Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4.Die Wahrheit<Nr. 25 Entführung des Kindes in Szene gesetzt. Der weinende Knabe wurde in einem Wagen fortgeschafft. Der Mann, dem man das Kind mit Gewaltanwendung aus den Armen gerissen. fiel ohnmächtig m Boden; die Mutter — kurz vorher war sie von einem zweiten Kinde entbunden — verfiel, infolge der seelischen Aufregungen, in eine Krankheit,, von der sie nie inehr genas. Edgardo wurde in Rom, auf alle Fälle, von neuem getauft und erhielt bei dieser Gelegenheit den Rainen Pius, natürlich im Hinblick aus den regierenden Papst, dem, wie wir schon gehört, Bekehrungszeremonien eine so reine und hohe Freude zu bereiten pflegten. Roms Wille war zur Tat geworden und alle Bemühungen der Juden, den geivaltsamen Eingriff in die heiligsten Rechte abzuwehren, blieben vergeblich. Cavonr, der den feierlichen Protest der Alliance Jsraelite mit sympathischem Entgegenkommen aufgenommen hatte, schickte eine geharnischte Rote an den Vatikan. Der Kaiser von Frankreich versuchte eine freundliche Intervention in Rom. In Büchern, Flugschriften und Zahllosen Artikeln der freisinnigen Presse rvurde das Ungeheuerliche des Falles erörtert — umsonst. Rom ließ sich nickt irre machen und hielt den „Bekehrten" fest. Edgardo — nun Pins Mortara — wurde dem priesterlichen Stande bestimmt und nachdem er seine Ausbildung erhalten, in französische und spanische Klöster geschickt, die ihn als Missionsprediger verwendeten. Ende der achtziger Jahre kehrte Mortara als Professor der Theologie nack Rom zurück. Aber die wissenschaftliche Tätigkeit ist nicht die alleinige Aufgabe seines Lebens. Er trat, früher und später, häufig in katholischen Versammlungen als eifriger Agitator auf. * * * Der Fall Mortara, dessen 50jähriges Jubiläum Rom und das — Judentum mit verschiedenartigen Gefühlen zu feiern Anlaß haben, wird vielleicht manchen Zeitgenossen zn einer vergleichenden geschichtlichen Studie bewegen. Die Inden in. Oesterreich werden mit stolzen Gefühlen der Genugtuung sich sagen, das; die fünfzig Jahre, die seither verflossen. doch eine Wandlung znm Besseren bedeuteten. Wo hört man jetzt von einer Entführung jüdischer Kinder, von einer Taufe derselben gegen den Willen der Eiternd Und wenn schon so Empörendes geschähe, da würde wohl die Macht des Staates siege.ich das Unrecht abwehren und den Gewalt-streich durch Anwendung des Gesetzesparagraphen vereiteln. Das Gesetz ist ja für Alle da und Niemand, der Mächtigste nicht ausgenommen, darf sich Ausnahmsrechte usurpieren. Oder wollte ufirklich Jemand annehmen, das; in Oesterreich ein Justizminister bei einem ähnlichen Falle sagen könnte: ..An der Pforte der Klostermauern hört unsere Macht auf'." Lächerlich'. In einem modernen Rechtsstaate würde ein Juslizminister den Staatsbankerott nicht so ohneiveiters zugeben, da ihn doch der Gedanke genieren müßte, das; selbst vor 50 Jahren gegen die Uebergriffe Roms — wenngleich vergebens — angekämpft wurde. .. Oder sollte die Macht Roms — über Oesterreich •— vielleicht gar heute einegrößere sein, als es die vor 50 Jahren über Italien ward * * Wie oft, bis zum Ekel und znm Ueberdrus; oft, haben wir es im ..Deutschen Volksblatt" und den diesem gesinnungsoerwandten Blättern gelesen, daß die Juden die geborenen Revolutionäre sind, das; alles revolutionäre Unheil, das seit der Erschaffung der Welt bis zu den Ausschreitungen in Rußland ausschließlich das Werk der Juden seiend Wir möchten heute deni „Deutschen Volksblatte" eine Aeußerung zu Gemüte führen, die wir in einem antisemitischen Blatte gefunden. Da heißt es u. a.: „Der eigentliche Begriff des Fortschrittes ist, so paradox es auch klingen mag, überhaupt etwas, dem der Charakter des Judentums schroff gegenüber steht, denn d e r I n d e i st g e r a d e z u d i e I n k a r n a t i o n dessen, was man konservativ nennt." Wir wiederholen: Wir haben diese Aeußerung in einem antisemitischen Blatte gelesen. Und wenn das ..Deutsche Volksblatt" antworten wollte, daß diese Meinung über das Judentum nur in einem verlogenen, mit gottverlaffener Dummheit geschlagenen antisemitischen