeit fortwährend mit diesem Thema