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Die Wahrheit · 1908-06-12 · Heft 23 (12.6.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 5. Im Verlage von Klinkhardt & Biermann in Leipzig erscheint in diesen Tagen em kleines, hübsch illustriertes Buch über Wien, m dem Franz Servaes in vierzehn „Briefen an eine Freundin in Berlin" unsere Stadt zu schildern unternimmt. Wir veröffentlichen anbei das erste Kapitel. Diese Ueberschrift soll nicht etwa einen besonders hervorragenden Geist aus Wien, diese oder jene Seele Wiens bezeichnen, sondern die Seele Wiens kurzweg. Zwar haben schon viele, unter ihnen Schopenhauer, daraus hingewiesen, daß es eine der vielen deutschen Sprachsünden sei, den Genetiv wie die Franzosen mit de le. de la zu konstruieren, aber wenn man wie der Redakteur utld Kunstkritiker Servaes zum Generalstabe der Presse gehört, kann man sich ungestraft solchen Luxus erlauben und mit Kaiser Sigismund sagen: „Ego sum rex Romanus et supra grammaticam.“ Also Servaes hat entdeckt, daß Wien eine Seele besitzt; ich und andere Dutzendmenschen ahnten dies bis anhero nicfjt im geringsten, wir waren des guten und thörichten Glaubens, daß diese Kapitale eine respektable steinerne Wüste, durchzogen von übeldustenden Kloake:: darstelle und eingehüllr in eine Menge athembeklemmenden Staubes und Kehrichts. Nun vernehnien wir staunend die Mär, daß dieser irdische Körper (pulvis et umbra siunus) von einer Seele belebt sei. Doch warn::: nicht? Wenn F o ch n e r, der bedeutende Naturforscher und Mathematiker, jedem Himmelskörper und Planeten eine Seele znerkennt, wenn ein Gelehrter unserer Tage, France in jeder Pflanze ein empfindendes „Selbst" sieht: warum sich gegen die Erkenntnis verschließen, daß auch Wien die Behausung einer Seele sei, warum sollte sie übrigens Buxtehude und Schilda fehlen? Nichts hindert, diese Induktion zu verallgemeinern und jeden Stein, jedes Staubkorn, ja sogar jedes Aton: zu beseelen und die alten Griechen mit ihren Oreaden, Nymphen und Flnßgöttern zu übertrnmpsen und — man läugne, wenn nians kann — dies ist noch immer besser, als wenn wir mit den bösen Materialisten die Seele ganz und gar läugnen, sie zur bloßen Begleiterscheinung des Stoffes degradieren wollten. Der geehrte Leser sieht: ich stimme Servaes in allen - Punkten zu, oder entschuldige ihn wenigstens; ich gebe ohneweiters zu, daß es eine Wiener Seele gibt, und was noch mehr als dies: eine „Seele von Wien". Ich treibe niein Enlgegenkommen aus die äußerste Spitze und erkläre es sogar für irrelevant aus unsere weitere Untersuchung, ob Servaes von einer Seele nur in übertragenem Sinne spricht, oder in Wirklichkeit diese in der engen Blutgasse entdeckt zu haben vermeint, ähnlich dem Philosophen Cartesius, der als den Sitz der menschlichen Seele die kleine Zirbeldrüse bezeichnet hat. Ich hebe diese meine Verträglichkeit ausdrücklich hervor, damit man mich später für keinen Raufbold und Streithans halte, denn von da ab höre ich leider ans ein Jasager zu sein. Wenn Servaes die glühendsten Tinten auf seiner Palette vereinigt, die Schönheiten dieser Seele zu nialen, wenn er in feierlichstem Bardentone deren Schönheiten besingt, da kann ich zu meinem Bedauern nicht mit. Wer dieses Literaten begeisterte Schilderung liest und Wien nicht kennte, der läuft Gefahr, in eine, glücklicherweise nur seelische, unheilbare Liebe zu verfallen, und jeder, der schon etwas über Wiens psychische Defekte, seine moral insanity gehört hat, dürste reuig abbitten und aus einem Saulus zu einem Paulus, einem vertrauend Liebenden bekehrt werden. Nun, geehrter Herr Servaes. daß S i e das Lied vom braven Wien in hohen Tönen singen, ist ja menschlich, ist begreiflich! Als Reichsdeutscher sind Sie hierher gelangt, haben als „Arier" in einer als jüdisch-liberal verschrieenen Zeitung Brot und Würden gesunden, merkwürdigerweise bei jener papierenen Großmacht, von der die Antisemiten behaupten, sie wäre seit jeher und sei noch gegenwärtig an Oesterreichs Unglück schuld, und da denken Sie natürlich zum Trotz: ,<TJbi bene, ibi patria; warum sollte ich als gute Seele, als dankbare nicht das gute, milchende Wien loben und seine Seele obendrein?" Nun das ist freilich Ihr gutes Recht und jeder hätte seelenruhig dazu geschwiegen, ich hätte den Unwillen uiedergekämpst, daß der kleinen Seele des lieben Jchs eine erdrückende Stadtseele als Rivalin erstanden, wären in Ihrer Dithyrambe nur nicht viele falsche Töne vernehmbar, falsche Töne und falsche