Zeitungsorgan zum Ausdruck gelangen könnte, dann, bliebe uns nichts anderes. übrig, als die Quelle zu nennen, aus der wir schöpften. Das obenstehende Zitat stammt ans einem am 24. Juni erschienenen Leitartikel des ..Deutschen Volksblattes": ..Das Judentum und das höhere Studium." Aber wohlgemerkt, im ..Deutschen Volksblatte" ist diese Stelle nicht ein — Zitat, sondern der «Arnndgeoanke, ans welchem der Antor die gehässigsten Schlüsse gegen die Inden folgert. ❖ * * Gut. Wir haben dagegen nichts einzuwenden, daß die Inden als Inkarnation des konservativen Gedankens hingestellt, gebrandmarkt und verurteilt iverden. Wir wollen uns auch dagegen nicht auflehnen, wenn man die Inden als Inkarnation des revolutionären Gedankens beschimpft, besudelt und richtet. Vielleicht aber wäre eine schüchterne Bemerkung gestattet dagegen, daß man die Inden gleichzeitig für das eine und das andere verurteilt. Das „Deutsche Volksblatt" entscheide sich gefälligst. _ Inbiliiirnrs-Kantorentag Der am 22.. 23. und 24. Juni vom „Oesterr.-nngar. Kantoren-Vereine" nach Wien einbernsene Kantorentag hat durch die ehrende Aufmerksamkeit, die ihm seitens der Wiener Knltusgemeinde, des Allgem. österr.-israel. Bundes und anderer Gemeinden und Synagogen-Vereine zuteil wurde, durch die rege Teilnahme seitens der Kollegenschaft, durch den Ernst und die Würde der Beratungen, sowie die schönen Manifestationen kollegialer Annäherung einen überaus imposanten Verlauf genommen. und man kann rithig behaupten, daß dieser Kantorentag, der zunächst bestimmt war. das 25jährige Jubiläum des Oesterr.- nngar. Kantoren-Vereines zn markieren, auch eine neue Etappe in der Entwicklung der kantoralen Organisation bilden wird. Begrüßung am V o r a b e n d. Am Vorabend, resp. Somltag, den 21. Juni, 8 Uhr abends, wurden die bereits in Wien eingetroffenen auswärtigen Kantoren, sowie die Wiener Kollegen vom I. Vize-Präsidenten I. Bauer im Restaurant Sohr herzlichst begrüßt, der seiner Freude Ausdruck lieh, daß es ihm gegönnt sei, wie .vor 25 Jahren bei der Gründung, die erste Kollegenversammlung zn eröffnen. Hieraus wurde das Programm für die folgenden Tage bekanntgegeben. Festsitzung. Montag, den 22., fand im großen Sitznngssaale der israel. Kultnsgemeinde. den das Präsidium der Kultnsgemeinde für alle Verhandlnngstage bereitwilligst zur Verfügung gestellt hatte, die Festsitzung statt, an der in Vertretung des Vorstandes der Wiener israel. Kultnsgemeinde Herr Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, Sekretär Dr. Adler, Bethansvorsteher W a s s e r- Vogel, in Vertretung des Synagogenvereines „Beth Israel" Vorsteher Zolles, der Delegierte der Gemeinde Klosterneuburg Vorsteher F l e i s ch m a n n. der Delegierte der Gemeinde Eibenschntz Oberkantor L ö w e n s o h n, die Rabbiner Dr. David und Dr. Fenchtwang. der Obmann des Synagogensänger- Vereines L e m b e r g e r und nachfolgende Kollegen teilnahmen: Rosenberg-Floridsdorf. Löwy-Kolianoioitz. Saller - Breitenbrnnn. Bauer-Wien. Regner-Wien. Lömit-Wieu. Wolsensohn - Eiwanowitz. Goldenberg-Marienbad. Kläger-Wien. Smotritzky-Wien. Cznczka-Wien. Jellinek - Oberhollabrnnn. Landau-Wien. Weißmann-Wien. Pekarnik- Wieu. Dünmaim-Wien. Segal-Wien. Baffer-Wien. Schleifer-Wien. Knhner-Wien. Kohn-Wien XIX. Handgriff-Znaim. Löwy-Wien. Adolf Rotter - Wien. Fuchs - Preßbnrg. Schorr - Wien. Schiller-Wien. Heimann- Wien. Weiß-Wien. Rosenzweig-Abony. Serebrenik-Wien. Freisinger-Pilsen. Wilkowitz-Barasdin. Löwensohn-Linz. Lemberger-Wieu. K.vartin - Wien. Rosner-Hermanmestec. Kulka-Wien. Löivensohn-Eibenschütz. Weinstein-Wien. Josef Singer-Wien. Kriener-Galgocz. Arnold Emerich. Hirsch-Wien. Mathias- Wien. Kischner-Wien. Dnckes-Wien. Goldenberg-Lnndenburg. Jurberger- Wien. Musikdirektor Rubin-Prag. Lewitin-Nennkirchen. Rabinowitsch- Sr. Pölten. Löwensohn-Preßbnrg. Werdisheim-S.tockeran. Grob-Wien. Telegramme und Begrüßungsschreiben sind eingelangt von: Allgem. österr.-israel. Bund, Vorsteher der Wiener Kultnsgemeinde Dr. A. Berger. Kultnsgemeinde Linz. Kultnsgemeinde Marienbad. Kultusgemeinde Galgocz. Kultnsgemeinde Troppau. Deutscher Kantorenverband.