Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahicheit ülrbofltou 11. Slbimnitti allen: Wien, II/, -Jkn>ava^nije 27. 'trlfHbou bei Dl Iick-rci 15"l)S K. k. öftevr. Postsparkasia- Scheck-Kouto Nr- Iv0.9l8. linlcr^tr Tic viermal gciviillciic RoiivareiNc-Zeile 25 Heller. rldonncmciilSu. ^»lciUouSbelräae fiiib ui SlMru zndlvar uiib tlaqdac. Unabhängige Seitschrift für jnöifche Inierejfen^ Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siege! Gottes ist Wahrheit!“;| ...» u. H»ll,jät»ii„ . . » 7 jV»r ILilltiist'rumte: j •iWirm.ibu.i . » ui. ij l! Fin Viii«lnii5 :;j 46luil<i|tltUItl . . 8 UJtitvC t> MuDct oder ln fc,^c5- Ur. 25. Wien. 26. Juni 1908 Inhalt: Aus der Woche. — Jnbiläuins-Kantorentag. Feuilleton: Die alte Rebezin. — Aus der Wiener Kultnsgenieinde. — Cäeilie Enenberger. — Verschiedene Nachrichten. — Iie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am t. Juli beginnende 3. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes keine Ilnterbrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalbjährig Kr 7.—, ZZierteljährig Kr. 3.50. K. t. Postfparlasfen-Konto 1V<Z.S18. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, bei Einsendung des Abonnementsbetrages den beiliegenden Erlagschein zu benützen. Die Redaktion. Ans der Woche. Die Eröffnung des W e r t h e i m st e i n - G a r t e n s, der hochherzigen Spende einer vornehm- und edelgesinnten Jüdin, die damit den Wienern einen köstlichen Besitz für ewige Zeiten schenkte, hat dem Herrn Bürgermeister Dr. Lueger Anlaß zu einer Rede gegeben. Der Herr Bürgermeister liebt ja so sehr die Gärtenl Aber er liebt die Inden nicht! Und er hatte beiden Gefühlen so reizenden Ausdruck verliehen. Er sprach mit Wärme von den Reizen öffentlicher Gärten und erivähnte artig und kühl den Namen der Spenderin. Kühl, das ist vielleicht nicht das richtige Wort. Mit frostigen Worten wurde der edlen Dame gedacht, deren Name — ganz abgesehen von der herrlichen Spende — der Stadt Wien zu höherem Stolze gereicht, als sämtliche antisemitische Amazonen-Eorps zusammen, für deren Wirken der Herr Bürgermeister so glühende Worte zu finden weiß. Wenn man jemals daran gezweifelt hätte, daß es auch eine verletzende — Artigkeit geben kann, die kühlen, artigen Worte Luegers bei der Eröffnung des Wertheimftein-Gartens haben den Beweis erbracht. Man kann wirklich nicht behaupten, daß die Antisemiten die wohltätigen Schenkungen der Juden verschmähen, sie schmähen nur die Inden. Aber man wird auch nicht sagen dürfen, daß die Art, in welcher die Wohltaten hochherziger Inden von dem Herrn Bürgermeister quittiert werden, so besonders verlockend zur Nachahmung für jüdische Wohltäter „ohne Unterschied der Konfession" seien. * * * Ein merkwürdiges Jubiläum, an dem nicht schweigend vorübergegangen werden soll. Am 24. Juni-waren es 50 Jahre, seit der Judenknabe Edgardo Mortara seinen Eltern geraubt und in dem Lchoß des Christentums ausgenommen wurde. Diese „Seelenrettung", denn als solche ivurde die ohne Wissen und Zustimmung der jüdischen Eltern an dem! siebenjährigen Kinde vorgenommene Taufe von der - Kirche angesehen, gehört zu jenen Taten Pins IX., die ihm j von der Kommission, die die Vorbereitungen für seine Selig-! sprechuug treffen soll, als Hobes Verdienst angerecbnet werden! wird. Die Bekehrungszeremonien boten diesem Papste, wie! einer seiner Biographen schreiben konnte, einen hohen Genuß, j „lieber nichts freute sich seine fromme Deele so sehr, als über! Bekehrungszeremonien, die für ihn Triumphe des katholischen! Glaubens darstellten und ihn deshalb bis zu Tränen rührten."! Sehr richtig bemerkte aber bei dieser Gelegenheit ein etwas I objektiverer Schriftsteller, daß die „Bekehrung" des sieben-! jährigen Edgardo Mortara wohl dem Pavste Freudentränen! entlockte, aber den Eltern des Kindes bittere Tränen des j Schmerzes erpreßte. Die Affaire Mortara, die seinerzeit europäisches Anf-! sehen und eine, ganze Literatur hervorgerufen hatte, ist heute! wohl in ihren Einzelheiten der Erinnerung entschwunden und s es lohnt sich daher, sie in scharfen Umrissen wieder zu registrieren.! Im Jahre 1858 hatte Monsignore B i a l e -P r e l a, der " überaus eifrige Oberhirte und Gouverneur von Bologna, erfahren, daß die bei Inden bedienstete christliche Magd Anna Morisi, sechs Jahre früher, das damals 8 Monate alte; Söhnchen des Ehepaares Mortara, getauft habe, als sie es todtkrauk glaubte. Die Magd war nämlich in dem frommen j Wahn bestärkt worden, daß es keine verdienstvollere Tat! geben könne, die das Paradies sichere, als die Taufe eines i Judeukindes. Monsignore Viale-Prela schien diese Ansicht völlig! zu teilen und wandte sich nach Rom mit der Anfrage, was! er zu tun habe. Auch in Rom huldigte mau offenbar oer - Meinung der braveu Anna Morisi und erteilte dem Erz-; bischof von Bologna den Befehl, den siebenjährigen Edgardo! mit Gewalt seinen Eltern zu entreißen und nach Rom in : die Anstalt der Kahachnmeneu zu bringen. Am 23. Juni 1858 erschien eine große militärische Eskorte unter der Führung eines! Oberstleutenants vor dem Hause des Juden Mortara, um von i ihm die Auslieferung des „christlichen" Kindes zu fordern.! Die verzweifelten Eltern wollten dieser Aufforderung nicht; entsprechen. Es wurde ihnen, während das Haus militärisch 1 besetzt blieb, eine Frist von 24 Stunden gegeben. Die! Inquisition und der Erzbischof waren einig, daß diese Frist j nicht verlängert werden durfte. Nach 24 Stunden ivurde die