Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 23. »t. M '■W- ’’M - \y ■i“ -?4. heitsschauern und doch mit geistig freigewordenen Anschauungen erschüttert bewußt werden. Klingt das Ihnen zu mystisch, liebe Berlinerin? Oder zu poetisch-ahnungsvoll? Nun gut, ich will Sie gleich realistischer unterhalten und Sie bitten, mit mir im Geiste vor das Bauwerk selbst hinzutreten." Dann, lieber Leser, geht es an eine so verzückt schwärmerische, exstasische Schilderung der hieratischen Vorgänge im Innern des Domes, daß man sich erstaunt fragen muß, ob es Servaes wirklich kurz zuvor behauptet, daß sein Christentum in die Brüche gegangen, oder ob man träume. Auch das Christentum des Papstes Alexander aus der sattsam bekannten Familie der Borgia war zerbrochen, jenes der Christlich-Sozialen liegt in Trümmern, da sie statt zu lieben hassen, aber man kann doch zumindest auf den schreienden Widerspruch Hinweisen, aus ihre Heuchelei, die nach Lessing das Kompliment des Lasters vor der Tugend ist. Sich jedoch bis zum Fanatismus religiös geberden, ohne es zugleich Wort haben zu wollen, das befindet sich jenseits von Dumm und Klug, das ist vierte Dimension. Auch ich betrackue den Stephansdom als empfindender Mensch, aber ad vocem, als m i t empfindender und mitfühlender; die Architektur, der gothische Stil lassen mich oft kalt, ich gestehe mein Kunstbanausentum offen ein. Was mich jedoch bei der Betrachtung des Bauwerks beschleicht, ist der bange Gedanke, wie viele hörige Landleute während dessen Herstellung frohnden, wie viele Inden ihrer Habe beraubt und über Pech und Stroh gebraten werden mußten, ehe das goldene Kreuz auf der Spitze sich erhob. Auch bei den Pyramiden drängt sich der Gedanke an die Hekatomben von Opfern, die iör Bau erforderte, mit unabweislicher Hartnäckigkeit aus. Wenn ich den Schweißgeruch der Bauern mit dem Aroma der Autodafes assoziiere, vermag auch der Weihrauchduft nicht und keine arabische Spezerei meine Geruchsnerven zit versöhnen. Der Schlußpasfns des Briefes hat das charakteristischeste Relief und lautet: Nicht wahr, meiite Liebe, jetzt steigt eine leise Ahnung in Ihnen auf. was dieses Wien eigentlich ist, was es zum Unterschied von vielen anderen Städten ist, in deutschen Landen aber am meisten zum Unterschied von Berlin! Und Sie verstehen, daß diese Stadt, die mau, weil sie ein bedachtsames Entwicklungstempo festhält, so vielfach rückständig schilt, nicht kurzerhand und leichtfertig ihr Altes über Bord werfen kann. Das würde für sie so viel bedeuten, als ihre eigene Seele morden. Und wenn Sie den Kampf, den Wien in unseren modernen Zeiten führt, den innersten, zähesten, gefahrvollsten Kampf, mit einem Wort zu umschreiben wagen wollen, so können Sie nur sagen: es ist ein Kampf um die Bewahrung seiner Seele. Wien will sich von diesen verschlingenden neuen Zeiten seine schöne alte Seele nicht rauben lassen, es will diese Seele behalten. Und das ist tapfer und. schön, von wo aus wir's auch betrachten mögen. Wien will Wien bleiben. Das ist die innerste Zielkraft in der Entwicklung ' dieser Stadt. Und nur von diesem Gesichtspunkt ans dürfen wir der Stadt näher treten, wenn wir uns jetzt anschicken, sie tiefer und vielseitiger aus uns wirken zu lassen. Franz Servaes." Da haben wirs klar! Wien will sich seine alte, schöne Seele nicht rauben lassen; es hat in der guten, alten, romantischen Zeit die Juden drangsaliert und möchte diese liebgewordene Gewohnheit nicht kurzerhand über Bord werfen, dies wäre Mord an der eigenen Seele, das Verschwinden dieser Tradition wäre Selbstmord und Seelenraub. Und was wäre Wien ohne feinen alten Steffel, ohne Antisemitismus, ohne Klerikalismus, ohne seine Wahrzeichen? Wiens Seelenadel — noblesse oblige — besteht darin, daß es ein bedachtsames Entwicklungstempo einhält und offenbar bemüht ist, es so zu retardieren, wie zur Zeit der Babenberger. Was doch dieser Kaiser Josef für ein ans der Art