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Die Wahrheit · 1908-06-12 · Heft 23 (12.6.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Serie 8. Die Wahrheit Nr. 23. 60. Geburtstag sowie die 25. Jahreswende als Vorsteher der Chewra Kadischa. Man wird wohl in unserer Zeit wenige solche Vorsteher finden, welche mit so viel Eiser, Bereitwilligkeit und Aufopferung diesem heiligen Berufe sich hingeben, wie Herr Kreisler es stets getan. Er scheute nicht die Mühe, bei einem Kranken, gehörte er welcher Klasse immer, auch Nächte zu wachen, mir Trost ihm beizustehen und. wenn es ein Armer war, reichlich zn unterstützen, daß er Gott behüte keine Not leide. Infolge seines konzilianten Wesens begegnete ihm jeder unserer Gemeinde 'mit der größten Achtung. Zuni Beweis hiesür wurde zu ihm am Tage des Jubelfestes eine Deputation entsendet, bestehend aus den Borständen Joses Fischer, Herman Löfs und Leo R i e s e n f e l d, die ihm eine hübsch ausgestattete Adresse des Vereines überreichten, wobei Herr Vorsteher Löfs folgende Ansprache hielt: Sehr geehrter Herr Kollege! Anläßlich Ihres 60. Wiegenfestes beglückwünschen wir Sie aufs herzlichste. Gleichzeitig begehen wir heute ein zweites schönes Fest; es sind bereits 25 Jahre verstrichen, seitdem Sie dem Vorstande der Chewra Kadischa angehören. Für das was Sie in dieser Zeit dem Vereine geleistet haben, sind wir ermächtigt Ihnen den herzlichen Dank auszusprechen. Zum Allvater richten wir unser Gebet, er möge Sie in 25 Jahren wieder ein Fest in vollster Rüstigkeit und Frische, zum Wohle Ihrer Angehörigen und zum Wohle der Gemeinde begehen lasten. Amen! Eine Episode aus dem Wirken des Herrn Kreisler soll nicht unerwähnt bleiben. Als der hiesige alte Friedhof vor Jahren aufgelöst wurde, war er derjenige, welcher bestrebt war die Exhumierung der alten Väter aufs gewissenhafteste zn überwachen, damit die teueren Ueberrcste ungeschmälert in ihr neues Grab gelangen sollen, wofür ihm alle Enkel und Urenkel den tiefgefühltesten Dank wiffen. A. Reichard. Czernowitz Dienstag, den 16. Jnni, 5 Uhr nachmittags, findet im hiesigen Tempel die Trauung des Herrn Rabbiners Dr. A. M a r m o rst e i n ans Jamnitz mit Fräulein Toni G a st e r, Tochter des Chevaliers Sacher Gaste r. statt. Chrzanotv. Am 18. Jnni findet hier die Trauung des Herrn I. G i b l i ch m a n n, Oberkautor iu Wien (Fugbachtempel), mit Fräulein Anna Perlbcrger, Tochter des hiesigen Knlinsvorstehers, statt. Nagy-Kauizsa. Eine durch die Einmütigkeit der freudigen Ge' siunung seltene Feier scharte am 31. Mai seine Gemeinde und die Be' völkerung unserer Stadl um den Obcrrabbiner Dr. N e u m a n n, dessen 25jähriges Amtsjnbiläum stattfand. Dr. N e n m a n n, der m sehr jungen Jahren die hiesige Stellung als Nachfolger bedeutender Gelehrter und Redner antrat, hat es vor allem verstanden, die jüdische und christliche Bevölkerung aller Konfessionen in Eintracht und brüderlicher Gesinnung zu vereinen und durch seine Bestrebungen auf kulturellem Gebiete das geistige Niveau der Stadt zu heben. Die Erkenntnis dieser Tatsachen gab dem Feste des Jubilars eine grundlegende Färbung und erhob es über die gewöhnliche Weise solcher Tage. Schon am Vorabend brachten die Mitglieder des Literatur- und Kunstvereiues der Stadt, desten II. Präsident Dr. N e u m a u u ist, eine feierliche Serenade, bei der sich die innige Anteilnahme der christlichen Bevölkerung herzlich bekundete. Der Festgottesdienst am Morgen, zu