Schlüsse. Denn wenn Servaes findet, daß er alle Ursache hat, sich in Wien in seiner Haut wohl zu fühlen, beweist dies noch lange nicht, daß die Seele W:e::s keine scharfen Ecken und Kanten hätte, die die Haut normal Empfindender blutig ritzt; es erhell: nur bis zur Evidenz, daß besagter Servaes zu den Dickhäutern gehört und die Magensrage allen anderen Fragen nnterordnet. Was ist dies anderes als der Ausdruck der jetzt in Wien ans dem Throne sitzenden, znr unbeschränkten Herrschaft gelangten Anschauung? Der Antisemitismus betet den gefüllten, satten Magen als seinen Fetisch an, er ist nicht allein mit der Hant eines Krokodils versehen, er hat auch dessen Rachen, mit dem er jetzt die Universitäten bedroht, er weint auch dessen Tränen, wenn er über Iudeneinflnß klagt, mit einem Wort, der Antisemitismus ist das komplete Krokodil. Und Servaes? Nun er bewundert das prächtige Raubtier im stillen, und da ers nicht öffentlich füttern mag, so tut er dies aus umschriebene, rhetorische Weise. Wenn Leibuitz unsere Welt für die beste aller möglichen Welten erklärt, so Servaes Wien als die beste aller Slädie. Die Briese sind au eine Freundin ans dem „Reich" gerichtet, die bis jetzt mit Wien nicht sonderlich sympathlsierke, und bezwecken die Konvertierung der schonen Freundin zum allein seeliguiachenden Glauben an die schöne Seele unserer guten Stadt. Und er bringt es mit bestechend blendender Dialektik fertig, der Freundin weißzumachen, daß die Stadt, die so voll von Seelen niedrigster Gesinnung, eine schöne Kollektivseele habe. Wie schade, daß nicht der ganze Brief, sondern nur einige Teile zitiert werden können, die freilich auch genügend langatmig sind: „Natürlich gibt's in Wien eine moderne Oberschicht und einen oft sehr glänzenden neuen Lack , und Firniß. Und es gib: Sehenswürdigkeiten und Tanuamschlägerei und eine ansranschende Eleganz. Doch dieses alles' ist nicht das eigentliche Wien. Es hat zwar seine „besondere Note", aber nicht jenen intimen Seelenreiz, der dieser Stadt zu eigen ist. Die Seele der Stadt liegt anderswo. Im Uralten und abseits Verborgenen; im Gewinkel enger Gäßchen und draußen aus den Höhen des Kahlengebirges. D:e Seele dieser Stadt ist alt und schamhaft. Man muß sie suchen gehen, sie drängt sich einem nicht aus. Das in Wiens Schönheit und Verhängnis, seine stolze Bescheidenheit und sein stilles Weh." —-—-— — — — — — — „Doch ich fürchte, mit all den Worten, die ich mir da znsammensnche, Sie immer noch im Vagen und Unbestimmten zu lassen, liebste Freundin. Es gibt nun aber für das, was ich hier ausdrücken will, in Wien ein sinnlich wahrnehmbares Symbol, ein großes und von der ganzen Stadt schier schwärmerisch geliebtes. Wahrzeichen. Und das will ich Ihnen gleich nennen. Es ist nichts anderes als die Stephanskirche, diese im Herzpnnkt des städtischen Organismus und mitten in der wütendsten Geschäftsgegend ruhig und feierlich sich erhebende Kathedrale. Das ist, als ob plötzlich im tosenden Lärm der einander jagenden Interessen und Eitelkeiten ein geweihter Bezirk gezogen würde mit der unsichtbaren Aufschrift: „Bis yieher — und nicht weiter!" Ich sage das nicht etwa als gläubiger Christ — Sie wissen, mein Christentum ging längst in die Brüche — sondern als empfindender Mensch. Sozusagen als liebender Verehrer des die Welt der Sinnlichkeiten überspannenden Weltgeistes. Wie eine Mahnung zum Uebersiunlichen, zum Unvergänglichen und Ewigen ragt die Stephanskirche mitten in der Stadt, nicht etwa eine in Stein gefrorene Predigt, sondern ein zu allen Sinnen sprechendes herrliches Bauwerk — und darum doppelt mächtig, doppelt redegewaltig. Redewaltig in all seiner erhabenen Stummheit. Vernehmbar nur dem, der mit der innersten Seele lauscht. Und darum freilich für viele Tausende tagtäglich unvernehmbar. Doch was tnds? Einmal kommt wohl für jeden der Augenblick, da er diese Sprache plötzlich versteht. Und viele dnrchzuckt's, zitternd und heimltch. während sie verstört und geschästseisrig vorüberhasten. Vielleicht fliehen sie, weil gerade ihre Seele aus Niedriges gestellt ist, nur nm so eiliger davon, um dem unbequemen Eindruck sich zu entziehen. Aber ganz unerwartet klingrs später dann doch in ihnen nach, und vielleicht kommt für sie eine einsame Stunde, wo die Glocken in ihrem Innern plötzlich an. zu klingen heben und wo sie der Allgegenwart dieses stadtbeherrschenden Domes sich unter wunderlich erwachenden Kindi£.7r Tiir.^7 y«r -•.^v

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