Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24. Die Wahrheit Seite 5. worden sind und daß noch manche andere dies nur unterlassen, um. die Existenz der Eltern nicht zu gefährden. Der Herr Landrabbiner verwahrt sich dagegen, ebenso als Funktionär, wie der Schächter und der Kantor, zu gelten, mit dem bloßen Unterschiede, daß die Funktion des letzteren im Vorbeten und die des ersteren im Predigen bestehe. Meiner Ansicht nach hätten eher die Kantoren dagegen Verwahrung einzulegen. Er beklagt es, wie tief schon die böhmischen und mährischen Gemeinden gesunken sind, da sie fast nicht mehr den Unterschied zwischen Rabbiner und Kantor verstehen. Auch ich glaube, daß das tief bedauerlich ist. Ist doch der Unterschied offenbar. Währenddem der Kantor die heiligsten Handlungen, den ganzen vom Schulchan Aruch für das Gotteshaus vorgefchriebenen Kultus zu versehen hat, als Scheliäch Zibbur zu fungieren, die Gemeinde zur Andacht anzuregen berufen ist, beschränkt sich die Funktion des Rabbiners, in Böhmen und Mähren, wenn er nicht auch als Religionslehrer tätig ist, welches Amt übrigens auch viele Kantoren bekleiden, auf die Matrikenfnhrung und auf die Predigt, also auf Funktionen, die weder im Schulchan Arnch vorgefchrieben, noch auch als heilige Handlungen bezeichnet werden können. Ich kann mir wohl einen Gottesdienst ohne Predigt denken, ein solcher aber ohne Vorbeter ist ganz ausgeschlossen. Ist doch die Predigt eine moderne Neueinrichtung, die weder zur Erbauung der Teilnehmer au dem Gottesdienste, noch zur moralischen Hebung derselben beitrügt. Sie wirkt, je nach der rhetorischen Leistungsfähigkeit der Redner und dem Verständnisse der Zuhörer, entweder einschläfernd, oder aber anregend, ist aber im günstigsten Falle nichts mehr, als ein momentaner Ohrenkitzel ohne jede bleibende Wirkung. Sie ist: Kamauz asclier tidfenu ruach, wie Spreu, die der Wind verweht. Beweis dessen ist ja der stetig wachsende Verfall des religiösen Judentums in jenen Gemeinden, in denen die Predigt zu einem Bestandteil des Gottesdienstes erhoben wurde. Beweis dessen ist, daß in jenen Gemeinden, wo das jüdische Leben blüht, wo ein chilul schabos undenkbar ist, die Geschäfte an Sabbathen gesperrt, die Zeremonialgesetze beobachtet, die kleinsten Gebote gleich den wichtigsten gehalten werden, die Predigt gar nicht gekannt ist. Die Ursache aber, warum dort die Predigt nicht gebraucht und warum sie bei uns nichts nützt, ist darin zu erblicken, daß dort der Rabbiner und infolgedessen auch die Gemeinde noch an dem alten, von unseren Weisen aufgestellten Grundsätze: „AI schlauschoh deworim hoaulom aumed: al liatauroh w’al hoawaudoh w’al gemilus chasodim“, d. h. ans drei Dingen besteht die Welt, auf der Gotteslehre, dem Gottesdienste und der Mildtätigkeit, festhält und darnach lebt, bei uns aber neue Heilslehren verkündet werden und nachdrücklichst erklärt wird, daß das Heil und der Bestand des Judentums nur in der Berufung des Rabbiners in den Knltusvorstnnd und in der Erhöhung seines Gehaltes zu suchen sei. Ich will, um nicht mißverstanden zu werden, bemerken, daß ich das Verlangen des Herrn Landesrabbiuers aus Hebung der Stellung und des Ansehens, insbesonders aus Regelung der Bezüge der Rabbiner, voll und ganz anerkenne, denn im en kemach en tauroh, wer nicht standesgemäß und sorgenfrei leben kann, der kann sich auch seinen Obliegenheiten nicht mit der erforderlichen Hingebung widmen. Ich beanspruche dies aber auch in gleichem Maße für die anderen, mit der Vollziehung des Gottesdienstes betrauten Kultusbeamten, die zumindest gleich den Rabbinern zu den geistlichen Funktionären der jüdischen Gemeinden zu zählen sind. Entsprechen auch manche Kantoren nicht dem Ideale eines Vorbeters, so ist dies ebenso bei den Rabbinern der Fall. Das größere profane Wissen des Rabbiners kann da nicht in die Wagschale fallen, nachdem vom Kantor Qualifikationen verlangt werden, die dem Rabbiner nicht eigen sind. Ich muß aber ausdrücklich betonen, daß die Hebung der Stellung und des Ansehens der geistlichen Funktionäre nur Mittel zum Zwecke sein dürfe, damit sie