dem der Jubilar, durch das Spalier der Schuljugend zur festlich bekränzten Synagoge geleitet wurde, brachte nach der musikalischen Einleitung die Festpredigt über den Hafthora-Text: „Geh, denn der Herr hat dich gesandt." Anwesend waren unter anderen sämtliche Behörden der Stadt, Magistrat, Gerichtshof, Geistliche aller Konfessionen, die Lehrkörper aller Staats- und konsessiouelleu Schulen. Die Predigt machte einen ergreifenden Eindruck, da sie so recht die wunderbare Einmütigkeit aller Strebenden und Bestrebungen in rein idealem Menschentum betonte. Dann fand eine feierliche Festsitzung im bekränzten Handelsschulsaale statt. Unter den Festreden erfreute und ergriff die warm empfundene Ansprache der Vorsitzenden des Frauenvereines, welche die Sympathien der Frauen für den Jubilar zum Ausdruck brachte. In seiner Antwort auf die Ansprache des Präsidenten der Gemeinde gedachte Dr. N e u m a n n seiner drei gelehrten Amtsvorgäuger, S z a n t o, L ö w und Fasset, erwähnte in dankbarer Gesinnung seiner Lehrer im ungarischen Rabbinerseminar, besten erster Schüler er gewesen, und unter ihnen seines verewigten Schwiegervaters, Rabbiner Dr. M. K a y s e r l i n g. Bis zum Abend war die Wohnung des Jubilars der Schauplatz unzähliger Ovationen, sehr warm gehaltener Reden der politischen und Gemeinde-Behörden, die Vertreter aller Lehranstalten, Wohltätigkeitsvereine, der Geistlichen der christlichen Konfessionen mit ihren Vorständen, Abordnungen der Schulen und interkonfessionellen Kulturvereine brachten ihre Huldigung dar. Unzählige Telegramme, unter denen das des Bischofs von Siebenbürgen besonders zu erwähnen ist, Adressen, Begrüßungsschreiben, auch aus dem Auslande, liefen ein. Unter anderen kamen Adressen von der ungarischen Landeskanzlei, dem kgl. Schulinspektorat, dem Rabbinerseminarium, der Landespräparandie, dem Landeslehrerverein, der Literaturgesellschast des Landes-Rabbinerverbandes, dessen II. Präsident der Jubilar ist und deffen Monatsschrift er als Redakteur leitet. Abends vereinte ein solennes Festbankett die ganze Gemeinde. Der Bürgermeister der Stadt Kanizsa nahm daran teil, ebenso Vertreter des Gerichtshofes, der christlichen Geistlicbkeit, die sämtlich ihre freundschaftlichen Gesinnungen in beredter Weiie Ausdruck gaben und das innige Verhältnis der Konfessionen betonten, zu dem hervorragend die humane Denkweise des Jubilars beigetragen habe. Der Bürgermeister sprach aus. daß er als Freund gekommen sei, und wie er betonen wolle, daß Dr. N e u m a n n zur kulturellen Entwicklung der Stadt besonders ersprießlich gewirkt habe, und daß er sich veranlaßt fühle, den besonderen Dank der von ihm vertretenen Kommune darzubringen. In warmer Weise wurde der Familie des Jubilars gedacht und seines Verwandtschaftsverhältniffes zn dem verewigten Dr. Ludwig Philippsohn, in bestem Geiste er in Ungarn wirkt. Dieses schöne Fest wird ein neues Band schlingen zwischen der Gemeinde und ihrem Seelsorger, zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung. ßine Weise vor 70 Jahren. E p i s o d e a u s m e i n e m L e b e n. Bon Adolf Steinschneider.' (Schluß.) Es war Mitternacht, schwarze, dicke Finsternis umgab uns. Nach der unerträglichen Hitze des Tages sogen wir erquickt die kühle Nachtluft ein, nicht ein Lüftchen regte sich, kein Laut war §11 vernehmen. Nur noch ein Bergesabhang trennte uns von der unter uns liegenden Stadt. Wir sahen die wandelnden Lichter, und wie einen weißen Silberstreifen