geschlagener Wiener gewesen und wenig berührt vom genius loci, als er die Juden von den gelben Abzeichen befreite und in überstürzten Reform'drange die kaiserlichen Gärten dem Plebs öffnete! Nun ja, dafür ist Kaiser Josefs, des edeln Menschenfreundes Lebenswerk auch so jäh und in schmählich unwienerisch ungemütlicher Weise znsammengebrochen. Nicht wahr, Herr Servaes, Kaiser Josef war kein guter Wiener, Sie aber sind es und Sie können seelenvergnügt das Lied anstimmen: Es gibt nur a Kaiserstadt Es gibt nur a Wien . . S. Vineta. Das Keken »ad Wirken der Inden in Oesterreich in normiirsiichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Forsetzung.) Durch diese löbliche, zweckentsprechende Anordnung war aber nur für die Bewohner Jerusalems gesorgt, während jene der Landgemeinden, die nicht ihre Kinder nach der Hauptstadt schicken konnten, um die Schule zu besuchen, dieser Wohltat entbehren mußten. Es wurden daher in jedem Bezirke Kinderlehrer angestellt; da aber auch diese Anordnung nicht allseitig befriedigen konnte, ordnete der Hohepriester Josna b. Gamla an, daß in jeder Stadt Volksschulen gegründet und tüchtige Jugendbildner angestellt werden. (Baba batra 21.)*) Einer besonderen Prosperität erfreuten sich die Kinderschulen gegen Ende des zweiten Staatslebens, wie auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Die hervorragendsten Lehrer Israels der damaligen Zeit waren von der Ueberzengung durchdrungen, daß das geistige, ideale Judentum, nachdem es seiner nationalen Selbständigkeit verlustig geworden, nur durch die Kenntnis der Thora unverwüstliche und unzerstörbare Lebenskraft erhalten kann. „Wenn ihr die Juden vernichten wollt," so soll der Weise Ennomos aus Gadra den Feinden Israels zugernfen haben, „so müßt ihr vor allem ihre Schulen zerstören, deim solange ihre Kinder in denselben in der Religion unterrichtet, mit den, Grundlehren, mit den herrlichen Vorschriften, den das Heil und Wohl der Gesamtmenschheit fördernden Satzungen, wie überhaupt mit der Ethik der Thora vertraut gemacht und für die höheren Ideale, ja für das wahrhaft Göttliche begeistert werden, ist keine Macht auf Erden imstande, sie zu erschüttern." (Midr. rabba., 1. M., Absch. 65.) Das größte Verdienst, das Rabbi Jochanan b. Sakkai sich um das Judentum erworben hatte, bestand darin, daß es ihm gelang, bei Vespasiau die Erlaubnis zu erwirken, in Jabue (Jamnia) eine Schule gründen zu dürfen. (Gittin. 56.) Wie R. Jochanan b. Sakkai, ebenso hatte ungefähr ein Jahrhundert später ein anderer berühmter Lehrer, namens R. Chia, sich um die Förderung des Jngendimterrichtes unsterbliche Verdienste erworben. Er errichtete Volksschulen und sprach: „Ich bin bestrebt, alles anszubieten, damit die Thora nicht in Vergessenheit gerate." (Jer. Meg. 15.) Ferner erzählt er: „Ich baue Flachs an, spinne Garn, drehe Seile, verfertige Netze und fange damit Hirsche, deren Fleisch ich armen Waisen schenke und aus deren Häuten ich Pergament anfertige, um hierauf die Lehre zu schreiben." Das heißt mit anderen Worten: er hatte keine Mühe und keine Opfer gescheut, so es galt, die Kenntnis der Thora zu verbreiten. Man nannte ihn in der Tat, gleich Esra, „den Wiederhersteller des Gesetzes". (Sncca 20.) Er stand auch bei dem Patriarchen ilt. Jehnda hanasi in großem Ansehen, der von ihm ausrief: „Aus der Ferne kam der Mann meines Rates." (Menach. 88.) Als R. Jehnda III. zum Patriarchen (Nasi) ernannt wurde, juar sein ganzes Streben dahin gerichtet, das Schulwesen, das damals sehr vernachlässigt war, zu heben, zu fördern und neu zu beleben. Drei berühmte Lehrer, R. Ami, R. *) Sein Zeitgenosse Josephus Flavins berichtet: „Bei uns muß jedes Kind lesen lernen, daher wird man kaum jüdische Knaben finden, denen das Lesen einer Schriftsprache fremd wäre, daher gibt es io viele arme jüdische Väter, die keine Opfer scheuen, so es gilt, ihren Kindern Unterricht erteilen zu lassen." (Apol. H, 25.)