dadurch ihrem heiligen Berufe mehr Wirksamkeit verleihen und erfolgreicher nachgehen können, keinesfalls aber ihr Endzweck, .und daß es mir absolut nicht einleuchten will, wie sich dadurch, daß der Rabbiner an der Führung und Verwaltung der Gemeinde teilnehmen, die Steuerquote und deren Aufteilung an die einzelnen Gemeindemitglieder mitbestimmen, darüber, ob der Tempel elektrisch oder durch Gas zu beleuchten wäre, und über dergleichen andere rein finanzielle und administrative Angelegetlheiten mitberaten wird, der religiöse Sinn der Gemeindemitglieder heben soll. Liegt dem Herrn Landrabbiner wirklich der Niedergang der Religiosität im Judentum am Herzen und will er Wandel schaffen, so möge er, dem doch gesetzlich und statutarisch ein ganz bedeutender Wirkungskreis in religiösen Angelegenheiten eingeränmt ist, wie die Ueberwachung der gesamten rituellen und knltuellen Institutionen, die Erteilung eventuell die Ueberwachung des Religionsunterrichtes, die Approbation der Religionslehrer, der Schächter und des Thoravorlesers, mit konkreten Vorschlägen, die wirklich geeignet wären, dem eingerissenen Uebel zu steuern, herantreten. Den Einwand des Herrn Landrabbiners, daß nur der Wille des Kultusvorstesers allein für die religiöse Richtung der Gemeinde'maßgebend ist und daß der Rabbiner, falls er es nicht vorzieht, brotlos zu werden, nach der Pfeife des Vorstehers tanzen muß, kann man nicht gelten lassen, denn in religiösen Dingen gibt es für den wahrhaft Frommen nur einen Standpunkt: jehoreg w’al jaawaur, die Konsequenzen ziehen. Ein K u l t n s b e a m t e r aus dem Lande. Gm Seehospi; für arme jüdische Kinder. Unter besonders glücklichen Auspizien hat am 10. d. M. im Sitzungssaale der israel. Knltnsgemeiude Wien die konstituierende Generalversammlung einer Institution stattgefunden, die berufen ist, als ein imposantes Werk jüdischer Nächstenliebe eine ebenso dringende als wichtige Mission zu erfüllen. Vom Vereine „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim" initiiert und begründet, bezweckt der Verein „O est err ei ch i s ch es Seehospiz" nach dem Inhalt seiner Statuten: a) Verpflegung und ärztliche Behandlung skrophuloser, rhachitischer, sowie hochgradig anämischer israelitischer Kinder ohne Rücksicht aus deren Zuständigkeit und Wohnort, und zu diesem Zwecke Errichtung und Erhaltung .eines oder mehrerer Seehospize; b) Betrieb der mit solchen Anstaltetl zusammenhängenden und deren Zwecke fördernden Unternehmungen. Die Betestnng an der Generalversammlung, in welcher als erste Proponentin die unermüdliche Präsidentin des Vereines ..Ferienheim" Frau Sofie Grünfeld, den Vorsitz führte, war eine ebenso zahlreiche, als illustre. Die hohe k. k. niederösterreichische Statthalterei war durch den Landessanitätsreserenten Herrn Statthaltereirat Dr. August Netolitzky, die k. k. Pvlizeidirektion durch den k. k. Polizeioberkommissär Herrn Viktor Pichler vertreten. Namens des Kultusvorstandes erschienen: Der Präsident der Kültusgemeinde Dr. Alfred Stern, die Kultusvorsteher Hofrat Dr. Benno Rappaport, Dr. Alfred Berger, Dr. I. König und der Erste Sekretär kaiserl. Rat Dr. Theodor Lieben. Delegierte hatten entsendet die Vereine: „Verband der israel. Humanitütsvereine Bnai Brith für Oesterreich": Herrn Dr. Edmund Kohn; der Verein „Eintracht Bnai Brith": Herrn Dr. Moritz Schnabl; der Verein „Wien Bnai Brith": Herrn Professor Dr. S. Ehrmann; „Frauenhort": die Damen Klotilde Benedikt und Frait Dr. G. K o h n; „Kinderheim" und Elisabeth-Lehrmädchenhort": Herrn kais. Rat Dr. 'S. Krüger; „Kinderschutz": Frau Albert Win t erb erg; „Brigittenaner Frauenwohltätlgkeitsverein": Frau Dr. Emilie Weiß. Es hatten sich des ferneren eingefunden: Die Herren Rabbiner Dr. David, Dr. Bach sowie viele andere. In einer schwungvollen Eröffnungsrede wies die Vorsitzende nach Begrüßung der Erschienenen daraus hin, daß der Verein „Kaiser Franz Josephs-Ferienheim" die Notwendigkeit der Begründung einer derartigen Fürsorgeinstitution aus seiner in 16 Jahren gesammelten Erfahrung empfunden habe, also nicht etwa durch eine momentane Idee zu dieser