den Donanstrom uns entgegenglänzen. Hier war endlich eine Augenweide für mich und meinen romantischen Sinn. Die Pferde, welche die Nähe des Stalles ahnten, vergaßen ihren bisherigen Schritt und rannten im vollen Galopp die Höhe hinab. Da plötzlich sahen wir aus dem Dickicht zwei Gestalten auftauchen. Durch die Dunkelheit und von der Furcht vergrößert, schienen es Riesen zn fein und sie warfen sich dem Wagen entgegen, und riefen mit donnernden Stimmen „Halt", ergriffen die' Zügel der Pferde und brachten sie zum Stehen! Wo nehme ich Worte her, wo den Griffel, um den Schrecken, die gräßliche Angst zn beschreiben, die sich der Gesellschaft bemächtigte. Es war augenscheinlich, daß wir von Wegelagerern attakiert wurden, und all die Bilder und Gestalten der Näuberromantik standen verkörpert vor uns. Vater, Mutter und die beiden Schwestern, die Phantasie noch erhitzt von den erzählten Geschichten, warfen sich allesamt ans dem Wagen. Der Alte stöhnte, die Mutter schrie fortwährend: „O höre, Du einziger Gott, Du Gott Israels" und sagte ihr Sündenbekenntnis her. Die Schwestern aber sanken zu den Füßen der Räuber, umklammerten deren Knie. Wie geistesabwesend rief die ältere: „O, herrlicher Abellino, Du großer Bandit, schone unser Leben, wir liefern Dir alles ans, was wir besitzen." „O, großmütiger Räuberhauptmann aus den Abbruzzen," flötete die jüngere, „ich gebe mich Dir ganz zu eigen, nur nimm nicht mein junges Blut." Ich jedoch, dem schon die Ahnung irgend eines natürlichen Zusammenhanges aufdämmerte, stand gelassen beiseite, denn der Anblick der Männer, die uns überfallen, schien nicht der von Räubern zn sein. Inmitten dieses Jammergeheuls ertönte auf einmal die Stimme des einen der vermeintlichen Banditen: „Aber, um Gotteswillen, Vater, Mutter, Schwestern; beruhigt Euch doch, ich bin es ja, Euer Jakob, und der da, mein Freund und Begleiter. Wir haben Euch beim Stadttor erwartet, um bei Ankunft Euch sogleich ins Quartier zu bringen. Da es aber zu lange dauerte, sind wir eine Strecke entgegengegangen. Wir sahen nun, daß der Wagen den steilen Abhang jäh hinabrollte, befürchteten einen Absturz und haben ihn kräftig aufgehalten." Wie von?iner Feder emporgeschnellt, waren sie alle auf die Füße gesprungen und in den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerzen und Freude. Die Todesangst löste sich in Freudentränen auf. Nur fragte der Bruder spöttisch die jüngere Schwester, was sie denn damit meinte, als sie znm vermeintlichen Räuber sprach: Ich gebe mich Dir zu eigen? Verschämt schlug sie die Augen nieder und antwortete nicht. Unter Umarmungen, Küssen, Fragen und Antworten ging es wohlgemut hinab zur alten Krönungsstadt Preßburg. Dort trennte ich mich .von meinen Leidensgefährten, und wurde vou dem Freunde, an dem mich mein Vater empfohlen, gastlich und wohlwollend ausgenommen. Doch brauchte es einige Zeit, bevor ich mich von den ausgestandenen Vergnügungen dieser bezaubernden Fahrt erholen konnte. 9?uch dieser Schilderung einer Reise in vergangener Zeit, möge die jetzige Generation zu schätzen wissen die Schnelligkeit und Behaglichkeit von heutzutage, wie man die Räume durchfliegt bis zum Nordkap oder nach Südafrika, und nach Osten bis China, Japan und Indien, nach Westen nach Amerika. Die jungen Leute mögen sich freuen, daß sie Enkel sind und genießen können die Früchte, die der menschliche Forschungsgeist gezeitigt hat. _

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